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Nach dem Rückzug von G+J aus Indien: Die Auslands-Schrumpfstrategie setzt sich fort

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G+J-Chefin Julia Jäkel mit MaXposure-Magazinen aus Indien

"Indien boomt", hieß es im Geschäftsbericht 2011 von Gruner+Jahr. "Über Wochen und Monate" habe ein Team um den damaligen Auslandsvorstand Torsten-Jörn Klein das Land bereist. "Unzählige Start-ups in Hinterhöfen sowie Medienhäuser" habe man besucht. Nun folgt relativ sang- und klanglos der Verkauf sämtlicher Beteiligungen. Die Erwartungen seien nicht erfüllt worden, so ein Sprecher zum Handelsblatt, das über den Verkauf berichtete. Fragt sich nur: welche Auslandsbeteiligung kommt als nächstes unter den Hammer?

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2008 war G+J mit einer Geo-Ausgabe für Indien auf den Markt gegangen. 2011 der Einstieg in das Familienunternehmen MaXposure Media Group. Die Gründer wurden in dem Geschäftsbericht als „jung, kreativ, fix, weltoffen“ beschrieben. Knapp 79 Prozent an dem Mittelständler hatte G+J übernommen. Publikumszeitschriften, Corporate Publishing, Vermarktung – das passte zu den Hamburgern, die Begeisterung war groß. Auch Mutterkonzern Bertelsmann sah und sieht Indien heute noch als Wachstumsmarkt.

Nun zitiert das Handelsblatt einen G+J-Sprecher zum Rückverkauf der Anteile so: „Die Erwartungen an das Portfolio und das Wachstumspotenzial wurden in den vergangenen Jahren nicht erfüllt“. Nun ist es immer möglich, dass sich ein Unternehmen mit Wachstumsprognosen irrt – was vor allem im Ausland oft an externen Faktoren liegt, die man letztlich nicht beeinflussen kann. Doch der Jubel über den Eintritt in den Markt und den geplanten Ausbau war schon so groß, dass der lapidare Abgesang etwa dreieinhalb Jahre später verwundert.

G+J-Geschäftsbericht 2011

G+J-Geschäftsbericht 2011

Einen guten Abschluss hat G+J allerdings gemacht – die Beteiligung wurde mit Gewinn verkauft. Wie auch die Beteiligungen an den Digitalvermarktern Networkplay und Seventynine offenbar bereits Anfang Dezember wieder gewinnbringend abgestoßen wurden, wie die Times of India berichtete. „G+J wird seine starken Marktpositionen ausbauen, digitale Geschäfte weiterentwickeln“, hatte es vor drei Jahren geheißen.

Dasselbe galt für China. „Aufbruch Asien“ hatte Auslandsvorstand Klein ausgerufen. Von dieser Stimmung ist heute nichts mehr zu spüren. Nicht, dass China kein Wachstumsmarkt mehr wäre. Ein zugegeben nicht leichter, weil regulierter und politisch unberechenbarer Markt. Aber eben doch ein Wachstumsmarkt. Doch eben nicht mehr für G+J.

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Die Marschrichtung von Bertelsmann, der seit kurzem 100-Prozent-Mutter von Gruner, und der G+J-Chefin Julia Jäkel, scheint zu lauten: Wenn sich auf einem ausländischen Markt ein Interessent für unsere Beteiligungen zu erkennen gibt und einen guten Preis bietet, dann verkaufen wir. Die Strategie: ein Rückzug aus dem internationalen Markt in Schritten, eine Abwicklung nach Gelegenheiten, die sich bieten.

Brown Printing in den USA wurde in diesem Jahr verkauft (das Zeitschriftengeschäft um Fast Company mit hohem Verlust noch unter Jäkels Vor-Vorgänger Bernd Kundrun). Ebenso die Beteiligung in Kroatien (zuvor weitere Balkan-Engagements). 2013 gingen die Polen-Töchter an Burda, bereits 2009 verkaufte G+J die russischen Zeitschriften.

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Über einen Verkauf anderer Länder-Beteiligungen wird regelmäßig auf Gerüchteebene berichtet. Standard-Antwort: „Zu Spekulationen nehmen wir keine Stellung.“ Im Februar vermeldete der Spiegel, G+J „prüfe“ einen Rückzug in China. Zwar steige der Umsatz, doch sinke der Gewinn. Das Handelsblatt nannte die Verlagsgruppe News, die große Beteiligung von G+J in Österreich, unlängst einen „Sanierungsfall“. Die Töchter in Spanien und Italien gelten seit längerem als Verkaufskandidaten, weil die wirtschaftliche Situation vor allem auf der iberischen Halbinsel schwierig ist. Vor Jahren war dort die Markteinführung der Gala gescheitert. Der wichtigste Auslandsmarkt bleibt Frankreich und die Prisma Presse.

Nicht nur schrumpft G+J langsam im Ausland, der Verlag beteiligt sich offenbar auch am Kampf um attraktive Zukauf-Optionen nicht mehr. Die benachbarte Bauer Media Group kaufte in den vergangenen Jahren unter anderem in Großbritannien und Australien zu. Von G+J – keine Spur. Da mögen Bertelsmann-CEO Thomas Rabe und G+J-Chefin Julia Jäkel noch so oft betonen, sie glaubten an Print – dies gilt wohl nur noch in einem ganz eng abgesteckten Rahmen.

Ist das dramatisch? Nein. Wenn ein Rückzug vor allem im Ausland strategisch vorgegeben ist, kann ein kluger Verkauf von Beteiligungen ja durchaus nachvollziehbar sein. Eine Internationalisierung hat Bertelsmann offenbar nur auf Geschäftsfeldern im Sinn, von denen man sich auch mittel- und langfristig Wachstum verspricht. Die Erwartungen an das Zeitschriftengeschäft, auch an das Geschäft mit digitalen journalistischen Inhalten, sind aber augenscheinlich übersichtlich.

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