SZ-Leaks: Süddeutsche weist Vorwurf der Schleichwerbung zurück

SZ-Vize Wolfgang Krach (r.) weist die Vorwürfe von Sebastian Heiser zurück
SZ-Vize Wolfgang Krach (r.) weist die Vorwürfe von Sebastian Heiser zurück

Publishing Der taz-Redakteur und frühere Mitarbeiter der Süddeutschen Zeitung, Sebastian Heiser, hat auf seinem privaten Blog enthüllt, wie das Sonderthemen-Ressort der SZ 2007 konsequent Werbung und Redaktion vermischt habe. Gegenüber MEEDIA weist Wolfgang Krach, stellvertretender Chefredakteur der SZ die Vorwürfe zurück.

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Sebastian Heiser hat 2007 für zehn Wochen im Ressort Sonderthemen der Süddeutschen Zeitung gearbeitet. Während dieser Zeit erlebte er nach eigener Schilderung, wie Anzeigenkunden die Berichterstattung beeinflussen, wie kritische Passagen aus Texten entfernt wurden und wie indirekte Anleitungen zur Steuerhinterziehung geplant und veröffentlicht wurden. Seine Erlebnisse dokumentierte er teilweise mit verdeckten Tonband-Aufnahmen von Gesprächen. Diese Woche machte Heiser dies alles unter dem Schlagwort SZ-Leaks öffentlich. Als Grund für die Veröffentlichung gibt er die Diskrepanz zwischen den Enthüllungen der SZ in Sachen Steuerhinterziehung (Offshore-Leaks, Swiss-Leaks) und den Vorgängen im Sonderthemen-Ressort an.

Gegenüber MEEDIA äußerte sich Wolfgang  Krach, stellvertretender Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung zu den Vorwürfen und wies diese zurück:

In seinem Blog-Eintrag behauptet Sebastian Heiser, die Süddeutsche Zeitung habe im Jahr 2007 redaktionelle „Schleichwerbung für Steuerhinterziehung“ betrieben. Dies trifft nicht zu. Die Süddeutsche Zeitung hat auf einer Sonderseite zum Thema „Geldanlage im Ausland“, die am 30. Mai 2007 erschienen ist, darüber berichtet, dass nach Schätzungen der Deutschen Steuer-Gewerkschaft „deutsche Anleger im Ausland circa 350 Milliarden Euro aus unversteuerten Einnahmen angelegt haben“. „Auch die Erträge, die diese Investments abwerfen, werden oftmals dem Finanzamt vorenthalten.“ In dem Artikel mit der Überschrift „Grenzenlose Rechnung“ wird dann dargelegt, dass es neben dieser illegalen Form der Geldanlage im Ausland auch legale Anlage-Möglichkeiten gibt. Diese legalen Möglichkeiten werden in dem Text erläutert – verbunden mit dem Hinweis, dass ein Teil dieser Anlagen „erheblichen Verlustrisiken“ unterlägen. Zudem wird darauf verwiesen, dass bei den legalen Anlage-Formen im Ausland stets Steuern fällig werden, die jedoch zum Teile geringer ausfallen können als in Deutschland. Die Behauptung, der Texte betreibe „Schleichwerbung für Steuerhinterziehung“ oder „unverhohlene Werbung für Steuerhinterziehung“, ist aus Sicht der Redaktion nicht nachvollziehbar.

Auch Heisers Aussage, er habe in einem Fall Artikel einer Sonderveröffentlichung der Anzeigenabteilung zur Abnahme vorlegen müssen, weist Krach zurück: „Auch diese Behauptung ist falsch. Die Anzeigenabteilung der SZ nimmt keine Texte der Redaktion ab. Diese werden ausschließlich von der Leitung des Beilagen-Ressorts abgenommen.“ Des weiteren moniert der SZ-Vize, dass Heiser die Redaktion der SZ nicht vor der Veröffentlichung seiner Vorwürfe konfrontiert habe:  „Über angebliche Verstöße gegen journalistische Grundsätze hat er weder während seiner Tätigkeit für die SZ noch vor der Veröffentlichung seiner Vorwürfe die damalige Ressortleitung oder die Chefredaktion informiert. Auch hat er vor der jüngsten Veröffentlichung die Chefredaktion der SZ nicht mit seinen Anschuldigungen konfrontiert.“

