Die Besitzstandswahrer vom gedruckten Spiegel

Spiegel-Gebäude.jpg

Publishing Groß ist die Erregung bei einigen Mitgliedern der Print-Redaktion des Spiegel, wenn das böse B-Wort fällt: B wie Besitzstandswahrer. Beim Print-Spiegel sind manche genervt, dass jene Teile der Redaktion, die Wolfgang Büchner aus dem Job als Chefredakteur getrieben haben, als rückwärtsgewandte Blockierer dastehen. Zeit, einmal darüber nachzudenken, was mit dem Wörtchen "Besitzstandswahrer" gemeint sein könnte. Eine Polemik.

Werbeanzeige

Die Lesart von verschiedenen, nicht ganz uneinflussreichen Print-Spiegel-Leuten geht ungefähr so: Der Wolfgang Büchner war als Chefredakteur total doof. Der hatte keine Ahnung vom Blattmachen und hat nicht genug mit uns geredet. Der hat den blöden Nikolaus Blome geholt, dabei ist der ein schlimmer Hetzer von der Bild-Zeitung, mit dem wir Spiegelaner nix zu tun haben wollen. Und dann, das war das Schlimmste, wollte der Büchner auch noch, dass die Ressortleitungen von Spiegel und Spiegel Online zusammengelegt werden. Sacrebleu! Man stelle sich vor: Onliner mal eben „auf Augenhöhe“ mit altgedienten Spiegel-Print-Ressortleitern. Mit journalistischen Halbgöttern, die über Jahre hinweg die Tiefen-Recherche quasi eingeatmet und immer weiter verfeinert haben. Typen, die Themen wittern wie Jagdhunde das scheue Reh. Text-Götter, die „Qualitätsjournalismus“ rufen, wenn man sie nachts um halb drei weckt und bei denen sich die Henri-Büsten in der Besenkammer stapeln.

War klar, dass das nicht geht. Also musste er weg, der Büchner. Und wenn man für eine schöne Resolution potenziell renitente Abteilungen, wie die Dokumentation, lieber gar nicht erst fragt, weil die dann möglicherweise das schöne 90-Prozent-Plus-Ergebnis gegen Büchner gefährdet hätten, dann war das sicher nur im Dienste der guten Sache. Die gute Sache – zur Erinnerung – war, dass der Büchner weg musste. Als er dann endlich weg war, da wunderte sich mancher altgediente Spiegel-Print-Redakteur, dass die tapfere, selbstlose Redaktion, die da gerade das Sturmgeschütz der Demokratie vor Wolfgang Büchner und den Onlinern gerettet hatte, gar nicht den Applaus bekam, den sie ihrer Meinung nach verdiente.

Die hatten nämlich alles total falsch verstanden diese Internet-Schreiberlinge und hirnrissigen Mediendienst-Fuzzis! Die laberten rum von wegen „Besitzstandswahrern“ und „rückwärtsgewandt“, dabei hatte die Print-Redaktion doch nur das Allerbeste gewollt: Das Blatt retten und den Büchner rausschmeißen. Und von wegen „rückwärtsgewandt“: Die Spiegel-Redaktion ist in Wahrheit total fortschrittlich! Das hat sogar der Cordt Schnibben in seinem Facebook-Posting – oder wie er es nennt: „Tweet“ – geschrieben:

„Seit fünf Jahren mache ich mich stark für die Digitalisierung des Heftes, seit anderthalb Jahren bin ich nicht mehr Print-Ressortleiter sondern entwickele zusammen mit Online-Kollegen neue Formen des multimedialen Erzählens. Für die Chefredaktion besuche ich regelmäßig digitale Konferenzen in aller Welt, um Anregungen für den digitalen Umbau der Redaktion aufzuschnappen.“

Der Cordt Schnibben fliegt um die Welt und „schnappt“ auf Digital-Konferenzen Anregungen auf. Statt dem „Digital-Scout“ (Schnibben über Schnibben) unendlich dankbar zu sein, schreibt der doofe Betriebsrat von Spiegel Online an die Print-Chefredaktion einen Brief, dass die Onliner wollen, dass die „künftige Führung von Heft und Online aus gleichberechtigten Mitgliedern“ besteht. Und dass „die höchst unterschiedlichen Arbeits- und Vertragsbedingungen“ angeglichen werden müssen. Wo kämen wir denn da hin, menno! Was die Onliner damit meinen, hat Ex-WiWo-Chefredakteur Roland Tichy neulich bei „Was mit Medien“ schön auf den Punkt gebracht: Der Spiegel Print-Redakteur fährt mit dem Porsche in die Tiefgarage und oben kettet der Onliner sein Fahrrad an. Der fährt aber nicht Rad, weil er die frische Luft so sehr mag … das ist natürlich total fies zugespitzt vom Tichy, aber ganz unzutreffend ist es nicht. Erfüllt werden die Forderungen der Onliner natürlich nicht, da könnten sie ja auch gleich den Büchner wieder einstellen.

