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Spiegel Online-„Regierungserklärung“: Gründlichkeit schlägt Schnelligkeit

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Der neue Spiegel Online-Chefredakteur Florian Harms wandelt auf den Spuren von Verlagsgründer Rudolf Augstein. In seinem Manifest "Guter Journalismus macht keine Kompromisse" will er offenkundig zum Neustart des Hamburger Nachrichtenportals "sagen, was ist". Allein: seine "Regierungserklärung" tappt ausgerechnet in die "tl;dr"-Falle – sie ist zu lang, um im Detail gelesen zu werden. 


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Das Experiment läuft seit einigen Monaten: „Der schnelle Überblick“ nennt Spiegel Online die Kurzzusammenfassung zu Beginn eines Artikel nach Aufzählungspunkten. Es ist ein spätes Eingeständnis der Hamburger, dass sich die Lesegewohnheiten in der iPhone-Ära doch inzwischen weit von den langen Lesestrecken des Magazinjournalismus entfernt haben, zu denen man sich noch einen Kaffee brühen konnte.

„tl;dr“ nennen die Digital Natives das Phänomen, dem der Online-Journalismus unserer Tage Rechnung tragen muss: „too long, didn’t read“ – daher die Kurzzusammenfassung, wir haben ja schließlich nicht ewig Zeit.

Absage an Breaking News-Journalismus: „Schnelligkeit ist für sich allein genommen inzwischen kein Mehrwert mehr“

In diesem Sinne outet sich der neue Spiegel Online-Chefredakteur Florian Harms mit seinem Beitrag im Spiegel-Blog „Guter Journalismus macht keine Kompromisse“ als Mann der alten Schule in den neuen Medien. Seine „Regierungserklärung“ – so muss man das Essay zum Neustart von Spiegel Online wohl verstehen – ist 2145 Wörter lang und kommt ohne Kurzzusammenfassung daher, obwohl sich die Essenz durchaus auch in einem  “schnellen Überblick“ zusammenfassen ließe.

Wir lernen in den ersten 1300 Wörtern, die etwa drei DIN A4-Seiten füllen: Harms will das Qualitätsbewusstsein schärfen – und Spiegel Online von der Schnelligkeits-Seuche der Social Media-Ära („Erster, Erster!“) befreien.“Schnelligkeit ist für sich allein genommen inzwischen kein Mehrwert mehr. Schnelle Informationen finden Sie heute im Internet überall, leider allzu oft eher halbrichtig als wirklich stimmig – oder sogar ganz falsch. Das ist nicht unser Weg“, macht Harms klar.

„Für uns gilt der alte, aber zeitlose journalistische Lehrsatz „Be first but first be right.““

Der 41-Jährige erinnert an die journalistische Sorgfaltspflicht, die im Breaking News-Zeitalter zunehmend verloren zu gehen droht: „Journalismus besteht zu einem sehr großen Teil aus Recherche. (…) Wir treiben großen Aufwand, um sicherzustellen, dass die Fakten in unseren Artikeln wirklich stimmen.“

Ergo: „Es ist uns wichtiger, dass eine Information wirklich stimmt, als dass sie möglichst schnell in der Welt – aber dann vielleicht falsch oder teilweise falsch – ist“, schreibt der Spiegel Online-Chefredakteur. „Für uns gilt der alte, aber zeitlose journalistische Lehrsatz ‚Be first but first be right‘.“

Über weite Strecken ein defensives Manifest
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Das klingt nach einem ehrbaren Ansatz, der sich jedoch im harten Newsalltag auch in Visits und Unique Visitors bezahlt machen muss – Traffic ist schließlich die einzige Währung, mit der die 150-köpfige Redaktion am Ende des Tages bezahlt werden kann.

Dass der einstige Spitzenreiter unter den Newsportalen inzwischen nicht nur deutlich hinter Bild.de, sondern nun sogar schon hinter die Klickoptimierer von Focus Online auf Platz drei zurückgefallen ist, wird an der Ericusspitze keinem gefallen.

Entsprechend ist Harms’ Manifest, das sich über weite Strecken recht defensiv liest, auch als Loslösung von der Traffic-Fixierung der Nachrichtenportale  zu verstehen – ganz nach dem Apple-Mantra: Es ist nicht unser Anspruch, das Meiste zu produzieren, sondern das Beste.

Neue Ziele: Mehr Analysen und Meinung…

Mehr Aufbruchsstimmung versprüht das eigentlich interessantere Schlussdrittel, in dem Harms – ähnlich wie zuletzt im Interview mit dem Hamburger Abendblatt – aus einer Position der Stärke vier große Ziele formuliert.

Es gehe darum, das publizistische Profil zu schärfen, was mit noch mehr analytischen Stücken, mehr Kommentaren und Debattenbeiträgen zu aktuellen Themen, mehr Datenjournalismus, Fakten-Checks und multimedialen Kompositionen (inklusive größeren Storytelling-Projekten) und noch mehr Inhalten von Spiegel TV gelingen soll.

mehr Experimente mit neuen Formen und Formaten 

Die Verzahnung mit Print- und TV-Kollegen auszubauen und in neue digitale Inhalte zu übersetzen, formulierte Harms als zweites Ziel. Das dritte: noch mehr mit Formen und Formaten zu experimentieren – gerade in Hinblick auf die mobile Nutzung. Und schließlich soll der Dialog mit dem Leser als viertes Ziel intensiviert werden.

