Was von den “SZ-Leaks” übrig bleibt (Hinweis: nicht viel)

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Während sich die Vorwürfe gegen die Süddeutsche Zeitung (“SZ-Leaks”) weitgehend in Luft auflösen, braut sich in Großbritannien beim Daily Telegraph ein handfester Skandal zusammen. Die Zeitung soll Berichterstattung über einen Bankenskandal unterdrückt haben, um diese Bank nicht als Anzeigenkunden zu verlieren. Im Wochenrückblick noch einmal ein paar Gedanken zu den beiden sehr bemerkenswerten Vorgängen.

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In dieser Woche sorgten die so genannten “SZ-Leaks” für einige Diskussionen. Nochmal im Schnelldurchlauf: Der taz-Redakteur und frühere SZ-Mitarbeiter Sebastian Heiser beschuldigte die Süddeutsche Zeitung in seinem privaten Blog, im Jahr 2007 auf Beilagen-Seiten Schleichwerbung für Steuerhinterziehung gemacht zu haben, Themen auf Beilagen-Seiten seien von der Anzeigenabteilung diktiert worden und er habe seine Artikel der Anzeigenabteilung zur Abnahme vorlegen müssen. Das ist starker Tobak. Auch wenn der Anlass für die Vorwürfe Jahre zurückliegt und Heiser seine Vorwürfe mit womöglich illegalen und auf jeden Fall moralisch fragwürdigen Mitteln, nämlich verdeckten Tonband-Aufnahmen von Gesprächen, dokumentiert. Zum Ende der Woche hier nochmal ein paar Gedanken zu dem Thema SZ-Leaks:

1. Die Vorwürfe

Schaut man sich die Vorwürfe genau an und hört sich um, so bleibt davon nicht viel übrig. Auf der Sonderthemenseite “Geldanlage im Ausland” aus dem Jahr 2007, der Heiser Schleichwerbung für Steuerhinterziehung unterstellt, findet sich auch bei genauem Hinsehen keine unsaubere Formulierung. Den Vorwurf der Schleichwerbung für Steuerhinterziehung muss man hier schon sehr weit hineininterpretieren. Dass Artikel der Beilagen-Redaktion von der Anzeigenabteilung abgenommen wurden, wird von mehreren ehemaligen SZ-Mitarbeitern, mit denen ich gesprochen habe, nicht bestätigt. Im Gegenteil: Wenn man sich umhört, heißt es unisono, dass auch die Beilagen-Redaktion der SZ sauber zwischen Redaktion und Anzeigenabteilung trenne.

2. Die Reaktionen auf “SZ-Leaks”

Es gab im wesentlichen zwei Arten von Reaktionen auf die vermeintlichen “Enthüllungen” von “SZ-Leaks”. Die Einen klatschten Applaus und glaubten die Vorwürfe sofort, bzw. argwöhnten noch viel schlimmere Verfehlungen bei der Süddeutschen im Speziellen und den Medien im Allgemeinen. Die anderen winkten ab und meinten, das sei doch kalter Kaffee. Das wisse doch jeder, dass das in Redaktionen mit Beilagen so läuft usw. Beide Reaktionen sind auf ihre Weise gefährlich. Vorwürfe dieser Art sofort unkritisch zu übernehmen und zu verallgemeinern, ist grundsätzlich nicht in Ordnung. Der vorliegende Fall zeigt ja, dass nicht unbedingt etwas dran sein muss. Doch auch die Abwinker befassen sich nicht wirklich mit dem Thema. Sie gehen auch automatisch davon aus, dass in Beilagen-Redaktionen die Interessen der Anzeigenkunden über denen der Redaktion (und damit der Leser) stehen, bezeichnen dies aber als “normal” und nicht weiter schlimm, weil: Weiß ja jeder. Wurde immer schon gemacht. Beide Sichtweisen sind, zu Ende gedacht, Gift für die Glaubwürdigkeit von Medien. Ganz nebenbei zeigt die Vielzahl der Leser-Reaktionen eben auch, dass zahlreiche Leser eben nicht wissen, was die Unterschiede zwischen „Advertorials“, „Beilagen und Sonderthemen“ und neumodischen Formaten wie „Native Advertising“ sind. All dies wird munter durcheinandergeworfen. Aufklärung von Seiten der Medien wäre dringend geboten, wird aber sträflich unterlassen.

