SZ-Leaks: Süddeutsche weist Vorwurf der Schleichwerbung zurück

SZ-Vize Wolfgang Krach (r.) weist die Vorwürfe von Sebastian Heiser zurück
SZ-Vize Wolfgang Krach (r.) weist die Vorwürfe von Sebastian Heiser zurück

Publishing Der taz-Redakteur und frühere Mitarbeiter der Süddeutschen Zeitung, Sebastian Heiser, hat auf seinem privaten Blog enthüllt, wie das Sonderthemen-Ressort der SZ 2007 konsequent Werbung und Redaktion vermischt habe. Gegenüber MEEDIA weist Wolfgang Krach, stellvertretender Chefredakteur der SZ die Vorwürfe zurück.

Werbeanzeige

Sebastian Heiser hat 2007 für zehn Wochen im Ressort Sonderthemen der Süddeutschen Zeitung gearbeitet. Während dieser Zeit erlebte er nach eigener Schilderung, wie Anzeigenkunden die Berichterstattung beeinflussen, wie kritische Passagen aus Texten entfernt wurden und wie indirekte Anleitungen zur Steuerhinterziehung geplant und veröffentlicht wurden. Seine Erlebnisse dokumentierte er teilweise mit verdeckten Tonband-Aufnahmen von Gesprächen. Diese Woche machte Heiser dies alles unter dem Schlagwort SZ-Leaks öffentlich. Als Grund für die Veröffentlichung gibt er die Diskrepanz zwischen den Enthüllungen der SZ in Sachen Steuerhinterziehung (Offshore-Leaks, Swiss-Leaks) und den Vorgängen im Sonderthemen-Ressort an.

Gegenüber MEEDIA äußerte sich Wolfgang  Krach, stellvertretender Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung zu den Vorwürfen und wies diese zurück:

In seinem Blog-Eintrag behauptet Sebastian Heiser, die Süddeutsche Zeitung habe im Jahr 2007 redaktionelle „Schleichwerbung für Steuerhinterziehung“ betrieben. Dies trifft nicht zu. Die Süddeutsche Zeitung hat auf einer Sonderseite zum Thema „Geldanlage im Ausland“, die am 30. Mai 2007 erschienen ist, darüber berichtet, dass nach Schätzungen der Deutschen Steuer-Gewerkschaft „deutsche Anleger im Ausland circa 350 Milliarden Euro aus unversteuerten Einnahmen angelegt haben“. „Auch die Erträge, die diese Investments abwerfen, werden oftmals dem Finanzamt vorenthalten.“ In dem Artikel mit der Überschrift „Grenzenlose Rechnung“ wird dann dargelegt, dass es neben dieser illegalen Form der Geldanlage im Ausland auch legale Anlage-Möglichkeiten gibt. Diese legalen Möglichkeiten werden in dem Text erläutert – verbunden mit dem Hinweis, dass ein Teil dieser Anlagen „erheblichen Verlustrisiken“ unterlägen. Zudem wird darauf verwiesen, dass bei den legalen Anlage-Formen im Ausland stets Steuern fällig werden, die jedoch zum Teile geringer ausfallen können als in Deutschland. Die Behauptung, der Texte betreibe „Schleichwerbung für Steuerhinterziehung“ oder „unverhohlene Werbung für Steuerhinterziehung“, ist aus Sicht der Redaktion nicht nachvollziehbar.

Auch Heisers Aussage, er habe in einem Fall Artikel einer Sonderveröffentlichung der Anzeigenabteilung zur Abnahme vorlegen müssen, weist Krach zurück: „Auch diese Behauptung ist falsch. Die Anzeigenabteilung der SZ nimmt keine Texte der Redaktion ab. Diese werden ausschließlich von der Leitung des Beilagen-Ressorts abgenommen.“ Des weiteren moniert der SZ-Vize, dass Heiser die Redaktion der SZ nicht vor der Veröffentlichung seiner Vorwürfe konfrontiert habe:  „Über angebliche Verstöße gegen journalistische Grundsätze hat er weder während seiner Tätigkeit für die SZ noch vor der Veröffentlichung seiner Vorwürfe die damalige Ressortleitung oder die Chefredaktion informiert. Auch hat er vor der jüngsten Veröffentlichung die Chefredaktion der SZ nicht mit seinen Anschuldigungen konfrontiert.“

