WDR-Chefs jammern wegen zu vieler Programmbeschwerden (40 Stück)

Genervt von Beschwerden: WDR-Intendant Tom Buhrow und seine Chefredakteurin Sonia Mikich
Genervt von Beschwerden: WDR-Intendant Tom Buhrow und seine Chefredakteurin Sonia Mikich

Die Reaktionen der Medien auf Charlie Hebdo waren größtenteils von echter Anteilnahme geprägt. Zwei Kommentare jedoch stachen negativ heraus. Und bei der ARD jammern WDR-Intendant Buhrow und -Chefredakteurin Mikich über nervige Programm-Beschwerdeführer. Der MEEDIA-Wochenrückblick ...

Werbeanzeige

Was für ein trauriger Start ins neue Jahr! Der schreckliche Anschlag auf die Redaktion des französischen Satiremagazins Charlie Hebdo hat vermutlich Niemanden in unserer Branche kalt gelassen. Der Satz “Je suis Charlie” wurde weltweit zum Symbol der Anteilnahme. Eine Anteilnahme, die ohne Hass auskommt.

Zwei Reaktionen im deutschsprachigen Raum stachen dann aber doch negativ heraus. Sebastian Loudon, Herausgeber des österreichischen Kommunikation-Fachtitel Horizont.at schrieb unter dem Titel “Wir sind nicht Charlie” einen Kommentar, in dem er den Leuten das Recht auf Anteilnahme abspricht:

Nein, wir sind nicht Charlie Hebdo. Unsere Kinder wurden am Vormittag des 7. Jänner nicht zu Waisen gemacht. Wir haben nicht seit Jahrzehnten alles für die Freiheit der Meinung, der Kunst und der Medien riskiert ­– ohne Kompromiss und ohne Rücksicht auf die Gefühle anderer oder schon gar auf unsere eigene Sicherheit.

Da hat einer die Intention von “Je suis Charlie” – bewusst oder unbewusst – falsch verstanden. Man muss nicht selbst im Fadenkreuz der Terroristen stehen. Trotzdem kann und darf man Mitgefühl und Gemeinschaftssinn zeigen.

Noch mehr gewundert habe ich mich im Zusammenhang mit Charlie Hebdo über den Kommentar von Bild.de-Chef Julian Reichelt. Der erfahrene Reporter Reichelt gibt in seinem täglichen Newsletter tatsächlich dem NSA-Enthüller Edward Snowden mehr oder weniger indirekt die Schuld an dem Charlie Hebdo Anschlag:

Einer der Geheimdienstler sagte mir: „Snowden hat uns schlichtweg erblinden lassen. Niemand kann sagen, dass wir die Terroristen von Paris vor Snowden gestoppt hätten. Aber es war deutlich wahrscheinlicher.“ Ein anderer sagt: „Wir konnten förmlich dabei zusehen, wie uns bekannte Terroristen nach jeder neuen Snowden-Enthüllung weitere Kommunikationskanäle abschalteten.“

Weiter meint Reichelt, dass ein “Je suis Charlie”-Schild keine Kalaschnikow aufhalte. Da hat er Recht. Aber: Die Redaktion von Charlie Hebdo stand bereits unter polizeilicher Beobachtung, der Chefredakteur hatte einen Leibwächter. Die Polizei war vermutlich nicht nur mit Schildern ausgestattet. Es brauchte keine Geheimdienste, um zu wissen, dass diese Redaktion ein mögliches Ziel für einen Anschlag war. Die Schuld für diesen barbarischen Anschlag Edward Snowden in die Schuhe zu schieben, das ist schlicht schäbig. Anders kann man das nicht nennen.

Die Redaktion der sich gern superseriös gebenden “Tagesschau” bereicherte den Kanon der Berichterstattung am Freitag mit einem Livestream zur Menschenjagd auf die mutmaßlichen Täter im Internet.

Dazu gab es bei Twitter die erwartbare und nachvollziehbare Kritik (zu lesen, wenn man auf den oben eingebundenen Tweet klickt). Später am Tag wurde die Live-Berichterstattung in öffentlich-rechtlichen Medien abgestellt, nachdem die Polizei darum gebeten hatte. Hans-Werner Fittkau, Redaktionsleiter bei Phoenix, twitterte:

„Detaillierte Bilder“ – ein ganz neuer Euphemismus für sensationsheischende Live-Coverage.

