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Wulff-Affäre: Giovanni di Lorenzo übt Kritik am Medien-Pranger

Zeit-Chef Giovanni di Lorenzo hat dem Online-Magazin Saal Zwei ein exklusives Interview zu seinem Buch "Von Aufstieg und anderen Niederlagen" gegeben. Darin spricht er unter anderen über seinen persönlichen Führungsstil, erklärt seine Abneigung gegen Moralisten und stellt außerdem fest: "Christian Wulff hätte damals machen können, was er wollte."

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Was mit dem ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff im Netz und in den klassischen Medien geschehen sei, habe di Lorenzo an einen mittelalterlichen Pranger erinnert. Kurzfristig hätten sie damit zwar Klicks und Aufmerksamkeit bekommen, aber längerfristig schade es der Reputation der Medien, weil viele dieses Klima der Skandalisierung auch sehr abstoßend fänden.

Im Interview mit dem Online-Magazin Saal Zwei spricht der Zeit-Chefredakteur auch über Niederlagen. Anlass für das Gespräch war sein Buch „Vom Aufstieg und anderen Niederlagen“, in dem er Interviews aus drei Jahrzehnten veröffentlicht hat und zeigt, dass Erfolg und Misserfolg immer voneinander abhängig sind. Wie man mit Rückschlägen umgehe, sei auch eine Frage der Persönlichkeit, betont er in dem Gespräch: „Mache ich mein ganzes Selbstwertgefühl vom Erfolg abhängig? Das hat viel mit Eitelkeit zu tun.“ Aber natürlich sei es auch vom ganzen beruflichen Kontext abhängig, ob man mit einem Fehler gut oder schlecht umgeht. Christian Wulff zum Beispiel hätte damals „machen können, was er wollte. Ihm, dem Gejagten, standen einfach zu viele Jäger gegenüber, die ihn aus dem Amt haben wollten.“

Di Lorenzo spricht zudem von einer Abneigung gegenüber Moralisten nicht zu mögen. Er glaubt, man könne Menschen nicht einfach in Gut oder Böse einteilen:

„Wir erleben hier in Deutschland – Gott sei Dank – eine sehr lange Friedenszeit, und im Vergleich zum Rest der Welt genießen wir beispielhaften Wohlstand. Möglicherweise ist dadurch in unserer Gesellschaft die Utopie entstanden, dass die widersprüchlichen oder auch bösen Seiten eines Menschen allein durch gutes Zureden verschwinden würden. Vor allem warne ich vor der schrecklichen Überforderung, dass jemand, der etwas Vorbildhaftes geleistet hat, sein Leben lang Vorbild bleiben muss, und zwar in allen anderen Lebensbereichen. So sind Menschen einfach nicht.“

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Er selber versuche als Chefredakteur, erst einmal jeden Menschen so zu nehmen, wie er ist. Bei der Zeit gäbe es deswegen ein „sehr kollegiales und auch nicht besonders hierarchisches Verhältnis“. Dennoch würde er er nicht alles tolerieren – dazu gehören zum Beispiel mangelnder Einsatz, Intrigen und schlechte Laune: „Wenn jemand sehr, sehr gut ist, aber dabei nicht besonders gewinnend, kann man das noch ganz gut ertragen. Aber wenn derjenige aufgrund seiner schlechten Leistungen eine Belastung für die ganze Redaktion ist und dann auch noch dreist auftritt, was wirklich selten vorkommt, ist das eine unerträgliche Mischung.“

Für Giovanni di Lorenzo gehören Aufstieg und Niederlage gleichermaßen sowohl zum privaten als auch zum beruflichen Leben dazu und bedingen einander – deshalb solle man die Niederlage gelassen einkalkulieren:

„Mich beunruhigt, dass wir in Deutschland eine Unfehlbarkeits-Erwartung entwickelt haben gegenüber jeglicher Ausprägung von Führung, die nicht nur völlig unrealistisch ist, sondern auch einem falschen Menschenbild aufsitzt.“

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