Heisers Veröffentlichung sorgte in Kommentaren und in sozialen Medien für eine heftige Diskussion. Viele Kommentatoren sind der Auffassung, dass die beschriebenen Zustände in zahlreichen Medienhäusern herrschen. Andere bezeichnen solche Vorgänge als „normal“ für die Medienbranche und stellen sich auf den Standpunkt, Leser könnten zwischen „gekauften“ Beilagen-Veröffentlichungen und „echtem“ Journalismus entscheiden. Diese Unterscheidung lassen die Medienhäuser selbst aber nicht gelten.

MEEDIA versuchte von der Geschäftsführung der Süddeutschen Zeitung eine Stellungnahme zu den Vorwürfen Heisers zu bekommen, geantwortet hat eine Sprecherin der Südwestdeutschen Medienholding, der Muttergesellschaft des Süddeutschen Verlags, in dem die SZ erscheint. Die Sprecherin sagte u.a.:

Für die Beilagen-Redaktion gelten dieselben journalistischen Grundsätze wie für die übrigen Ressorts der Süddeutschen Zeitung – die einer unabhängigen, wahrheitsgemäßen, genauen und sorgfältigen Berichterstattung.

SZ-Gerichtsreporterin Annette Ramelsberger kommentierte auf Twitter:

Für die Vertreterin einer Zeitung, die sonst gerne als Hüterin des Qualitätsjournalismus wahrgenommen wird, eine etwas schräge Sicht. sueddeutsche.de-Chef Stefan Plöchinger sagte auf Twitter, man wolle Fehler zuerst intern klären:

Anja Reschke, Moderatorin der NDR-Sendung „Panorama“, meldete sich auf Twitter zu Wort. Der NDR betreibt gemeinsam mit dem WDR und der SZ einen Rechercheverbund, in dem der frühere Spiegel-Chefredakteur Georg Mascolo eine maßgebliche Rolle spielt. Auch Recherchen zu prominenten Steuerhinterziehern entsprangen gemeinsamen Recherchen von NDR und SZ. Anja Reschke wunderte sich nun auf Twitter, warum Heiser so lange brauchte, bis er seine Enthüllungen über den NDR-Partner Süddeutsche Zeitung präsentiert:

Heisers Antwort: Weil er das Thema bereits 2009 Anja Reschke und NDR-„Panorama“ angeboten hat, die aber kein Interesse daran hatte. Heiser belegt dies mit einem neuen Blog-Post, in dem er den Mailverkehr zwischen sich und Reschke öffentlich macht. Reschke schrieb damals an Heiser:

Ja, das Thema PR und Journalismus ist ein Dauerbrenner. Für Panorama sehe ich das nicht, eher für Zapp.

Allerdings hat die Zapp-Redaktion schon wirklich viele Beiträge dazu gemacht. Ich habe aber Deine Mail trotzdem mal an ein paar Kollegen aus der Zapp Redaktion weitergeleitet, die sich damit schon beschäftigt hatten. Wundere Dich also nicht, wenn sich jemand von denen bei Dir meldet.

Dem NDR-Medienmagazin Zapp habe er das Thema auch schon angeboten, die hätten aber bereits abgelehnt, antwortete Heiser. Heiser recherchierte später für seinen Arbeitgeber taz zum Thema Schleichwerbung – allerdings ohne den Aspekt Sonderthemen bei der SZ – und diese Recherche schaffte es über den Umweg taz dann doch zu Zapp:

Reschke kritisierte auch das verdeckte Mitschneiden von Kollegengesprächen:

Tatsächlich ist es so, dass das verdeckte Anfertigen von Tonaufnahmen grundsätzlich verboten ist. Darum macht der NDR auch bei verdeckten Recherchen lediglich Filmaufnahmen und lässt Dialoge nach Gedächtnisprotokollen nachsprechen. (Anmerkung: In einer früheren Version wurde der Eindruck erweckt, verdeckte Recherchen des NDR seien in etwa mit verdeckten Tonaufnahmen, wie sie Sebastian Heiser angefertigt hat, vergleichbar. Dies ist aber in der Tat nicht der Fall)

Heiser selbst thematisiert die Problematik der verdeckten Tonaufnahmen in seinem ersten Beitrag und verweist auf den Paragrafen 201 des Strafgesetzbuchs. Demnach ist das Anfertigen und Veröffentlichen von verdeckten Tonaufnahmen nicht rechtswidrig, „wenn die öffentliche Mitteilung zur Wahrnehmung überragender öffentlicher Interessen gemacht wird.“ Das öffentliche Interesse bestünde in diesem Fall in der Information der Öffentlichkeit über unlautere Praktiken im Journalismus.

