Kalaschnikows gegen Karikaturisten: Wie das Attentat auf Charlie Hebdo den kritischen Journalismus bedroht

Anschlagsziel Charlie Hebdo 2015, Schlagzeilen nach den Schüssen in Paris: beispielloser Anschlag auf die Pressefreiheit
Anschlagsziel Charlie Hebdo 2015, Schlagzeilen nach den Schüssen in Paris: beispielloser Anschlag auf die Pressefreiheit

Mit beispielloser Kaltblütigkeit haben vermummte Angreifer in der Redaktion der französischen Satire-Zeitung ein Blutbad angerichtet. Der Angriff galt nicht nur den Urhebern von Mohammed-Karikaturen, sondern der Seele des Journalismus. Warum das Festhalten an den Prinzipien der freien Presse das einzig richtige Signal an die Terroristen ist.

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Journalisten haben täglich mit Gewalt und Schreckensnachrichten zu tun. Doch die Meldung vom Attentat, das am Mittwochvormittag die Pariser Innenstadt und danach die ganze Welt erschütterte, ist für Generationen von Berichterstattern zumindest in Europa auf eine besondere Weise einmalig: In der französischen Hauptstadt wurde eine ganze Redaktion kaltblütig exekutiert, und das Signal an die freie und meinungsfreudige Presse ist eindeutig: Einschüchterung und die Frage, ob es irgendwo, irgendwann und vielleicht schon bald weitere Opfer geben wird, die nichts anderes getan haben, als ein demokratisches Recht wahrgenommen und einen in der Verfassung verbrieften Auftrag ausgeführt zu haben.

Stunden nach dem mit brutaler Präzision verübten Anschlag wäre es fahrlässig, die Täter sicher im Kreis der islamistischen Terrorbewegung zu verorten, selbst wenn die Indizien und auch die Aussagen von Zeugen und Überlebenden erdrückende Indizien liefern. Wenn es sich tatsächlich um einen von langer Hand geplanten Gewaltakt einer fanatischen religiösen Minderheit handelt, drohen in vieler Hinsicht verheerende Folgewirkungen. Kämen Drahtzieher und Täter aus einer anderen Ecke, dann lägen genau diese Auswirkungen vermutlich in deren Kalkül.

Die Medien stellt das Thema vor eine spezielle und ungewohnte Situation: Sie berichten gleichzeitig über Dritte und sind doch selbst betroffen. Die Toten rund um die Pariser Redaktion sind nur ein Dutzend Opfer von ungezählten Menschen, deren Leben infolge von Fanatismus, Terror oder Krieg ausgelöscht werden. Aber ihr Tod soll, so darf unterstellt werden, den Journalismus insgesamt treffen und beeinflussen. Die Bombendrohungen gegen Sony und US-Kinoketten hatten Ende des Jahres noch Erfolg und führten zur Absetzung der Nordkorea-Komödie „The Interview“. Bei Charlie Hebdo gab es offenbar nicht einmal mehr Drohungen: Die Täter schlugen ohne Vorwarnung zu.

Aus Sicht der freien Presse wäre ein Lähmung, ein Zurückzucken bei kritischen Gedanken und Entwürfen die fatalste Folge des Attentats. Prominente aus Politik, Gesellschaft und Religion, darunter viele hochrangige muslimische Würdenträger, haben die Gewalttat verurteilt. Diese Reaktionen sind umso wichtiger, je kritischer diejenigen, die nun Solidarität bekunden, den Satire-Medien gegenüber standen, weil auch sie oft genug Zielscheibe der Kritik von Charlie Hebdo, Titanic & Co. gewesen sind. Freiheit, so haben Demokraten von Rosa Luxemburg gelernt, ist immer die Freiheit der Andersdenkenden. Wer sich unter dem Eindruck des Terrors wegduckt, hilft mit, einen über Jahrzehnte erkämpften Freiraum Stück für Stück aufzugeben.

Diese Freiheit darf nicht eingeschränkt werden, weder durch Repressalien von Regimen noch durch die Macht von Sturmgewehren. Die Redaktion in den tristen Häuserschluchten nahe des Pariser Zentrums, in der sich das Blutbad ereignete, ist heute auch die Redaktion aller freien Berichterstatter. Und so ist die gebotene Reaktion auf die Morde das Bekenntnis der Medien zu allen Journalisten, die durch ihr von der Verfassung geschütztes Tun zu Hassobjekten werden können: Je suis Charlie – ich bin einer von Charlie Hebdo: eine breite Front der Solidarisierung ist das wichtigste Signal an alle, die das Grundrecht auf Meinungsfreiheit zerstören wollen. Dabei geht es nicht darum, sich eine publizistische Sichtweise zu eigen zu machen, sondern darum, mit journalistischen Mitteln den Respekt für diese einzufordern.

