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NSA-Bericht: Spiegel weist Bild-Vorwurf der Voreingenommenheit zurück

"Bild kritisiert heute den Spiegel, ziemlich groß auf Seite 2" – mit dieser lapidaren Zeile leitet der Spiegel seine Replik auf einen Bericht des Boulevardblatts ein. In dem Beitrag weist das Nachrichtenmagazin die von Bild geäußerten "Zweifel an Unabhängigkeit der NSA-Autoren" entschieden zurück.

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Absender des Artikels ist nicht etwa die Spiegel-Chefredaktion, sondern das Autoren-Trio Marcel Rosenbach, Hilmar Schmundt und Michael Sontheimer, das neben sechs externen Mitarbeitern für den kritisierten NSA-Artikel verantwortlich gezeichnet hatte. Spitz stellen sie zunächst fest: „Die Kollegen von Bild meinen nicht wirklich die NSA-Autoren, wie sie es geschrieben haben, sondern Mitarbeiter des Spiegel, die über die NSA berichten.“

 

Der Bild-Bericht hatte die freien Mitarbeiter des Spiegel als „Aktivisten“ bezeichnet und darauf hingewiesen, dass diese öffentlich erklärt hätten, „wie sehr sie die US-Geheimdienste hassen und teilweise mit Datensicherheit ihr Geld verdienen, also von der Angst vor der NSA profitieren.“ Konkret ging es um Jacob Appelbaum, Aaron Gibson, Glenn Greenwald, Claudio Guarnieri, Andy Müller-Maguhn, Laura Poitras und Leif Ryge.

 

Im Fall von Appelbaum und Gibson bemängelt Bild, dass beide an einem sicheren Internet-Browser namens Tor Project tüfteln. Deshalb, argumentiert Bild, könnte es durchaus in deren – auch finanziellen – Interesse sein, dass möglichst viel Angst vor dem Datenhunger der Geheimdienste geschürt werde. Einen Interessenskonflikt sehen die Boulevard-Profis auch beim Co-Autor Andy Müller-Maguhn. Der ehemalige Sprecher des Chaos Computer Clubs (CCC) arbeite als Berater für IT-Sicherheit und werbe auf seiner Webseite für ein abhörsicheres Telefon. Wieder kritisiert die Bild: „Von diesem wirtschaftlichen Interessenkonflikt erfährt der Spiegel-Leser – nichts.“

 

Die Bild bezog sich auf den aktuellen Spiegel-Artikel  „Kontrollierte Eskalation“. Im Spiegel-Blog heißt es dazu: „Dort geht es darum, wie sich die NSA auf digitale Kriege vorbereitet – eine Enthüllungsgeschichte, die in den letzten Tagen von Medien weltweit zitiert wurde. Bild aber gefällt die Autorenzeile unter der Geschichte nicht. Denn sie enthält neun Namen, von denen nur drei im Impressum des Spiegel stehen.“ Die anderen seien, so der Spiegel, „der Computerexperten Jacob Appelbaum, Claudio Guarnieri, Aaron Gibson, Andy Müller-Maguhn und Leif Ryge sowie jener der Dokumentarfilmerin Laura Poitras. Poitras‘ Snowden-Film „Citizenfour“ wurde gerade für einen Oscar nominiert.“ Und weiter: „All diese Mitarbeiter sind kompetente Leute, und gerade bei einem komplizierten Thema wie den internen NSA-Dokumenten zur elektronischen Überwachung im Internet ist der Sachverstand von Experten wichtig.“

 

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Wenig Verständnis haben die Autoren für die Kritik der „Kollegen von Bild“: (Sie) „stören sich daran, dass Appelbaum ein Internetexperte ist, der sogar ein Buch geschrieben habe – so etwas kann wirklich nur Bild verwirren.“ Man halte es „für selbstverständlich und fair, Mitarbeiter wie Appelbaum offen zu nennen. Und vor allem schafft es für den Leser Transparenz (…) Unsere Mitarbeiter sind zudem keine Unbekannten; wir haben sie teilweise schon im Heft porträtiert. Appelbaum und Poitras haben zusammen mit einem Spiegel-Team vergangenes Jahr den Henri-Nannen-Preis für investigative Recherche gewonnen. Und natürlich haben die Spiegel-Redakteure den Artikel geschrieben, haben Spiegel-Dokumentare wie immer jedes Detail überprüft.“ Auf den „Aktivisten-Vorwurf“ gehen die Spiegel-Redakteure allerdings nicht ein, und sie verraten auch nicht, warum ein nur wenige Heftseiten umfassender Artikel gleich neun Mitarbeiter braucht.

Statt dessen geht der Spiegel in die Offensive: „Bild kann uns keine Fehler vorhalten, sondern kritisiert, dass Appelbaum und Gibson für das Tor-Projekt zum abhörsicheren Datenverkehr im Internet arbeiten. Genau das haben wir bereits in unserer Ausgabe vom 29. Dezember 2014 geschrieben, in einem Artikel, in dem es um die NSA und Tor ging.“ Dass Müller-Maguhn zudem ein „einstiger Frontmann des CCC (Chaos Computer Clubs)“ ist, sei „richtig und natürlich ebenfalls kein Geheimnis. Wann ist ein Vorleben verwerflich? Die heutigen Sprecher des Clubs, Frank Rieger und Constanze Kurz, schreiben beispielsweise regelmäßig in der FAS und der FAZ.“ Die Tätigkeit Müller-Maguhns als IT-Berater und seine Werbung für ein abhörsicheres Telefon wird allerdings nicht thematisiert.
Die Spiegel-Autoren kehren den Vorwurf mangelnder Unvoreingenommenheit am Ende sogar um: „Es ist ja nicht das erste Mal, dass Bild die NSA-Enthüllungen des Spiegel attackiert. Zuletzt versuchte Bild.de sogar, Snowden und seinen Enthüllungen eine Mitschuld an den Pariser Anschlägen zuzuschreiben„, um süffisant zu schließen: „Ein Faktenfehler ist dem oder den anonymen Bild-Kollegen zudem unterlaufen. Im Blatt steht: ‚Zur Verfügung gestellt wurden die meisten Snowden-Dokumente dem Spiegel von US-Journalist Glenn Greenwald‘ – was falsch ist.“
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Alle Kommentare

  1. Bild hin oder her.
    Für mich ist hier eine längst fällige Debatte angestoßen. Das ist doch eigentlich eine journalistische Ur-Frage: wer sagt was aus welchem Interesse? Die Frage nach de Unabhängigkeit des Autors kann man m.E. nicht wegdiskutieren.

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