Heisers Veröffentlichung sorgte in Kommentaren und in sozialen Medien für eine heftige Diskussion. Viele Kommentatoren sind der Auffassung, dass die beschriebenen Zustände in zahlreichen Medienhäusern herrschen. Andere bezeichnen solche Vorgänge als „normal“ für die Medienbranche und stellen sich auf den Standpunkt, Leser könnten zwischen „gekauften“ Beilagen-Veröffentlichungen und „echtem“ Journalismus entscheiden. Diese Unterscheidung lassen die Medienhäuser selbst aber nicht gelten.

MEEDIA versuchte von der Geschäftsführung der Süddeutschen Zeitung eine Stellungnahme zu den Vorwürfen Heisers zu bekommen, geantwortet hat eine Sprecherin der Südwestdeutschen Medienholding, der Muttergesellschaft des Süddeutschen Verlags, in dem die SZ erscheint. Die Sprecherin sagte u.a.:

Für die Beilagen-Redaktion gelten dieselben journalistischen Grundsätze wie für die übrigen Ressorts der Süddeutschen Zeitung – die einer unabhängigen, wahrheitsgemäßen, genauen und sorgfältigen Berichterstattung.

SZ-Gerichtsreporterin Annette Ramelsberger kommentierte auf Twitter:

Für die Vertreterin einer Zeitung, die sonst gerne als Hüterin des Qualitätsjournalismus wahrgenommen wird, eine etwas schräge Sicht. sueddeutsche.de-Chef Stefan Plöchinger sagte auf Twitter, man wolle Fehler zuerst intern klären:

Anja Reschke, Moderatorin der NDR-Sendung „Panorama“, meldete sich auf Twitter zu Wort. Der NDR betreibt gemeinsam mit dem WDR und der SZ einen Rechercheverbund, in dem der frühere Spiegel-Chefredakteur Georg Mascolo eine maßgebliche Rolle spielt. Auch Recherchen zu prominenten Steuerhinterziehern entsprangen gemeinsamen Recherchen von NDR und SZ. Anja Reschke wunderte sich nun auf Twitter, warum Heiser so lange brauchte, bis er seine Enthüllungen über den NDR-Partner Süddeutsche Zeitung präsentiert:

Heisers Antwort: Weil er das Thema bereits 2009 Anja Reschke und NDR-„Panorama“ angeboten hat, die aber kein Interesse daran hatte. Heiser belegt dies mit einem neuen Blog-Post, in dem er den Mailverkehr zwischen sich und Reschke öffentlich macht. Reschke schrieb damals an Heiser:

Ja, das Thema PR und Journalismus ist ein Dauerbrenner. Für Panorama sehe ich das nicht, eher für Zapp.

Allerdings hat die Zapp-Redaktion schon wirklich viele Beiträge dazu gemacht. Ich habe aber Deine Mail trotzdem mal an ein paar Kollegen aus der Zapp Redaktion weitergeleitet, die sich damit schon beschäftigt hatten. Wundere Dich also nicht, wenn sich jemand von denen bei Dir meldet.

Dem NDR-Medienmagazin Zapp habe er das Thema auch schon angeboten, die hätten aber bereits abgelehnt, antwortete Heiser. Heiser recherchierte später für seinen Arbeitgeber taz zum Thema Schleichwerbung – allerdings ohne den Aspekt Sonderthemen bei der SZ – und diese Recherche schaffte es über den Umweg taz dann doch zu Zapp:

Reschke kritisierte auch das verdeckte Mitschneiden von Kollegengesprächen:

Tatsächlich ist es so, dass das verdeckte Anfertigen von Tonaufnahmen grundsätzlich verboten ist. Darum macht der NDR auch bei verdeckten Recherchen lediglich Filmaufnahmen und lässt Dialoge nach Gedächtnisprotokollen nachsprechen. (Anmerkung: In einer früheren Version wurde der Eindruck erweckt, verdeckte Recherchen des NDR seien in etwa mit verdeckten Tonaufnahmen, wie sie Sebastian Heiser angefertigt hat, vergleichbar. Dies ist aber in der Tat nicht der Fall)

