SZ-Leaks: Ex-Mitarbeiter der Süddeutschen erhebt schwere Vorwürfe in Sachen Schleichwerbung

Sebastian Heiser erhebt schwere Vorwürfe gegen seinen früheren Arbeitgeber, die Süddeutsche Zeitung
Sebastian Heiser erhebt schwere Vorwürfe gegen seinen früheren Arbeitgeber, die Süddeutsche Zeitung

Publishing Sebastian Heiser war im Jahr 2007 Redakteur im Ressort Sonderthemen der Süddeutschen Zeitung. Auf seinem privaten Weblog veröffentlichte er nun Erfahrungen aus dieser Zeit und erhebt schwere Vorwürfe. Die SZ habe auf Sonderthemen-Seiten konsequent Redaktion und Werbung vermischt und sogar Anleitungen zur Steuerhinterziehung veröffentlicht.

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Heiser, der nach zehn Wochen bei der SZ gekündigt und später als Redakteur bei der tageszeitung in Berlin angefangen hat, dokumentiert die Vorwürfe auf seinem Weblog mit Wort-Protokollen von Redaktionssitzungen, die er teilweise sogar mit einem Aufnahmegerät mitgeschnitten hat.

So seien die Themen auf “Sonderthemen”-Seiten der SZ danach ausgesucht worden, welcher Anzeigenkunde das meiste Geld zahlt:

Rein kommen die Themen, für die Anzeigen geschaltet werden. Die Daumenregel: Für jede viertelseitige Anzeige (Kosten damals: rund 20.000 Euro zuzüglich Mehrwertsteuer) erscheint eine Seite über dieses Thema.

Von den Redakteuren der Seiten sei zudem eine “freundliche Grundhaltung” gegenüber Anzeigenkunden in den redaktionellen Artikeln verlangt worden. So sei eine kritische Formulierung aus einem Artikel gestrichen worden, weil der Anzeigenkunde damit ein Problem haben könnte.

In dem Artikel oben drüber steht, das Anlageziel eines bestimmten Fonds von Pioneer sei „schwammig“ formuliert. Mein Telefon klingelt. „Das sollten wir besser streichen”, sagt meine Ansprechpartnerin aus der Anzeigenabteilung. Ich muss ihr alle Artikel zur Abnahme vorlegen, bevor sie in Druck gehen. Sie sagt, Pioneer könnte sich über die Kritik ärgern.

Besonders eindrücklich sind auch Schilderungen Heisers, wie er versuchte, Kollegen der “normalen” SZ-Redaktion auf die Zustände im Ressort Sonderthemen anzusprechen:

Ich suche Kontakt zu meinen Vorbildern in der Redaktion. Spreche sie auf dem Flur an oder auf Journalistenkongressen. Sobald ich ihnen erzähle, wie stark wir in meiner Abteilung auf die Wünsche der Anzeigenkunden eingehe und wie stark mich das bedrückt, werden die Kollegen einsilbig und wechseln das Thema. Es ist ihnen unangenehm. Ob beim Mittagessen, beim Kontakt mit Korrespondenten oder in der Foto-Redaktion: Überall spürt man, dass man als Mitarbeiter der Sonderthemen-Redaktion nicht so richtig dazugehört.

Aus den zitierten Gesprächsprotokollen geht auch hervor, dass im Jahr 2007 gezielt indirekte Anleitungen zu Steuervermeidung auf den Sonderthemenseiten der SZ platziert worden seien.

Das darf da allerdings nicht ausdrücklich stehen. Man dürfe das “halt nicht so als globale Schwarzgeldwerbung darstellen, weil dann kriegen wir ein Problem für den Kunden”, sagt der Mitarbeiter der Anzeigenabteilung. Man müsse das “geschickt verpacken”, so “dass jeder rauslesen kann, welche Möglichkeiten er theoretisch hätte, er aber darauf aufmerksam gemacht wird, dass wir das nicht unterstützen und ihm Tipps geben wollen”.

Das ist besonders pikant, weil die Süddeutsche Zeitung seit einiger Zeit zusammen mit dem NDR zahlreiche Informationen über Steuervermeidungsstrategien und teils prominente Steuersünder enthüllt hat. Stichwort: Offshore-Leaks und Swiss-Leaks. Heiser begründet damit auch seinen jetzigen Schritt an die Öffentlichkeit:

Die Heuchelei, mit der dieSüddeutsche Zeitung sich heute über Steuerhinterziehung empört, kann ich nicht länger ertragen. Was ist schon die Hinterziehung einer Steuer gegen die Anleitung dazu?

Der Eindruck, den Heisers Text vermittelt: Während die “normale” Redaktion Steuerhinterziehung aufdeckt und anprangert, finden sich ein paar Seiten weiter Tipps zur Steuerhinterziehung, gesteuert durch Anzeigenkunden. Zwar stammen die Veröffentlichungen, die bei Heiser dokumentiert sind, alle aus dem Jahr 2007. Er verweist aber auch auf die aktuelle Sonderthemen-Liste und Selbstbeschreibung der Sonderthemen bei der Süddeutschen:

Hier gelingt durch höchste journalistische, stilistische und grafische Maßstäbe die perfekte Umsetzung Ihrer Werbebotschaft. (…) Maßgeschneiderte redaktionelle Umfelder in derSüddeutschen Zeitung bieten das perfekte Umfeld um Marken und Produkte zu inszenieren und unserer hochwertigen Leserschaft näher zu bringen.

