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„Becoming Steve Jobs“: So lesenswert ist die neue Biografie über den Apple-Gründer

„Becoming Steve Jobs“
"Becoming Steve Jobs"

Seit vergangener Woche ist die mit großer Spannung erwartete neue Biografie über den langjährigen Apple-Chef im Buchhandel und online erhältlich: „Becoming Steve Jobs“ vom Autoren-Duo Brent Schlender und Rick Tetzeli schickt sich an, die Legende vom malignen Genius zum Menschenfreund umzuerzählen.

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Zufälle gibt es bei Apple bekanntlich nicht. Wer einen Zweifel daran hatte, ob die PR-Maschinerie des mit Abstand wertvollsten Konzerns aller Zeiten auch nach dem Ausscheiden der obersten Spin-Doktorin Katie Cotton weiter schnurrt, wurde in den vergangenen Monaten eines Besseren belehrt.

Es gibt kein anderes Unternehmen der Welt, das die Orchestrierung seiner Botschaften mehr perfektioniert hat als Apple. Praktisch jede Woche füttert die Kommunikationsabteilung aus Cupertino die Techpresse rund um die Welt mit einem exklusiven Häppchen aus „gut unterrichteten Kreisen“, die dann natürlich doch nie aufgelöst werden.

Unternehmensheiligtum Steve Jobs: Korrekturbedarf an der jüngeren Vergangenheit 

Apples CEO Tim Cook, der in seinem vierten Amtsjahr für alle Welt sichtbar Gefallen an seiner Rolle als großer Kommunikator gefunden hat, geht spürbar in die Offensive und gewährt Interview nach Interview, lässt mal hier einen Satz im Apple Store fallen und absolviert mal dort ein Überraschungsinterview mit Wall Street-Ikone James Cramer, bevor dann wieder die nächsten Enthüllungen und Bekenntnisse in der jüngsten Titelstory des Fortune Magazines folgten.

So sehr Apple den Handlungsstrang über Gegenwart und die Zukunft kontrolliert, so sehr scheint noch Korrekturbedarf an der jüngeren Vergangenheit vorzunehmen zu sein – zumindest aus Sicht der Apple-Vordenker. Unternehmensheiligtum Steve Jobs erstrahlt aus Sicht des Apple-Managements nämlich nicht im rechten Licht.

Apple-Management entgeistert über Walter Isaacsons Jobs-Biografie

„Meine Meinung könnte schlechter nicht ausfallen“, zog Designchef Jony Ive ungewohnt barsch im großen Porträt in „The New Yorker“ vor Wochen über die Steve Jobs-Biografie von Walter Isaacson her. Millionenfach hat sich das wenige Wochen nach Jobs‘ Tod im Oktober 2011 erschienene Werk bis heute verkauft, das auch dem kommenden Hollywood-Film von Universal Pictures zugrunde liegt.

Doch Ungenauigkeiten und Isaacsons mangelndes Verständnis der Tech-Industrie wurden ebenso immer wieder bemängelt wie die persönliche Darstellung des Apple-Gründers. „Das Buch hat ihm einen enormen Schaden zugefügt“, machte auch Apple-Chef Tim Cook vor  wenigen Tagen noch einmal aus seiner Ablehnung des Bestsellers keinen Hehl.

„Es war eine Abhandlung aus wenigen Episoden, die bereits über ihn geschrieben worden waren, die sich auf einen kleinen Teil seiner Persönlichkeit bezogen. Man bekam das Gefühl, dass Steve ein gieriger, selbstsüchtiger Egomane sei“ erklärte Cooke entgeistert.