Für die Medienbranche ist die Diskussion um „SZ-Leaks“ nicht ungefährlich. In der Tat wäre es naiv zu glauben, dass die beschriebenen Praktiken Einzelfälle der SZ-Sonderthemen-Redaktion waren. Bei der Süddeutschen Zeitung ist das Gefälle zwischen Qualitäts-Anspruch und Vermarktungs-Wirklichkeit nur womöglich besonders hoch. Bislang wurde über solche Praktiken der Vermarktung nur schlicht nicht gesprochen. Das scheint sich jetzt zu ändern aber was folgt daraus? Die Verlage werden ungern auf Anzeigen-Erlöse aus Sonder-Veröffentlichungen verzichten. Gleichzeitig (v)erklären sie ihre Medien zu den Hütern des Wahren, Schönen und Guten. Beides passt nicht zusammen.

Werbeanzeige

Mehr zum Thema

Alle Kommentare

  1. Wann gibts endlich son schmissigen Schlager mit der Hook:

    LÜÜ, LÜÜÜ, LLÜÜÜÜÜÜÜÜÜGENPRESSSE

  2. Meine Güte, die blamieren sich ja alle fürchterlich. Anja Reschke, Annette Ramelsberger oder Stefan Plöchinger schlagen lieber den Boten, als einfach die Botschaft zur Kenntnis zu nehmen. Der Rest (Leyendecker et al.) schweigt, was fast noch verdächtiger ist, nur geschickter. Dabei wissen alle, dass es (fast) überall so läuft, es will nur nie einer darüber reden. Ein Sargnagel mehr zum Narrativ „pseudoelitär-kapitalistische Lügenpresse“ und ihrem Absturz in Sachen Glaubwürdigkeit, der der Leser traut. Sehr traurig, das alles. Und gleichzeitig die Hoffnung, dass diese kleine, aber so unbestechlich dokumentierte Geschichte noch weiter richtig Ärger produziert.

  3. Und bei so einer Einstellung wundern sich Leute wie Anja Reschke & Co. über den Vorwurf „Lügenpresse“? Wenn man die Kollegen anders als alle anderen nur mit Samthandschuhen anfasst, über deren Verfehlungen schweigt und Leute, die sich nicht an den „Kodex“ halten, als Nestbeschmutzer beschimpft – dann kommen solche Missstände eben auf anderen Wegen irgendwann doch raus und treffen dann pauschal alle. also auch die, die sauber arbeiten.

    Sehr bezeichnend ist es übrigens, dass die so genannte Qualitätspresse bisher zum Thema schweigt. Bin mal gespannt, ob dort das Thema totgeschwiegen werden soll, oder ob die verantwortlichen Redakteure einfach nur etwas Zeit brauchen, um sich bei der Anzeigenabteilung rückzuversichern, dass man kein Eigentor schießt, wenn man zu deutlich auf die SZ zeigt.

  4. Ein Recherche-Team ist dann gut, wenn es streitbar untereinander ist und seine Arbeit ständig hinterfragt!
    Die hier gezeigte Solidarität ist Scheiße!

  5. Seit die SZ mit WDR und NDR angeblich investigativ kooperiert habe ich jede Hoffnung aufgegeben einmal seriös recherchierte Berichte über Korruption, Missmanagement und Vetternwirtschaft bei ARD und ZDF lesen zu können. Wieso sich das große investigative Vorbild Leyendecker für diese Zusammenarbeit hergibt ist mir bis heute unverständlich.