Klingt nicht danach, als ob sich seit 2007 viel verändert hätte. Ist das ein Skandal? Oder nimmt solche Sonderveröffentlichungen ohnehin kein Leser “ernst”? Oder ist es OK, weil es “alle” machen?

Eine Sprecherin der Holding des Süddeutschen Verlags, der Südwestdeutschen Medienholding, erklärte auf Anfrage von MEEDIA zu dem Artikel von Sebastian Heiser:

Die Beilagen-Redaktion der Süddeutschen Zeitung ist kein verlängerter Arm der Anzeigenabteilung, sondern ein selbständiges Ressort, das nicht im Verlag angesiedelt ist, sondern ausschließlich den Weisungen der Chefredaktion unterliegt. Gerade dies unterscheidet die Süddeutsche Zeitung von vielen anderen Häusern. Die Inhalte der Beilagen-Seiten bestimmt die Redaktion, nicht die Anzeigenabteilung. Schon gar nicht können sich Anzeigenkunden Texte in irgendeiner Weise „erkaufen“. Beilagen-Seiten haben in der Regel thematische Schwerpunkte, zu denen die Anzeigenabteilung  Inserate akquiriert. Ausgeschlossen ist eine Kausalität nach dem Motto „Ich, der Kunde bezahle, dafür bekomme ich einen mir genehmen oder werbenden Artikel.“ Für die Beilagen-Redaktion gelten dieselben journalistischen Grundsätze wie für die übrigen Ressorts der Süddeutschen Zeitung – die einer unabhängigen, wahrheitsgemäßen, genauen und sorgfältigen Berichterstattung.

Unabhängig von der Beilagen-Redaktion gibt es im Süddeutschen Verlag, wie in anderen Verlagen auch, in der Anzeigenabteilung Mitarbeiter, die so genannte Anzeigenkollektive oder Advertorials gestalten. Diese werden klar als Veröffentlichungen des Verlags gekennzeichnet.

Wenn sich ein festangestellter oder freier Journalist vor acht Jahren beim Verfassen seiner Texte für die SZ von Mitarbeitern der Anzeigenabteilung hätte beeinflussen lassen, so wäre dies ein Verstoß gegen journalistische Grundsätze und redaktionelle Vorgaben gewesen. Und das wäre auch heute so.

Auf die Ton-Dokumente und Wort-Protokolle, die Heiser veröffentlicht, geht die Stellungnahme freilich nicht ein. Dass das Thema in derart schonungsloser Offenheit thematisiert wird, ist zumindest ein Indiz dafür, dass Glaubwürdigkeit und Transparenz im Umgang mit Werbung gerade auch bei etablierten Medien immer stärker in den Fokus rückt.

Die Süddeutsche Zeitung steht hier beispielhaft für ein Leuchtturm-Medium, das systematisch mit seiner Glaubwürdigkeit zu spielen scheint. Vielleicht wurde das immer schon so gemacht aber vielleicht ist das Publikum in dieser Hinsicht sensibler geworden. Wie heißt es noch in der Werbung für die Süddeutsch Zeitung: “Seien Sie anspruchsvoll”.

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Alle Kommentare

  1. Hallo meedia, so richtig überzeugt scheint Ihr von Sebastian Heisers Geschichte ja nicht zu sein. Auf jeden Fall wird sie hier relativiert: Ist halt so, nimmt doch sowieso keiner ernst, solche Veröffentlichungen, war schon immer so, ist kein Skandal, warum sind die Leser nur so sensibel. Kann es sein, dass auch Ihr als Redaktion (und vor allem als Tochterunternehmen eines Großverlags) da in der Zwickmühle steckt? Weil das alle so machen und darüber nur ungern geredet wird? Ich bin bzw. war selbst eine Art Brancheninsider und kann sagen: Heiser hat für Szenekenner zwar nichts Neues erzählt, aber so detailliert, ungeschminkt und knallhart hat solche branchenüblichen Vorkommnisse noch niemand aufgeschrieben. Wüssten die Leser das alles, könnten die Zeitungen dicht machen. Deshalb gibt es ein Kartell des Schweigens in bezug auf solche Praktiken und deshalb ist Heisers Geschichte nicht etwa kalter Kaffee sondern höchst lobenswert und brisant. Und das wisst Ihr auch, wagt es nur nicht zu schreiben.

    1. Die Zurückhaltung ist darin begründet, da wir hier die Recherche eines Dritten widergeben. Was Sebastian Heiser schreibt und darlegt wirkt alles stimmig. Wir wollen uns seine Ergebnisse aber ohne Überprüfung nicht zu eigen machen. Ich denke, die Gegenüberstellung von Heisers Ausführungen und dem doch sehr wolkigen Statement der SWMH-Holding sprechen eine recht deutliche Sprache. Die Fragen, ob das keiner ernst nimmt und ob das ein Skandal ist, sollten nicht die Geschichte relativieren, sondern die Perspektive von Leuten widergeben, die das für völlig normal und nicht weiter erwähnenswert halten. Es gibt schon eine Neigung, bei solchen Dingen die Achseln zu zucken und zu sagen „so what, macht ja jeder“. Ich persönliche finde es gut, dass hier jemand mal den Finger in die Wunde legt. Wie Medien damit umgehen, zeigt auch das Statement. Die offensichtlichen Vorgänge, die Heiser dokumentiert werden einfach ignoriert und man behauptet, alles sei in Ordnung.

      1. Danke für die ausführliche Antwort, die auch einiges klarstellt. Wenn man die (magere) Berichterstattung in den vergangenen zwei Tagen und die unsäglichen Reaktionen einiger Größen (Reschke et al.) so verfolgt hat, muss man nun auch sagen, dass meedia hier als einziges deutsches Medium eine Art Lanze für Heiser gebrochen hat. Traurig genug. Grüße, weiter so.