Wie bei Regierungserklärungen üblich, sind die Vorhaben so ambitioniert wie vage formuliert. Am Ende wird sich aber auch der neue Chefredakteur Florian Harms bei aller publizistischen Programmatik an einer altbekannten Währung messen lassen: der schnöden Traffic-Entwicklung.

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Alle Kommentare

  1. Einen Tag nach der Eigendarstellung auf SPON ging mit den ersten Meldungen über den absichtlichen Sinkflug das Online-Geseiere, was im og Artikel der Vergangenheit angehören sollte, wieder los. Offenbar lernen SPON etc und vor allem 90 Prozent der Printschaffenden erst dann, was sie falsch machen, wenn sie für die Obdachlosenzeitung schreiben.

  2. Aha. 667 Wörter, lieber Herr Jacobsen. Ich finde da ihre Kritik etwas „tl;dr“. Wo war Ihre Kurzfassung abgeblieben? 😉 Glashaus. Ganz klarer Glashaus-Fall…

  3. Heute im Spon
    „Manager, Gesellschafter, Vorstandsvorsitzende: Deutschlands Bosse fühlen sich politisch heimatlos

    Bemerkenswert und alarmierend ist die an Schärfe kaum zu überbietende Klage des Gros der deutschen Unternehmer über die Medien im Land. Bitterkeit über die „skandalisierende“ und „pauschalisierende“ Berichterstattung – den „Hetzjagden“ – in den Medien bilden somit kein Spezifikum verängstigter und populistisch aufgewiegelter „Wutbürger“ in von Abstiegsängsten geschüttelten Mittelschichten (des ostsächsischen Raums), sondern sind ebenso unter den wirtschaftlichen Eliten Deutschlands verbreitet. Bemerkenswert ist, dass etliche Unternehmer ganz den Glauben an einen Qualitätsjournalismus verloren haben. Kaum einer der befragten Unternehmer bezog privat eine überregionale Tageszeitung per Abo. Unternehmer bedienen sich des Internets für Informationen, nehmen auf Flugreisen als Lektüre, was ihnen die Stewardess zusteckt, beziehen in Teilen zu Hause noch das regionale Blatt. Doch ein Leitmedium kennen sie nicht (mehr).“

    Da hat ja der Herr Harms noch viel vor sich.

  4. Habe es gelesen, Wort, für Wort.

    Als Basis eines „Spon-Resets“ stellt der Chefredakteur unser Europa hervor. Es interessiert nicht, wie dünn es legitimiert ist. Damit wäre bereits die Fortsetzung einer sich vollziehenden Gleichschaltung der Öffentlichkeit festgeschrieben. Er erwähnt eine neue Ost-West-Konfrontation, in die man „geschlittert“ sei. Diese Wortwahl läßt nicht auf ergebnisoffene journalistische Aufarbeit hoffen. Gewaltexzesse von Terroristen- Ressentiments gegen Muslime: das dürfte allenfalls die Hälfte der Wahrheit sein. Die Gefährdung unserer Werte- und Wohlstandsgemeinschaft, die Schuldenkrise, die Klimakrise. Das alles nimmt er offenbar als in der Weise gegeben hin, wie es bisher kolportiert wird, stellt die dazu bereits etablierten Sichtweisen als Ausgangsbasis seiner zukünftigen Medienbetätigung vor. Da bleibt wenig Hoffnung.

    Nicht erwähnt wird u.a. die gleichschaltende Gender-Ideologie, und von einer Demokratie- Krise mag er erst garnicht sprechen. Welche womöglich mit der Medien-Krise verwoben ist.

    Der Berg ist womöglich höher, als unsere Medienschaffenden meinen. Höher, als zumindest in dieser ersten Bestandsaufnahme kenntlich gemacht wurde. Damit wird er keinen Hund hinter dem Ofen hervorlocken.

    Tatsache ist, daß Demokratie auf die wirtschaftliche, als auch geistige Unabhängigkeit von Medien angewiesen ist, die in ihrer nicht mehr erduldeten Vielfalt deswegen das gesamte Spektrum abdecken sollten. Sind wir in einer erzwungenen Konsensfalle gelandet, an der die Medien mitschuldig wurden ?
    Wie konnte dies geschehen?

    Damit sollte man anfangen. Dazu muß man aber erst einmal die Frage zulassen.

    Eine Gleichschaltung der Öffentlichkeit erfolgt heute nicht mehr durch offene Drohungen. Obwohl Recht bereits wieder zur Einschüchterung eingesetzt wird.

    Die Gleichschaltung kann heute direkt an der Stelle erfolgen, wo sie wirksam werden soll: in den Gehirnen der Menschen.

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