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Varoufakis, der Missverständliche – warum sich der griechische Finanzminister das “Fingergate” selbst zuzuschreiben hat

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Das Stinkefinger-”Gate” rund um den griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis bei “Günther Jauch” lenkt von den wichtigen Fragen in der Griechenland-Krise an. Dass das so ist, ist aber nicht zuletzt die Schuld von Varoufakis selbst, der sich ungeschickter kaum benehmen könnte.

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Sortieren wir erst mal kurz die Ereignisse.

Der griechische Finanzminister hat in der von Günther Jauch dilettantisch moderierten Talkshow vom vergangenen Sonntag behauptet, dass ein gezeigter Video-Ausschnitt aus dem Jahr 2013, in dem er mit Bezug auf Deutschland den Mittelfinger zeigt, “manipuliert” (“doctored”) sei. Weiter hat Varoufakis behauptet, er habe noch nie den Mittelfinger gezeigt.

Hier das Transkript von Varoufakis Aussagen aus der Jauch-Sendung:

Günther Jauch: Der Stinkefinger für Deutschland, Herr Minister. Die Deutschen zahlen am meisten und werden dafür mit Abstand am stärksten kritisiert. Wie passt das zusammen?

Yanis Varoufakis: Well, can I make a very simple point? That video was doctored! I never gave the finger. I’ve never given the finger ever. This was doctored, and I feel ashamed that I am part of a program which shows a video, I’m sure you didn’t know that, but let me assure you that I never pointed the finger. It was a doctored video. It is exactly the same way, there is another video doing the rounds in Greece, where supposedly I am giving my hand to Mr. Dijsselbloem, and I am pulling it back. I wish that you could annul that video because I can tell you I never, the, it never happened. I have been making a point, ever since the crisis began… I’m sorry!

Günther Jauch: Also nach unseren Informationen ist das passiert bei einer Konferenz in Zagreb im Jahr 2013.

Yanis Varoufakis: It didn’t! That was footage from that conference, but that, the finger, was doctored! I can assure you. I can prove this beyond reasonable doubt, and I wish that you could simply take it away. It never happened. You can check my, you can look at all my writings. In 2013, ladies and gentlemen, in Handelsblatt I published an article, in which I said that what Europe needs, is a hegemonic Germany! Do you think this is consistent with what you showed? I very much would like to ask you to reconsider. You heard what I said right at the beginning of the program about the importance of Greeks and Germans and Europeans thinking as Europeans. This was a dynamite that you added!

(Transskript von der Redaktion von „Günther Jauch“)

Varoufakis sagt klar und deutlich mehrfach, dass er den Finger nie gezeigt habe, dass das Video manipuliert worden sei. Er vergleicht den Fall sogar mit einem anderen angeblich manipulierten Video, das in Griechenland die Runde mache. Am darauffolgenden Tag legte Varoufakis gegenüber Spiegel Online sogar noch einmal nach. Er bekräftigte seine Aussage, dass das Video gefälscht sei und beschuldigte die Redaktion von “Günther Jauch” der Sabotage.

Zu diesem Zeitpunkt hatte die Jauch-Redaktion bereits Netzforensiker in Marsch gesetzt, die die Echtheit des Videos bestätigten. Auch der Urheber des gezeigten Video-Zusammenschnitts erklärte via Twitter, dass das Video kein Fake ist. Teilnehmer der Konferenz, auf der das Video aufgenommen wurde, meldeten sich zu Wort und erklärten ebenfalls, dass es sich ihrer Meinung nach um keine Fälschung handelt.

Yanis Faroufakis selbst verwies via Twitter auf einen Artikel der FAZ, in dem Srecko Horvat , der Organisator des Festivals auf dem das Video aufgenommen wurde, erklärt, der Mittelfinger sei “aus dem Zusammenhang gerissen”. Horvat in der FAZ wörtlich: “Varoufakis reckte nicht ‘den Mittelfinger gegen die Deutschen’. Was Horvat wohl meint ist, dass Varoufakis Mittelfinger Geste nicht gegen Deutschland gerichtet war. Dass er den Mittelfinger zeigte, ist offensichtlich.

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Dieser Unterschied schafft die Verwirrung. Varoufakis will vermutlich mitteilen, dass er die Deutschen mit seinem Stinkefinger nicht gemeint hat. Wörtlich gesagt hat er aber etwas anderes, nämlich dass er den Finger niemals gezeigt hat.

Es ist die Tragik des Yanis Varoufakis, dass er offenbar nicht sieht, dass hier ein Problem besteht. Auf Twitter veröffentlichte er nochmals das Video, diesmal wie er sagt “undoctored”, also “unverfälscht”. Die Mittelfinger-Stelle ist aber genauso enthalten wie in der Version, die bei Jauch gezeigt wurde. Mit “undoctored” meint Varoufakis also vermutlich “ungekürzt”. Das aber wäre schlicht falsch übersetzt. Wenn sich Varoufakis in gleicher Manier mit anderen europäischen Politikern unterhält, wundert es nicht, dass es massive Kommunikationsprobleme gibt.