    2. Wo steht, dass Meedia das so sieht? Das war doch eine Frage, die im Text formuliert wurde, keine wertende Aussage.

  2. Warum soll, was bei Snowden klappt, nicht auch auf kleinerer Ebene funktionieren. Ich hole einen acht Jahren alten Zettel aus der Tasche und rufe „Skandal“. Meedia immerhin ist ja drauf angesprungen und hat dem ganzen ein „Leak“ verpasst…

  3. Was lesen eigentlich Journalisten den guten langen Tag. Die Produkte ihrer Kollegen? Offenbar nicht. Würden sie es tun, würde ihnen noch viel mehr auffallen. Die Beispiele stammen hier nicht von der SZ, weil ich die kaum lese (wegen ihres penetraten und unbegründeten Besserwisser-Tons). Reisebeilage „Die Zeit“, FAZ: ein einziger Werbeprospeckt für die Anzeigen, qualititiv freilich oft herausragend. Die Reisebeilagen gehören zu den besten journalistischen Texten in diesen Zeitungen. Ich lese sie gerne, würde aber nie auf die Idee kommen, diese für unabhängige Beiträge zu halten. Zeit-Feuilleton, eine einzige Werbebeilage für einen kleinen Zirkel von Verlagen für ihre neuesten Produkte. Als Schmankerl gibts für die Journalisten noch Juryplätze bei den Preisvergaben obenauf. Die besonders braven dürfen beim Suhrkamp-Empfang ganz vorne sitzen und werden als bahnbrechende Jahrhundertkritiker gefeiert (kleine Ironie, Frau Kegel). Entsprechend wertlos sind die Kritiken. Einje vierteljährliche Alternative-Energien-Beilage in der FAZ, und schon gehört die klare Kritik an der Energiewende der Vergangenheit an. Bei Aktien und Anlagen kenne ich mich nicht so aus, vermute aber deshalb das Schlimmste. Bei der Bild-Zeitung (niemand darf die bei Strafe von – was eigentlich? – kritisieren) ist es selbst für den Profi schwer, zwischen Werbepartnern, Anzeigen und Redaktionsinhalt inhaltlich zu unterscheiden. Nicht mal Herr Niggemeier regt sich noch darüber auf, so selbstverständlich ist das.
    Als vor ein paar Wochen groß über „sponsored Adds“ beim Speigel geschrieben wurde, waren viele noch erstaunt. Weshalb eigentlich?
    Die Produkte der Zunft mit minimalem kritischen Impuls lesen, und schon ist es mit der heilen Welt vorbei. Da denke ich immer an Kai Gniffke. Die deutschen Nachrichten der Hauptsender sind doch gerade im internationalen Vergleich besonders schlecht. Subjektiv, faktenarm, proporzversessen, reines Infotainment und außerdem zu lang (für den effektiven Informationsgehalt). Ohne jede Kontrolle von dritter Seite kann der machen, was er will, solange das Fernsehen noch Leitmedium Nr. 1 ist und Konkurrenz von der Politik nich zugelassen wird. Für mich ist die ganze Erregung nicht als ein weiteres Kapitel in der Geschichte vom journalistischen Selbstbetrug. Das hat so lange funktioniert, wie das Kartell jede Kritik tatsächlich aus der öffentlichen Diskussion gehalten hat. Damit ist es glücklicherweise vorbei.

    1. Ihre Anmerkungen zur Tagesschau sind wirklich realitätsfrei. Die Politik lässt keine Konkurrenz zu? Wie meinen? Die Privatsender dürfen den Anstalten soviel Konkurrenz machen, wie sie wollen, und das schon seit Helmut Kohls Tagen. Es ist ihnen nur zu teuer. Wenn Sie wirklich irrelevante, schlecht gemachte Nachrichten suchen, über die Sie sich echauffieren können, würden mir schon ein paar Sender für Sie einfallen.
      Im Übrigen gibt es bekanntlich den Nachrichtenkanal N24. Aber der ist wirklich nie als großer Profitquell für seine Betreiber aufgefallen. Also: Was wollen Sie eigentlich?

      1. Was wollen Sie eigentlich, Herr Frotzheim?
        Was User Hildebrandt sagt, ist relativ deutlich.
        Ich teile seine Meinung zwar nicht gänzlich, zumindest aber in stellenweise. Die Qualität der Tagesschau ist in den letzten Jahren rapide gesunken, was Neutralität betrifft ist das Online-Äquivalent sogar indiskutabel. Vom grammatikalischen-orthografischen Niveau ganz zu schweigen. Schaut man bsp. zur BBC, bekomme ich einen anderen Standard geboten.