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Alle Kommentare

  1. Wir müssen jetzt einen kühlen Kopf behalten!
    Es darf keine Anfeindungen gegen muslimische Mitbürger geben!

    Die würden nur von einigen Politikern genutzt werden, PEGIDA weiterhin zu verteufeln, um sich mit den Sorgen der besorgten Bürger nicht auseinander setzen zu müssen!

  2. Zur Pressefreiheit in der Maulkorbrepublik BRD:

    Zum Rausschmiß des RTL-Reporters Felix Reichstein

    „Es geht mir einfach um mein Deutschland, das mir wichtig ist.“ Das sagte der von seinem Sender am 15. Dezember nach Dresden entsandte RTL-Mann Felix Reichstein den Panorama-Journalisten in einer so authentischen Weise, daß es kaum gespielt gewesen sein kann. Für ihn war es das berufliche Aus.
    Was Reichstein verbrochen hat, brachte „Die Welt“ dann wie folgt auf den Punkt: „Ohne Not gab der RTL-Reporter ein Interview statt zu schweigen.“ Das ist an sich schon ein Un-Satz in einem freiheitlichen Gemeinwesen, das keine Maulkorbrepublik sein kann. Das Springer-Blatt fragt sich, was Reichstein dazu getrieben habe, „am Elbufer selbst patriotische Parolen zu schwingen, anstatt den Wutsachsen in all seiner gedanklichen Häßlichkeit zu präsentieren”. Das Problem war nämlich ersichtlich nicht, daß Reichstein im Rahmen seiner „Undercover“-Recherche in Dresden agitiert oder journalistische Regeln verletzt hätte, sondern daß er außerhalb dieses Auftrags – deshalb „ohne Not“, als Bürger – gegenüber „Panorama” darlegte, daß er der Ansicht ist: „Wir sollten aufpassen, daß Deutschland Deutschland bleibt.” Und auf die Frage, was für ihn das „christlich-jüdische Abendland” bedeute, sagte der dann geschaßte RTL-Mann, sich von Pegida insoweit distanzierend: „Diesen Begriff habe ich nicht erfunden; mein Land heißt Deutschland, und das mag ich so, wie es ist.”
    Wie er auf der Hut war, sich nicht in eine radikale Ecke drängen zu lassen, erlaubt den Schluß, daß Reichstein, Politikwissenschaftler mit Bachelor-Abschluß, durchaus die Ansichten hat, die er vor der NDR-Kamera (also praktisch ohne Aussicht, anonym zu bleiben) vertrat. „Unser Mitarbeiter hat einen Fehler begangen, der nicht zu entschuldigen ist“, sagte sein Chef anschließend, räumte aber ein, daß es sich um einen erfahrenen Kollegen handle, der beim RTL-Landesstudio Ost rund dreihundert Beiträge verfaßt habe, ohne daß es zu Auffälligkeiten gekommen sei.
    Die „FAZ“ sieht in Reichsteins Interview einen „seltsamen Auftritt“ und auch die „Zeit“ empört sich, der Reporter hätte nicht deutlich gemacht, daß er als Journalist vor Ort war. Das mußte er auch nicht, soweit er sich nicht mit dem Ziel, Pegida zu schaden, also als „agent provocateur”, äußerte. Auch Journalisten haben Bürgerrechte, die nicht suspendiert sind, während sie wo auch immer recherchieren. Dementsprechend sah Reichstein auch keinen Anlaß, seinem Chef anschließend ein Geständnis abzulegen, was dieser ihm nun vorwirft.
    Reichsteins frühere Kollegen vom „Nordbayerischen Kurier“, wo er zwischen 2006 und 2009 zuerst als Praktikant, dann als Volontär und schließlich als Redakteur tätig war, berichteten am 22. Dezember 2014 Widersprüchliches darüber, auf welche Weise der Sender sich von seinem mißliebigen Mitarbeiter getrennt hat: „Nach Kurier-Informationen wurde Reichstein nach einem Personalgespräch Montagmittag gekündigt, man müsse sich nun auf eine Vertragsauflösung einigen. Auf anderen Nachrichten-Portalen und in sozialen Netzwerken hieß es bereits am Sonntagabend, Reichstein sei gefeuert worden.“ Wenn Reichstein angesichts des auf ihn ausgeübten Drucks nicht ein von den RTL-Konzernjuristen formuliertes Papier unterzeichnet hat, sondern wegen seines Interviews gekündigt wurde, hätte er vor dem zuständigen Arbeitsgericht mit einer Klage gute Chancen. Seine Karriere aber kann kein Richter mehr retten.
    B. Schreiber