Heiser selbst thematisiert die Problematik der verdeckten Tonaufnahmen in seinem ersten Beitrag und verweist auf den Paragrafen 201 des Strafgesetzbuchs. Demnach ist das Anfertigen und Veröffentlichen von verdeckten Tonaufnahmen nicht rechtswidrig, „wenn die öffentliche Mitteilung zur Wahrnehmung überragender öffentlicher Interessen gemacht wird.“ Das öffentliche Interesse bestünde in diesem Fall in der Information der Öffentlichkeit über unlautere Praktiken im Journalismus.

Für die Medienbranche ist die Diskussion um „SZ-Leaks“ nicht ungefährlich. In der Tat wäre es naiv zu glauben, dass die beschriebenen Praktiken Einzelfälle der SZ-Sonderthemen-Redaktion waren. Bei der Süddeutschen Zeitung ist das Gefälle zwischen Qualitäts-Anspruch und Vermarktungs-Wirklichkeit nur womöglich besonders hoch. Bislang wurde über solche Praktiken der Vermarktung nur schlicht nicht gesprochen. Das scheint sich jetzt zu ändern aber was folgt daraus? Die Verlage werden ungern auf Anzeigen-Erlöse aus Sonder-Veröffentlichungen verzichten. Gleichzeitig (v)erklären sie ihre Medien zu den Hütern des Wahren, Schönen und Guten. Beides passt nicht zusammen.

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Alle Kommentare

  1. Dem Jungen Hasen ist Recht zu geben. Wir befinden uns bereits in einer de-facto-Synchronisation von redaktionellem und werblichen Teil der Medienbranche, die ein zu großes Bedrohungspotential für die Erfüllung der öffentlichen Aufgabe durch die Nachrichtenmedien darstellt, um sie unerklärt zu lassen.

    Der wissenschaftliche Nachweis anhand des Spiegels und Focus gelang der TU Dresden: https://tu-dresden.de/die_tu_dresden/fakultaeten/philosophische_fakultaet/ikw/news/2014/12_Synchronisation_Nachricht_Werbung

    Mich wundert nur, dass der Spiegel Herrn Heiser mit seinem vorgeblichen Anliegen zurückgewiesen hat. Haben die den Braten gerochen?

    Der redaktionelle Teil ist außerdem von weiteren Interessengruppen beeinflusst, wie Max Uthoff in der Satiresendung „Die Anstalt“ dargelegt hat. Die getretenen Hunde der „Zeit“ & Co haben auch kräftig aufgejault. Aber warum sind auch Chefredakteure in transatlantischen Organisationen vertreten und legen u.a. die Neuausrichtung der Militärstrategie der Bundesrepublik fest, um anschließend wohlwollend darüber zu berichten?

    Wenn wir diese Machenschaften nicht bloslegen und sanktionieren, dann sind wir alle nur noch gerupfte Hasen, egal ob jung oder alt!

  2. Wenn man wie Panorama stets mit dem Finger auf andere Leute zeigt, merkt nicht mehr, dass sich drei Fingen auf ihn selbst ihn richten.

  3. Eigentlich genügt lediglich ein gutes Auge und ein bisschen Verstand, um diese „Medienprodukte“ als unglaubwürdig zu entlarven.

    Während der WDR gestern den gesamten Vormittag in Deutschland vor „Schneewetter in den USA“ gewarnt hat, erdreisten sich die „Nachrichten“ auf allen Kanälen stumpfe Wertungen und Meinungen als „Nachricht“ zu publizieren.

    Medienmacher erliegen oft der Beinflussung unterschiedlicher Interessen, insbesondere den Eigenen. Leider scheint es so, dass die „Medien“ jedes Bewußtsein für eine neutrale Berichterstattung verloren haben.

    Ich persönliche rate jeden davon ab überhaupt etwas aus ein Medienprodukt wie ein Presseerzeugnis zu glauben.

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