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Internationales Obdachlosen-Filmprojekt „The Case of Conrad Cooper“: „Der unsichtbaren Armut ein Gesicht geben“

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Mike Fuhrmann, 38, quittierte seinen Job in der Finanzbranche und begann Drehbücher zu schreiben. Im Gespräch mit Christopher Lesko erzählt der Executive Producer eines berührenden Kurzfilms von der Begegnung mit unsichtbarer Armut und Hürden der internationalen Produktion: “Da stehst Du als kleiner Deutscher in Hollywood und denkst: Mein Gott, das hier glaubt Dir kein Mensch.“

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Mike Fuhrmann, Sie sind Executive Producer des Kurzfilms „The Case of Conrad Cooper“. Der Film über Obdachlosigkeit ist als internationale Produktion in einem für Kurzfilme eher ungewöhnlichen Setup gebaut. Wie entstand die Idee?

Ja, normalerweise sind Kurzfilm-Projekte lokal produziert. Wir haben mit dem Film eine internationale Produktion gewagt, in die mehr als 14 Länder involviert waren. Die Idee entstand während einer Pause nach einem Autoren-Workshop. Ich schreibe seit einiger Zeit Drehbücher und hatte ein großes Drehbuch für einen langen Film geschrieben. Das bescherte mir einen Agenten in den USA, mehr jedoch nicht. Als ich in LA mit meinenm Agenten sprach, sagte er zu mir: „Du hast Super-Ideen, Du kannst schreiben, aber ohne IMDB-Profil und ohne US-Relevanz kann ich Ideen nicht verkaufen.“ Natürlich war ich enttäuscht.

Kurz darauf saß ich im April 2013 in den USA mit anderen Autoren meines Netzwerkes bei Starbucks, und plötzlich lief ein Obdachloser vorbei: eingehüllt in Decken, im Gespräch mit sich selbst. Die Kollegen und ich sprachen über die Auswirkungen der Immobilienkrise, und ich hatte die Idee: Ein gemeinsames, internationales Projekt, in Los Angeles produziert, und von mir aus Europa gesteuert. Die Idee zu „The Case of Conrad Cooper“ war geboren. Bei Starbucks in LA: Aus meiner Enttäuschung wurde ein Produkt.

Ideen brauchen die Begegnung mit einem inneren Boden, auf dem sie wachsen dürfen. Wo ist denn Ihr persönlicher Bezug zu Themen von Obachlosigkeit, Armut und sozialen Schatten?

Bevor ich Drehbücher schrieb, habe ich lange in Werbeabteilungen großer Unternehmen der Finanzbranche gearbeitet. Ich bin beruflich also auf der anderen Seite der Welt groß geworden. In unserem Gespräch bei Starbucks erzählte dann einer der Kollegen, er habe selbst drei Monate aus dem Auto heraus gelebt. Eine eigenwillige Szene: Plötzlich kannte jeder dort am Tisch irgendeinen, den das Thema der Obdachlosigkeit betraf. Mich hat das ziemlich berührt: Plötzlich war alles gleichzeitig da: Meine Geschichte, die Erzählungen der anderen, der Obdachlose, der vorüber lief. Ich verstand, hier ist ein Thema, das überall auf der Welt Bedeutung hat: unabhängig von Orten, Ländern und unabhängig von Sprachen. Was für das Thema der Obdachlosigkeit galt, sollte auch für die Produktion unserer Film-Idee gelten: Wir gründeten die Firma make art . make a difference , und wir haben den Film ohne die Grenzen von Sprache und Ländern, nur mit Musik und international gemacht.

Wenn man sich mit Themen identifiziert, ihnen innerlich Raum gibt, schärft das ja die Wahrnehmung: Es ist ein wenig, als öffnete man in beide Richtungen eine Tür. Ist denn in der Produktionszeit jemand durch diese Tür gegangen?

Oh, ja. Eine für mich zentrale Begegnung geschah am Set: Ich war drei Tage vor dem Dreh in Hollywood. Als Produzent hast Du ja am Set nicht so viel Detailarbeit: Die Kollegen wissen, was sie tun, Du siehst ab und an auf den Monitor und kümmerst Dich darum, dass die Menschen sich wohl fühlen und Verpflegung da ist. Die meisten arbeiteten übrigens für den Film ohne Bezahlung.

Ich hatte mein Facebook-Netzwerk aktiviert und zwei Radiostationen am Set. Nach der ersten Radio-Ausstrahlung rief mich die Moderatorin noch einmal an. Sie sagte, eine Frau habe den Beitrag gehört und würde mich gerne mal am Set kennen lernen. Ich stimmte zu, sie kam dann auch, und wir redeten. Sie erzählte mir davon, wie ihr Mann erschossen wurde, sie als Mutter dreier Kinder ihr Haus verlor und erneut im 8. Monat schwanger mit ihren Kindern im Auto lebte. Während des Hurricanes El Nino.