„Becoming Steve Jobs“: „Essenzielle Referenz in den kommenden Jahrzehnten“

Apple-Blogger John Gruber („Daring Firewall“), der seine Kritik schon kurz nach Veröffentlichung äußerte, glaubt nun, „das Steve Jobs-Buch“ gefunden zu haben, „das die Welt verdient“. „Becoming Steve Jobs“ heißt die neue Biografie über den Apple Gründer, die von den Reporter-Veteranen Brent Schlender (früher Wall Street Journal und Time Magazine) und Rick Tetzeli (Time Magazine und Fast Company) in den vergangenen zweieinhalb Jahren geschrieben wurde und seit der letzten Woche im Buchhandel erhältlich ist.

Zu „einer essenziellen Referenz in den kommenden Jahrzehnten“ soll das 464 Seiten starke Machwerk, das einige „sensationelle Storys“ zu erzählen habe, nach Meinung Grubers werden. Dass die neue Jobs-Biografie bei den Apple-Bossen gut ankommt, kann ebenso wenig eine Überraschung sein wie der Veröffentlichungszeitpunkt wenige Wochen vor dem wichtigsten Produktlaunch seit fünf Jahren.

Geschichte des Visionärs und Gutmenschen Jobs: Deutungshoheit über die Legende zurückgewinnen

Keine Frage: „Becoming Steve Jobs“ ist der Gegenentwurf, der die Deutungshoheit über die Legende Jobs in Richtung des Visionärs und sogar Gutmenschen lenken soll. Brent Schlender war über ein Vierteljahrhundert mit Jobs befreundet – „soweit das zwischen Journalist und Unternehmenschef möglich war“, erklärt der 58-Jährige im Vorwort.

Was lernt der Leser nun Neues über den Mythos Jobs? Im Vorfeld waren in den vergangenen Tagen bereits einige Enthüllungen in sorgsam gestreuten Auszügen zu erfahren. Etwa: Dass Tim Cook seinem schwer kranken Mentor Anfang 2009 anbot, einen Teil seiner Leber zu spenden: „Steve, ich bin absolut gesund. (…) Ich gehe kein Risiko ein“, erklärt Tim Cook in der Biografie den dramatischen Moment. Doch Jobs lehnte bekanntlich ab:  „Nein, das lasse ich Dich nicht machen.“

Nicht weniger aufsehenerregend: Jobs verriet dem damaligen Disney-Chef Bob Iger, der zu einem der engsten Vertrauten des Tech-Visionärs werden sollten, 30 Minuten vor der Übernahme von Pixar von seiner schweren Erkrankung. „Der Krebs ist zurück.“  „Warum erzählst Du mir das“, fragte Iger. „Ich wollte Dir eine Chance geben, vom Deal zurückzutreten“, erklärte Jobs. Iger trat bekanntlich nicht zurück – und Disney übernahm Pixar im Januar 2006 für 7,4 Milliarden Dollar.

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Herzstück der Biografie:  Die Zeit in der Wildnis zwischen den Jahren bei Apple  

Das Herzstück der 464 Seiten starken Biografie, die bislang nur auf Englisch erschienen ist, liegt indes in der am wenigsten beachteten Periode in der überlebensgroßen Karriere des Apple-Gründers und langjährigen CEOs: Jobs sogenannte „Wilderness Years“, die Zeit in der Wildnis nach Jobs‘ Entlassung bei Apple 1985 bis zu seiner Rückkehr zur Silicon Valley-Ikone 1997.

Die Akzentuierung ist kein Zufall. „The Evolution of a reckless Upstart into a visionary Leader“ lautete schließlich der Untertitel der Biografie: „Die Evolution eines rücksichtslosen Emporkömmlings in eine visionäre Führungspersönlichkeit“.

In den zwölf Jahren zwischen seinem ersten und zweiten Apple-Engagement vollzog sich die Wandlung, die die Grundlage für seinen späteren Erfolg im letzten Karrieredrittel bildete: Jobs heiratete, gründete eine Familie, fand seine neue, wenn auch zunächst nicht wirklich erfolgversprechende, neue Perspektive in Form der Gründung von NeXT und der Übernahme von Pixar.