3. Die Medien selbst

Die Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung reagierte mit einer Stellungnahme des Vize-Chefredakteurs Wolfgang Krach auf die Anschuldigungen. In der Stellungnahme wurden die Vorwürfe kategorisch zurückgewiesen. Außerdem behauptete Krach, Heiser habe während seiner Tätigkeit für die SZ weder die Ressortleitung, noch die Chefredaktion informiert. Heiser konterte dies mit einer weiteren verdeckten Tonaufnahme, die in diesem Punkt das Gegenteil bewies. Die moralische und rechtliche Bewertung der verdeckten Tonaufnahmen Heisers mal außen vor gelassen, war die Stellungnahme des SZ-Vizes, die in einem zentralen Punkt hart widerlegt werden konnte, nicht sonderlich geschickt. Eine Auseinandersetzung mit dem Thema in der SZ selbst fand nicht statt. Auch die meisten Medien jenseits der Mediendienste ignorierten die Geschichte. Dabei hätte es Medien durchaus gut tun können, hätten Sie die Vorwürfe Heisers – egal ob berechtigt oder nicht – zum Anlass genommen, über Richtlinien und Trennung von Anzeigen und Redaktion zu debattieren. Im Kern geht es nämlich darum, über Glaubwürdigkeit zu diskutieren aber diese Diskussion wird gescheut. Stattdessen wird zumeist geschwiegen oder es werden Aussagen geliefert, die sich – wie die des SZ-Vizes – teilweise als unwahr herausstellen. So leisten Medien ungewollt den “Lügenpresse”-Rufern Vorschub.

4. Das Thema ist ein Thema

Auch wenn an den “SZ Leaks” wenig bis gar nichts dran war – das Thema Glaubwürdigkeit und Medien ist immer noch hoch aktuell und sehr wichtig. Das zeigt der Blick über den Kanal nach Großbritannien. Zeitgleich mit den verpufften Vorwürfen gegen die SZ hat dort der politische Chef-Kommentator des Daily Telegraph, Peter Oborne, seinen Job hingeschmissen. Er begründet dies damit, dass die Zeitung konsequent Berichterstattung über einen Skandal bei der britischen Bank HSBC unterdrückt habe, weil die Bank als Anzeigenkunde gehalten werden sollte. Im Gegensatz zu den “SZ Leaks” verdichten sich in Großbritannien die Indizien, dass die Vorwürfe Obornes berechtigt sein könnten. Die Telegraph-Gruppe reagierte katastrophal mit einer Stellungnahme, die sich gegen Ende darin ergeht, vor allem Konkurrenz-Medien (den Guardian, die BBC, die Times) für ihre Berichterstattung und bloße Existenz zu beschimpfen. Konsequenter kann man das Rest-Vertrauen in die Medien nicht zu Grunde richten.

5. Was bleibt?

Im Fall der “SZ Leaks” vermutlich nicht viel bis gar nichts. Leider. Zwischen konkreten Vorwürfen gegen die SZ, die sich weitgehend als haltlos erwiesen und offenbar echten Skandalen (Telegraph) gibt es eine Fülle an Fällen, in denen auf die eine oder andere Weise Anzeigen und Redaktion miteinander in Konflikt geraten. Das ist tatsächlich Alltag, jeder Medienschaffende kennt garantiert genügend Beispiele. Hätten die Medien auf breiterer Front die Vorwürfe von “SZ Leaks” aufgegriffen und diskutiert, vielleicht hätte das einen reinigenden Effekt haben können. Denn es ist ja schließlich so, dass ganz am Ende auch und gerade Anzeigenkunden nichts davon haben, die Glaubwürdigkeit der Medien zu untergraben. Im gegenteil: Je weniger glaubwürdig ein Medium ist, desto weniger effektiv ist nämlich die darin geschaltete Werbung. Das scheinen einige Leute vergessen zu haben. Und zwar sowohl in den Anzeigenabteilungen als auch in den Redaktionen.

Und auch zu diesem Thema gab’s was auf Twitter:

Ein sorgenfreies Wochenende!