      2. Nun Herr Froitzheim, am Ton ihrer Aussagen merke ich schon, dass Sie vom Fach sind. Auch die Form der Kommunikation „was wollen Sie eigentlich!!!“ deutet darauf hin. Das ist ganz schnell beantwortet. Ich möchte, dass der ÖRR auf seine Grundaufgaben reduziert, und einer strengen, von den Nutzern gewählten Kontrolle unterworfen wird. Ich habe mehrer Jahre im Ausland gelebt und schaue überwiegend angelsächsisches Nachrichtenfernsehen. Dort gibt es oft andere Fehler im Rundfunksystem, aber nicht diese parteienstaatliche Unterwürfigkeit gekoppelt mit weltfremden Überlegenheitsgefühl und schlechtem Journalismus.
        Wenn Sie vom Fach sind, werden sie sicherlich wissen, das der Parteienstaat dem privaten Fernsehen und Rundfunk ein so engen Korsett geschnürt hat, dass sich einzig im Unterhaltungssegment und bei Spartensendern überhaupt Gewinn erwirtschaften lässt. Mit immer mehr Sendern wird außerdem dem Privatfernsehen die Reichweite abgegraben. Das ist ja der wesentliche Grund für den Reichweiten-Fetischismus. Über die Auflagen der Landesmedienanstalten kann der Druck auf die Privatsender jederzeit erhöht werden, so dass diese noch nie auf die Idee kamen, überhaupt politisch einflussnehmende Sendungen wie effektive Hauptnachrichten anzubieten. Es gibt für diese Art von Programm auch ein Refinanzierungsproblem, aber das lasse ich hier mal aussen vor. Der politische Punkt ist entscheidend. Soviel zur Unterrichtung der Leser, die das alles nicht so genau wissen. Natürlich war der Post etwas holzschnittartig, mehr aber auch nicht.

  4. Was für ein Skandal! Sogar die Reisebeilagen sind gekauft? Das wußte ich gar nicht. Hmm… mal jemand von Ihnen ins Internet geguckt? Content Ads, Native Ads, Roboter-Journalisus. Ich glaube nur das, was in den Werbeanzeigen steht und gegen das die Konkurrenz keine einstweilige Verfügung erwirken konnte.

  5. Ich habe das selbst zwölf Jahre lang als freier Journalist bei verschiedenen regionalen Redaktionen erlebt. Richtig schlimm war es immer, wenn die Anzeigenleute Mitspracherecht hatten. Wer das nicht mitmachen will, muss sich einen anderen Arbeitgeber / Auftraggeber suchen.
    Schade finde ich es aber, wenn dadurch eine ganze Branche in Verruf gerät. Denn es gibt gute Journalisten, die richtig gute Arbeit leisten. Man sollte nicht auf den Gedanken kommen, dass die gesamte Branche so ist, dass grundsätzlich alle Angehörigen dieses Berufsstandes so arbeiten (müssen). Denn damit spielt man den Verschwörungstheoretikern in die Hände, die mit widerwärtigen Begriffen aus ganz dunklen Zeiten um sich werfen und pauschal alle Journalisten in eine Ecke stellen, in die sie nicht hingehören.

  6. es würde mich schwer wundern wenn es anders wäre. Und ehrlich gesagt würde ich mich schwer darüber wundern, wenn diese Grundhaltung in irgendeinem Unternehmen grundsätzlich anders gehandhabt würde.
    Bis hin zur Politik fühlt man sich den Geldgebern (in diesem Fall Werbekunden) verbunden – nicht zuletzt ist man ja von ihnen abhängig.
    Natürlich darf die Verbundenheit nicht zu Falschmeldungen führen, aber der „Toleranzbereich“ ist in jeder Berichterstattung weit.

  7. Mal in Autozeitschriften geschaut? Wer gewinnt da? Hmmmm, jedenfalls nicht die, die weniger für Anzeigen ausgeben als die Platzhirsche.

  8. … was – die Sonderthemen sind gar nicht investigativ recherchiert? Sondern womöglich durch X Abstimmungsschleifen gegangen, bevor sie veröffentlicht wurden? Wäre ich bei der Lektüre nie darauf gekommen! Na ja, Herr Heiser scheint ja auch ein paar Jahre gebraucht zu haben, um es zu merken.

  9. Das ist nicht nur bei der SZ so. Dafür wird der Beitrag ja als „Verlagssonderthema“ oder mit einem der unendlich vielen anderen phantasievollen Überschriften (Advertional, „Eine Sonderveröffentlichung der Firma xy“, …) vom redaktionellen Inhalt abgegrenzt und als Anzeige deklariert. Die Sonderthemenredaktion fungiert formal nur als Lohnschreiber mit journalistischer Qualifikation für den Anzeigenkunden. Dass kein Kunde Geld bezahlt, um im Beitrag womöglich niedergemacht zu werden, sollte auch jedem klar sein. Ich will das nicht grundsätzlich verteidigen, weil natürlich auch Schindluder im Sinne der Umsatzverbesserung damit getrieben wird. Aber die Aufregung erschließt sich mir nicht. Dass uns private Unternehmen (Zeitungen sind Unternehmen) die Welt neutral und unabhängig erklären sollen, ist in der wiss. Medien-Diskussion doch schon lange als Absurdität erkannt. Sie ist für mich nur ein Relikt aus Zeiten, in denen Zeitungen (und andere Medien) eben noch den Nimbus der Unabhängigkeit/Unparteilichkeit etc hatten. Die konnten sie sich lange Zeit auch wirtschaftlich leisten (wenn sie den wollten), worüber oft vergessen wird, dass Zeitungen immer schon ein PRODUKT waren, das verkauft werden muss.

    Im vorliegenden Fall fällt die Empörung aber auch auf Herrn Heiser zurück, zumal seine „Enthüllung“ ja reichlich spät kommt. Heimliche Tonmitschnitte sind nicht nur illegal, sie stellen auch einen schweren Vertrauensverstoß gegenüber den eigenen Kollegen dar.

    1. In Bezug auf die Mitschnitte hat Herr Heiser am Ende seines Textes begründet dargelegt, warum sie in diesem Fall seiner Meinung nach nicht illegal sind – die Sache mit dem Vertrauen ist eine andere. „Reichlich spät“, ja, das stimmt schon irgendwie, allerdings kann ich mir vorstellen, dass er auch bewusst lange gewartet hat, um seine Karriere zu festigen und nicht nach einem Jahr Jounalismus blöd dazustehen. Muss man nicht gut finden, kann ich aber verstehen.

