Anzeige

“Hart aber fair” zum Anschlag auf Charlie Hebdo: die Verwundbarkeit und die Stärke der freien Welt

Michel Friedman (l.) und Roland Tichy bei „Hart aber fair“ zum Thema Charlie Hebdo
Michel Friedman (l.) und Roland Tichy bei "Hart aber fair" zum Thema Charlie Hebdo

Da war die ARD mal richtig schnell. Am späten Abend des schrecklichen Terror-Anschlags auf die Redaktion von Charlie Hebdo in Paris ging Frank Plasberg mit einer Sonderausgabe von “Hart aber fair” auf Sendung. Die Diskussion, u.a. mit Michel Friedman und Roland Tichy, arbeitete wesentlichen Aspekte von Islamismus und Anschlag heraus und hob sich wohltuend vom alltäglichen Talkshow-Klimbim ab.

Anzeige
Anzeige

Angesichts der furchtbaren Ereignisse in Paris hielt sich auch der notorische Lautsprecher Michel Friedman zurück und blieb erfreulich down to earth. Neben ihm und dem früheren WirtschaftsWoche-Chef Roland Tichy, der sich gerade mit eigenem Blog einen Namen als Ein-Mann-Medienmarke macht, diskutierten der Terrorismus-Experte Peter Neumann, die in Talkshows gern gesehene Islam-Wissenschaftlerin Lamya Kaddor und der NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD). Der war vermutlich anwesend, weil irgendein Politiker im öffentlich-rechtlichen Talk-TV halt immer dabei sein muss und diese Extra-Ausgabe von “Hart aber fair” aus Köln kam.

Aber Jäger störte zum Glück nicht weiter. Natürlich vermochte die Sendung es nicht, Motive und Genese der schlimmen Tat aufzudecken. Aber es hatte einen beruhigenden, katharsischen Effekt, nochmal darüber zu reden. Bzw. Leuten dabei zu zuschauen, wie sie vernünftig darüber redeten.

Es wurde Richtiges und Nachdenkenswertes gesagt. Zum Beispiel sagte Neumann, dass es “selbstverständlich” ein wirksames Mittel gegen Terrorismus gebe: nämlich eine Diktatur. Totalitären Regimen ist das Phänomen des Terrorismus fremd, weil der Terror dort vom Staat quasi mit übernommen wird. Das sollte man sacken lassen.

Und Frank Plasberg warf mit Recht ein, dass der Anschlag auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo nicht aus heiterem Himmel kam. Nach einem Brandanschlag wegen Mohammed-Karikaturen und diversen Drohungen hatte der Chefredakteur der Zeitschrift einen Leibwächter, die Redaktion stand unter polizeilicher Beobachtung. Die bittere Erkenntnis: Eine Demokratie ist für solche Verbrechen immer verwundbar. Hundertprozentiger Schutz ist nicht möglich.

Anzeige

Diese Erkenntnis ist es, was uns alle an dieser scheußlichen Tat so berührt und auch so wütend macht: die Ohnmacht. Wütend darf man sein auf die Terroristen und Mörder von Paris. Nicht aber auf eine Bevölkerungsgruppe oder Religion. Dies wurde auch bei “Hart aber fair” differenziert herausgearbeitet. Auch von Leuten wie eben Friedman und Tichy, die sonst gelegentlich zur Dampfplauderei neigen.

Leider nur ganz am Rande wurde die bemerkenswerteste und tröstlichste Reaktion, die weltweit auf den Anschlag stattfand, erwähnt: Je suis Charlie – ich bin Charlie. Auf der ganzen Welt ersetzen Menschen ihre Profilbilder auf Facebook und Twitter mit diesem Slogan, hielten Menschen Schilder mit dem Slogan hoch, der Trauer, Solidarität und Unbeugsamkeit ausdrückt. Aber eben keinen Hass.

Der Anschlag zeigte die verwundbare Seite einer Demokratie. Die Trauer-Demonstration in Paris, die Zusammenkunft in Berlin an der französischen Botschaft und in anderen Städten auf der ganzen Welt aber zeigen die Stärke der Demokratie. Wenn es wirklich zählt, dann verstummen Gelaber und Kleingeisterei. Die asozialen Netze werden sozial. Der große gemeinsame Nenner lautet “Je suis Charlie”. Dieser Satz ist vielleicht auch die richtige Antwort auf die schwer zu fassende PEGIDA-Bewegung: Je suis Charlie. Nous sommes Charlie.

Frankreich rückt in dieser Stunde zusammen, sagte Zuschauer-Redakteurin Brigitte Büscher bei “Hart aber fair”. Fast möchte man meinen, die freie Welt rückt ein wenig enger zusammen. Das kann die Mörderbande von Paris nicht gewollt haben. Gut so!

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Alle Kommentare

  1. Es ist sicher richtig, das es keinen 100%-Schutz gibt.
    Wenn man allerdings die polizeilich Bekannten radikalen Islamisten, die Rückkehrer aus Syrien und Salafisten den deutschen Pass entziehen würde, um sie auszuweisen, dann wäre Deutschland wesentlich sicherer.
    Das ist rechtlich schwierig, ich weiss. Aber Gesetze kann man ändern.
    Zur Sicherheit aller Bürger in Deutschland!!
    Aber Politikern passiert ja nichts. Und wenn vom Volk jemand stirbt, who cares?

  2. In einer Diktatur gibt es keinen Terrorismus? – Klingt griffig, ist aber Quatsch. In Russland oder China etwa hat es verheerende Anschläge gegeben. Syrien und Libyen sind weitere Beispiele. – Das Gegenteil ist richtig: Diktatorische Regime führen allzu oft zu Widerstand, der sich eines Tages brutal entlädt, das Regime hinwegfegt und ein Land ins Chaos stürzt. Von daher ist die viel beschworene politische Stabilität oft von ziemlich zweifelhaftem Wert.

  3. Die Sendung fand ich auch fair und ausgewogen! Und das mit der Diktatur wird kein vernüftiger Mensch wollen, weder eine linke noch eine rechte!

    Deshalb ist die Meinungsfreiheit und Toleranz heute wichtiger denn je!

    Radikale Gruppen müssen bekämpft werden, aber mit besorgten Bürgern muß gesprochen werden!

    Große Teile der PEGIDA-Bewegung haben nicht pauschal etwas gegen die Ausländer, sehr wohl aber etwas gegen verfehlte Ausländerpolitik.

    Die Oma mit Rollator als Nazi oder Rassistin zu bezeichnen, zeigt die Konzeptlosigkeit der Gesellschaft im Umgang mit Andersdenkenden.

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*