Anzeige

Wallstreet Journal Deutschland ist abgeschaltet – kein Grund für Sirenengesänge

Wechsel in die PR: Oliver Stock wird Kommunikations-Chef beim Versicherer Ergo
Wechsel in die PR: Oliver Stock wird Kommunikations-Chef beim Versicherer Ergo

Die deutsche Online-Ausgabe des Wall Street Journal wurde heute abgeschaltet. In einem Gast-Kommentar für MEEDIA meint Handelsblatt.com-Chefredakteur Oliver Stock, dass das Aus für ein Medium keine Sirenengesänge für eine ganze Branche rechtfertigt. Falsch sei es, wenn sich Medien-Vertreter ans Hergebrachte klammern wie ein Ertrinkender an den Rumpf der Titanic

Anzeige
Anzeige

von Oliver Stock

Totengesänge? Schadenfreude? Ein Ehrensalut? Es ist gar nicht so einfach, richtig darauf zu reagieren, dass wieder ein Medienangebot in Deutschland verschwunden ist. Es ist keines, das viele vermissen werden, denn letztlich ist es daran gescheitert, dass die Zahl seiner Leser und Nutzer zu überschaubar geblieben ist. Aber es ist eines, dass journalistisch aufwendig produzierte Inhalte geliefert hat. Ich meine das Wallstreet Journal. Dessen deutsche Online-Version, die tagtäglich in Frankfurt geschrieben wurde, heute abgeschaltet wurde. Verlegerlegende Rupert Murdoch hat einfach den Stecker gezogen. Ich höre bereits die Sirenengesänge: Guter Journalismus zahlt sich nicht aus, er ist unbezahlbar, intonieren sie.

Das ist Quatsch. Es ist der Grundirrtum einer Branche, die anderen gerne ins Stammbuch schreibt, sie müssten sich ändern, deren Vertreter sich selbst aber ans Hergebrachte klammern wie ein Ertrinkender an den Rumpf der Titanic.

Die Gleichung dieser Totengräber geht so: Allen Menschen auf dieser Erde zusammengenommen steht eine begrenzte Zahl an Minuten täglich zur Verfügung, um Inhalte von Medien aufzunehmen. Wir müssen essen, schlafen, arbeiten – da können wir nicht die ganze Zeit lesen, hören und schauen. Auf der anderen Seite der Gleichung stehen eben die Inhalte, deren Menge unbegrenzt wächst. Die Informationen im Netz verdoppeln sich täglich. Wenn die Aufnahmefähigkeit begrenzt ist, das Angebot an Inhalten aber in unendlicher Vielfalt zur Verfügung steht, sind Inhalte nichts mehr wert, heißt die Gleichung. Das Wallstreet Journal in Deutschland, das darauf gesetzt hat, unter seinem klangvollen Namen Inhalte im Netz zu verkaufen, konnte deswegen keinen Erfolg haben. Welch zwingende Logik!

Richtig ist, dass wir keinen Grund haben anzunehmen, dass sich journalistische Inhalte nicht verkaufen lassen. Und zwar an Leser oder an Kunden. Für die Finanzierbarkeit journalistischer Inhalte haben wir seit jeher beide gebraucht, und wir brauchen sie auch weiter. Die Kunst ist, beide Gruppen richtig auszutarieren, so dass guter Journalismus unabhängig und bezahlbar bleibt. Daran ist das Wallstreet Journal gescheitert.

Anzeige

Es gibt drei Regeln, die helfen, die Balance zu finden. Die erste heißt: Bau Dir eine starke Marke. Das Wallsteet Journal ist ein renommiertes Medium, richtig strahlen kann es aber nur in englischer Sprache. Ausgerechnet in Deutschland ein Bezahlangebot zu starten, war unter dieser Voraussetzung mutig bis übermütig. So sehr es in den Ohren schmerzt: Neue journalistische Angebote funktionieren hierzulande dann, wenn sie schrill und ungewöhnlich sind. Sie fristen dagegen ein Mauerblümchendasein, wenn sie nicht aus der Reihe tanzen. Also: Huffington Post statt Wallstreet Journal – das tut weh, aber es ist wahr.

Regel Nummer zwei lautet: Sei da, wo Deine Leser sind. Wer eine coole App braucht – Bitteschön. Wer eine sich ständig erneuernde, endlose Onlineseite braucht – kein Problem. Wer mit der Zeitung rascheln möchte – hier ist sie. Wir können da von Industrieunternehmen lernen. Wenn VW immer nur den Käfer gemacht hätte, gäbe es das Unternehmen heute nicht mehr, weil der Käfer – und heute der Golf – zwar ein Grundbedürfnis abdeckt, aber eben nicht in allen Lebenslagen der richtige Wagen ist. Ein deutsches Wallstreet Journal gab es nie auf Papier. Das war verständlich, aber nicht richtig.

Schließlich gilt drittens: Journalismus findet nicht hinter dem Schreibtisch statt und erschöpft sich auch nicht in der Recherche vor Ort. Ein Journalist muss sichtbar sein, für seine Leser und für die, über die er berichtet. Nur so gewinnt er Relevanz. Wenn heute jedes Hotel uns fragt, wie uns die Nacht gefiel, die wir in ihm verbracht haben, können Journalisten nicht Informationen absenden und dann abtauchen. Sie müssen sich einer Debatte stellen, in ihrem Medium, in anderen Medien, auf Bühnen, in Schulen, in sozialen Netzwerken.  Das Wallstreet Journal und seine Journalisten sind in Deutschland drei Jahr lang fast unsichtbar geblieben.

Wie also sollen wir auf das Aus für dieses smarte beinahe Startup aus Frankfurt reagieren? Am besten den Hut ziehen und lernen. Und sicher sein: Die nächsten Mediengründer kommen bestimmt. Zumindest diese Fehler brauchen sie aber nicht zu wiederholen.

Oliver Stock ist Chefredakteur von Handelsblatt.com, wo dieser Beitrag zuerst erschien. MEEDIA gehört zur Verlagsgruppe Handelsblatt.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Alle Kommentare

  1. Das WSJ.de war ein Versuchsballon, der Murdoch praktisch nichts gekostet hat. Warum sollte er es also nicht mal versuchen? Die wichtige Frage ist, ob der Markt für das deutsche HB in ein paar Jahren noch vorhanden sein wird, um die rasant wachsende Nutzung englischer Medien durch deutsche LAE-Entscheider zu überleben. So gut verdrahtet wie FT, Reuters, Bloomberg und WSJ inzwischen in Deutschland sind, sehe ich da ein veritables Problem auf die HB-Marken zukommen, die es ja auch schon selbst auf Englisch probieren. Verzweiflung?

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*