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Über den Umgang der Medien mit den Bildern des IS-Terrors

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Die grausamen und verstörenden Bilder des von der Terrormiliz IS bei lebendigem Leib verbrannten jordanischen Piloten sind dank der Medien in der Welt und in den Köpfen des Publikums. Obwohl sich große Plattformen wie Facebook und YouTube redlich mühen, das Material fernzuhalten, dringt es durch. Medien agieren hierzu oft nach den Regeln einer veralteten Bilderwelt.

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Das Material ist halt nun mal da. Was sollen Medien damit machen? Senden? Zeigen? Die Rede ist hier von dem rund 22-minütigen Propaganda-Video der Terrormiliz IS, das die Verbrennung eines jordanischen Kampfpiloten zeigt. Es ist der bisherige Gipfel von vielen Grausamkeiten, die von dem IS auch und gerade mit Hilfe westlicher Massenmedien verbreitet wurde. Aktuell entscheiden sich Medien bei dem Umgang mit solchen Bildern für eine von drei Möglichkeiten:

1. Zeigen

Dafür sind Medien doch da, oder nicht? Um zu dokumentieren. Auch wenn es schrecklich ist und furchtbar wehtut. In den USA hat sich nur der rechts-konservative Nachrichtensender Fox News, der zum Medien-Reich Rupert Murdochs gehört, entschlossen, das Video unkommentiert und ungeschnitten im Internet zu zeigen. Laut guardian.com rechtfertigt Fox das Zeigen des Videos damit, dass Leser und Zuschauer die Möglichkeit bekommen sollten, die Barbarei von IS mit eigenen Augen zu sehen. Das Video wurde von Fox mit dem Warnhinweis “extremely graphic” – “extrem explizit” versehen. Deutsche Medien zeigten das Video überhaupt nicht, auch nicht ausschnittweise. Die Netzwerke Facebook und YouTube bemühten sich nach eigenen Angaben, das Video – sollte es hochgeladen worden sein – schnell zu entfernen.

2. Nicht zeigen

Zahlreiche deutsche Medien wie FAZ, Süddeutsche Zeitung, Zeit, Spiegel und viele andere haben sich entschlossen, gar keine Bilder der Hinrichtung zu zeigen. Auch zahlreiche internationale Medien verzichteten komplett auf Bilder der Gräueltat.

3. Fotos zeigen

Viele Medien entschieden sich für einen Mittelweg. Sie zeigten zwar nicht das Video oder Ausschnitte aus dem Video, dafür aber Standbilder daraus. Teilweise wurde das Gesicht des getöteten Piloten verfremdet, teilweise nicht. Die Bild-Zeitung wählte diesen Weg, die New York Post, die Daily Mail und viele weitere auch.

Diese drei Herangehensweisen ließen sich auch bei vorangegangenen IS-Videos beobachten. Allerdings war die Scheu, auch nur ein Foto zu zeigen, bei dem Verbrennungsvideo offenbar noch einmal größer.

Fox News musste sich für das Zeigen des Videos harsche Kritik gefallen lassen. Der Guardian zitiert den Terror-Experten Malcolm Nance mit den Worten: “Fox News arbeiten hier buchstäblich für al-Qaida und die Medienabteilung von ISIS. Sie könnten genauso gut anfangen, denen Lizenzgebühren zu zahlen.”

Zeigt man Videos der Terroristen, so der Gedanke hinter der Kritik, dient man ihrer Sache und verbreitet Angst und Schrecken weiter. Viele Medien, vor allem Boulevardmedien, die ohnehin stärker auf starke Emotionen setzen, haben aber eine Art inneren Drang, sie doch zu zeigen. Irgendwie und sei es nur als Standbild.

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War das nicht schon immer so? Hätte man denn den toten Uwe Barschel in der Wanne etwa nicht zeigen dürfen? Und was ist mit den Bildern, die es vom Münchner Olympia-Attentat 1972 gibt. Die Silhouette des Terroristen auf dem Dach des Olympischen Dorfes. Der ausgebrannte Helikopter auf dem Flugfeld. Jeder kennt diese Bilder. Es sind ohne Zweifel wichtige historische Aufnahmen. Aktueller: Was ist mit den Bildern, die zeigen, wie einer der Charlie-Hebdo-Attentäter einen Polizisten kaltblütig tötet?

All die genannten Beispiele unterscheiden sich in einem Punkt ganz fundamental von den IS-Propagandavideos. Die Aufnahmen wurden in diesen Fällen von Zeugen oder Journalisten gemacht, nicht von den Tätern selbst. Die IS-Videos dagegen wurden von den Terroristen professionell produziert, um verbreitet zu werden. Diese IS-Videos und -Bilder transportieren die Sicht der Terroristen so, wie sie selbst gesehen werden wollen.

