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Die Causa Tilo Jung und der Kontext: der Shitstorm, den ich rief

Der Grimme-Online-Preisträger Tilo Jung machte am Weltfrauentag mit einem frauenfeindlichen Witzchen auf Instagram auf sich aufmerksam. Das Online-Magazine Krautreporter, bei dem Jung arbeitet, will Konsequenzen ziehen. Der Shitstorm zog programmgemäß herauf. Wie in anderen Fällen zuvor war bei der #causajung Kontext das Problem. Vorwürfe der Frauenfeindlichkeit gegenüber Jung sind indes nicht neu.

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So hat Tilo Jung 2012 gemeinsam mit dem NDR-Mitarbeiter Daniel Bröckerhoff einen YouTube-Kanal namens “Penisdialoge” betrieben. In dem Sex-Talk ging es in einer Folge darum, dass Jung Sex mit Frauen, die bereits ein Kind bekommen haben, ablehnt wegen “untenrum”. Der Kanal wurde inzwischen bei YouTube entfernt, den entsprechenden Dialog haben einige für die Nachwelt festgehalten, so u.a. hier bei „leitmedium“:

Bröckerhoff: Was ist denn Dein Problem mit Müttern, bitte?

Jung: So… Also… untenrum

Bröckerhoff: Untenrum? Ja, was ist das Problem? Du denkst, da ist was rausgekommen… ?

Jung: (lacht) … Ja… also… das denkt man nicht… Manchmal siehst Du’s und manchmal siehst Du es nicht. Oder?

Tilo Jung arbeitete 2012 auch schon mal als Model in einem Werbespot für den Stromanbieter E wie einfach, ein Tochterunternehmen des Energiekonzern E-on. Auch dieser Spot wurde wegen frauenfeindlicher Tendenzen kritisiert. Wenn man den Spot sieht, weiß man, warum:

E wie einfach hat den Spot nach Sexismus-Vorwürfen aus dem Programm genommen. Vorwürfe, er habe Probleme mit Frauen, dürften Tilo Jung also nicht ganz unbekannt sein. Es ist Teil seines Images. Vielleicht entstand das Instagram-Post am vergangenen Sonntag, dem Weltfrauentag, ja auch aus diesem Impuls heraus. Um das öffentliche Bild zu bedienen. Um zu zeigen, dass es einen nicht juckt, was andere denken. Um rebellisch zu sein. Wer weiß.

Der Urheber der Foto-Collage mit der Frau, die in den Strand getreten wird, ist unklar. Allerdings tauchte genau diese Collage schon einmal in einem Listicle des englischen Buzzfeed vom vergangenen Jahr auf.

Das Schlagwort war hier “Paare, die ihre fragwürdigen Beziehungs-Ziele erreicht haben”. Der Original-Tweet mit der Foto-Collage wurde mittlerweile aber auch wieder entfernt. Die Bilderserie ist allerdings erkennbar eine Parodie auf die Fotoserie des Fotografen Murad Osmann, der seit 2011 seine Freundin an diversen Sehenswürdigkeiten der Welt von hinten fotografiert und dies auf Instagram veröffentlicht. Osmann, dessen Fotoserie #followmeto Millionen Fans hat, wollte darstellen, dass die Frau den Mann an der Hand nimmt und ihn aus seiner Smartphone-Welt in die Wirklichkeit zieht.

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Die Fotoserie des Jung-Postings könnte man nun so interpretieren, dass der Mann keine Lust mehr auf #followmeto hat und die Sache rustikal-brutal beendet. Das muss man nicht lustig finden, frauenfeindlich ist die Bilderrehe in diesem Kontext betrachtet aber nicht. Und da wären wir beim Hauptproblem: Kontext. Hätte ein Comedien einen solchen Bilderwitz in einer Fernsehshow gemacht oder ein Medium wie die Titanic, dann hätte sich vermutlich niemand aufgeregt.

Wenn aber ein Tilo Jung diese Bilderserie postet, der bereits einen Track-Record in Sachen Frauenfeindlichkeit hat, dann wird das Bild mit neuer Bedeutung aufgeladen. Das Ganz erinnert entfernt an den Aufruhr um den Justine-Sacco-Tweet im Jahr 2013. Justine Sacco twitterte sarkastische Gags von einer Reise nach Afrika. U.a. machte sie auf Twitter diesen einen, verhängnisvollen Witz:

Going to Africa. Hope I don’t get AIDS. Just kidding. I’m white!

 

 

Der vermeintlich rassistische Tweet sorgte für einen globalen Shitstorm. Am Ende verlor Sacco deswegen ihren Job beim amerikanischen Internetunternehmen IAC. Auch hier war Kontext das Problem. Der Sacco-Tweet war provokant, aber ein Komiker hätte solch einen Witz ohne Probleme machen können. Von einer Privatperson auf einem Flughafen war eine solche Bemerkung nicht als Witz zu erwarten. Die Mehrheit der Leser des Tweets dachte, dass er tatsächlich ernst gemeint ist.

Der Unterschied zur causajung ist nun freilich, dass Tilo Jung sich der Provokation durch sein Instagram-Posting am Weltfrauentag mit Sicherheit bewusst war. Insofern hat Jung mit der folgenden Webwut exakt das geerntet, was er gesät hat. Und offenbar hat er immer noch nicht genug:

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Alle Kommentare

  1. Stimmt, die Sache mit dem Kontext. Erst dachte ich, der Mann hat sich nur mal vergriffen.
    Dank des meedia-Artikels merke ich aber, dass das in ganz anderem Kontext steht: War offenbar nicht das erste Mal.
    Nun erwarte ich von Krautreporter bisschen mehr.
    Nämlich, dass sie die Sache so bewerten, wie sie als Journalisten gewöhnlich tun. „Blinder Fleck“ ist da ein wohlmeinender Euphemismus. Aber: Jetzt müsste alles auf den Tisch. Aufarbeiten, bitte!
    Oder ( ich sag’s mal so, dass auch Herr Jung es versteht): Hose runterlassen, Leute – was läuft da immer wieder schief?

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