Ukraine und Pegida: „Tagesschau“-Chefredakteur sieht „Medien als Sündenbock“

tagesschau_n.jpg

Die Krise scheint längst überall zu sein. In der Ukraine und in Syrien, in Russland, in den Köpfen der Pegida-Demonstranten und auch in den deutschen Redaktionsstuben. Ausgelöst durch die ständige Kritik an der Berichterstattung über die diversen Konflikte, kriselte es auch längst im Selbstverständnis einiger Journalisten. Im Zentrum von Zensur und Manipulationsvorwürfen steht seit längerem die "Tagesschau". Jetzt meldete sich deren zweiter Chefredakteur wieder zu Wort. Er sieht die "Die Medien als Sündenbock".

Anzeige

Das Blogposting von Christan Nitsche steht unter der Überschrift „Wer Angst sät, will Macht ausüben„. Basis seiner Argumentation ist die Beobachtung, dass immer mehr Bürger von einer tiefen Verunsicherung ergriffen seien. Vor allem Ängste um die Stabilität Europas, eines drohenden neuen kalten Krieges und die diffusen Schrecken durch einen möglichen Isis-Terror würden die Bürger beschäftigen. Die Folge laut Nitsche: Die Verunsicherten öffnen sich Gruppierungen, „die Entlastung anbieten, vermeintlich Sicherheit verheißen, einfache Antworten geben und Schuld zuweisen“. Wen er unter anderen damit meint ist klar: Verschwörungstheoretiker und die Pegida-Organisatoren und -Demonstranten.

„Auf dem Nährboden der Angst vor einem neuen Kalten Krieg gedeiht die Hetze gegen Journalisten“

Der zweite Chefredakteur der „Tagesschau“ wirft diesen Gruppen vor, ganz bewusst Ängste zu schüren. Immerhin würden sie die Vernunft verkleben. „Sehr häufig wird mittlerweile argumentiert, deutsche Medien seien für die Verhärtungen zwischen Russland und Europa verantwortlich, sie würden gar bewusst manipulativ berichten. Beachtlich ist, dass durch die Wiederholung solch verschwörerischer Parolen tatsächlich breite Bevölkerungsschichten erreicht werden“, schreibt der Journalist. Allerdings würde es ihnen nicht um „die Stärkung des unabhängigen Journalismus“ gehen, „sondern um die Diskreditierung der Qualitätsmedien insgesamt, darum ihren Einfluss zu schwächen und den eigenen zu erhöhen“. Denn: „Auf dem Nährboden der Angst vor einem neuen Kalten Krieg gedeiht die Hetze gegen Journalisten.“

Seit Beginn des Ukraine-Konfliktes kämpft die Redaktion der „Tagesschau“ massiv gegen die Vorwürfe, nicht objektiv über die Situation in Russland und der Ukraine zu berichten. Bereits Nitsches-Kollege Kai Gniffke sah sich mehrfach gezwungen, im Blog der TV-Nachrichten dazu Stellung zu beziehen. Dass ihm das selten überzeugend gelang, steht auf einem anderen Blatt.

63 Prozent haben wenig oder gar kein Vertrauen in die Ukraine-Berichterstattung mehr

Mittlerweile stellt sich die Situation allerdings so dar, dass tatsächlich sehr viele Deutsche das Vertrauen in die Arbeit der Medien verloren haben. So befragten im Auftrag des NDR-Medienmagazins Zapp die Meinungsforscher von Infratest Dimap über 1000 Personen zu ihrem Vertrauen in die Ukraine-Berichterstattung. Das Ergebnis ist ein deutlicher Warnhinweis an die Arbeit vieler Redaktionen. Denn laut der Umfrage haben 63 Prozent wenig oder gar kein Vertrauen in die Ukraine-Berichterstattung deutscher Medien. Fast jeder Dritte empfindet die Berichterstattung als einseitig und 18 Prozent gehen gar von einer bewussten Fehlinformation durch die Medien aus.