Vielleicht eine Gelegenheit für die selbst ernannte “Ständige Publikumskonferenz”, sich mal wieder zu beschweren. Der Verein wurde von der Leipzigerin Maren Müller ins Leben gerufen, die mit einer hundertausendfach gezeichneten Online-Petition gegen ZDF-Moderator Markus Lanz für einige Aufregung sorgte. Mit ihrem Verein hat sich Frau Müller nun darauf verlegt, formal ausgefeilte Programmbeschwerden bei ARD und ZDF einzureichen. 40 sollen es im vergangenen Jahr gewesen sein, wie Stefan Niggemeier bei Krautreporter berichtet. Die allermeisten Beschwerden drehen sich um die umstrittene Berichterstattung von ARD und ZDF zur Ukraine-Krise. Niggemeier hat dazu die zuständige WDR-Chefredakteurin Sonia Mikich befragt. Die sagt: “Das hält uns von unserer journalistischen Arbeit ab. Es verunsichert meine Korrespondenten, und das finde ich furchtbar.” Parallel hat WDR-Intendant Tom Buhrow dem Focus ein Interview gegeben, in dem er sich auch zu den Programmbeschwerden äußert. Buhrow im Focus: “Auffällig ist, dass es eine Zunahme von professionell formulierten und juristisch versierten Programmbeschwerden speziell zur Ukraine gibt.“ Petra Kammerevert, SPD-Abgeordnete im Europaparlament und Vorsitzende des Programmausschusses des WDR-Rundfunkrates, wird bei Krautreporter mit den Worten zitiert: “Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Beschwerden auch politisch motiviert sind.“ Aber wer sollte da eine politische Motivation haben? Wen meint die WDR-Rundfunkrätin? AfD? Pegida? Kopp Verlag? Unter dem Krautreporter-Stück sind die einzelnen Beschwerden der “Ständigen Publikumskonferenz” aufgelistet. Das sind teils Kleinigkeiten und teils dicke Klopper, wie die berühmt gewordene Panzer-Archivaufnahme. Das Online-Angebot des WDR zeigte ein Archivbild mit Panzern im Kaukasus von 2008 und behauptete, die Aufnahme zeige russische Panzer in der Ukraine. Später rollte der falsche Panzer dann zwar immer noch nicht in die Ukraine, aber ins WDR-Fernsehen. Der Doppelfehler wurde vom Sender eingeräumt.

Die Reaktionen von Chefredakteurin und Intendant auf die Beschwerdeführer wirken leider typisch öffentlich-rechtlich. Man spürt die Abneigung, sich mit den nervigen Beschwerden auseinanderzusetzen. Dass der mit Milliarden öffentlicher Gelder ausgestattete Rundfunkapparat ins Wanken geraten soll, weil ein dahergelaufener Verein 40 Beschwerden pro Jahr einreicht, das – mit Verlaub – klingt wie ein schlechter Witz.

Wie man mit einfachen Mitteln auch Erkenntnisgewinn bei sich überstürzender Nachrichtenlage schaffen kann, hat die deutsche BuzzFeed-Dependance diese Woche gezeigt. Die Web-Viralologen lieferten eine Übersicht von Reaktionen auf den Terroranschlag, die total daneben gingen. Allen voran der schändliche Tweet der CDU/CSU Menschenrechtssprecherin Erika Steinbach, die ihre Einlassung zum Anschlag bei Charlie Hebdo mit Zwinker-Smiley versah. Die Zusammenstellung von BuzzFeed zeigt, dass Viral-Inhalte mehr sein können als bloß Gaga-Listen und Tierbilder-Quatsch.

Und wenn man von der Bild-Zeitung als Reporter nach Frankreich geschickt wird, um über die Jagd auf die Charlie-Hebdo-Terroristen zu berichten, die Geiseln genommen haben, dann könnte man sich vielleicht überlegen, ein anderes Twitter-Titelbild auszusuchen, lieber Herr Chefreporter Schneider. Selbst wenn das Foto von einer Übung der Polizei NRW stammt. Selbst dann.

Bildschirmfoto 2015-01-09 um 15.32.54


Schönes Wochenende, trotz allem!

Werbeanzeige

Mehr zum Thema

Alle Kommentare

  1. Mein Gott Herr Winterbauer!
    Was hat denn das finde mit dem anderen zu tun? Oder ist das Ihre Chronologie des Tages?

