Paywall, neuer Leserdialog und „Langstrecke“: die Digitalstrategie der Süddeutschen Zeitung

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Publishing Ende März führt die Süddeutsche Zeitung eine Bezahlschranke ein: Wie der Spiegel berichtet, muss der Leser dabei nach 10 kostenfreien Artikeln ein Online-Abo abschließen. Die Paywall ist nicht die einzige Änderung in der SZ-Digialstrategie für 2015, MEEDIA gibt einen Überblick über die Neuerungen.

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„Der Auftritt von Süddeutsche.de wird sich komplett verändern“, verkündete der Süddeutsche-Geschäftfsführer Detlef Haaks Ende Januar im Gespräch mit Horizont. Aus SZ.de werde die vollständige Süddeutsche Zeitung – auch im Namen. Zielvorgabe bis Ende 2015 seien 50.000 Digital-Abos; längerfristig würden 200.000 Abos angestrebt.

Paywall: Nach zehn Artikeln kommt das Abo

Eine der grundlegenden Änderungen beim Internetauftritt der Süddeutschen ist die Einführung einer Paywall im Stil der New York Times. Ende März ist es nun soweit: Wie der Spiegel berichtet, wird in wenigen Wochen das Metered Model als Bezahlschranke eingeführt. Das bedeutet, dass der Leser zehn Texte pro Woche kostenlos lesen kann – danach muss er entweder das Digital-Abso „SZ Plus“ für knapp 30 Euro pro Monat abschließen oder einen Tagespass für zwei Euro kaufen. Besonders exklusive Inhalte, wie zum Beispiel die Lesestücke der Seite drei, sollen immer den zahlenden Lesern vorbehalten bleiben.

„Wir sind zuversichtlich, unsere Leser davon überzeugen zu können, dass man für journalistische Qualität auch im Netz bezahlen muss“, sagt Wolfgang Krach, stellvertretender SZ-Chefredakteur gegenüber dem Spiegel. Dementsprechend werde die Zahl der frei lesbaren Artikel in Zukunft auch weiter sinken; Agenturmeldungen hingegen sollen komplett frei bleiben.

Gegenüber Horizont erklärte Detlef Haaks: „Wir werden unter der Marke ‚Süddeutsche Zeitung‘ im Netz drei Bereiche haben: die komplette Zeitung, sz.de als 24/7-Kanal und das SZ-Magazin mit einem erweiterten Lifestyle-Angebot.“ Mit der Einführung der Paywall werden um 19 Uhr alle Texte aus der gedruckten Zeitung vom nächsten Tag auf SZ.de veröffentlicht. Wie der Spiegel erfahren hat, soll die Entwicklung der technischen Infrastruktur eine siebenstellige Summe gekostet haben.

Neuer Umgang mit Leserkommentaren

Bereits im September stellte Stefan Plöchinger, Chef von Süddeutsche.de und Mitglieder der SZ-Chefredaktion, fest: „Wir müssen den Leserdialog neu denken“ und so führte die SZ grundlegende Veränderungen im Umgang mit Leserkommentaren und –diskussionen ein und ging damit in eine völlig neue Richtung. So sind zum Beispiel keine Kommentare unter einzelnen Beiträgen mehr möglich, dafür wurden Debattenforen zu ausgewählten Themen eingeführt. Darüber hinaus wird die öffentliche Debatte über den jeweiligen Artikel auf Twitter und Facebook gebündelt auf Rivva.de angezeigt. „Wir wollen aus und mit unseren Lesern lernen, wie man das Diskutieren und Beteiligen der Leser auf eine neue Stufe bringt“, erläuterte Stefan Plöchinger gegenüber MEEDIA und betonte: „Wir haben aus vielen Jahren des Leserdialogs gute Erfahrungen, welche Themen unsere Leser interessieren, und wir laden in den Foren explizit dazu ein, uns Vorschläge zu machen.“

Diese Änderungen stießen jedoch nicht überall auf Begeisterung. Jochen Wegner, Chefredakteur vom Zeit Online kritisierte zum Beispiel auf Twitter, die freie Rede werde durch vorgegebene Diskussionsthemen eingeschränkt.

Langstrecke: gebündelte Longreads

Mit „Langstrecke“ experimentiert die SZ außerdem mit einer neuen Publikationsform: Vierteljährlich sollen lange Lesestücke, sogenannte Longreads, gebündelt als E-Book, Magazin oder Taschenbuch veröffentlicht werden. Dazu hat die SZ im Vorfeld einen Markttest auf der Crowdfunding-Plattform Startnext initiiert; die Unterstützer sollen hier vor allem mitreden können und Einblicke in den Entstehungsprozess bekommen. Dieses etwas andere Crowdfunding läuft seit dem 04. Februar 2015 und endet am 31. März 2015. Bislang konnten 23.671 Euro von knapp 400 Unterstützern gesammelt werden; darunter fällt auch der Verkauf einer Anzeigenseite für 14.875 Euro. Ansonsten hat die „Langstrecke“-Version „Magazin“ beim Verkauf eindeutig seine Nase vorn: Über 200 Ausgaben (inklusive Frühbucher-Magazin) wurden davon bereits verkauft. Auf dem zweiten Platz liegt das eBook mit knapp 100 und abgeschlagen das Taschenbuch mit 45 Verkäufen (beides ebenfalls inklusive Frühbucher-Ausgaben). Das Magazin und das Taschenbuch fanden außerdem mit 18 beziehungsweise 2 Verkäufen auch Abnehmer im Ausland. Eine Textanzeige für 1.785 Euro konnte noch nicht verkauft werden.

Dirk von Gehlen, einer der Verantwortlichen des Projekts, sagt einen Monat nach Kampagnenstart gegenüber MEEDIA: „Wir sind zufrieden mit dem Ablauf des offenen Markttests, das Feedback, das wir von Lesern aber auch aus der Branche bekommen, ist äußerst positiv. Die Tatsache, dass eine großer Verlag auf eine Crowdfunding-Plattform geht, wurde gelobt und hat dazu geführt, dass wir auf diese Weise sogar schon eine Anzeige verkauft haben. Das ermutigt uns, diesen Weg weiterzugehen.“

Die Süddeutsche Zeitung geht 2015 mit unterschiedlichen Ansätzen neue Wege in ihrer Digitalstrategie – und steuert vor allem mit der Einführung der Metered-Model-Paywall offensiv in Richtung höhere Erlöse durch Abos. Darüber hinaus setzt die Zeitung immer stärker auf die komplette Zusammenführung von Print und Online, ein gemeinsamer Newsroom ist bereits seit November 2014 im Aufbau.

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Alle Kommentare

  1. Ich bin mal gespannt, ob die SZ genügend Leser findet, die bereit sind, für „Betreutes Kommentieren“ 30 Euro im Monat zu zahlen.

  2. Chapeau, SZ ! Ihr führt ja schon mit dem Wegfall der Kommentarfunktion das „mir seid ihr doch egal, ich will nur eure Kohle“-Syndrom in die Öffentlichkeit und bezeugt damit, dass ihr nicht verstanden habt, was der Leser erwartet.
    So macht ihr euren Tod nur öffentlich. Schade eigentlich, es gibt ja auch gute Berichte von Euch (Auch wenn das radikal weniger wurde)

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