  6. Als (sehr) alter Hase kann ich nur sagen: Augen auf bei der Berufswahl! Die Kölner Journalistenschule hat großartige Journalisten hervorgebracht. Auch weniger hervorragende, zu denen ganz sicher Sebastian Heiser zählt. Wer nach dem Studium davon geblendet ist, dass er 3100 Euro verdienen kann und nicht merkt, dass er zwar bei der SZ, aber bei den „Sonderthemen“ gelandet ist und dann enttäuscht ist – hat schonmal in der Ausbildung nicht aufgepasst. Oder einfach zuwenig Zeitung gelesen.
    Denn: das Thema „Verlagssonderveröffentlichung“ oder „Anzeigensonderveröffentlichung“ oder „Extra“ (oder wie auch immer Sonderseiten heißen) hat wirklich sooo einen Bart. Ich kenne das seit 1976, gab es garantiert vorher auch schon, und das ist eben schon eine Weile her. Ob „Busreisen im Rheinland“, „Ostern im Alten Land“, „Weihnachtsmärkte im Taunus“, „Fertighaus Spezial“ – ja, das sind die spannenden Themen, die da zu bearbeiten sind. Gern von freien Mitarbeitern, die sich da sehr gern und sehr einfach etwas dazuverdienen wollen. Und natürlich ist das alles nur Garnitur um die Anzeigen. Für die Stammredaktion sind solche Seiten immer eher die Pest, für den Verlag eine Gelddruckmaschine.
    Was? Geld? Ja! Zeitungsverlage müssen Geld verdienen, um sich Redakteure leisten zu können, die in der Lage sind, umfassend, erklärend, aufklärend und auch kritisch zu berichten. Gute Redaktionen halten Abstand zum Verlag – und umgekehrt gute Verlage auch von den Redaktionen. Das wissen auch die ganzen Edelfedern, denen jetzt vorgewofen wird, zu schweigen. Die sind eben klug und wissen, dass man nicht den Ast absägen sollte, auf dem man sitzt.
    Also: der ehrpusselige Aufschrei, der hier versucht wird, ist lächerlich. Die Leser sind klüger. Die wissen genau, was eine „Sonderveröffentlichung“ ist. Und die kann ja, auch wenn sie Werbung ist, trotzdem informativ sein. Dafür leistet sich eben die SZ ein ganzes Ressort. Das ist allein schon deswegen fast vorbildlich, weil damit ständige Konflikte zwischen Verlag und – in diesem Fall – dem Wirtschaftsressort von vornherein vermieden werden.
    Das einzige, was mich bei diesem als „SZ Leaks“ getarnten Selbstvermarktungstrip empört, ist folgendes: einem Menschen, der bei seinem allerersten Job schon nach wenigen Wochen anfängt, Gespräche mit seinen eigenen Kollegen (die ihm selbstverstädnlich vertrauen) heimlich mitzuschneiden, fehlt das Mindeste, was man für den Beruf Journalist mitbringen sollte: Verstand und Vertrauenswürdigkeit. So einer verrät eines Tages auch Informanten, um sich wichtig zu machen. Und meine Ahnung sagt mir: nach der „taz“ wird für diesen Herrn in dieser Branche nicht mehr viel kommen. Mit Recht.
    Ich habe viel zu kritisieren, auch an den so genannten „Qualitätsmedien“. Aber dass Kollegen ausgerechnet wegen solcher Typen auf der Suche nach der reinen Lehre übereinander herfallen – das hat der Branche, die es schwer genug hat, gerade noch gefehlt.

    1. Ja ja, wir schlagen die Boten, wenn wir die Botschaft nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Wir lieben den Verrat, aber nicht die Verräter. Business as usual. Sie sind wirklich ein ganz alter Hase. Aber etwas schäbig, wie Sie hier für die eigene Psychohygiene („Ich bin ein alter Hase und bereue überhauptnicht, dass ich bei all dem mitgemacht habe!“) völlig unnötig auch noch Sebastian Heisers Persönlichkeit, Ausbildung und Karriere bewerten. Traurig. Es liegt an auch Leuten wie Ihnen, dass die Medien am Boden sind. Es ist nicht nur das Internet schuld.

