Presserat mahnt Medien im Zusammenhang mit #4U9525 zur Zurückhaltung

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Publishing Nur einen Tag nach dem schrecklichen Absturz der Germanwings-Maschine 4U9525 sind beim Deutschen Presserat mehrere Beschwerden zur Berichterstattung der Medien zu dem Fall eingegangen. Der Presserat mahnt an, dass Opferschutz Vorrang habe vor sensationsheischender Berichterstattung. Die Identität der Verstorbenen trage nicht zur Aufklärung des Unglücks bei.

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„Das öffentliche Interesse an dem Geschehen, seinen Folgen und seinen Ursachen ist groß“, sagt die Vorsitzende des Beschwerdeausschusses 2 des Presserats, Katrin Saft. „Die Medien müssen selbstverständlich darüber informieren. Der Opferschutz hat jedoch Vorrang.“ Opfer von Unglücksfällen haben gemäß Richtlinie 8.1 des Pressekodex einen Anspruch auf besonderen Schutz ihrer Identität. Für das Verständnis des Unfalls ist die Identität der Opfer in den meisten Fällen unerheblich.

Die zufälligen Opfer eines Unglücks werden zudem nicht automatisch zu Personen von zeitgeschichtlicher Bedeutung, was deren Persönlichkeitsrechte einschränken würde. Auch die Angehörigen der Opfer haben ein Recht auf Privatsphäre, erinnert der Presserat an eine eigentliche Selbstverständlichkeit, die immer wieder missachtet wird.

Richtlinie 11.3 des Pressekodex besagt zudem, dass die Berichterstattung über Unglücksfälle und Katastrophen ihre Grenze im Respekt vor dem Leid von Opfern und den Gefühlen von Angehörigen findet. Die vom Unglück Betroffenen dürfen grundsätzlich durch die Darstellung nicht ein zweites Mal zu Opfern werden.

Der Presserat hat in seiner Spruchpraxis die nicht von Betroffenen oder Hinterbliebenen genehmigte Veröffentlichung von Opferfotos regelmäßig beanstandet. Auch der Deutsche Journalistenverband (DJV) hat dazu aufgerufen, dass Journalisten vor dem Leid der Angehörigen Respekt haben sollten. Der DJV-Bundesvorsitzender Michael Konken sagte: „Der Schmerz und die Trauer der Angehörigen von Absturzopfern sind unermesslich. Es verbietet sich für Journalisten, die Trauernden zu bedrängen.“

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Alle Kommentare

  1. Naja, um mal eine Lanze für die Presse zu brechen. Warum müssen sämtliche Vollpfosten der deutschen Politikszene da unten mit dem Hubi drüber fliegen?
    Die ziehen doch durch solche Aktionen die Claqueure mit ran. Dobrindt hier, Mutti da… Und immer schön von der besten Seite knipsen.

    1. Da kann man keine Lanze brechen. Nur weil auch Andere was falsch machen, ist das Verhalten der Presse nicht automatisch richtig.
      Gegen die Teils aufdringlichen Reporter haben doch die einzelnen Betroffenen gar keine Chance. Völlig richtig, dass der Presserat hier einschreitet. Geht mir sogar noch nicht weit genug, passiert ja nicht zum ersten Mal.
      Bilder der Betroffenen oder deren Angehöriger haben ungefragt nichts in der Zeitung zu suchen, Punkt. Kein aber.

  2. Selbstverständlich gilt es die Opfer zu schützen. Dass die Identitäten der Opfer jedoch generell nicht zur Aufklärung beitragen könnten, darf bei aller Trauer aber so auch nicht stehenbleiben.
    Ich selber hoffe, dass es ein technisches Problem war. Dieses kann man dann hoffentlich für die Zukunft beheben. Aber wenn eines oder mehrere Opfer Ziel eines Anschlages gewesen sein könnten, muss auch in diese Richtung aufgeklärt werden. Und in einer Demokratie muss auch diese Info erlaubt sein.
    Dass die Angehörigen der Opfer aktuell (auch) ganz andere Sorgen haben, ist verständlich und soll im Rahmen des Möglichen beachtet werden. Jedoch hat – mit allem Respekt – auch der Rest der Bevölkerung ein Recht auf Aufklärung und Information.

    1. „…auch der Rest der Bevölkerung [hat] ein Recht auf Aufklärung und Information.“
      Wozu? Damit das „es tut mir ja so leid“ direkt vor den Wohnungen der Hinterbliebenen stattfinden kann, statt nur in den „sozialen“ Medien?

      Niemand der nicht unmittelbar betroffen ist hat ein RECHT die Identität der Opfer zu erfahren.

