Jan Böhmermann sprengt mit Stinkefinger-Fakevideo das Internet

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Fernsehen Es könnte der Scoop des noch jungen Internet-Jahres sein: ZDFneo-Moderator Jan Böhmermann behauptet, das kontroverse Stinkefinger-Video des griechischen Finanzministers Yanis Varoufakis fingiert zu haben. Recht einschlägige Beweise in Form eines Making-ofs liefert Böhmermann gleich nach. Das Netz dreht komplett durch...

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Jan Böhmermann, der „provokante Seiltänzer auf dem schmalen Grat zur Kriegserklärung“ (Neues Deutschland), könnte seinen bislang größten Coup gelandet haben: nämlich ein Fake-Video in den Umlauf gebracht haben, das sowohl die größte Talkshow als auch Tageszeitung des Landes sehr, sehr alt aussehen lassen würde.

Doch der Reihe nach. Der Auftritt des griechischen Finanzministers Yanis Varoufakis bei Günter Jauch am vergangenen Sonntag ließ bekanntlich die Wellen hochschlagen. Der Talk, vor allem die Video-Schalte, war irgendwie „Lost in Translation“ – und dann war da vor allem die Sache mit dem Stinkefinger, der seit Tagen die alten und neuen Medien in Atem hielt.

War der Stinkfinger im Video, das im Mai 2013 bei einer Konferenz in Zagreb aufgenommen wurde, eine Fälschung, wie der griechische Finanzminister noch in der Sendung betonte, oder doch echt, wie „Netzforensiker“ erklärten?

Die Geschichte hätte sich vielleicht nie aufklären lassen, wäre da nicht „der Shitstorm-Führer“ (taz) Jan Böhmermann gewesen. Gestern Abend trieb der 34-jährige Satiriker die Stinkefinger-Debatte mit dem nachfolgenden Videoclip, einem Vorab-Auszug aus seiner Sendung „Neo Magazin Royale“, auf einen neuen Höhepunkt:

Der Berufskomiker, der sich seit Wochen am neuen griechischen Finanzminister („Highway to Hellas“) abarbeitet, will das zirkulierende Stinkfinger-Video selbst gefälscht haben!  

Um diese kleine Mediensensation gebührend zu verkünden, erhöht Böhmermann von vornherein erstmal die Fallhöhe: „Lieber Günther Jauch, liebe ARD, liebe Bild-Redaktion, einmal bitte tief durchatmen, vielleicht nehmen Sie sich einen Stuhl, setzen sich hin, Sie müssen jetzt ganz, ganz stark sein…“

Dann kommt der Punch: Böhnermann zeigt den Ausschnitt der Varoufakis-Rede mit der bekannten Stinkefinger-Geste – und er zeigt dieselbe Sequenz noch mal. Doch diesmal fehlt der Finger – stattdessen ist eine wegwerfende Handbewegung zu sehen. Wie das sein kann? „Das Einzige, was ich mir vorstellen kann, ist, dass das eine kleine, gebührenfinanzierte Losershow war“, redet Böhmermann Tacheles – er war’s also!

Böhmermann-Redaktion: „Haben die Schatten und Details angepasst“

Doch wie? Es folgt das Making-of in allen Einzelheiten, wie die Neo Royale-Redaktion die Mittelfinger-Sequenz nachgestellt hat. „Wir haben die Schatten angepasst, Details, so dass man nicht sofort erkennen kann: Da ist was gemacht worden“, erklärt der Visual Effects Supervisor der Neo-Redaktion.

Böhmermann hat demnach also die Medienlandschaft für drei Tage an der Nase herumgeführt, wie er in Einspielern von Günter Jauch und auch von Video-Kreativdirektor von Bild.de noch mal genüsslich dokumentiert.

„Das trifft doch wirklich einen Nerv. So sind wir Deutschen halt“

Den Schlusspunkt des neunminütigen Beitrags, der erst heute Abend auf ZDFneo regulär ausgestrahlt wird, bildet naheliegendes Jauch-Bashing („Günter Jauch fährt in einem Jahr soviel Cash ein wie das Finanzamt von Athen“) und ein staatstragendes Resümee: „Das trifft doch wirklich einen Nerv. So sind wir Deutschen halt. In einem Jahrhundert zweimal Europa verwüstet, aber wenn uns jemand den Stinkfeiner zeigt, dann flippen wir aus.“

Einmal in Rage, gibt Böhmenmann den Oberlehrer, der das letzte Wort hat: „Liebe Redaktion von Günther Jauch. Yanis Varoufakis hat unrecht. Ihr habt das Video nicht gefälscht. Ihr habt einfach nur das Video aus dem Zusammenhang gerissen und einen griechischen Politiker am Stinkefinger durchs Studio gezogen, damit sich Mutti und Vati abends nach dem Tatort noch mal schön aufregen können. Der Ausländer! Raus aus Europa mit dem! Er ist arm und nimmt uns Deutschen das Geld weg. Das gibt’s ja wohl gar nicht. Wir sind hier die Chefs. So! Das habt Ihr gemacht. Und der Rest ist von uns.“

#varoufake: Jan Böhmermann bringt das Internet zum Bersten

Damit wäre alles gesagt? Mitnichten! Das um 21.12 Uhr von via Twitter von Jan Böhmermann geteilte Video („Sorry @varoufakis!“) brachte das Internet zum Bersten.

Unter dem Hashtag #varoufake liefen Twitterer, vor allem aber Medientreibende bei ihrem Kampf um Deutungshoheit auf 140 Zeichen zu nächtlicher Hochform auf.

Am Ende bleibt weiter offen, ob der Böhmermann-Redaktion der Medienscoop des Jahres gelungen ist, der zur veritablen Staatsaffäre wurde, oder ob der selbstbewusste Satiriker mit dem Fake des Fakes in bester Eulenspiegelmanier der Debatte schlicht eine neue Nuance verleihen wollte…

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