      1. @jokahl – aus meiner Sicht ein Denkfehler, denn es wurde gar nichts verraten. Anzeigenkollektive oder wie auch immer sie heißen, gibt es seit einem halben Jahrhundert. Und sind ja auch als solche gekennzeichnet. Das ist nicht neu, das ist alt. Und ich bleibe dabei: man bespitzelt seine Kollegen nicht. Wenn er ein so aufrechter Journalist wäre, dann hätte er in der Runde etwas gesagt. Oder wäre zum Chef gegangen. Oder unter Protest gekündigt. Aber Zettelchen und Aufnahmen sammeln, um morgen die Kollegen von gestern in die Pfanne zu hauen (vermeintlich) – sorry, das gehört sich einfach nicht. Ich möchte mit dem nicht in einem Büro sitzen.

      2. @jokahl – ach und noch was: auch im Internet geht’s nicht ohne Anzeigen. Und „die Medien“ („die“ sowieso nicht, aber viele) sind nicht deswegen am Boden, weil Leute wie ich alles falsch gemacht hätten. Sondern weil sie die redaktionelle Leistung im Internet verschenkt, kein Geld dafür genommen haben. Und weil leider viele Journalisten mehr Meinung als Fakten schreiben. Das merken die Leser, die sind nämlich nicht doof. Die wollen nämlich erst einmal einfach wissen, was ist. Und sich dann eine Meinung bilden. Und vielleicht auch die Meinung des Journalisten lesen – die er aber bitte in den Kommentar schreibt und nicht in seinen Artikel. Diese Trennung von Nachricht und Kommentar in der 500-Wörter-Welt aufrecht zu erhalten ist sicher nicht einfach – wäre aber eine gute Herausforderung.

    2. Kann man nur voll und ganz unterschreiben. Da weint einer Krokodilstränen, weil sie ihn nicht wirklich reingelassen haben, und nun haut er auf die Moralkeule, indem er heimlich aufgezeichnete Gespräche seiner Kollegen veröffentlicht. Um was offenzulegen? Dass zwischen PR und Journalismus manchmal ein schmaler Grat (Übertretungen inklusive) ist? Ja und? Wusste nur er das vorher noch nicht? Statt auf – täglich um ihr Überleben kämpfende – Printmedien einzuschlagen, sollte man sich mal anschauen, wie im Internet manipuliert wird: beginnend bei den „auf die Nutzerinteressen zugeschnittenen“ Suchergebnissen bei Google.

  7. @alter hase: Sie eröffnen Nebenkriegsschauplätze und drücken sich dadurch um die Frage der Moral. Und neu wäre Heisers Geschichte für die Leser und in bezug auf die Reputation der SZ in Sachen Glaubwürdigkeit auf jeden Fall, wenn sie nicht nur hier sondern überall stehen würde. Dass jeder Branchen-Insider sagt: kenn ich schon macht die Geschichte nicht schlechter. Schade, dass Sie diesen Punkt nicht anerkennen wollen und stattdessen den Autor schlecht machen wollen.

  8. @jokahl – genau, es geht um Moral, das meine ich auch. Nur etwas anders als Sie. Abgesehen davon, dass Mediengeschichten außerhalb der Medien – glaube ich – eher weniger interessant sind: ich halte es für unmoralisch, für eine Geschichte von derart geringem Nachrichtenwert seine Kollegen zu bespitzeln. Wenn es darum ginge, dass der Finanzminister an den Wochenden heimlich seine privaten Goldbarren nach Liechtenstein rollt, würde ich das für gerechtfertigt halten. So ähnlich hoch muss die Messlatte dann aber schon liegen. Jeder möchte mal einen Skandal enthüllen. Aber nicht alles, was enthüllt wird, ist ein Skandal. Zum Abgewöhnen empfehle ich die Lektüre der rund 30 Vorabmeldungen, die der „Spiegel“ wöchentlich – jetzt freitags 16 Uhr – auf den Markt wirft. Lesen Sie die mal eine Weile konzentriert und überprüfen sie auf Quellenlage und Nachrichtenwert. Da ist der Weg zum focus-online-Niveau nicht mehr weit …