    2. Die wenigsten Presseorgane stellen Budgets für tatsächliche Aufklärungsrecherchen bereit – da sie aber aus rechnerischen Gründen Inhalte liefern müssen, publizieren sie Einzelbilder der Verunglückten und schicken ihre sogenannten Journalisten vor die Türen der Nachbarn und Familienangehörigen … (Da bin ich froh, dass ich frei arbeite und aus Gehaltsgründen mich nicht gezwungen fühle einem solchen Auftrag Folge zu leisten) Die veröffentlichten Identitäten gehören aber aus meiner journ. Sicht in keiner Weise nicht zur Aufklärung oder notwendigen Berichterstattung. Insofern gilt es immer wieder zu unterscheiden: Presseerzeugnisse ≠ von Journalismus geprägte Presseerzeugnisse.

  3. Die Sensationsgier der Medien ist unverschämt Pietätlos! Kann mir nicht vorstellen daß ein Sensationsreporter oder Pressechef auf diese Art und Weise Bericht erstatten würde wenn ihre eigenen Familienangehörigen in diesem Flugzeug gewesen wären.Aufklärung ja,aber erst bis die Angehörigen,Freunde,Abschied genommen haben! Es kann uns alle treffen,aber scheinbar ist es vielen Reportern gar nicht bewußt!

  4. ich kann nicht glauben, dass jemand die presse hier ERNSTHAFT verteidigt.

    schuldige…aber WOZU haben die unbeteiligten und nicht-angehörige ein RECHT? ….wie bitte?

    widerlich….

    habt ihr ALLE eure skrupel, euer gewissen und euer gefühl für empathie und ästhetik abgegeben????

    pfui!

  5. Ich bin erstaunt, dass der Wortlaut des Presserates hier wortgetreu übernommen werden darf.

    Inhaltlich schließe ich mich den Beschwerden gegen die Berichterstattung an. DIE ZEIT hat dies auf die Spitze getrieben, in dem sie auf der Titelseite statt der Opfer und ihren Angehörigen und Freunden empathielos „den Absturz des Mythos Lufthansa“ verkündet und damit das Unternehmen und nicht die Betroffenen in den Blickwinkel zieht.

    Marion Baum
    Alpen-Gorillas

  6. Vor Jahren stand ich eine Stunde auf meinem Balkon und wusste nicht, ob die Feuerwehr mich da noch lebend runterholen würde…4. Stock Altbau, Holztreppenhaus, Gasleitungen und in der Etage unter mit tobte das Flammeninferno… aus Opferschutzgründen habe ich NIE die Brandursache erfahren. Ich wüsste sie bis heute gerne, um richtig abschließen zu können. Psychologische Betreuung danach? Fehlanzeige… 5 Opfer sind wohl zu wenig, damit um Mitternacht jemand „ausrückt“. ABER: auf der Straße mindestens 3 Kameras, die voll auf uns gehalten haben….tolles Gefühl, zu wissen, auch wenn wir verbrannt wären, wär draufgehalten worden. Als der Leiterwagen uns dann endlich rausgeholt hatte (kam wegen Straßenbahnoberleitungen, die ausgeschaltet werden mussten, nicht zu uns hoch) stürmte die Presse auf uns zu…. wir haben nur den Stinkefinger gezeigt und „verpisst euch“ geschrien…schwarz vor Ruß. Hustend, weil wir die Scheisse so lange eingeatmet hatten….viel Luft bekommt frau da auch auf dem Balkon nicht mehr….
    Am nächsten Tag standen dann Bild etc. Schlange vor unseren num unbewohnbaren Wohnungen und wir bekamen Sprüche zu hören wie: „ich muss doch auch mein Geld verdienen und wenn Sie mir kein Interview geben, bekomm ich keins….“ JAHRELANG flackerten die Bilder von uns noch bei RTL über die Bildschirme….Rettungsdokus. Wir haben keinen Cent dafür gesehen von wegen „öffentliches Interesse“. Und beim SFB waren wir in den Hauptnachrichten…da gibts keinen Opferschutz!!!!!!!! Es war so HORROR für mich. Hab ewig nicht den Fernseher angemacht, aus Angst, mich selber wieder auf diesem Balkon stehen zu sehen….
    Hilfe bei Wohnungssuche etc.: FEHLANZEIGE!!!!!