  3. Kritischer Journalismus?
    Wo??
    In Deutschland???
    Lustige Idee!! Wer ihn findet, gebe Bescheid!
    Leuchtturm des Journalismus (des kritischen): das Z D F !
    Im heute-journal um 19.00Uhr war der Redaktion noch nicht klar, welcher Gesinnung diese tollwütigen Mörder in Paris sind! Mehr als sieben Stunden nach dem Gemetzel unter „Allahuakbar“-Geschrei!
    Ich bin bereit, weiterhin widerstandslos meine Zwangsabgabe für diese öffentlich-rechtlichen Dilettanten zu entrichten, wenn sie denn doch nur still sein würden. Man muß ja auch geistig Minderbemittelte mit durchfüttern. @Alle: Jeden Tag eine gute Tat!

  4. Lieber Schorsch,

    ich freue mich stets über derart differenzierte Meinungsäußerungen. Diese zeichnen ungefähr das gleiche Feindbild der Medien, wie jenes, dass auch die Pariser Attentäter haben. Du bläst ins gleiche Horn. Ich halte den Journalismus in Deutschland sehr wohl für kritisch und differenziert – es kommt jedoch wohl darauf an, welche Medien man rezipiert.

    Die teilweise unverhohlenen Drohungen und Feindseligkeiten europäischer Patrioten die einfach nur mal etwas sagen wollen, ohne gleich Nazis genannt zu werden, machen mir eben soviel Angst, wie von anderen Gewalttätern egal welcher Glaubensrichtung.

    Im Endeffekt ist es egal, von wem die Kugel oder eben „ein paar aufs Maul“ kommen. Der Grund ist Hass und abgrundtiefer Verachtung. Aus Deinen Zeilen lese ich zumindest zweites.

  5. Grundsätzlich finde ich die extreme Berichterstattung kontraproduktiv. Stattdessen wäre eine große Welle satirischen Umgangs mit der Tat, Islamisten und dem Islam an sich viel hilfreicher. Einfach zeigen das Charlie Hebdo überall ist. Das würde zeigen: „jetzt erst recht – wir lassen uns nicht einschüchtern“.

    Durch die Art wie aktuell aber damit umgegangen wird sehe ich nur die Ziele der Attentäter erreicht: Alle sind bestürzt und Angst und Schrecken werden verbreitet.

    1. Die deutsche Presse sollte sich hinter die Meinungs- und Informationsfreiheit stellen. Als Bekundung der Protestes und des Mitgefühls für die Opfer des „Hebedo`s“ sollten alle Zeitungen Deutschland`s die Karrikaturen veröffentlichen . das sollten die toten Kollegen schon wert sein.

  6. Kritischer Journalismus? Hallo, was kritisiert ihr denn? Das einzige was ich noch in der deutschen Presse lese ist eure eigene linke Beweihräucherung und die Nazifizierung von allen was euch kritisch gegenüber steht.

    1. Ich teile mal einen Link für die „Schwindelpresse“!

      Liebe Freunde,

      auch wenn der heutige feige Anschlag in Paris, ein Anschlag auf Meinungsfreiheit, Demokratie, auf Europa, letztlich auf uns alle, Wasser auf unsere Mühlen zu sein scheint, nehmen wir dies nicht zum Anlass, uns damit zu brüsten, wir hätten es ja schon immer gewusst. Nein, eben weil wir keine Schreihälse sind, als die wir verunglimpft werden, keine Claqueure sind wie diejenigen, die uns reflexartig mit „Nie-wieder-Deutschland – hindern wollen, uns mit unseren Abendspaziergängen meistens schweigend zu artikulieren, lassen wir diejenigen aufschreien, die es immer tun, wenn sich aktuell etwas Außergewöhnliches, Furchtbares ereignet. Wir schweigen in Trauer und Demut und in Solidarität mit den Familien der französischen Redakteure, die jetzt erste Opfer wurden. Wir schweigen und werden am Montag wieder spazieren gehen: schweigend und mit einem Trauerflor!

    2. Als Verlierer immer nur dagegen sein ist opportun, lenkt vom eigenen Versagen ab. Denk ma drüber nach Schorssssch

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