  9. @alter hase: Danke für Ihre ausführlichen Einlassungen. Man merkt schon, dass Sie sich Gedanken gemacht haben und die Mechanismen der Medien ganz gut durchschauen. Allerdings fragt man sich, wer die großen Themen (also den Finanzminister mit den Goldbarren) glaubwürdig aufdecken soll, der schon im Kleinen bei sich selbst (Käuflichkeit redaktioneller Inhalte) versagt. Und genau um so etwas beurteilen zu können, braucht es doch Medienjournalismus, oder? Was dabei oft herauskommt, ist eben, dass SZ und Co. zwar klug sind, aber ohne jedes Rückgrat und mit einem Hang zur Doppelmoral. Die letzteren beiden Punkte werden und wurden dem Leser gern vorenthalten. Und das finden (fanden) altgediente Medienmenschen wie Sie offenbar auch noch ganz richtig so.

  10. Sorry,
    aber wer meint, dass diese „Sonderveröffentlichungen“ investigativer Journalismus“ sind oder sein sollen, hat m.E. die Welt nicht verstanden:
    Dass in diesen Beilagen die Anzeigenkunden die Zeche zahlen und dafür ein paar nette Artikel um ihr Thema herum gestrickt bekommen ist, denke ich, legitim und auch allen (mitdenkenden!) Lesern ersichtlich. Da bin ich zu 100% bei „Alter Hase“ und halte die hier produzierte Aufregung für eine typische Schein-Debatte, die niemanden etwas bringt.
    @ jokahl: Ich denke, so lange Leyendecker die investigativen Stories zum Thema Finanzminister/Goldbarren schreibt und ein Herr Heiser die schlichten Themen ohne Tiefgang abhandelt, ist das völlig OK.

    1. Mich irritiert, dass Sie und „Alter Hase“ sich nicht zu schade sind, auf den Überbringer der Botschaft einzuschlagen. Aber es soll hier nicht um charakterliche Defizite gehen, sondern um einfachste medientheoretische Zusammenhänge. Warum gibt sich die SZ für derartige Deals her? Was denken Sie? Wenn Ihnen das noch nicht auf die Sprünge hilft, sollten sie eine Antwort auf die Frage suchen, warum die Anzeigenkunden viel Geld für diese PR-Texte im redaktionellen Gewand ausgeben. Sie schreiben, die Anzeigenkunden zahlten „die Zeche“. Geht es noch naiver? Sie sollten als Wirtschaftsberater arbeiten und der Werbebranche erklären, dass deren Etats für „Sonderveröffentlichungen“ falsch angelegt sind. Entlarvend ist auch Ihre Aussage, „mitdenkende“ Leser würden schon merken, was gespielt wird. Die Ihrer Ansicht nach Dummen darf man also mit Schleichwerbeartikeln über den Tisch ziehen?
      Noch kurz zu Ihrer Investigativ-Häme: Dass Sebastian Heiser die SZ-Vorgänge, die in der Tat von einer Doppelmoral zeugen, dokumentiert hat, gibt der Sache ihren journalistischen Drive. Es geht nicht um die Tatsache, dass Leute aus der Branche davon wussten. Es gibt einen Unterschied zwischen Insiderwissen bzw. Branchengerüchten und einer stichhaltigen, nachprüfbaren Recherche, an deren Ende eine belastbare Information der Öffentlichkeit steht. Deshalb zolle ich Sebastian Heiser meinen Respekt.

    2. @Mathias: Ich denke, Sie überhöhen die Leyendeckers und verachten zudem die Arbeit der Heisers. Aber bittesehr, Ihre einseitig-elitäre Sichtweise sei einbezogen, unter einer Bedingung, die Sie den Lesern dann schuldig sind: Oben auf den entsprechenden Seiten von SZ&Co. muss jeweils sinngemäß „relevant, wahr und wichtig (von Alphajournalisten!)“ oder dementsprechend „irrelevant, ein wenig hingelogen und für die Doofen (von Betabloggern!)“ drüberstehen. Bin auf den Erfolg dieser redaktionellen Innovationen gespannt. Sie sind ein ganz Großer, die Leser werden Sie vor allem dafür feiern, dass Sie sie ernst nehmen.