Ich saß da, hörte zu, begann fast zu heulen und war froh, dass ich eine Sonnenbrille trug. Die Frau konnte niemandem von ihrer Situation erzählen: Morgens stieg sie aus dem Auto, wusch ihre Kinder bei McDonalds und fuhr sie zur Schule. Dann ging sie ihrem Job in einem Liquor Store in LA nach, holte die Kinder ab und machte mit ihnen im Park die Hausaufgaben. Andere Mütter im Park bewunderten sie dafür, eine Super-Mutter zu sein und mitten in der Natur Hausaufgaben zu machen: „Ich konnte ihnen ja nicht sagen, ich wohne hier. Wenn das rauskommt, verliere ich den Job, und sie nehmen mir meine Kinder.“

Scham ist ein großes Thema: Verlierern wir, was uns stützt, verlieren wir auch Bedeutung und mit ihr die Anerkennung innerhalb des sozialen Systems. Wir verlieren unseren Platz.

Ja, Das hat mich sehr angefasst und mich unvermittelt tief mit dem Thema des Films verbunden. Und ihr hat während des Drehs gefallen, mit wie viel Respekt wir das Thema angegangen sind. Ich habe während der Produktion noch andere Menschen mit ähnlichen Geschichten getroffen. Den Mann, der in einem Trailer-Park lebte, arbeiten ging und mit niemandem darüber sprach. So war das mit der Tür, nach der Sie gefragt haben.

Mit Blick auf den praktischen Teil: Haben denn Erfahrungen Ihrer ursprünglichen, beruflichen Heimat dem Projekt helfen können?

Ja, meine Erfahrungen in internationalen Kooperationen und auch jene in Projekten: Wir haben ja für den Film mit vielen Künstlern gearbeitet und sie in einer ungewöhnlichen Art und Weise miteinander verknüpft: Mitglieder des Filmnetzwerkes, Musiker oder Fotografen – gute Leute aus verschiedenen Ecken dieser Welt. Unsere Set- Fotografin etwa war ‚young photographer of the year‘ in Spanien und hat wunderbare Set-Fotos geschossen, die sie ausstellen möchte. Die Zusammenarbeit so vieler unterschiedlicher Menschen war eine tolle Erfahrung.

Nun brauchen Projekte ja tragfähige Antworten auf finanzielle Fragen. Die liegen ja auch nicht überall herum.

Nein. Als ich Freunden erzählte, ich würde nun einen Film drehen, hielten viele das für eine kleine Verrücktheit. Das war es aber nicht: Ich suchte jemanden, der eine Website baute, und wir starteten eine Crowdfunding – Kampagne bei indiegogo, die nicht wirklich viel brachte: Wir bekamen gute 5000 USD – wir brauchten aber 35.000. Dann begann ich, innerhalb meines Netzwerkes Klinken zu putzen und fand zwei große private Investoren, die jeweils 10.000 in den Pott warfen. Wir waren nahe dran, und es gab Hoffnung. Hätten wir jeden, der mitgearbeitet hat, bezahlen müssen, die Produktion hätte über 100.000 USD gekostet. Dazu kamen Besonderheiten des internationalen Setups:

In Deutschland machst Du einen Kurzfilm mit einem Handshake, und das Ding ist erledigt. In den USA musst Du Dich gegen alles absichern: Wir haben ja in der Stadt gedreht und brauchten für jedes Haus Genehmigungen, das im Film zu sehen sein könnte, wenn Du nicht verklagt werden willst. Wir mussten Straßen absperren, eine unwirkliche Situation: Du stehst da als kleiner Deutscher in Hollywood, hast links und rechts mit zwei Polizeiautos und Cops in voller Montur die Straßen abgesperrt, und Du denkst: Mein Gott, das hier glaubt mir kein Mensch. Du musst alles Mögliche berücksichtigen, musst Anwälte bezahlen und hast organisatorisch komplexe Aufwände. Ich habe sehr viel gelernt in dieser Zeit und ohne das tolle Team vor Ort, das meine Partnerin Valerie Dalena aus dem Boden stampfte, hätten wir das nicht geschafft.

Neben der Finanzierung: Welche Hürden begegneten Ihnen während der Produktion?