Was erwarten die Leute denn jetzt von den Print-Redakteuren des Spiegel? Sollen die etwa die MMKG (Mächtige Mitarbeiter KG) aufmachen und die armen Tropfe von Spiegel Online und Spiegel TV brüder- und schwesterlich aufnehmen und dafür auf Geld und Einfluss verzichten? Ja, im Prinzip wäre das vermutlich schon irgendwie vielleicht so ein ganz kleines bisschen angebracht, sagt sogar der eine oder andere Print’ler. Dann das große Aber: Aber es gibt da ganz dolle juristische Probleme. Das mit der Mitarbeiter KG ist ganz, ganz kompliziert. Und die armen, armen Menschen aus den anderen Abteilungen, die verdienen gar nicht so viel wie die Redakteure. Wenn man denen jetzt auch noch sagen müsste, dass sie weniger KG-Ausschüttung bekommen, das käme bestimmt nicht gut an und die würden dann sicher auch nicht dafür stimmen, dass die Onliner und die TV’ler in die KG kommen.

Ihr seht also, liebe Leute bei Spiegel Online und Spiegel TV: Die Print-Redakteure sind gar keine fiesen „Besitzstandswahrer“. Die wollen Euch unbedingt in der KG haben. Ehrlich. Eigentlich. Im Prinzip. Nur halt nicht jetzt, wo es doch so kompliziert ist. Irgendwann aber ganz sicher. Vielleicht. Spätestens dann, wenn der Spiegel Verlag keinen Gewinn mehr erwirtschaftet.

Werbeanzeige

Mehr zum Thema

Alle Kommentare

  1. Der Text ist vielleicht gut gemeint, aber eben nur das. Er wird der Tragweite der verwirrenden Situation beim Spiegel nicht einmal als Satire gerecht, er verfehlt schlicht den Kontext.

    1. Aber immerhin wirft er doch die Frage auf, ob ich als Leser/in eigentlich noch Lust habe, so einen saturierten Haufen von Print-Redakteuren beim „Spiegel“ mit dem Kauf eines Heftes zu unterstützen, wenn aus dem ehemals linken & kritischen Magazin hintenrum ein Haufen Besitzstandswahrer geworden ist… Kann ich denen eigentlich noch ihre „Haltung“ glauben? Oder habe ich den Kontext da auch falsch verstanden?

  2. Lustig, wie hier seit Tagen die Selbstenteignung der Mehrheitseigner gefordert wird. Schön, wenn man selber nicht auf die Kohle verzichten muss. Wenn’s den Leuten bei Spiegel online etc nicht passt, dann können sie sich doch einen anderen Job suchen. Unglaublich aber wahr: das ist in anderen Unternehmen auch so, dass (a) Einkommensungleichheit bei gleicher Tätigkeit besteht und (b) die Besitzer den Takt angeben. Wer im Übrigen genau weiss, wie die Zukunft wird, der sollte Lotto spielen.

  3. «Kann ich denen (den Besitzstandswahrern) ihre Haltung eigentlich noch glauben? Oder habe ich den Kontext da auch falsch verstanden?» – der Einwurf ist berechtigt. Und doch ist’s komplizierter: SPON ist mittlerweile (und das ist nicht einfach Polemik) ein weitgehend beliebiger, weitgehend unpolitischer (oder zumindest politisch nicht mehr verortbarer) Gemischtwarenladen, in dem einem billige Praktikant(inn)en-Texte links und recht um die Ohren fliegen. Das ruiniert den Markenkern. Ich kann mich an Zeiten (Ende der Neunziger, bis sicher Mitte der Nuller) erinnern, da war das geschriebene Spiegel-Wort verbindlich – egal, ob man’s gedruckt auf Papier oder gepixelt auf dem Bildschirm gelesen hat. Die Zeiten sind Jahre vorbei, ohne einen Hinweis darauf, dass der Trend wieder in Richtung Qualität ginge. Mich (Deutschland-interessierter Schweizer) hat der Spiegel auf jeden Fall verloren. Ich lese heute den Zürcher Tagesanzeiger und fühle mich gut aufgehoben. Den Rest gibt’s im Netz, hauptsächlich von Medienprofis und Journalisten via Twitter.

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werbeanzeige

Werbeanzeige