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Tagesspiegel-Chef Maroldt über seinen Erfolgs-Letter Checkpoint: „Das Netz ist ein sehr mächtiger Verstärker“

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Zwei Leute und jeden Tag etliche zusätzliche Stunden. In Berlin verbringt Tagesspiegel-Chefredakteur Lorenz Maroldt gerade Teile seiner Freizeit damit, die Lokal-Zeitung ein kleinwenig neu zu erfinden: Als täglichen Morgennewsletter Checkpoint. Im MEEDIA-Interview erzählt der 52-Jährige, welchen Widerhall seine Mail-Post mittlerweile in der Hauptstadt-Politik hat und warum Kritik, wie gerade von der B.Z., bester Treibstoff für die Abo-Zahlen sind.

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Ist es nicht seltsam. Ich lese jeden Morgen in Hamburg einen Newsletter mit Regionalnachrichten aus Berlin. Bin ich der Einzige, der außerhalb Berlins Ihren Checkpoint durchschaut?
Sie müssen sich keine Sorgen machen, Sie sind in guter Gesellschaft von 80.000 Checkpoint-Abonnenten, die alle ein großes Interesse an Berlin eint – egal, wo sie leben.

Danke. Das haben Sie schön gesagt. Mittlerweile bietet der Tagesspiegel ja drei morgendliche Newsletter mit Wirtschaft-, Politik- und Regional-Nachrichten. Welcher Letter läuft am besten?
Die gehen alle sehr gut. Der Checkpoint unterscheidet sich von den anderen Newslettern vor allem durch einen ganz eigenen, sehr persönlichen, ironischen Sound und durch den Service, der auf klassische Berlin-Situationen ausgerichtet ist: Wir empfehlen nicht die hundert besten Restaurants, sondern an jedem Tag das eine; nicht hundert Kulturtipps, sondern einen, für den es noch Karten gibt; nicht hundert Ausstellungen, sondern eine, die nur noch wenige Tage zu sehen ist.

Glauben Sie selbst, dass der Letter ein Erfolg ist?
Die Zahlen sind extrem gut, die Absprungrate ist sehr niedrig, und wir haben unheimlich viele Leser-Reaktionen, überwiegend positive. Auch auf unsere Aktionen bekommen wir sehr viel Zuspruch – ob wir nun Reservierungen in einem angesagten Restaurant verlosen oder Plätze für eine exklusive Führung am BER.

„Das Netz ist ein sehr mächtiger Verstärker“

Wie ist das für einen gestanden Print-Profi. Sind die Reaktionen auf einen Newsletter- oder Online-Text stärker, als auf einen gedruckten Kommentar?
Sie sind vor allem direkter. Der Checkpoint wird gelesen, es wird darüber geredet, er ist Anlass für parlamentarische Anfragen, und auch der Regierende Bürgermeister nimmt darauf Bezug.

Ist die Resonanz also stärker?
Ja. Das Netz ist ein sehr mächtiger Verstärker. Ein kleines Beispiel: Als ich neulich darauf hingewiesen habe, dass die Polizei keine Trost-Teddys für Kinder in Notsituationen mehr hat, bot spontan der Lions Club Europacenter seine Hilfe an. Zur Übergabe kamen der Innensenator und der Polizeipräsident und dankten dem Checkpoint. Das ging ganz schnell, eine E-Mail an Checkpoint hat den Stein ins Rollen gebracht.

Das dürfte die Konkurrenz kaum freuen. Beschwert sie sich schon über sie?
Der eine oder andere hat sich schon mächtig aufgeregt, vor allem über den Ton. Seitdem haben wir noch mehr Leser und Leserinnen.

Wie groß ist das Team, das den Checkpoint macht?
Wir machen das zu zweit. Das geht aber auch nur, weil es spannend ist und wir viel Spaß am experimentieren haben. Und natürlich lebt der Checkpoint von den Zulieferungen und Expertisen aus der gesamten Redaktion.

Wie viel Zeit investieren Sie denn zusätzlich zu ihrem Job als Chefredakteur?
Der Checkpoint ist ein ganz eigenes Produkt, das macht man nicht im Vorbeigehen. Wir versuchen mit unseren Inhalten und der Sprache über die Zeitung hinauszugehen. Da gehen, alles in allem, jeden Tag etliche Stunden Arbeit rein.