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Ein Beispiel: Ich wollte Postproduktion und Schnitt in Deutschland machen lassen und die jeweiligen Projektdateien der Festplatten hin- und herschicken. Das hätte eigentlich klappen können. Aber wir mussten uns leider auch von einigen Helfern trennen, weil die Qualität nicht das war, was wir erwartet hatten und mussten letztlich den Film in drei Ländern finalisieren. Die Daten-Pakete stimmten plötzlich nicht mehr, via Dropbox und Co verschiedene Terabyte-Accounts zu managen, war koordinativ der absolute Horror. Das alles ging gar nicht. An den Visual Effects beispielsweise arbeitete einer in Frankfurt, der zweite in den USA und die Endcredits wurden in der Schweiz erstellt. In diese Prozesse Koordination und Ordnung reinzubringen, war ein echter Aufwand.

Filme, die ohne Worte auskommen, leben vom emotionalen Ausdruck der Bilder und der Musik. Wie und mit wem ist die musikalische Ebene entstanden?

Den Rohschnitt des Films testeten wir mit Hörgeschädigten um zu schauen, ob der Film für taube Menschen funktionieren kann. Als eine Person zu weinen begann, wussten wir, dass der Schnitt okay war. Nun bauchte es Musik. Ich hatte früher in Hamburg schon mit einem Pionier des Sound-Branding gearbeitet: John Groves. Ich hatte mit ihm für zwei Telekommunikationsfirmen gearbeitet, auch die bekannten Bacardi- und Menthos-Sounds oder die Radeberger-Themen vor der Semper-Oper sind von ihm. Ich zeigte John den Film, er verliebte sich in ihn und bastelte uns den ganzen Score.

Den Titelsong sang Charles Simmons, den man noch durch die erste Staffel von „The Voice of Germany“ kennen sollte. Er brachte dann noch die weibliche Stimme, Deborah Lee, mit an Bord.

Der Film lief auch auf Festivals?

Ja, unsere Weltpremiere auf dem „California International Film Festival“ endete mit dem Preis als „Best Experimental Short“. Europa Premiere hatten wir beim „Homeless Film Festival“ in London, Manchester, Liverpool und Leicester.

Und ganz aktuell: Wir haben letzte Woche den international anerkannten „Award of Excellence“ bei der Best Shorts Competition erhalten. Das lässt auf mehr hoffen.

Adam Venker ist übrigens ein fantastisches Gesicht des Films. Gibt es denn über den Film hinaus so etwas wie Zukunftsideen, die den aktuellen Schwung nutzen könnten?

Mein Traum wäre, aus dem Film einen emotionalen Event zu kreieren, der über den Film hinaus geht. Wir haben den Film, haben den Song und das Remix. Wir hatten Podiumsdiskussionen. Eine gute Basis für Ausbau, um Obdachlosigkeit mehr Aufmerksamkeit zu verleihen. Erwirbt man den Song bei iTunes, kommt der Gewinn Hilfsorganisationen Obdachloser zugute.

Kevin Griffiths, Dirigent des Kammerorchesters in Basel, ist von der Idee angetan, den Film zu nutzen und mit seinem Orchester live dazu spielen. Mehr noch: Im Film werden ja drei Instrumente von Obdachlosen gespielt. Finden wir drei Obdachlose, coacht er sie, und sie treten mit dem Orchester auf. Ein tolles Konzept, dass man mit weiteren Partnern, Musikern und Key Note Speakern in ein sensationelles Gala-Event zur Bekämpfung der ‚unsichtbaren Armut‘, wandeln könnte. Da ich durch Conrad Cooper dem Thema unsichtbarer Armut‘ ein Gesicht geben möchte, ist grundsätzlich viel Raum für Zukunft, auch wenn unsere Mittel alleine natürlich sehr begrenzt sind und wir Hilfe und Interesse von Multiplikatoren gut brauchen können.

Die Wahrnehmung Obdachloser unterliegt ja einer gewissen Zyklik: Im Sommer fühlen sich Menschen von ihnen an Bahnhöfen und in Parks belästigt. Rückt Weihnachten näher, gießt sich das soziale Gewissen in Spenden für Kältebus-Aktionen.

In erster Linie ist es gut, dass überhaupt etwas geschieht. Natürlich ist manches auch ein wenig heuchlerisch. Aber es ist doch okay, wenn zum Jahresende noch einmal etwas Gutes getan werden kann, damit man für sich persönlich sein Jahr gut abschließt und das neue Jahr mit Energie beginnen kann. Wir haben unsere beiden Privat-Investoren übrigens auch in dieser Jahreszeit gefunden. Die Not Obdachloser ist im Winter sicher noch ein Stück größer als ohnehin.

Ich freue mich über alles, was dem Thema und den Obdachlosen hilft. Und ich freue mich über jeden, der uns und das Thema unterstützt.

Mehr über den Autor: www.leadership-academy.de

 

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