    1. @Anne K.
      Das tut mir absolut leid, was dir widerfahren ist.
      Ich hoff für dich, dass du auch nette Menschen kennst…
      🙂
      Was die Medien angeht:
      Es gibt „die“ und „jene“ Presse. Und das dazwischen.
      Im besten Fall hast du es mit Menschen (!) zu tun,
      die dich ebenfalls als Menschen wahrnehmen.
      Im schlimmsten Fall stehlen sie dir alles,
      unter Vortäuschung falscher Fakten,
      und machen dich skrupellos zum Opfer.
      Sie benutzen dich für ihre egoistischen Zwecke
      und lassen dich dann fallen wie ein Stück Dreck.
      Das dazwischen sind die Bilder, Töne und Texte
      der „Berichterstattungspflicht“ der Nachrichten.
      Auch nicht grad cool, aber naja…
      Warum die widerwärtigen Exemplare
      unter den Journalisten so funktionieren,
      das erschließt sich mir immer dann,
      wenn es auf der Autobahn einen Stau gibt,
      weil es auf der Gegenfahrbahn einen Unfall gegeben hat
      und die Gaffer vom Gas gehen,
      um möglichst viel der Sensation wahrnehmen zu können.
      *kotz*

  7. GERMAN WINGS – ein Absturz der Sonderklasse

    Mich erstaunt die Presselandschaft immer wieder. War es bei MH17 noch geradezu unerlässlich, sofort wilde Spekulationen zur Absturzursache inkl. persönliche Schuldzuweisung an den russischen Präsidenten zu veröffentlichen, da gilt nun – ohne Begründung dieses Kurswechsels – auf einmal genau das Gegenteil: Zurückhaltung und Fokus auf das Leid der Angehörigen. Bei MH17 wurden Leichen gezeigt und auch Pässe der Angehörigen in die Kameras gehalten. Nun auf einmal gilt das als unschick und außerdem wird mit der schönen Tradition gebrochen, auch gleich noch unversehrte Ausweise im Trümmerfeld am Tatort zu finden – wie bei 9/11 oben makellos auf dem rauchenden Schutthaufen liegend und bei MH17 hübsch in einer Blechschachtel aufprall- und brandsicher vor Gewalt jeder Art geschützt. Und Du glaubst nicht an Wunder? Der Pilot, welcher wegen verriegelter Tür nicht mehr ins Cockpit der Germanwings-Maschine zurück konnte, hat zwar vermutlich nicht extra Tagebuch seiner letzten Sekunde geführt, aber dennoch wissen schon wieder einige Journalisten solche Details. Das beruhigt. Wir dürfen also davon ausgehen, dass uns am Ende doch wieder in guter Tradition ein Bär aufgebunden wird – und statistisch gesehen wird das wohl wieder ein russischer sein. Bis die Lügenpresse also eine in sich runde Geschichte liefern kann, dürfen wir uns also selbst aus dem Baukasten der angebotenen Informationen eine vorläufige Version zusammenreimen. Es gäbe da die 3 Mirage-Kampfflieger nahe am Unglücksort zur passenden Zeit. Dann eine wundersam versperrte Tür zum Cockpit, einen Piloten bei den Passagieren, einen noch unerklärten stetigen Sinkflug bis gegen die Felswand und ausbleibende Notsignale. Was also leistet eine Fernsteuerung mit feindlicher Übernahme aller Funktionen bis hin zum Notrufsystem? Wer wird politisch beschädigt und wer hat Interesse an so einem Schaden? Die Gerüchteküche sei eröffnet!

  8. Es ist sehr schwer, für dieses Unglück die passenden Worte zu finden, jedoch stellt sich mir die Frage ob es wirklich mit Absicht war. Wieso wurde bisher nicht wie in der Vergangenheit der Voice Recorder, bzw der Mitschnitt gesendet ? Man sieht von vielen Sender jede Menge von Animationen. Ich finde, das man vielleicht zu früh jemanden verurteilt.

  9. Mir tun die Eltern des Co-Piloten leid. Auch sie haben ihr Kind verloren und werden von jetzt auf gleich zur „Jagd“ freigegeben. Da wird der komplette Name und die Adresse veröffentlicht, die Häuser werden gezeigt und in der heutigen Ausgabe der NRZ wird das Auto der Eltern mit vollem Kennzeichen gezeigt. Geht’s eigentlich noch?

  10. FactorField is grieving with those who lost their loved ones in this tragic incident. Convey your feelings; we are paying attention.

    No explanation nor justification can be offered to such a heartbreaking result. Lives were lost and with that our joy; we need to mourn. Above all we must commemorate the victims; the world needs to remember them. Open your heart, express your thoughts and feelings – we want to know, and never forget. Share a story, Commemorate, acknowledge; lament.

    http://tinyurl.com/FactorFieldmournswithGermany

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