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Alle Kommentare

  1. Also ich finde nach wie vor nicht, dass von Heisers Vorwürfen an die SZ „nichts“ bleibt. Die Qualität der Geschichte ist doch gar nicht berührt davon, dass angeblich alle wissen, wie das so läuft. Es hat mal jemand für die Leser aufgeschrieben und sehr umfassen dokumentiert – Punkt. Alle, die anders argumentieren, wollen das Thema nur schnell wieder vergessen, um in ihrer vermeintlich heilen Welt weiter Geschäfte machen zu können oder sich nicht mit der Glaubwürdigkeit ihrer Zeitung herumschlagen zu müssen.
    Wie Heiser vor dem Hintergrund der neuen Entwicklungen (taz) als Person insgesamt zu sehen ist, wird sich zeigen. Schade, dass jetzt schon absehbar ist, dass die ganzen SZ- und NDR-Menschen (Reschke und Co.) nun über ihn herfallen werden, auf so etwas haben die nur gewartet. Und wieder hat niemand auch nur etwas gelernt. Beschämend.

  2. Lieber Herr Winterbauer,

    gestatten Sie mir eine Frage. Sie schreiben: „Hätten die Medien auf breiterer Front die Vorwürfe von ‚SZ Leaks‘ aufgegriffen und diskutiert, vielleicht hätte das einen reinigenden Effekt haben können.“ Wie meinen Sie das?
    Ich finde den Gedanken etwas überraschend, schließlich hatten Sie zuvor noch geschrieben, dass an den Vorwürfen „wenig bis gar nichts dran“ war.
    Hätten also „die Medien auf breiterer Front die Vorwürfe von ‚SZ Leaks‘ aufgegriffen und diskutiert“, hätten sie damit doch offenbar falsche Vorwürfe künstlich aufgebauscht. Das kann’s ja wohl auch nicht sein, oder? Schließlich bleibt von solchen Vorwürfen immer irgendetwas hängen, ganz gleich, was dahintersteckt. Siehe der Kommentar von heute um 16:07 (auch wenn sich dieser Nutzer offenbar nicht die Mühe gemacht hat Ihren Text zu lesen).

    In meinen Augen sollte sich da übrigens auch Meedia einmal an der eigenen Nase fassen. Sie haben zwar immerhin, anders als Heiser, von der ersten Veröffentlichung an die Gegenseite gehört. Das ist zwar eigentlich normaler journalistischer Standard, aber offenbar ist es der Rede wert, wenn sich selbst ein Heiser zu fein dafür ist, der doch das angebliche Nichteinhalten ebensolcher Standards beklagt. Sei’s drum.
    Mit dem Begriff „SZ-Leaks“ aber haben Sie von Anfang an den Eindruck erweckt, als sei an den Vorwürfen etwas dran, als gäbe es eine tatsächliche Enthüllung. Und Sie haben auch die Schleichwerbe-Vorwürfe erst einmal wiederholt (natürlich formal korrekt) zitiert, bevor Sie den Vorwurf am inkriminierten Text selbst überprüft haben. Mit dem Ergebnis, dass von den Vorwürfen wenig übrig bleibt.
    Nun, das alles können, das dürfen Sie natürlich machen. Aber, mal ehrlich: Hatte das wirklich einen „reinigenden Effekt“?
    Ich glaube: Nein.

    Natürlich haben Sie Recht, dass sich Medien dem Problem stellen sollten, dass ihre Glaubwürdigkeit aus verschiedenen Gründen Angriffen ausgesetzt ist. Seien es tatsächliche Fehler in der Berichterstattung, seien es ressentimentgeladene Kampagnen der Marke „Lügenpresse“, die vom politischen Rand aus betrieben wurden und werden. Aber das kann doch nicht auf die Weise geschehen, dass Vorwürfe erst einmal hochgejazzt werden, die man dann kleinlaut wieder unter den Tisch fallen lassen muss.

    Aber womöglich verstehe ich Sie falsch.
    Ich würde mich über eine Antwort sehr freuen.
    Und entschuldigen Sie bitte, dass ich meinen Namen abkürze, ich hinterlasse einfach ungern Spuren im Internet.
    Beste Grüße!
    Bernd W.

  3. Lieber Herr Winterbauer,

    ich hatte diesen Beitrag eben schon einmal abgeschickt, aber ich befürchte, die Übermittlung hat nicht geklappt. Verzeihen bzw. löschen Sie bitte ggf. den Doppelpost.

