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Wolfgang Büchner, der Unvollendete im Spiegel: was von der Mini-Ära “wob” übrig bleibt

Wolfgang Büchner
Wolfgang Büchner

Wolfgang Büchner geht in die Geschichte ein als glücklosester und kürzester Spiegel-Chefredakteur aller Zeiten. Das will ja auch was heißen. Angetreten am 1. September 2013 als “Change-Manager” der beim Spiegel Print und Digital verheiraten sollte, wird er jetzt von der Print-Redaktion vom Hof gejagt, die in ihrer Mehrheit nicht mit ihm konnte und wollte. Was bleibt übrig von der Min-Ära wob?

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Zyniker unter den Spiegel-Print-Redakteuren (es gibt den einen oder anderen) würden sagen: nichts. Oder: nicht viel. Beobachter werden vielleicht konstatieren: ein Trümmerhaufen. Zerdeppertes Porzellan. Beides stimmt. Aber das ist nicht nur Wolfgang Büchner anzulasten, der sicher viele Fehler gemacht hat. In erster Linie ist das Konstrukt Spiegel an sich selbst gescheitert.

Büchner war stellvertretender Chefredakteur unter Mathias Müller von Blumencron bei Spiegel Online. Nach dessen Beförderung zum Spiegel-Chef, die, wie wir wissen, auch kein glückliches Ende nahm, wurde Büchner oberster Onliner beim Spiegel. Er wechselte dann zur dpa. Die Agentur hat er tüchtig entstaubt und auf einen modernen, digitalen Kurs eingeschworen. Dort, bei der dpa, säße Wolfgang Büchner vermutlich noch heute und würde einen guten Job als Chefredakteur machen – wenn beim Spiegel nicht Hals über Kopf Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron als Chefredakteure rausgeschmissen worden wären und man mal wieder dringend einen Nachfolger gesucht hätte.

Damals wie heute, war die Zahl der möglichen Kandidaten für den Posten als Spiegel-Chefredakteur überschaubar. Wer es könnte, der will in der Regel nicht (Giovanni). Und wer will, der kann es es meistens nicht. Schon damals war der Chefredakteurswechsel dilettantisch durchgezogen worden. Vor aller Augen wurde nach einem geeigneten Nachfolger für das zerstrittene Duo Mascolo/Blumencron gesucht und so Recht wurde keiner gefunden.

Schnell kam man beim Spiegel auf die Idee mit Wolfgang Büchner. Der hatte den berühmten Spiegel-Stallgeruch, der war schon mal Spiegel-Online-Chef, der hat bei der dpa gerade vorgeführt, dass er diffizile “Change-Projekte” wuppen kann. Warum nicht den wob, fragte man sich also. Und weil sich kein Besserer fand, wurde der es dann auch.

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Dass Büchner keine Expertise als Blattmacher hat, dass er nicht als genialer Schreiber oder Meinungs-Inhaber aufgefallen war – das war schon damals kein Geheimnis. Was soll’s, dachte man sich beim Spiegel – dafür kann er prima Change managen. Blattmacher und Meinungs-Inhaber haben sie beim Spiegel schon genug. Falsch gedacht! Es zeigte sich, dass ein Haus, dessen überwiegender Umsatz und Gewinn mit einer Zeitschrift erwirtschaftet werden, an der Spitze der Redaktion durchaus Jemanden braucht, der das Handwerk des Magazinmachens versteht. Sonst wird er nämlich nicht ernst genommen.

Zu diesem grundsätzlichen Missverständnis kamen dann reihenweise Fehler auf Seiten Büchners. Was es auslösen würde, wenn er einen Bild-Mann wie Nikolaus Blome in die Chefredaktion holt (Revolution!), hat er eklatant falsch eingeschätzt. Dann hat er spätestens mit seinem Vorhaben, Print- und Online-Ressortleitungen zusammenzulegen zumindest die Print-Seite gnadenlos überfordert. Und dass er schließlich versuchte, zwei seiner größten Kritiker aus der Redaktion mit Abfindungen loszuwerden, kam auch nicht gut an.

Auf der anderen Seite stand eine Print-Redaktion, die Büchner zu großen Teilen auch aus persönlichen Gründen ablehnte. Er wurde als Mann der Online-Welt wahrgenommen, einer der keinen Sinn hat für die tiefschürfende Qualitäten und Sorgen des gedruckten Spiegel. Büchner dagegen – ausgestattet mit sattem Macht- und Selbstbewusstsein – war willens, sich von der Print-Redaktion nicht auf der Nase herumtanzen zu lassen. Er versuchte, seine Linie durchzudrücken. Auf beiden Seiten Sturheit und ein gehöriges Maß an Verbohrtheit, was zum Crash führte.

Das Verhältnis von Büchner und der Print-Redaktion war dann auf vielen Ebenen derart unrettbar zerrüttet, dass seine Ablösung nur noch eine Frage der Zeit sein konnte. Ob Büchners Digital-Konzept, das zuerst sinnig “Projekt Eisberg” getauft wurde und später Spiegel 3.0 hieß, erfolgreich gewesen wäre – man wird es nie erfahren. Es gab und gibt Argumente für und gegen das Konzept – in Wahrheit spielte das aber keine Rolle. Die Spiegel-Print Redaktion hat diesen Chefredakteur abgestoßen wie ein Fremdorgan. Es war persönlich. Die Printler haben nun nach einem quälend langen Prozess ihren Willen auf ganze Linie durchgesetzt: Einer der Ihren, Klaus Brinkbäumer, wird wohl neuer Chef, der ungeliebte wob ist weg, Online und Print bleiben getrennt. Jetzt muss die Spiegel-Redaktion zeigen, wie ernst sie es mit der Veränderungsbereitschaft meint. Jetzt gibt es keine Ausreden mehr.

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Alle Kommentare

  1. Ein Kernproblem des „Spiegel“ – mehr offline als online – ist ja wohl, dass sich jeder Redakteur für systemrelevant hält. Das ist nicht unbedingt eine gute Basis für Reformen, um die das Blatt aber nicht herum kommt, wenn es erfolgreich am Markt bleiben will. Büchner hat mit seinen „weichen Titeln“ aber auch nicht gerade zum Markenkern des Produkts beigetragen.

  2. Finny, und was genau ist nun der Unterschied zwischen Online und Print? Print ist seit langem auf dem selben Niveau. Nur etwas hübscher angezogen.

  3. Dass die Verzahnung von Print & Online nicht funktioniert, wird deutlich, wenn man sich mal die facebook Posts von SPON ansieht.
    …und wie das beim wem ankommt. Da gehts vor allem um Likes. Und das hat für mich oft mehr mit Boulevard zu tun als mit dem Anspruch und Image des gedruckten Spiegel. Kein Wunder, dass die Redaktion auf die Barrikaden gegangen ist.

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