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Zur Hölle mit den Fakten: Die couragierte Antwort des G+J-Sprechers auf den Preis, den keiner will

Fast immer gilt: Mut wird belohnt. Jüngstes Beispiel die Verleihung des Hölle-Preises der Freischreiber. Mit dem neuen G+J-Sprecher Frank Thomsen holte zum ersten Mal einer der "Gewinner" der Negativ-Auszeichnung den Preis persönlich ab. Statt einer Verteidigungsrede ging der ehemalige stern-Journalist gleich in die Offensive und rechnete dem Interessensverband vor, dass sie sich den falschen Preisträger ausgesucht hätten.

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Den Grund für die Negativ-Nominierung erklären die Freischreiber auf ihrer Webseite: “Wie wenig Wertschätzung Gruner tatsächlich seinen Freien entgegenbringt, kann man etwa bei der Zahlungsmoral des Verlages sehen. Schon seit Jahren zahlt der Verlag nur selten innerhalb der üblichen Zahlungsfristen, sondern oft erst nach Wochen. Manchmal kann sich das Begleichen der Rechnung auch über mehrere Monate hinziehen. Beim Verlag erhält man auf Nachfrage die Auskunft, die ausgelagerte Buchhaltung sei überfordert. Solche Auskünfte lassen Schlimmes ahnen für die künftige Zusammenarbeit mit dem House of Content.”

Der Thomsen-Konter zu den Vorwürfen hört sich allerdings ganz anders an. „Liebe Freischreiber, jetzt müssen Sie tapfer sein. Denn ich habe das getan, was Sie versäumt haben: Ich habe recherchiert!“, sagte er in seiner Rede bei der Preisverleihung am vergangenen Freitag in Hamburg. „G+J hat im vergangenen Jahr einige zehntausend Honorare ausbezahlt. Weltweit. An einige tausend Menschen. Redakteure, Reporter, Grafiker, Fotografen und und und. Mir liegen die exakten Zahlen vor. Von diesen Rechnungen sind 80 Prozent innerhalb von zwei Wochen, 99 Prozent innerhalb von vier Wochen bezahlt worden. Sieht so schlechte Zahlungsmoral aus?“

Die Anklage der Freischreiber soll auf den Aussagen von zwei freien Journalisten gefußt haben. „Der eine von Ihnen hat im vergangenen Jahr 16 Prozent seiner Rechnungen erst nach 2 Monaten bezahlt bekommen. Das ist zu viel! Das Haus G+J entschuldigt sich in aller Form bei Ihnen!“, sagte Thomsen bei der Himmel-Hölle-Gala.  „Beim anderen Zeugen der Anklage ist 2013 keine einzige Rechnung zu spät bezahlt worden. Und 2014 auch nicht. 2014 liegt das allerdings auch daran, dass dieser Zeuge der Anklage überhaupt gar nicht für G+J gearbeitet hat.“

Das überzeugende Plädoyer des Angeklagten kommt zu dem Schluss, dass die Freischreiber halt einmal im Jahr „ein bisschen Greenpeace“ spielen. Doch:  „G+J ist kein Umweltverschmutzer. G+J tötet keine Wale. Sie haben sich die Falschen ausgesucht.“ Tatsächlich setzt Thomsen bei seinem Auftritt nicht kompromisslos auf Konfrontation, sondern unterbreitet den Interessenvertretern auch ein konkretes Gesprächsangebot.

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Pikant: Das Gruner + Jahr-Magazin Eltern war für den Himmel-Preis nominiert. Unter anderem dafür, dass die Honorare zeitnah bezahlt werden. Letztendlich gewann allerdings das schweizer Magazin Reportagen die Auszeichnung.

Mit seinem Auftritt gelang Thomsen ein kleiner und couragierter PR-Stunt. Negativ-Preise haben oft den Vorteil, dass die Preisträger die Konfrontation scheuen und sie deshalb erst gar nicht persönlich entgegennehmen. Diesen Gefallen tat der neue Verlagssprecher, der gerade erst aus der stern-Redaktion auf den Kommunikationsposten wechselte, nicht.

Auf MEEDIA-Nachfrage sagt Thomsen, er habe mit der Entgegennahme des Hölle-Preises zum einen ein Zeichen setzen wollen, „dass wir nicht alles einfach so hinnehmen“, zum anderen aber auch „ein Angebot an die Kritiker zum Dialog“ machen wollen.

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Alle Kommentare

  1. Lieber Herr Becker, als Jurymitglied möchte ich ein paar Anmerkungen zu Ihrer Lobeshymne auf Frank Thomsen machen: Es war ein Gebot der Fairness, dass die Freischreiber Herrn Thomsen das Recht auf Replik eingeräumt und auf eine Duplik verzichtet haben. Daraus lässt sich freilich nicht ableiten, dass der Hölle-Preis für G+J nicht gerechtfertigt sei. Herr Thomsen ist der PR-Chef von G+J, er sprach in eigener Sache und im Interesse von G+J. Woher wissen Sie, dass seine Angaben alle zutreffend sind? Auf der einen Seite gibt es die (belegten) Beschwerden verschiedener Mitarbeiter (mehr als nur die zwei von Herrn Thomsen genannten) – und auf der andern Seite steht das Dementi des Pressesprechers. Was also hat Sie als Berichterstatter veranlasst, die Sicht von G+J „überzeugend“ zu finden? Zudem stützte sich die Entscheidung der Jury auch auf Beschwerden mehrerer Mitarbeiter, dass G+J über deren Köpfe hinweg deren Berichte weiterverwertet habe, ein Malus, den Herr Thomsen nicht dementiert hat. Aber dies müssten Sie als Berichterstatter doch auch mitbekommen haben.
    Beste Grüße Michael Haller

    1. Interessant, was Herr Haller sagt.
      Nun müsste Meedia eigentlich loslegen und recherchieren.
      Bin gespannt, ob Ihr die Chance ergreift mehr zu machen als nur Netz-Newsservice!

  2. Die Entscheidung der Freischreiber-Jury (wer ist das eigentlich?), den Hölle-Preis an G+J zu vergeben, bleibt unverständlich. Zumal mit Zeit Onlines Chefredakteur Jochen Wegner jemand nominiert war, der ihn wirklich verdient hatte. Wegner hatte einen verdienten freien Journalisten per Twitter gefeuert.

    Ich vermute, dass die Freischreiber Die Zeit schonen wollten, weil die kürzlich deren „Code of Fairness“ unterschrieben hatte.

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