  11. Wie naiv oder uninformiert muss man eigentlich sein, um bei einer Anzeigenbeilagen-Redaktion anzuheuern und dann enttäuscht zu sein, dass er hier nur das Anzeigenumfeld liefern soll? Und eben nicht wirklich journalistische Texte, die auf den SZ-Seiten stehen, die den meisten Einfluss haben. Wer liest denn überhaupt diesen Beilagen-Schrott?

  12. Wenn ich so lese, was der eine oder andere Kollege so von sich gibt, kann ich mich eigentlich nur noch schämen, Journalist zu sein. „Wo ist der Skandal?“, „Läuft doch schon immer so, wer das nicht checkt, ist zu doof“, „Spielt sich hier als moralische Instanz auf und verpfeift Kollegen“, „heuert bei einer Anzeigenbeilagen-Redaktion an und will jetzt Leyendecker spielen“ – lieber Alter Journalistenhase, Mathias, Potone und Co. – falls Sie alle wirklich Journalisten sein sollten, so haben Sie in meinen Augen den Beruf verfehlt und die Bezeichnung nicht verdient.

  13. @ Junger Hase – Schämen Sie sich nicht. Auch ich war mal ein junger Hase und schnell im Urteil. Das ist ja auch gut so. Mit der Zeit werden Sie die Erfahrung machen, dass manchmal tatsächlich mehrere Wege zum Ziel führen und nicht nur der eine. Deshalb sind die Redaktionen ja oft am ideenreichsten, in denen eine gesunde Mischung von jüngeren und älteren Häsinnen (!) und Hasen arbeitet. Nur ein Gedanke: schmälert die Tatsache, dass Sie jetzt von den „Sonderveröffentlichungen“ in der SZ gelesen haben, in irgendeiner Weise die Relevanz wichtiger Geschichten in der SZ, die Sie vielleicht schon bewundert haben? Wobei ich jetzt hier nicht den Eindruck erwecken will, als sei ich Verteidiger der SZ. Die leidet auch – gelinde gesagt – gelegentlich unter der grassierenden Krankheit „viel Meinung, wenig Fakten“.

  14. Ja, er schmälert die Relevanz. Weil ich der SZ nun weniger vertraue. Ihnen ist offenbar nicht klar, dass Vertrauen die wichtigste Währung ist, von der der Journalismus lebt. Ich finde es erbärmlich, wie leichtfertig Sie die hart erkämpfte Unabhängigkeit der Presse zu verkaufen bereit sind.
    Das Problem ist, dass die Medien sich viel zu abhängig von Werbung gemacht haben. Das ist die wirkliche Verfehlung der Verantwortlichen, die viel schwerwiegender ist als der historische Fehler, Journalismus kostenlos im Netz herzugeben. Dadurch haben Verlagsmanager und Publizisten im Empfinden des Lesers den Wert von Journalismus über Jahrzehnte hinweg erodiert, indem sie immer aufwendigere und komplexere Redaktionen finanziert haben und zugleich die Copypreise künstlich niedrig gehalten haben. Und jetzt sitzen sie in der Falle. In der Werbefalle. Und Leute wie Sie wollen das auch noch schönreden.
    Der einzige Weg ist Ehrlichkeit gegenüber dem Leser. Ihm sagen, dass Journalismus teuer ist. Dass er wichtig ist. Dass der Leser ihn finanzieren muss und nicht irgendwelche Anzeigenkunden und ihr als Journalismus getarnter Leserbetrug, bei dem Journalisten noch behilflich sind.

  15. Der Leser zahlt aber einfach nicht. Oder zu wenig. Nennen Sie mir eine Zeitung ohne Anzeigen. Doch, eine fällt mir ein: „Granma“. Erscheint auf Kuba und kostet einen Cent.

  16. Genau, er zahlt nicht oder zu wenig, weil man ihm jahrzehntelang beigebracht hat, dass Journalismus ja billig oder umsonst ist. Und weil der eigentliche Auftraggeber des Journalisten, der Leser, das nicht weiß, weil sich niemand traut ihm zu sagen, dass ein „Spiegel“ eigentlich 15 Euro und mehr kosten würde und nicht 5 und eine SZ nicht 2,60 sondern 9 Euro, setzen Chefredakteure und Herausgeber lieber das Vertrauen ihres Auftraggebers aufs Spiel, um heimlich Journalismus irgendwie durch Schleichwerbung zu finanzieren. Bravo!