Dabei nutzen die IS-Leute bezeichnenderweise exakt die Mittel, die uns Hollywood gelehrt hat. Die IS-Propagandavideos arbeiten suggestiv mit Schnitten und Musik, mit Computergrafik, Zeitlupe und dramaturgischen Verfremdungseffekten wie sie Zuschauern von US-Serien wie “24” oder “Homeland” schrecklich bekannt sein dürften. Das ist selbst in den Standbildern des Verbrennungsvideos noch erkennbar: Wie dort mit Unschärfen und Bild-Dramaturgie operiert wird, gerade so, als sei man in einer TV-Serie und nicht in der Wirklichkeit. Das Bild des jordanischen Soldaten in orangener Kluft mit gesenktem Kopf ist nicht so rau und authentisch wie das des Terroristen auf dem Dach in München 1972. Das Bild aus dem IS-Video ist zwar echt aber es ist ein von den Terroristen verfremdetes Symbolbild. Es  wirkt wie ein Filmplakat. Erst recht in seiner zigtausendfachen Wiederholung auf zigtausend Medien-Websites. Die Terroristen wollten, dass es so aussieht und dass es genauso verbreitet wird.

Weil uns diese Bilder so bekannt vorkommen, ist es umso schwieriger zu beurteilen, wie damit umzugehen ist. Das Gehirn mag gar nicht recht begreifen, dass das Gezeigte hier kein Special Effect ist, sondern echtes, brennendes Fleisch.

Die Bild-Zeitung, die unter Chefredakteur Julian Reichelt mit Furor gegen die IS-Miliz anpubliziert, erzählt Propaganda- und Hinrichtungsvideos der Terroristen gerne fast minutiös nach. “Bild erklärt das Video des Wahnsinns” heißt das dann oder “Irres Propaganda Video – So will ISIS Rom erobern”. Fox News macht das ähnlich und erklärt etwa “The evolution of the ISIS Video”. Das bei Fox dann vor dem Verbrennungsvideo auch noch Werbung geschaltet wird, macht es nicht besser. Ein Ab-in-den-urlaub.de-Ramschwerbespot und danach 22 Minuten Gefangenen-Verbrennung – dankeschön. Dass das Verhalten von Fox-News im Sinne der Terroristen ist, lässt sich leicht daran erkennen, dass Dschihadisten auf Twitter fleißig Links zu dem Video bei Fox News gepostet haben. Die Medienabteilung des IS muss sich gar nicht darum sorgen, dass selbst YouTube fleißig ihr Video löscht, so lange ein rechtskonservativer US-Sender das Machwerk ungekürzt im Internet stehen lässt. Bei dem Nacherzählen und Zeigen von Standbildern ist das Beurteilen von “richtig” oder “falsch” schon schwieriger.

Die freien Medien und ihre Machern verurteilen natürlich den IS-Terror. Ihre Reflexe, damit umzugehen und möglichst schonungslos zu dokumentieren, stammen aber teilweise noch aus einer anderen Zeit, als eine andere Bild-Ästethik herrschte, als im Fernsehen “Bonanza” lief statt “Homeland”, die Verbreitung von Videos noch nicht im Tempo von Viren-Epidemien vonstatten ging und Terroristen noch keine eigenen Propaganda-Abteilungen betrieben.

Trotzdem: Auf eine ganz einfache Regel sollten sich Medienmacher aber doch verständigen können: Bilder, die Terroristen selbst produzieren und verbreiten haben, sind tabu. Egal ob bewegt oder unbewegt. Das wäre ein Anfang.

Nachtrag:

Tony Maddox, Executive Vice President und Managing Director CNN International, erläutert im Gespräch mit zwei CNN-Moderatoren, warum CNN weder das Verbrennungsvideo, noch Standbilder daraus zeigt: „Nothing can be gained from showing that“. „Absolutely no editorial justification for showing it at all.“

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Alle Kommentare

  1. Alles was Propaganda von Terrorismus ist sollte im Internet sofort gelöscht werden. Auch das Fernsehen sollte grundsätzlich keine Beträge zeigen, in denen Gewalttäter zu Wort kommen oder auch Personen, die sich ihnen anschliessen. Da wird manchmal sogar in Tagesschauen minutenlang gemacht und kann auf naive Menschen wie Propaganda wirken. Man sollte nur die Fakten bringen, möglich ohne Bilder von Gewalt.

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