  10. Dann gibt es ja auch noch die schönen „Medienpartnerschaften“. Eine Zeitung, ein Sender macht groß mit bei einem Event. Probleme beim Festival X, bei der Konzertreihe Y? So ein Themenvorschlag in der Redaktion hat es dann schwer, wenn das Haus Medienpartner ist. Man würde ja über die „eigene“ mitbeworbene Veranstaltung negativ berichten.

  11. achje… so was neues … ich kann nur sagen: in anderen branchen ist das dermaßen gang und gäbe, dass ich persönlich (jahrelang selbst redakteur in der gesundheitsbranche, und das bei fachzeitschriften für ärzte!!!) über die aufregung nur schmunzeln kann. das wissen alle journalisten, redakteure, anzeigenleute und andere verlagsleute, dass das inzwischen so ist. wahrscheinlich überall.

  12. Arbeite seit nunmehr 25 Jahren als Journalist, früher fest für den Bauer Verlag in Hamburg und München, heute frei auch für die Süddeutsche Zeitung: Eine Beeinflussung der Print-Redaktion durch die Anzeigenverkauf/-abt. habe ich nie erlebt. Gerade bei der SZ legt man darauf sehr großen Wert. Das war beim (Privat-)Fernsehen (vor zehn Jahren) schon anders, da wurden hier und da Beiträge durchaus nach den Bedürfnissen von Werbekunden positiv gestaltet. Bei der SZ sind die Sonderthemen wenigstens gekennzeichnet (wobei da Schleichwerbung auch nicht sein darf).

  13. Ach. Was glauben die Leute eigentlich, wie die Welt funktioniert? Wie sollte ein Medium, das vom Leser am liebsten kostenlos (digital) oder über nicht kostendeckende Abo-Rabatt-Aktionen finanziert wird, denn überleben, wenn den Redakteuren nicht auch bewusst sein muss, dass ihr Job NUR am Werbeumsatz hängt? Was müsste eine Zeitung/Zeitschrift, v.a. im Special-Interest-Bereich denn kosten, wenn sie sich nur durch Leser finanzieren müsste? Woher sollten die Reisebudgets kommen, um in Schweden Allrad-Autos zu testen oder tolle Reiseberichte von einsamen Inseln oder super Golfplätzen zu bekommen? Die Aufgabe des Journalisten ist es natürlich, da dem aufgeklärten Leser ein realistsiches Bild zu liefern. Es ist Täglich Brot (im Wortsinne) in „meinem“ Verlag, dem Anzeigenkunden zu erklären, wie der Mittelweg zu finden ist, vorallem wenn es um „Produkt“ geht.
    Am Ende muss immer irgendwer indirekt bezahlen. Leser oder Kunde. Sonst gibt’s das Medium halt nicht mehr. Kundenbindungen beim Leser wie beim Anzeigenkunden zu pflegen ist harte Arbeit und stellt höchste Ansprüche ans Personal, um eben „gekaufte“ Inhalte zu vermeiden. Mit wachstums- und profitorientierten Ansätzen ist die Versuchung groß, einzuknicken. Und die Thematik MUSS in den Redaktionen und mit der Anzeigenabteilung diskutiert werden. Das ist doch völlig normal! Sonst lässt sich kein Standpunkt, keine Moral und keine Verantwortung in der Redaktion UND der Sales-Abteilung erarbeiten und keine rote Linie finden, die nicht überschritten werden darf. Ich selbst habe schon erlebt, wie der Chef Anzeigenkunden die Buchung storniert hat, weil sie unverschämte Forderungen hatten. Das Rückgrat braucht es aber!

  14. Die Recherche bringt gängige Praxis, wie ich sie als angestellter Redakteur erlebt habe, auf den Punkt. Ich möchte das nicht bewerten, zumal wir Altgedienten im Tageszeitungsjournalismus noch sehr gute Gehälter hatten, die ja auch jemand bezahlen muss.
    2002 habe ich mich u.a. als PR-Berater selbstständig gemacht, weil mir die gängigen PR-Praktiken zu platt und zu durchsichtig waren. Meine investigativen Recherchen wurden zudem ambivalent gesehen. Heute mache ich als PR-Mann lupenreinen Journalismus für meine Kunden, damit sie überhaupt in den Medien stattfinden. Deshalb arbeite ich nur für Firmen, die mich von ihrer Relevanz überzeugen.
    Viele Kollegen, die Redakteure geblieben sind, fassen meine Texte mit spitzen Fingern an, reflektieren aber nicht ihre eigene Subjektivität. Redakteure sind z.B. Angestellte, die ihr subjektives Bild von ihrem Verleger („der wll doch nur Geld verdienen“) auf andere Unternehmer übertragen. Arbeitet derselbe Redakteur bei einem Verlag in Liquiditätsschwierigkeiten (oder einem Start-up), sieht schon sein Satz vom „Gewinne machen“ anders aus, weil er um sein Gehalt bangt (was ist die Priorität?).
    Liebe Kollegen, seit Carl Gustav Jung wissen wir, dass es nicht die Wahrheit gibt, sondern die vielen Wahrnehmungen von jedem Einzelnen. Das hätte man 1991/92 in unserer Volontärsausbildung auch mal thematisieren sollen statt uns zu Wächtern mit Allmachtsphantasien zu konditionieren. Viele Kollegen haben auf diesem Weg ihre Leser nicht mehr mitgenommen, die sich irgendwann verabschiedet oder in die sozialen Medien gewechselt sind.
    Aber das will bis heute keiner hören. Und mir fehlt die Zeit, das noch breit zu diskutieren. Es ist letztlich „egal“ geworden, weil die zu Usern gewordenen Leser längst mit dem Smartphone abstimmen.