(Die Stinkefinger-Szene kommt bei Minute 40.30)

Es ist unbegreiflich, wie sich ein internationaler Top-Politiker mit unbedachten und missverständlichen Aussagen so sehr zur Zielscheibe von Medien, Politik und Öffentlichkeit machen kann. Hätte Varoufakis bei Jauch gesagt, dass der Ausschnitt missverständlich sei, aus dem Zusammenhang gerissen – alles wäre gut gewesen. Immerhin war die Mittelfinger-Szene schon einmal Thema in den Medien. Varoufakis hätte also davon wissen können, ja davon wissen müssen. So aber ist die Sache für ihn ein PR-Desaster geworden, das er sich selbst zuzuschreiben hat.

Yanis Varoufakis mag in Finanzfragen ein kluger Kopf sein. Vieles von dem was er zur Griechenlandkrise sagt, hat Hand und Fuß. Dass er aber – auch nachträglich – nicht in der Lage ist, eine offensichtliche Tatsache, wie seine Finger-Geste in dem Video, unmissverständlich zu erklären, das lässt ihn als internationalen Politiker ungeeignet erscheinen.

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Alle Kommentare

  1. …auch völlig uninteressant ist folgende Geschichte..

    Gestern war er noch der arme Grieche der nie ausprechen durfte in der ach so schlechten Sendung von Jauch, heute ist es jemand der in seinem Job eh ungeeignet scheint.

    Ihr Motto Herr Winterbauer, sich selbst täglich zu überbieten in Sachen Belanglosigkeit?

    Wer selbst nichts Spannendes zu berichten hat, der zerfleddert permanent das Gerede anderer?

  2. Viel spannender als den Stinkefinger finde ich, dass hier deutlich geworden ist, dass selbst so eine „seriöse“ Sendung wie Jauch sich ihre Einspielfilme nicht etwa selbst dreht oder wenigstens aus ARD-eigenem (und damit überprüfbarem) Material produziert, sondern einfach aus Youtube-Videos zusammenschnippelt. Das Peinlichste an dieser Geschichte war doch das Gestammele von Jauch in de Sendung, dass man das überpüfen werde – was nicht weniger bedeutete, als dass er sich nicht in der Lage sah, sich für die Korrektheit seines eigenen Einspielfilms zu verbürgen.

  3. Danke, Frau Meyer, für Ihre hilfreiche Aufklärung.

    Dennoch war der Umgang von Varoufakis mit dem Stinkefinger nicht sehr geschickt.

    Dass Stefan Winterbauer diesen Missgriff aufwärmt und recht einseitig Varoufakis anlastet, finde ich ziemlich unangebracht. Denn Jauch hat sich mit dem Stinkefinger auf ein Niveau begeben, das nun wirklich nicht zum Ernst des Thema passte.

    Es sei daran erinnert, dass selbst die Bundeskanzlerin als CDU-Parteivorsitzende vor ein paar Jahren im Bierzelt tönte, wenn die Griechen und Portugiesen so viel arbeiten würden wie wir, würde es ihnen besser gehen.

    An dummen und falschen Sprüchen ist auch bei unserem Spitzenpersonal kein Mangel! Deshalb finde ich die Aufregung darüber ziemlich scheinheilig.

  4. @Judith Meyer: Dann hätte V auch sagen sollen „out of context“, wenn er den Stinkefinger an sich nicht abstreiten will, aber den Zusammenhang mit Deutschland. So, wie er den Begriff „doctored“ aber – mehrfach – wiederholt und sagt „I never pointed the finger“, muss man zum Schluss kommen, er meinte „manipuliert“ im Sinne von nicht geschehen.

  5. Tja, er spricht eben einfach besser Englisch als wir, und (das ist sein Fehler) geht davon aus, dass andere es auch tun.

    „doctored“ bedeutet keineswegs „hineinmontiert“. Es hat eine Reihe von Bedeutungen, aber „manipuliert“ trifft es hier noch am besten. Das Video war manipuliert, denn man hat es nicht nur aus dem Kontext gerissen und durch Vor- und Nachmoderation in einem neuen, falschen Kontext präsentiert, sondern auch die wichtigen Worte „in January 2010“ aus der Mitte seines Zitats entfernt.

  6. Vorurteile gegen „Südländer“ leider voll bestätigt – ohne weiter nachzudenken wird alles abgestritten und dummdreist gelogen.

    Kein (!!!) nordeuropäische Politiker könnten sich solche Lügen leisten, Rücktritt/Entlassung wären unvermeidlich.

    Dabei ist die Sache (Finger für die Gläubiger) ja praktisch nur „real talk“ und deswegen gar nicht schlimm.

    Europa ist tot, praktisch nur noch zu retten wenn der EURO sofort aufgegeben wird bzw. Parallelwährungen eingeführt werden.

    Aber selbst dann ist das Vertrauen in Europa auf Jahrzehnte zerstört, die Rechnungen kommen ja alle noch und diese werden enorm hoch sein.

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