  17. Die SZ hat sich ja auch z.B. bei der Berichterstattung im Fall Hoeneß sehr verbogen um dem FCB und den dahinter stehenden Anzeigenkunden (Audi, Telekom) ja nicht auf die Füße zu treten. Man konnte dann Sachen lesen von „Wir sind ja alle Steuerhinterzieher, weil wir bei der Einkommenssteuererklärung die Fahrtkostenpauschale ansetzen“ bis “ Gefängnisstrafe aufgrund des Falls Honeß komplett abschaffen“. Anspruch und Wirklichkeit klaffen bei der SZ leider sehr weit auseinander. Ich lese diese Zeitung nicht mehr.

    1. Das argumentative Inventar der SZ ist links-grün geprägt. Dagegen sollen keine Einwendungen erhoben werden. Allerdings ist die „pronociert moralische Attitüde“, in der manche Meinungs- und Berichtsteile der Zeitung daherkommen, schwer erträglich geworden. Es löst auch bei dem Verfasser dieser Zeilen keine Freude aus, wenn nachgewiesen wird, daß selbst „der treffliche Homer einmal fehlt“. Schade um die SZ: das war einmal eine Zeitung, in der sich Publizistik sogar außerhalb der Urteilsgrenzen des medienpolitischen Mainstreams bewegen konnte. Das ist jedenfalls lange her (man denkt an Herbert Riehl-Heyse). Über die Gründe ließe sich trefflich diskutieren. TG möchte ich – trotz aller Vorbehalte – raten, doch hin und wieder zur SZ zu greifen (die übrige Medienlandschaft in Deutschland ist noch grauslicher).

  18. Dem Jungen Hasen ist Recht zu geben. Wir befinden uns bereits in einer de-facto-Synchronisation von redaktionellem und werblichen Teil der Medienbranche, die ein zu großes Bedrohungspotential für die Erfüllung der öffentlichen Aufgabe durch die Nachrichtenmedien darstellt, um sie unerklärt zu lassen.

    Der wissenschaftliche Nachweis anhand des Spiegels und Focus gelang der TU Dresden: https://tu-dresden.de/die_tu_dresden/fakultaeten/philosophische_fakultaet/ikw/news/2014/12_Synchronisation_Nachricht_Werbung

    Mich wundert nur, dass der Spiegel Herrn Heiser mit seinem vorgeblichen Anliegen zurückgewiesen hat. Haben die den Braten gerochen?

    Der redaktionelle Teil ist außerdem von weiteren Interessengruppen beeinflusst, wie Max Uthoff in der Satiresendung „Die Anstalt“ dargelegt hat. Die getretenen Hunde der „Zeit“ & Co haben auch kräftig aufgejault. Aber warum sind auch Chefredakteure in transatlantischen Organisationen vertreten und legen u.a. die Neuausrichtung der Militärstrategie der Bundesrepublik fest, um anschließend wohlwollend darüber zu berichten?

    Wenn wir diese Machenschaften nicht bloslegen und sanktionieren, dann sind wir alle nur noch gerupfte Hasen, egal ob jung oder alt!

  19. Wenn man wie Panorama stets mit dem Finger auf andere Leute zeigt, merkt nicht mehr, dass sich drei Fingen auf ihn selbst ihn richten.

  20. Eigentlich genügt lediglich ein gutes Auge und ein bisschen Verstand, um diese „Medienprodukte“ als unglaubwürdig zu entlarven.

    Während der WDR gestern den gesamten Vormittag in Deutschland vor „Schneewetter in den USA“ gewarnt hat, erdreisten sich die „Nachrichten“ auf allen Kanälen stumpfe Wertungen und Meinungen als „Nachricht“ zu publizieren.

    Medienmacher erliegen oft der Beinflussung unterschiedlicher Interessen, insbesondere den Eigenen. Leider scheint es so, dass die „Medien“ jedes Bewußtsein für eine neutrale Berichterstattung verloren haben.

    Ich persönliche rate jeden davon ab überhaupt etwas aus ein Medienprodukt wie ein Presseerzeugnis zu glauben.

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werbeanzeige

Werbeanzeige