  15. Es ist schon einige Jahre her, dass ich die „Eltern“-Zeitschrift abonniert hatte. Wer eine solche Zeitschrift liest, weiß, dass 50% product placement sind. In nett verpackt. Und auch, dass ohne Anzeigenkunden nicht viel geht. Trotzdem gibt es entschuldbare – weil vorhersehbare – Geschichten und unentschuldbare. Unentschuldbar in etwa so etwas wie bei der SZ die Anleitung zur Steuerhinterziehung. Oder – wie damals bei der Eltern geschehen – ein Lobartikel auf die positive Wirkung von Ritalin auf unruhige Kinder. Ein Skandal, der damals zwar meine sofortige Abokündigung zur Folge hatte, sonst aber rein gar nichts. Hier würde ich mir manchmal wünschen, dass es bei aller Pressefreiheit eine Medienaufsicht gäbe, die harte rechtliche Schritte geht.

  16. Mir kommen die Tränen…

    Wenn ich es richtig verstanden habe, ist die SZ klein öffentlich-rechtliches Medium, für das wir als Konsumenten Gebühren zu entrichten haben. Würden wir erwarten, dass entsprechende Ausgaben einer Zeitung oder eines Magazins frei bleiben von Werbung, die nahe an einem Beitrag sind, müssten wir wohl bereit sein, täglich zehn Euro für eine Tageszeitung zu entrichten.

    Ferner halte ich die Leser einer SZ nicht für so dämlich, dass sie nicht zwischen einem aufgedeckten Steuer-Skandal und der Anzeige einer Schweizer Bank zu unterscheiden wissen. Wenn wir weiterhin vielfältig informiert werden wollen, müssen wir wohl die Kröte schlucken, dass die Anzeigenabteilungen Infos zu kommenden Themen erhalten und entsprechend akquirieren.

    Es gibt natürlich immer Anzeigenkunden, die versuchen auf Inhalte Einfluss zu nehmen und unter Androhung vom Werbe-Boykott eines Mediums massgeblich in die Berichterstattung einzugreifen. Die hat es aber auch schon vor 150 Jahren gegeben.

    Wer umfassend informiert sein will, darf sich nicht einfach nur auf eine einzige Informationsquelle verlassen.

    Oder glauben sie auch immer dem Tratsch Ihrer Nachbarn?

  17. huuu… da ist aber jemand mächtig sauer auf seinen früheren Arbeitgeber. Ob das so eine gute Idee ist, Ex-Kollegen in die Pfanne zu hauen?

    Und jetzt bei der tageszeitung … na was für eine Karriere.

    Da kann man für die Zukunft nur die Daumen drücken. Vielleicht hilft eine Umschulung?

  18. Wo ist der Skandal? Wer mal bei einer Fachzeitschrift gearbeitet hat, kennt doch das Problem, dass die Anzeigenabteilung quasi die Inhalte bestimmt und Anzeigenkunden auch redaktionell bevorzugt werden. Bei „guten“ Zeitschriften erkennt das Leser nur nicht sofort, bei schlechten Blättern sieht das auch ein Laie. Ist zwar traurig, aber leider sehr oft Realität.

  19. Da gähnt doch die ganze Branche. Was heisst hier SZ Leaks, das ist doch masslos übertrieben. In nur 10 Wochen hat dieser Journalist alles durchschaut? Schneidet Gespräche mit, ohne seine Gesprächspartner zu informieren? Aber hallo!! Das ist der Skandal! Kommt nach 8 Jahren mit diesen Enthüllungen – lächerlich. Sonderthemen sind Sonderthemen, das weiss doch jeder, dass hier Branchen oder Produkte besprochen werden. Was ist daran schlimm? Hier wird der Leser oder die Lesrin als nicht urteilsfähig angesehen. Dieser Herr überschätzt sich masslos. Solche Wichtigtuer schaden den Kollegen. Ist die TAZ vielleicht „neutral“, die haben auch ihre politische und weltanschlauliche Richtung. Oder wird hier die CSU gelobt?

    1. Presserechtlich geht diese Art der Recherche völlig in Ordnung, fragen Sie Herrn Leyendecker von der SZ. Schließlich besteht ein großes öffentliches Interesse. Medienkritik und Medienselbstkritik gibt es in diesem Land viel zu wenig. Die gehört zur Pressefreiheit. Verdammt noch mal, bin ich wütend. Und das „Argument“, dass es doch überall und bei der Autozeitschriften sowieso schon lange so läuft, beruhigt mich keineswegs. „Da gähnt doch die Branche?“ Stimmt, das tut sie. Aber dann soll sie doch einfach die Klappe halten, wenn sie wieder mal durch eine Satiresendung gezerrt wird. Wo sind wird denn hingeraten?