  2. Zur Klarstellung: Wir sind uns sehr bewusst, dass sich Berichterstattung gerade bei Terroranschlägen auf einem schmalen Grat bewegt. Informationsbedürfnis und Live-Bilder schließen sich nicht aus, allerdings darf nicht der Eindruck von Sensationsjournalismus entstehen. Dies gilt es jeweils sorgfältig abzuwägen und darauf hat der Kollege Hans-Werner Fittkau hingewiesen. Bilder von den Vorbereitungen der Polizei für einen Zugriff an der Druckerei hat phoenix nicht gezeigt und damit der Bitte der französischen Polizei entsprochen. Ansonsten haben wir heute wie schon seit zwei Tagen den Schwerpunkt auf Analysen und Hintergründe gesetzt, auch durch Gespräche, Talks und Dokumentationen.

    Gudrun Hindersin, phoenix Presse und Information

  3. „… Es verunsichert meine Korrespondenten, und das finde ich furchtbar.“

    ich finde das furchtbar gut. Ja, wenn man sich „überwacht“ fühlt, ist das gleich ein ganz anderes Arbeiten. Da muss man plötzlich aufpassen, dass man Qualität liefert. Da kann man nicht mehr wie gewohnt einfach hier und da mal etwas „ungenau“ sein.

  4. WDR und ARD sind Spezialisten durch ihre nicht tot zu kriegenden Tatort-Serien, durch die Deutschland sicher nicht entkriminalisiert wird. Da so viele Morde, wie in den Serien inzeniert werden (z. B. jede Woche einer in Rosenheim), höchstgradig unrealistisch sind, müssen sich diese „Experten“ bei tatsächlichen Ereignissen darstellen oder besser gesagt, unverhofft bloss- stellen.

  5. auf einmal bei den zwangsfinanzierten Anstalten? Die sollten doch Kritik einmal positiv sehen! Und soweit ich das verfolgen konnte, war die Kritik auch durchgehend berechtigt. Was wir von den Anstalten tagtäglich in den Nachrichten aufgetischt bekommen, besonders was die Ukraine-Krise betrifft, hat nichts mehr mit unabhängiger Information zu tun. Schon in den ersten Sätzen nehmen sie Partei für die vom Westen unterstützte Seite, statt objektive und vor allem nachweisbare Fakten zu nennen. Sie erzeugen „Meinungen“ und keine Information. So etwas nenne ich Manipulation. Ich habe bereits vor 8 Jahren den Fernseher in den Müll geworfen und informiere mich nur über die freien Medien im Internet. Dass das Fernsehen Müll produziert, behaupte nicht ich, sondern diese treffende Feststellung stammt von dem inzwischen verstorbenen Literaturkritiker Marcel-Reich-Ranicki. Der muss es ja beurteilen können. Ich zahle die Zwangsgebühren trotzdem, da ich bei Verweigerung mit Haftstrafe rechnen muss. Soweit sind wir also in Deutschland. Den Öffentlich-Rechtlichen schwimmen die Felle genauso davon die den Zeitungen, weil man denen schlichtweg nicht mehr alles glaubt. Ein paar Mausklicks im Internet, und die Lügen sind enttarnt. Und wer die Meinungs- und Deutungshoheit verliert, kann schon leicht in Panik geraten, statt einmal nachzudenken und sich selbst an die Nase zu fassen.

    1. Ich stimme dir bis auf einen Punkt voll zu, habe seit 30 Jahren kein TV und Co und informiere mich seit es Internet gibt dort, bis dahin aus Zeitschriften, welche leider aber auch nichts mehr taugen. Nur bezüglich bei Nichtzahlen der Zwangsgebühren in Haft genommen zu werden, stimmt nicht. Den Richter (natürlich einer mit Legetimation) möchte ich sehen, der einen Haftbefehl wegen GEZ Gebühren ausstellt. Die sind sich ja noch nicht einmal einig, welches Gericht überhaupt zuständig ist. Bereits aufgrund der gesetzlichen Vorschriften für die Zuständigkeit der ordentlichen Gerichtsbarkeit (Amtsgerichte) gemaß $ 1 ZPO i. V. m §13 GVG sind die ordentlichen Gerichte gesetzlich g a r n i c h t e r m ä c h t i g t, Haftbefehle auszustellen auf Antrag einer öffentlich-rechtlichen Anstalt, da es sich bei einer entsprechenden Streitigkeit weder um eine bürgerliche Rechtstreitigkeit, eine Familiensache, Angelegenheit der freiwilligen Gerichtsbarkeit (Zivilsachen) noch um eine Strafsache im Sinne des §13 GVG handelt. Der Staat flüchtet sich hier ohne gesetzliche Grundlage in das Privatrecht.

