„Scheißebombe“: Spiegel-Titel „Die Weltregierung“ bringt Internet-Guru Jeff Jarvis in Rage


"Eurotechnopanik" will Journalismus-Professor Jeff Jarvis beim Spiegel ausgemacht haben. Das Hamburger Nachrichtenmagazin widmet sich in der neuen Ausgabe nämlich Jarvis’ Lieblingsthema: den Umwälzungen des digitalen Zeitalters, das von den großen Playern Apple, Google, Facebook & Co bestimmt wird. Die Lesart der Spiegel-Redaktion: Im Silicon Valley wächst die heimliche Weltregierung heran.

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Der Spiegel und das Internet – das ist eine notorisch schwierige Beziehung. Immer wieder arbeitet sich das Hamburger Nachrichtenmagazin an digitalen Phänomen ab: Sei es zum Boom des Online-Datings (“Ware Liebe. Das Online-Geschäft mit der Sehnsucht“), zum Hype um Second Life (“Der digitale Maskenball“),dem Aufstieg der sozialen Netzwerke („Fremde Freunde: Vom zweifelhaften Wert digitaler Beziehungen“) – und natürlich der großen Protagonisten Google und Apple.

Der Tenor ist fast immer der gleiche: Was im Silicon Valley passiert, sorgt für – um es mit Sigmund Freud zu sagen –  „Unbehagen in der Kultur“, zumindest bei den Redakteuren des Print-Spiegels. So ahnt der Leser bei der Titelstory „Die Weltregierung. Wie das Silicon Valley unsere Zukunft steuert“ reflexartig, worum es geht:  Um die bösen Internetriesen – schließlich wollen Apple, Google, Facebook & Co „bestimmen, wie wir leben“.

„Müssen wir uns ängstigen vor einem völlig technologisierten Morgenland?“

„So denken sie alle: Google und Facebook, Apple und Airbnb, all jene digitalen Giganten und Tausende kleinere Firmen in deren Fahrwasser. Ihr Ziel ist nie die Nische, sondern immer die ganze Welt“, stellt der Spiegel fest. „Möglich macht das Ganze ein dynamisches Duo, in seiner Durchschlagskraft nahezu einmalig in der Wirtschaftsgeschichte: Globalisierung gepaart mit Digitalisierung“, folgert das Hamburger Nachrichtenmagazin.

„Im Gange ist ein gesellschaftlicher Wandel, dem sich am Ende niemand wird entziehen können. Es ist eine Umwälzung lediglich vergleichbar mit der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts – nur dass alles viel schneller geht“, wird der Spiegel geschichtsträchtig.

Und fährt schnell die vorhersehbaren Geschütze auf: „Müssen wir uns ängstigen vor einem völlig technologisierten Morgenland? Müssen wir uns diesen Welteroberern entgegenwerfen?“, fragt der Spiegel in Richtung der Elite des Silicon Valleys. „Ist das jetzt der Zeitpunkt der Regulierung, bevor die Welt endgültig von digitalen Monopolen beherrscht wird?“

„Die Menschheit soll an der Hightech-Heillehre genesen“

Interessanterweise suchen die Hamburger in ihrer Titelgeschichte nicht bei den üblichen Verdächtigen des Silicon Valleys nach Antworten, obwohl die CEOs der wertvollsten Internet- und Techkonzerne das Cover zieren: Larry Page, Mark Zuckerberg, Tim Cook, Marissa Mayer und Uber-Chef  Travis Kalanick.

Es sind vielmehr die Denker im Verborgenen, die im Spiegel ihre Zukunftsvision entfalten: Google X-Gründer Sebastian Thrun, Airbnb-Mitbegründer Joe Gebbia, Venture Capitalist Peter Thiel und Google-Chefingenieur Ray Kurzweil. Sie alle eint ihr Sendungsbewusstsein: „Der Glaube an die Botschaft“. Mal um den Krebs auszurotten, mal um 1000 Jahre alt zu werden, mal um die nächste Evolutionsstufe vorzubereiten: „Die Menschheit soll an der Hightech-Heillehre genesen“, glaubt der Spiegel.