  20. Wie wollen denn die deutschen Medien ihre Pressefreiheit nutzen, wenn solche Abhängigkeiten bestehen? Kann mir niemand erzählen, dass diese Begehrlichkeiten sich nicht von der Beilagen-Redaktion nicht auch auf den „seriösen“ redkationellen Teil erstrecken, über die Verbindungen einiger SZ-Redakteure zu Nato-Lobbyverbänden ist schon berichtet worden. Da wird die Unabhängigkeit der deutschen Zeitungen und die Vielfalt der Presselandschaft gefeiert und auch uns kleinen, lokalen Online-Journalisten immer wieder unter die Nase gerieben. Dabei haben wir es viel schwerer, unabhängig zu bleiben, denn wir haben keinen starken Verlag im Rücken und laufen denen, die uns Geld für tendenzielle Artikel „schenken“ würden, jeden Tag über den Weg. Und die große SZ benimmt sich so, wie man es von einem kostenlosen Mittwochs-Wurfblatt erwartet. Wer soll denn jetzt noch eine dieser invstigativen Recherchen von Leyendecker ernst nehmen? Die wurden vielleicht genau von der Gegen-Lobby inszeniert und finanziert? Aber genau für dieses Märchen von der unabhängigen Berichterstattung zahlen die Leute ihr Abo! Die Unabhängigkeit der Abo-Zeitungen beträgt eben nur noch die 30 Prozent, die sie mit dem Verkaufspreis einnehmen. Das ist Beschiss.

  21. Eins noch: Diese Marktmechanismen und der damit verbundene Vertrauensverlust leistet den Verschwörungstheorien enormen Vorschub. Er bekräftigt den Vorwurf der Systempresse un dbis zur Lügenpresse ist dann auch nicht mehr weit. Ausbaden müssen das aber alle Journalisten!

  22. Der Kritik von Sebastian Heiser an der „einseitig gefärbter“ Berichterstattung in der SZ ist zuzustimmen. Deren suggerierend und unkritisch lenkende Berichterstattungsform findet seit einiger Zeit nicht nur in euphemistisch als „Sonderveröffentlichung“ benannten Teilen der Zeitung, sondern leider auch im „normalen“ redaktionellen Teil seinen Niederschlag. Obwohl die SZ ausdrücklich zwischen „Meinungsteil“ (Seite 4) und „Berichterstattungsteilen“ trennt, werden die Inhalte beider Teile teilweise massiv von den Einschätzungen der Berichtsverfasser bestimmt. Dies kann man akzeptieren, wenn auch einer anderen Einschätzung Raum gegeben wird. Irritierend bis befremdlich sind bspw. manche Berichte der SZ im Wirtschaftsteil, die sich mit der Geldpolitik der EZB befassen. Man gewinnt manchmal den Eindruck, als wären diese Stellungnahmen im „Public Relations Department“ der EZB formuliert worden. Um „ungeschminkte“ Wirtschaftsberichte zu erhalten, muß man schon zur NZZ greifen. Leider unterscheidet die SZ schon seit geraumer Zeit nichts mehr von dem weichgespülten, langweiligen Einheitsmainstream anderer bundesdeutschen Publikationen (ZEIT, FAZ, Spiegel usw.). Auch hier schafft Abhilfe nur der Blick in die NZZ, siehe „Das Engagement für Meinungsfreiheit“ vom 17.2.2015, Seite 36.

    1. >Man gewinnt manchmal den Eindruck, als wären diese Stellungnahmen im „Public Relations Department“ der EZB formuliert worden

      Kein Wunder, „Europa“ schaltet zur Zeit Anzeigen in deutschen Leitmedien in massiven Umfang, Werbevolumen sicher ein hoher zweistelliger Millionenbetrag.

      Wenn das keine versuchte Einflussnahme ist…

      Seriöse Medien müssten EU- und Regierungsanzeigen grundsätzlich ablehnen.

  23. Was für ein Skandal…(?) Offenbar hat dieser sogenannte Mitarbeiter der Süddeutschen Zeitung noch keine praktische Berufserfahrung, mit entsprechendem Einblick in das Tageszeitungsgeschäft. Es ist für ihn offenbar wichtiger, sich als „Nestbeschmutzer“ mit solchen Sensationsmeldungen in den Vor-dergrund zu drängen. Und er scheut sich dabei nicht, interne vertrauliche Gespräche aufzuzeichnen und damit an die Öffentlichkeit zu gehen.

    1. Zum Glück hat er dies getan, so weiss der werte Leser immerhin um die Glaubwürdigkeit des Blättchens, vor allem bei einem, dass mit dem o.g. Slogan wirbt.

  24. Diese Attitüde vom unabhängigen Journalismus konnten sich die Zeitungen noch erlauben, als sie ein Monopol auf die Information ihrer Leser hatten. Dieses Monopol ist aber durch Privatfernsehen und Internet längst weg. Jetzt sind Zeitungsverlage Wirtschaftsbetriebe im Wettbewerb mit anderen. Dadurch ändert sich Vieles. Die Qualität des Journalismus muss dadurch nicht schlechter werden. Aber die Vorstellung, Anzeigen-Sonderveröffentlichungen seien der Platz für kritischen Enthüllungsjournalismus ist nun wirklich kindisch.
    Herr Heiser verwechselt offenbar legale Steuervermeidung mit illegaler Steuerhinterziehung. Dass Journalisten, die so unkorrekt arbeiten, bei der Süddeutschen nichtmal in der Beilagenredaktion arbeiten können, ist doch ein Lichtblick…

  25. Was für die avisierte Zielgruppe aus der Wirtschaft gilt, nämlich: ihr mit Gefälligkeitsjournalsimus weitgehend entgegen zu kommen, das gilt auch bezüglich der politischen Funktionseliten, denen man sich verbunden fühlt: Deren Programme, Agenden, Konsensivitäten und Handlungsanweisungen werden mehr als wohlwollend ventiliert.