„The Lost Steve Jobs Tapes“: Ausgangspunkt der Biografie in einem „Fast Company“-Artikel

Es war gleichzeitig die Dekade, in der sich der langjährige Wall Street Journal-Reporter Brent Schlender und Jobs am nächsten waren – nicht zuletzt, weil Jobs Schlender in der Phase seines beruflichen Neustarts am meisten brauchte.

Bereits vor drei Jahren hatte Schlender in den „Lost Steve Jobs Tapes“ Lesern des US-Wirtschaftsmagazins „Fast Company“ Einblicke in Jobs‘ Gedankenwelt der 90er-Jahre gegeben, in denen das mitunter cholerische Tech-Genie etwa bekannte: „Ich mag Fernsehen nicht. Apple wird nie einen entwickeln.“ Die „Lost Tapes“ sollten dann auch die Ausgangsbasis für die Arbeit an der neuen Steve Jobs-Biografie bilden.

Dünne Einblicke in letzte Jahre

Apple-Fans, die die Entwicklung des Kultkonzerns aus Cupertino erst in der jüngeren Vergangenheit verfolgen, dürften von „Becoming Steve Jobs“ enttäuscht sein. Ganze 50 der 464 Seiten widmen Schlender/Tetzeli dem größten Teil der enormen Erfolgsgeschichte des iKonzerns seit dem Debüt des iPhones 2007 – jenen letzten fünf Jahre im Leben des Apple-Chefs, die gleichzeitig für viele Apple-Fans die interessantesten sein dürften.

Wir lernen etwa, dass Tim Cook Steve Jobs‘ Büro bis heute unangetastet ließ und sogar erwägt, es mit in den neuen Campus zu integrieren, dass Cook wie Pixar-Regisseur John Lasseter weiterhin Jobs‘ Nummer in ihren iPhones abgespeichert hat und wenige Tage vor Jobs‘ Tod zusammen mit seinem Mentor den Football-Film „Remember the Titans“ sah (obwohl Jobs sich nie etwas aus Sport machte), bevor seine Gesundheit über das Wochenende kollabierte und der Apple-Gründer vier Tage später verstarb.

Blick zurück in Reue

In einem sentimentalen Moment blickt Schlender auf seine eigene verpasste Chance auf einen Abschied mit Jobs zurück: Der ein Jahr ältere Journalist war angefressen, dass Jobs ihm in den letzten Jahren kein Exklusivinterview mehr gewährte und der letzte journalistische Scoop, ein anberaumter Legenden-Roundtable mit Bill Gates, Michael Dell und Intel-Gründer Andy Grove fürs Fortune Magazine im letzten Moment an Jobs‘ Gesundheit scheiterte.

Vor allem aber dürfte es daran gelegen haben, dass Jobs nicht seinem Freund, sondern dem renommierten Kollegen Walter Isaacson den Ritterschlag der autorisierten Biografie und damit verbunden 40 Stunden Exklusivinterviews gewährte – mit bekanntem Ausgang. Im letzten Telefonat wenige Monate vor dem Tod entschuldigte sich Jobs bei seinem Weggefährten über die zunehmende Entfremdung in der ein Vierteljahrhundert währenden Freundschaft.

„Becoming Steve Jobs“ ist damit nicht zwangsläufig die bessere, weil vermeintlich intimere Biografie als Isaacsons Bestseller – sie ist ein Korrektiv und eine Ergänzung zugleich, die Apple-Fans, aber auch Tech-Aficionados nicht missen möchten.

 „Becoming Steve Jobs“ ist bei Random House in englischer Sprache erschienen und seit dem 24. März im Buchhandel erhältlich. 

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Alle Kommentare

  1. Ich habe mir die Biografie als Hörbuch angehört und bekam so einen tieferen Einblick.
    Es ist schon interessant wozu ein Mensch in der Lage ist wenn er es wirklich will.

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