Der Ansatz ist typisch für das Hamburger Nachrichtenmagazin, das die enormen technischen Umwälzungen intellektuell betrachtet und die Internet-Pioniere als Gegenentwurf der herrschenden Politiker stilisieren will. „Die Wurzeln ihres Menschheitsbeglückungswerks sehen sie in der antistaatlichen Gegenkultur der Sechzigerjahre, von der schon Steve Jobs geprägt war“, mutmaßt der Spiegel.

Jeff Jarvis wittert erneut „Technopanik“

So weit, so verkopft. Richtig kritisch und technophob ist der neue Spiegel-Titel allerdings gar nicht. Genau dieser Meinung ist aber ein alter Bekannter, der sich nach Herzenslust an einen Verriss macht: Journalismus-Professor und Web-Vortragsreisender Jeff Jarvis.

Nur allzu gerne kantet der inzwischen 60-Jährige, der wegen seines Schwieger-Großvaters mit der deutschen Sprache vertraut ist, gegen die deutschen Verleger, die grundsätzlich zu ängstlich seien. “Ich mache mir Sorgen um die Technologie in Deutschland“, erklärte Jarvis unlängst in einem Essay in Der Zeit. Hierzulande herrsche eine „Technopanik“ und „Googlephobie“, mahnt der Autor des Buches “Was würde Google tun” an.

Von „Scheißebombe“ und „Nerdnazis“

Kein Wunder also, dass der neue Spiegel-Titel eine Steilvorlage für Jarvis ist, der sich via Blogbeitrag auf Medium.com und  Twitter reflexartig am Hamburger Nachrichtenmagazin abarbeitet.

Und das in Fäkalsprache und pseudo-zeitgeistigen Germanismen. Eine „Scheißebombe“ (sic) sei der Artikel, von „Nerdnazis“ ist die Rede, und das Cover wird gleich in die Ahnengalerie mit dem Buchcover von „Hitler’s Henchmen“ gestellt.

Jarvis versteift sich auf billige Polemik in 140 Zeichen, für die sich der Journalismus-Professor in der Vergangenheit immer wieder einen Namen machte. Was würde Jarvis tun? Das scheint inzwischen so vorhersehbar wie die Online-Kritik des Spiegel. Es ist schon seltsames Schauspiel: vom Hamburger Nachrichtenmagazin mit seinen Titelgeschichten über die Internet-Ära – aber auch vom vermeintlichen Ritter des digitalen Zeitalters, der wie auf Bestellung rantet.

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Alle Kommentare

  1. Nun so weit hergeholt ist der Spiegel-Artikel nicht. Die Gefahr ist nicht eine imaginäre Technikfeindlichkeit, die Gefahr ist die Naivität, mit der „Technologie als Waffe“ begegnet wird. Kontrolle ist nur die erste Stufe einer Herrschaft, danach folgt Manipulation und Unterdrückung. Ich habe übrigens daran gezweifelt, dass der Spiegel überhaupt noch kritische Berichterstattung darf oder kann. Angenehme Überraschung und weiter so!

  2. Was solls? Jeff Jarvis würde weniger verdienen, wenn die Leute weniger technikgläubig wären. Der gute Mann verdient sein Geld damit, die Heilslehre des amerikanischen Internet in der Welt zu verbreiten. Das er gelegentlich gewaltigen Unfug erzählt und die Dinge einseitig sieht, gehört eben dazu.

    Sein nächster Karriere-Schritt wird der zum Lobbyisten sein (sofern nicht schon vollzogen).

  3. Auf der Titelseite ist nicht Larry Page, sondern Sergey Brin abgebildet. Vielleicht hilft da in Zukunft die neue Spiegel-Titel-Story: „Kontrenzier Dich!“ 🙂

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