  26. Als ich vor über 40 Jahren bei einer norddeutschen Tageszeitung (Kategorie kreuzbraves, bürgerliches Blatt) volontiert habe, hießen diese „Sonderthemen“-Seiten „Anzeigenkollektive“. Bezahlt wurden Texte für diese Seiten zusätzlich zum Gehalt der Redakteure bzw. Volontäre, und zwar direkt von der Anzeigenabteilung. Damit war die Sache zumindest intern klar, und auch für die Leser dürfte der Konnex zwischen Anzeigen und Artikeln offenkundig gewesen sein. Was mich viel mehr stört, und zwar in der SZ ebenso wie bei sehr vielen anderen Periodika, ist die Rezension hauseigener, nichtjournalistischer Produkte. Am Beispiel SZ: Da gibt es immer wieder thematisch gebündelte Literatur- oder Film-Sammlungen, die von der Redaktion ausgewählt wurden, und dann – Überraschung, Überraschung–auf den Feuilleton-Seiten wohlwollend besprochen werden. Umgekehrt muss man zumindest der SZ zugute halten, dass sie auf manchen Seiten (z. B. „Mobiles Leben“) einen kleinen Hinweis einrückt, dass die hier besprochenen Fahrzeuge der Redaktion zur Verfügung gestellt wurden.

  27. Liebe Meedia-Redaktion,
    unabhängig von der Problematik, die hier dargestellt wird, finde ich die Ton-Aufnahmen, die hier publiziert werden, sehr grenzwertig und vielleicht sogar strafbar, wenn die ohne Einverständnis der Beteiligten zu Stande gekommen sein sollten. Und vor allem veröffentlicht worden sind.

    Anderseits werte ich das als ein Fingerzeig auf die Not, in der sich der betroffene Journalist befinden muss. Ich hoffe, er hat eine gute Rechtsschutzversicherung. Und Ihr auch …

    Gutes Thema … Danke

  28. Vorgänge, wie im Artikel beschrieben, sind doch schon länger bekannt. Das betrifft Tageszeitungen genauso wie Magazine. Auch in Autozeitungen wird bei Testberichten von Autos, Reifen etc. getrickst, dass ja der „richtige“ Hersteller gewinnt – und zwar derjenige, der die meisten Inserate schaltet. Das hat mir selbst mal ein befreundeter Journalist gesagt und bedauert, dass leider nicht der echte Sieger gewinnen durfte.

    Als ich den Begriff „Lügenpresse“ vor geraumer Zeit das 1. Mal vernommen habe, habe ich die Kritik als sehr überzogen empfunden. Wenn man sich aber mal anschaut, wie sehr selbst renommierte und angesehene Medien unter wirtschaftlichem Druck stehen, dass sie sich keine kritische Meinung mehr erlauben können oder diese stark abschwächen müssen, muss man die tägliche Berichterstattung wirklich viel genauer und viel kritischer hinterfragen. Selbst im TV geht es oft drunter und drüber, es wird schlampig recherchiert oder manipulativ berichtet, wie z.B. das Medienmagazin ZAPP immer berichtet. Wirklich sehr traurig, wie sich die Medien gewandelt haben 🙁

    Auch der ORF hat heute über einen anderen Fall berichtet, der ebenfalls zu denken gibt:

    Zitat ORF.at:

    „Der Chefkommentator der britischen Zeitung „Daily Telegraph“, Peter Oborne, hat aus Protest seine Funktion zurückgelegt und gekündigt. In einem Artikel beschuldigt er die Zeitung, Berichte über die Schwarzgeldkonten der Schweizer Tochter der Großbank HSBC unterdrückt zu haben, weil der Verlag gefürchtet habe, durch die Berichterstattung die Bank als Werbekunden zu verlieren. Laut Oborne ist das kein Einzelfall: Zunehmend bestimmten „dubiose Führungskräfte“ mit Blick auf die Anzeigenkunden statt Journalisten die Berichterstattung.“

    Link zum Bericht:
    http://orf.at/stories/2265721/2265713/

  29. Ich verstehe die Ereiferung nicht. Bei dem kritisierten Format handelt es sich um eine sogenannte „Sonderbeilage“, das sind Seiten, die verkauft werden und sich gestalterisch von der „normalen“ Zeitung ganz klar unterscheiden. In der Regel (mir sind keine Ausnahmen bekannt) werden ganz eindeutig die Absender genannt (auf dem Titelblatt, z.B. „Eine Sonderbeilage der Stadt Hamburg“ oder so, denn dieses Format wird gerne für Standortwerbung genutzt.) Damit ist jedem, der bis 3 zählen kann klar, dass dies ein werbliches Produkt ist.
    Schöner als bei einem Advertorial, bei dem das Unternehmen womöglich durch die eigene Marketingabteilung tatsächlich selbst den (werblichen) Text schreiben lässt, sind die redaktionellen Texte in Sonderbeilagen von der Zeitungsredaktion frei erarbeitet. Natürlich gibt der Auftraggeber Wunschthemen vor (Wer die Musik bezahlt, kann sie auch bestellen). Sowas ist ein Gemeinschaftsprojekt, aus der Redaktion kommen ebenfalls Vorschläge.
    Dem Auftraggeber ist es wichtig, ein attraktives Produkt am Ende des Tages zu haben, in dem der Content gut ist und eben keine Werbung steht, die eh keiner liest.
    Ein völlig legitimes Produkt.

    Da hat Herr Heiser wohl nicht geschnallt, was für einen Job er annimmt. War wohl nix mit der Investigativ-Abteilung bei Leyendecker.

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