Anzeige

Tibus stiller Tod: Von einem Redaktionsschwein, das am Ende keine Sau mehr interessierte

Ende eines Schweinelebens: Tibu, Objekt der Weser-Kurier-Berichterstattung, musste eingeschläfert werden.
Ende eines Schweinelebens: Tibu, Objekt der Weser-Kurier-Berichterstattung, musste eingeschläfert werden.

Tibu ist tot. Das bundesweit bekannt gewordene „Redaktionsschwein“ des Bremer Weser-Kuriers musste laut Tierschutzbund eingeschläfert werden. Mit einer Artikelserie über die Aufzucht des Ebers hatte die Zeitung einen Journalistenpreis gewonnen. Tibus "Leben danach" interessierte die Redaktion aber offenbar wenig.

Anzeige
Anzeige

Von Eckhard Stengel

Als der Weser-Kurier noch von Lars Haider geleitet wurde (heute Chefredakteur des Hamburger Abendblatts), glich das Blatt einer Wundertüte. Ständig gab es überraschende Geschichten zu lesen, und immer wieder ließ sich die Redaktion neue Serien einfallen. Die bekannteste und wohl erfolgreichste hieß „Ein Schweineleben“. Sie startete im Frühjahr 2011 und lief ein halbes Jahr – so lang, wie normalerweise das Leben eines Mastschweins bis zu seiner Schlachtung dauert.
Protagonist war ein damals noch namenloses Ferkel, das die Redaktion gekauft hatte, um es von einer Bauernfamilie im Bremer Umland aufziehen zu lassen. Am Beispiel seines Lebenswegs klärte die Zeitung ihre Leserschaft darüber auf, unter welchen Bedingungen Mastschweine aufwachsen und was später mit dem Fleisch passiert. Landwirte kamen ebenso zu Wort wie Tierschützer, Händler, Tierärzte, Politiker und eine Ernährungsberaterin.
Die Serie brachte der Zeitung nicht nur den Lokaljournalismus-Preis der Konrad-Adenauer-Stiftung in der Kategorie „Verbraucher“ ein, sondern auch bundesweite Internet-Resonanz. Allerdings erst, als sie sich dem Ende näherte – dem Ende der Serie und dem Ende des Schweinelebens. Der Eber sollte nämlich nach dem Willen der Redaktion im Alter von sechs Monaten geschlachtet werden und damit dasselbe Schicksal erleiden wie jedes normale Mastschwein.
Genau hier nahm die Geschichte eine für den Verlag unerwartete Wendung: Tierschützer appellierten an Vegetarier Haider und seine Redaktion, das Schwein leben zu lassen. Bei Facebook bildete sich eine Gruppe „Das Schwein bleibt!“, und Aktivisten aus Bonn wollten sogar gerichtlich gegen die Schlachtung vorgehen. Andere beschimpften oder bedrohten nicht nur Redaktionsmitglieder, sondern auch die Bauernfamilie und den bereits ausgewählten Schlachter.
Anzeige
Wegen eines Schweinelebens Menschen in Gefahr zu bringen – das wollte man beim Weser-Kurier nicht riskieren. Deshalb entschied die Redaktion, den Eber am Leben zu lassen, und überließ ihn im Herbst 2011 dem Deutschen Tierschutzbund. Sein Gnadenbrot erhielt der Eber in einem Tierheim im schleswig-holsteinischen Kappeln. Hier bekam er auch erstmals einen Namen: Tibu. Bis zu 13 Paten finanzierten mit Spenden seine Haltung – und auch die Sonnencreme, die das Tier bei seiner Lieblingsbeschäftigung brauchte, dem Sonnenbaden.
Allerdings zeigte sich bald, dass typische Mastschweinrassen nicht für längeres Überleben gezüchtet werden, sondern für möglichst schnelle Gewichtszunahme. Tibu brachte gut 200 Kilo auf die Waage, und das war auf die Dauer zu viel für seine Gelenke. Die Tierpfleger versuchten es zwar mit einer Gemüse-Gras-Diät. Aber als er zu sehr unter den Gelenkproblemen litt, ließen sie Tibu im vergangenen Spätsommer mit knapp dreieinhalb Jahren einschläfern. Immerhin wurde der Eber damit drei Jahre älter als ein durchschnittliches Mastschwein. Nach Angaben des Tierschutzbundes hatte das überzüchtete Nutztier neben Zeiten, in denen es wegen der Gelenkschmerzen lieber „in seinem Schlafbunker liegen blieb“, weiterhin auch gute Phasen, in denen es sich auf den Hügeln sonnte.
Erstaunlich ist, dass der Weser-Kurier offenbar schon nach wenigen Monaten das Interesse am Schicksal des Tieres verlor. Nur im Sommer 2012 nahm die Redaktion noch einmal Witterung auf und erkundigte sich im Kappelner Tierheim nach Tibus Wohlbefinden. „Redaktionsschwein geht es gut“, titelte die Zeitung damals. Seitdem aber ließ sich das Blatt die Chance entgehen, das Thema weiterzudrehen, obwohl Ende 2012 sogar das „Streiflicht“ der Süddeutschen Zeitung über Tibus Schweineleben räsonierte.
Vermutlich erfährt die Zeitung erst durch die Berichterstattung anderer vom Ableben ihres ehemaligen Redaktionschweins. Man darf gespannt sein, ob Tibus Ende und die Gründe für seine Einschläferung – eigentlich elementarer Aspekt des ursprünglichen Themas – der Redaktion noch einen Artikel wert sein werden.

NACHTRAG vom 22.1.14: Einen Tag nach MEEDIA hat am Donnerstag auch der Weser-Kurier über Tibus Ableben berichtet. Der Titel in der Printausgabe: „Wir hatten Schwein„.

 

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*