    Gestatten Sie mir eine Frage. Sie schreiben: „Hätten die Medien auf breiterer Front die Vorwürfe von ‚SZ Leaks‘ aufgegriffen und diskutiert, vielleicht hätte das einen reinigenden Effekt haben können.“ Wie meinen Sie das?
    Ich finde den Gedanken etwas überraschend, schließlich hatten Sie zuvor noch geschrieben, dass an den Vorwürfen „wenig bis gar nichts dran“ war.
    Hätten also „die Medien auf breiterer Front die Vorwürfe von ‚SZ Leaks‘ aufgegriffen und diskutiert“, hätten sie damit doch offenbar falsche Vorwürfe künstlich aufgebauscht. Das kann’s ja wohl auch nicht sein, oder? Schließlich bleibt von solchen Vorwürfen immer irgendetwas hängen, ganz gleich, was dahintersteckt. Siehe der Kommentar von heute um 16:07 (auch wenn sich dieser Nutzer offenbar nicht die Mühe gemacht hat Ihren Text zu lesen).

    In meinen Augen sollte sich da übrigens auch Meedia einmal an der eigenen Nase fassen. Sie haben zwar immerhin, anders als Heiser, von der ersten Veröffentlichung an die Gegenseite gehört. Das ist zwar eigentlich normaler journalistischer Standard, aber offenbar ist es der Rede wert, wenn sich selbst ein Heiser zu fein dafür ist, der doch das angebliche Nichteinhalten ebensolcher Standards beklagt. Sei’s drum.
    Mit dem Begriff „SZ-Leaks“ aber haben Sie von Anfang an den Eindruck erweckt, als sei an den Vorwürfen etwas dran, als gäbe es eine tatsächliche Enthüllung. Und Sie haben auch die Schleichwerbe-Vorwürfe erst einmal wiederholt (natürlich formal korrekt) zitiert, bevor Sie den Vorwurf am inkriminierten Text selbst überprüft haben. Mit dem Ergebnis, dass von den Vorwürfen wenig übrig bleibt.
    Nun, das alles können, das dürfen Sie natürlich machen. Aber, mal ehrlich: Hatte das wirklich einen „reinigenden Effekt“?
    Ich glaube: Nein.

    Natürlich haben Sie Recht, dass sich Medien dem Problem stellen sollten, dass ihre Glaubwürdigkeit aus verschiedenen Gründen Angriffen ausgesetzt ist. Seien es tatsächliche Fehler in der Berichterstattung, seien es ressentimentgeladene Kampagnen der Marke „Lügenpresse“, die vom politischen Rand aus betrieben wurden und werden. Aber das kann doch nicht auf die Weise geschehen, dass Vorwürfe erst einmal hochgejazzt werden, die man dann kleinlaut wieder unter den Tisch fallen lassen muss.

    Aber womöglich verstehe ich Sie falsch.
    Ich würde mich über eine Antwort sehr freuen.
    Und entschuldigen Sie bitte, dass ich meinen Namen abkürze, ich hinterlasse einfach ungern Spuren im Internet.

    Beste Grüße!
    Bernd W.

  4. Ein Aspekt, der mir zu kurz kommt in dieser Diskussion: die persönliche Verantwortung des Verfassers eines Textes bzw. des Redakteurs.

    Ich erinnere mich an viele Situationen in den vergangenen 20 Jahren meines Berufslebens in Redaktionen, in denen ich nicht im Einklang mit der Linie des CR/Anzeigenleiters/Verlags war – und doch gab es immer einen Weg, der für alle tragbar war. Das erfordert aber, seine Bedenken anzumelden, bevor das Kind in den Brunnen fällt. Ich habe keinen Vorgesetzen erlebt, der sachliche Einwände achtlos beiseite geschoben hätte. Teilweise bedeuteten die gefundenen Lösungen sogar eine erhebliche Zumutung für den eigenen Verlag – egal ob Verlagsgruppe Handelsblatt, G+J oder ASV.

    Insofern kann ich Heisers Bauchschmerzen nachvollziehen, hätte aber von ihm (trotz damals zarter 27 Jahre) erwartet, seine Bedenken in dem Moment nachdrücklich anzumelden. Sie acht Jahre später aufzuwärem – wem dient das?

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