Fast schon pathetisch fragt Nitsche: „Welches Eigeninteresse hätten denn Zeitungen, Sender und Onlinemedien, Angst vor einem Krieg zu schüren? Sie hätten nichts davon!“. Der Forderung nach einem „wohlwollenden Journalismus beim Thema Putin“ erteilt der Chefredakteur ein klare Absage. „Aufgabe der Medien ist es nicht, Ängste zu nehmen oder Ängste zu schüren. Es gilt in kritischer Distanz darzustellen, was ist. Nicht die Wünschbarkeit einer Entwicklung ist ein journalistisches Prinzip, sondern die genaue Wiedergabe.“ Geradezu trotzig merkt er an: „Es gilt die schwierige Arbeit von Korrespondenten in Kriegsgebieten zu würdigen“.

In Anbetracht der vielen Fehler und Ungenauigkeiten, mit denen die „Tagesschau“ seit dem Ausbruch der Ukraine-Krise zu kämpfen hat, ist eine solche Aussage höchst gewagt und wird – fast schon folgerichtig – als arrogant wahrgenommen. Genauso antwortet Gregor Keuschnig dann auch in seinem Blog: „Was mich aber vor allem stört ist diese unfassbare Arroganz eines Christian Nitsche, der damit exakt das Gegenteil dessen erreicht, was er als notwendig erachtet“, heißt es dort. „Der öffentlich-rechtliche Rundfunk, der dringender benötigt wird denn je, nimmt mit solchen Personen einen lange Zeit irreversiblen Schaden. Statt mit journalistischer Arbeit verloren gegangenes Vertrauen zurück zu gewinnen, gefällt man sich in der Rolle des selbstgefälligen Alleswissers.“

Nitsche meint: Früher war alles besser

Leider kommt Nitsche in seinem Text auch nicht ohne das alte Klagelied aus, dass früher alles besser gewesen wäre. „Ein Versuch, den etablierten Qualitätsmedien in Deutschland eine gemeinschaftliche Strategie zur Manipulation der öffentlichen Meinung zu unterstellen, wäre früher als abstruse Verschwörungstheorie abgetan worden.“

Es ist erstaunlich, mit welcher Wucht mittlerweile die Diskussion um die Qualität der Medien, „Systempresse“ und Meinungsgleichschaltung geführt wird. Wobei: Bei der Verleihung der Lead Awards in Hamburg beklagte selbst Außenminister Frank Walter Steinmeier den umfassenden Meinungs-Mainstream der Medien.

Mit einem Hinweis, dass früher alles besser war, lässt sich diese Debatte jedenfalls nicht führen. Die Fehler müssen benannt und Konsequenzen gezogen werden. Verschwörungstheoretikern begegnet man am besten mit maximaler Transparenz. Das gilt auch für den Kampf gegen Angst. Je besser sich die Bürger informiert fühlen, um so genauer können sie jeder für sich selbst die Entscheidung treffen, ob sie vor den diversen Krisen Angst haben wollen oder nicht.

Pikant dabei: Möglicherweise tragen die Medien an den Ängsten vieler Bürger eine gewisse Mitschuld. Immerhin erweckt ihre Berichterstattung bei vielen Lesern und Zuschauern seit Jahren das Gefühl einer ständigen Dauer-Krise, in der wir uns alle befinden. Nur das diese Dauer-Krise jetzt auch den Journalismus und die Glaubwürdigkeit der Medien erreicht.

Anzeige
Anzeige

Alle Kommentare

  1. …kurz vor dem Einlullen durch deutsche Ukraine-„Berichterstattung“ fast aller TV-Sender, Deutschlandfunk und mainstream-Printmedien sei noch zum
    Nachdenken ein Blick auf blogs (geolitico, oeconomicus u. a.) sowie
    RT international und deutsch empfohlen.
    Die Wahrheitsfindung wird etwa in der Mitte liegen !

    Christian G. Christiansen, Berlin

Die Kommentarfunktion für diesen Artikel ist deaktiviert.

Anzeige