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Schweiger, Thomalla, Lanz, Naina & Co: Woher kommt der Twitter-Hass?

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Die Auseinandersetzung zwischen Til Schweiger und Spiegel Online über Twitter-Kommentare zum "Tatort" wirft die Frage auf, ob das Sammeln von Tweets eine journalistische Leistung ist und Twitter überhaupt eine Publikumsmeinung repräsentieren kann. Von Meinungsvielfalt auf Twitter kann jedoch kaum die Rede sein, denn hier regieren allzu oft Hass und Häme. Woher kommt's?

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Am Montag pöbelte Til Schweiger gegen Spiegel Online, genauer gesagt gegen die Zusammenstellung der Tweets zum Leipziger „Tatort“. Die Kommentare kämen von „irgendwelchen Spackos“ und Berichterstattungen wie diese seien ein Zeichen für mangelnde Qualität bei SpOn. Christian Buß reagierte im Namen der Redaktion mit einer Replik, verteidigte die Arbeit der Journalisten und bezeichnete das Zusammenstellen von Tweets als „journalistische Pflicht“. Schweiger bedankte sich für den Brief daraufhin übertrieben überschwänglich und ironisch bei Facebook.

Herrschen jetzt Friede, Freude, Eierkuchen? Vermutlich nicht.

Twittritiken als digitale Straßenumfragen

Es ist unterhaltsam, bei SpOn oder Zeit Online eine Zusammenstellung von Tweets zum vergangenen „Tatort“ zu lesen und herauszufinden, ob man die selbe Meinung hatte, wo man widersprechen würde und ob man an der selben Stelle gelacht hat. Doch präsentiert diese Sammlung von Einzelmeinungen DIE „Tatort“-Zuschauer? Sicherlich nicht. Die „Twittritiken“, wie Zeit Online sie nennt, haben aber dennoch einen journalistischen Wert und sind vergleichbar mit Straßenumfragen: nicht repräsentativ, manchmal interessant, meistens lustig.

„Twitter wird (…) als Indikator für Modernität massenmedial inszeniert und der Zuschauer oder Leser ermuntert, mitzumachen: Mit Tweets zur Weltmeisterschaft, zu TV-Sendungen wie Kochprofis und besonders zu politischen Themen. Auf Twitter wird das Ideal der Meinungsfreiheit in seiner digitalen Variante verwirklicht, so die Idee“, sagen Mathias König und Wolfgang König vom Insitut für Kommunikationspsychologie und Medienpädagogik der Universität Koblenz-Landau. Doch die Realität sähe anders aus: So sei beim „Tatort“ auf den ersten Blick richtig viel los, am 23. November schauten zum Beispiel 10,4 Millionen Menschen den Tatort. Aber nur ca. 3.000 Personen twitterten mit, so die beiden Wissenschaftler. Dies seien nicht mal 0,3 Promille der Zuschauer. Es gelte, „die Naivitätsbrille abzusetzen und den Informations-, Beteiligungs- und Mitmachmythos als Illusion der Medienmacher zu enttarnen“, betonen sie. Denn Twitter sei nach wie vor eine Plattform für Profis und nicht für den „Normalbürger“.

Wer feuert den sarkastischsten Tweet ab?
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Meinungsvielfalt ist also nicht garantiert. Nicht nur, weil sich in Deutschland vor allem die Medienbranche auf Twitter tummelt, sondern auch, weil positive Bemerkungen oder gar Lob in der Minderheit sind. Es gehört scheinbar zum guten Twitter-Ton, den sarkastischsten Tweet zum „Tatort“ oder zu Markus Lanz abzufeuern. Es hat sich ein regelrechter Wettkampf um den gehässigsten Kommentar entwickelt. Vor allem Fernsehsendungen und journalistische Inhalte werden attackiert, jeder Fehler gnadenlos dargestellt. Natürlich hat dies viele Vorteile: Kritik an Beiträgen kann sofort und unabhängig von Zeit und Raum geäußert werden und im Idealfall entsteht ein offener und konstruktiver Dialog. Doch oft geht es um die reine Bloßstellung, um Besserwisserei, um den Angriff. Häme bringt Applaus und Retweets.

Woher kommt der Hass? Zum einen sind auf Twitter viele Leute unterwegs, die es gewohnt sind, ihre Meinung zu äußern – und gut darin sind. Sie verpacken die Häme teilweise witzig, dass selbst persönliche Beleidigungen auf den ersten Blick unterhaltend wirken. Und die lustigsten/gemeinsten Kommentare werden retweetet und favorisiert: ein Ansporn weiterzumachen. Doch auch Menschen, die nicht in der Medienbranche arbeiten, toben sich bei Twitter aus und zwar zum Teil mit so heftiger Häme, dass die 17-jährige Naina, die mit ihrem Tweet zum Bildungssystem für Furore sorgte, Twitter kurzerhand mit den Worten „Ihr widert mich an“ den Rücken kehrte:

Der Hass scheint sich regelrecht zu verselbstständigen: Während bei Instagram oder Pinterest Lob und Komplimente dominieren, regieren bei Twitter negative Gefühle. Es gibt hier keine Klarnamenpflicht und gleichzeitig verschwinden die Tweets gefühlt nach wenigen Sekunden aus der Timeline – dies könnte vor allem für viele jüngere Nutzer der Grund sein, schneller und unüberlegter zu pöbeln.

In Deutschland wird Twitter noch nicht von der breiten Masse genutzt, in Amerika ist der Microblogging-Dienst deutlich verbreiteter – und das Problem der persönlichen Beleidigungen und der negativen Stimmung noch größer. Twitter-CEO Dick Costello betonte vor wenigen Wochen, er sei beschämt wegen der vielen Angriffe und werde bald härtere Maßnahmen im Umgang mit Trollen einführen. Man darf gespannt sein.

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Alle Kommentare

  1. Es ist auch etwas einseitig berichtet, wenn man nur die „Hass“-Tweets auf Twitter betrachtet. Mir ist auch schon oft genug lobende Tweets über Fernsehsendungen begegnet.
    Es scheint aber mitlerweile ein Sonntagabendunterhaltungsprogramm zu sein, Tatort einzuschalten und bei Twitter ordentlich drüber abzulästern.
    Wenn man sich ansieht über welche Sendungen noch abgelästert wird, z.B. DSDS, Bauer sucht Frau usw. usw. kann man schon den Eindruck bekommen, daß Sendungen, über die mehr mit hemme getwittert wird, qualitativ nicht so sehenswert sind.
    Ich persönlich höre lieber gute Musik als den Mist zu lesen und/oder den Fernseher einzuschalten.
    Mein Meinung, warum Medien die Lästertweets berichtenswert finden behalte ich lieber für mich.

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