Können Sie das durchhalten?
Das wird sich zeigen. Über Ostern machen wir erst mal eine kleine Pause, und dann schauen wir mal, was an Verstärkung möglich ist.

Der Checkpoint ist mit seinen ganzen Rubriken und Service-Angeboten eine eigene kleine Tageszeitung. Treibt Sie da nicht die Sorge um, dass sich mancher Leser bald den Kauf einer Tageszeitung spart?
Es ist schon so eine Art Mail-Lokalredaktion. Aber der Checkpoint ersetzt nicht die Zeitung, sondern ergänzt sie und macht auch neugierig auf mehr. Wenn jemand sein Abo wegen des Checkpoints kündigen würde, dann hätten wir nicht ein Problem mit dem Letter, sondern mit der Zeitung. Die Mail liefert nur einen Überblick. Wer sich für die Hintergründe eines Themas interessiert, ist mit der Zeitung, gedruckt oder digitalisiert, immer noch bestens bedient. Wir haben auch keinen Anhaltspunkt dafür, dass es anders ist.

Sind das überhaupt Doppelleser?
Wir haben beides: Leser, die aus den unterschiedlichsten Gründen keine Zeitung haben, und solche, die sich nach dem Checkpoint erst recht auf ihre Zeitung freuen.

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Wie viel Prozent der Abonnenten sind denn Tagesspiegel-Leser und wie viele sind externe?
Das wissen wir leider nicht genau. Wir planen eine Nutzerumfrage, die Aufschluss darüber gibt.

Angst vor Konkurrenz? „Das muss man sich ja ich erst mal antun wollen“

Fürchten Sie eine direkte Konkurrenz?
In Berlin sind wir Konkurrenz gewöhnt. Es dürfte nicht ganz leicht sein, etwas Ähnliches aufzubauen. Das muss man sich ja erstmal antun wollen.

Eigentlich wäre das ja ein Job für die klassischen Glossenschreiber?
Ja, und zwar für diejenigen, die jeden Tag nicht nur eine schreiben wollen, sondern viele Mini-Glossen.

Was ist das Geschäftsmodell?
Das ist ein Mix aus Anzeigengeschäft und Imagewerbung.

Und rechnet sich das?
Die Kosten sind relativ gering. Im Grunde zahlen wir nur für das E-Mail-System. Und was die Anzeigen betrifft: Das läuft so gut, dass wir schon aufpassen müssen, dass der Letter nicht zu lang wird.

Der Checkpoint ist ja Teil eines größeren Tagesspiegel-Konzeptes, die Zeitung als moderner Insider und Begleiter des Politikbetriebes zu positionieren. Wie entwickelt sich das Konzept?
Wenn wir vor einem Jahr geahnt hätten, wie gut sich die Agenda entwickelt, hätten wir es schon früher gemacht. Wir haben neue Leser und Anzeigenkunden gewonnen. Dazu hat sich der Kontakt zur Zielgruppe erheblich intensiviert.

„Das Politico-Modell lässt sich in Berlin nicht eins-zu-eins übersetzen“

Mich erinnert das Ganze immer etwas an den Versuch, eine Berliner Version von Politico zu machen. Fehlt es dem Angebot dazu dann doch nicht noch etwas an der spitzen Tiefe der US-Amerikaner?
Politcio funktioniert in Washington deshalb so gut, weil die US-Hauptstadt eigentlich ein politisches Dorf ist. Das ist in Berlin anders. Hier gibt es weit größere Verbindungen zwischen Gesellschaft, Kultur und Politik. In Washington gibt es nur die Politik.

Ein weiterer Unterschied ist, dass Politico erst einmal Online stattfand und dann ein Magazin dazu kam. Bei uns ist die Agenda erst einmal ein Zeitungsbuch. An der entsprechenden Online-Umsetzung arbeiten wir gerade noch. Die Modelle sind unterschiedlich. Aber die Idee ist schon ähnlich.

Hätte ein deutsches Politico in Berlin überhaupt eine Chance?
Ich finde Politico prima. Aber ich glaube, das Modell lässt sich hier nicht eins-zu-eins übersetzen. Das wird man inhaltlich anders machen müssen. So würde Politico hier alleine schon mit vielen Anderen konkurrieren müssen. Das war in Washington zum Politico-Start noch anders.

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