    2. „Ein paar Mausklicks im Internet, und die Lügen sind enttarnt.“

      Noch ein paar Mausklicks und die enttarnten Lügen sind enttarnt. Wer meint in Internet findet man nur die Wahrheit sollte Bildzeitung lesen und Fernsehen schauen

  6. Lieber Herr Winterbauer,
    im ganzen gelesen ist der Kommentar von HorizontOnline doch ein sehr Mitfühlender. Ich finde ihre Kritik unangebracht, im Grunde fragt er doch danach ob auch die anderen Medienmacher (er eingeschlossen) auf diese Art und Weise für Ideale eingestanden haben wie Hebo. Sind also alle Charlie? Da nicht jeder in karikarierender Art journailsmus betreibt und es in dieser Art nicht immer angebracht ist schlägt die Kritik des Horizont dann dennoch fehl. Aber es war als hätten wir einen anderen Text gelesen.

    Yolo

    Jonas

  7. Sehr geehrter Herr Winterbauer,

    Ich bin froh, dass Sie meinen Kommentar verlinkt haben, so können sich Ihre Leserinnen und Leser wenigstens selbst ein Bild machen. Und dann werden Sie auch folgenden Satz finden:

    „Die bis jetzt friedvoll artikulierte Empörung in der Zivilbevölkerung ist überwältigend und macht Mut. Die Solidarität der europäischen Medienwelt ist verständlich – aber so groß, dass die Grenze zur Vereinnahmung längst unkenntlich wurde. ,Je suis Charlie‘, so lautet die mitreißende und in jeder Hinsicht gut gemeinte Parole.“

    Dass Sie zum Schluss kommen, ich würde „den Leuten das Recht auf Anteilnahme“ absprechen, trifft mich ins Herz. Das Gegenteil ist der Fall. Mir ging es darum, die Vereinnahmung durch Medien(konzerne) zu thematisieren, deren Mut in der täglichen Verteidigung der Pressefreiheit nicht einmal ansatzweise an jenen von „Charlie Hebdo“ herankommt, und die sich nun selbst als Opfer stilisieren. Das hat mich befremdet und diesem Gefühl wollte ich Ausdruck verleihen.

    Mit freundlichen Grüßen
    Sebastian Loudon

  8. Ich finde die Arbeit der Publikumskonferenz sehr wichtig. Man sollte sie nicht so ins Lächerliche ziehen.

    Ich opfere auch einen Teil meiner Zeit, um auf Missstände in der Ukraine-Berichterstattung hinzuweisen und hätte auch etwas Besseres zu tun. Ich will das eigentlich gar nicht, kann aber angesichts grotesker Manipulationen und medialer Inkompetenz nicht schweigen.

  9. Apropos ARD, apropos Inkompetenz: Vor einige Tagen hat der ukrainische Ministerpräsident Jazenjuk in den Tagesthemen von einer Invasion der Sowjets in Deutschland im II. Weltkrieg gesprochen und die ARD/Tagesschau in Form von Dr. Kai Gniffke hat das verteidigt. Warum sollte man über diese Geschichtsumdeutung und die Reaktion der ARD darauf nicht beschweren?

    Die deutsche Presse hat dieses Aussage Jazenjuks auf wundersame Weise ignoriert (Sie kann jederzeit im entsprechenden Video nachvollzogen werden. Auch Gniffkes „Verteidigung“ ist steht noch in Facebook): Wer diese große Story vertuscht, braucht sich über massive Kritik an der Presse nicht wundern.

  10. Dass die Mitarbeiter der öffentlich-rechtlichen Anstalten für eine Pro-Merkel-Berichterstattung sorgen, ist es durschaus nachzuvollziehen. Gerade der Kanzlerin und ihren CDU/CSU Kollgen sollten sie für die gesicherte Finanzierung durch den „Zwangsbeitrag“ danken. Dazu noch: Vor dem Urteil vom 25.03.2014 des Bundesverfassungsgerichts waren 44% der Verwaltungs- und Fernsehräte in den Anstalten staatsnahe Personen.

  11. Beispiel, was der WDR Journalismus nennt:
    Man hat in Bonn einen Käfer mit dem Kennzeichen
    BN- AQ 911 gesichtet.
    Sofort rennt das WDR Wesen zu offiziellen Stellen um zu erfragen, ob die Kombination wg. Al Qu. und 9/11 zulässig sei.
    Ob der Halter des Wagens evtl. Anton Quallmann hieß und am 9.11. Geburtstag hat, wurde nicht ermittelt. WDR halt.

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werbeanzeige

Werbeanzeige