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Nach dem Büchner-Abgang:  die acht offenen Fragen zur Spiegel-Krise

Wolfgang Büchner ist als Spiegel-Chefredakteur Geschichte. Aber sind damit auf einen Schlag alle Probleme des Spiegel gelöst? Natürlich nicht! MEEDIA benennt offene Fragen und Probleme, die sich nach der Trennung von dem bei der Heftredaktion ungeliebten Chefredakteur umso drängender stellen.

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1. Wer ist Gewinner, wer Verlierer?

Gewinner sind ganz klar die Wolfgang-Büchner-Gegner aus den Reihen der Print-Redaktion des Spiegel. Sie haben ihre Forderungen zu 100 Prozent durchgesetzt. Büchner wurde als Chefredakteur abberufen, einer aus den Reihen der Print-Redaktion wird neuer Chefredakteur. Es wird keine gemeinsamen Ressortleitungen Print/Online geben. Verlierer ist zunächst einmal Wolfgang Büchner selbst, der als Chefredakteur scheiterte. Verlierer ist aber auch Geschäftsführer Ove Saffe, der sich hinter Büchner und dessen Reformkonzept stellte. Verlierer ist zudem die Belegschaft von Spiegel Online, die machtlos mit ansehen musste, wie die Print-Redaktion über die Mitarbeiter KG ihre Macht ausspielte. Ein Verlierer ist auch der Gesellschafter Gruner + Jahr. Obwohl mit einem Veto-Recht ausgestattet, hat es die Gruner-Seite nicht geschafft, Ordnung in die Personaldebatte zu bringen. Unterm Strich gibt es hier mehr Verlierer als Gewinner.

2. Welches Digital-Konzept wird jetzt umgesetzt?

In Sachen Digital-Konzept steht beim Spiegel wieder alles auf Anfang. Wolfgang Büchner wollte die Führung von Print und Online zusammenlegen und bei Spiegel Online erweiterte Bezahl-Inhalte einführen. Ob das der Weisheit letzter Schluss war, weiß keiner. Sicher ist: Es bleibt nun bei getrennten Ressortverantwortungen und Chefredaktionen für Print und Online. Das muss per se nicht bedeuten, dass man kein schlüssiges Digital-Konzept auf die Beine stellen kann. Nur anfangen sollte man möglichst schnell.

3. Wie ist das Verhältnis Spiegel zu Spiegel Online?

Der Graben zwischen Online und Print beim Spiegel ist so tief wie eh und je. Das heißt: sehr, sehr tief. Ironischerweise haben Wolfgang Büchners Versuche, Print und Online zusammenzuführen, dazu geführt, dass beide Abteilungen sich argwöhnischer gegenüberstehen als jemals zuvor. Es gibt zwar Versuche von Print-Seite auf die Onliner zuzugehen, Verständnis zur Veränderung zu zeigen. Allerdings fällt es vielen bei Spiegel Online schwer zu glauben, dass dies ernst gemeint ist. Dass die Print-Redaktion Wolfgang Büchner teilweise sehr unfein behandelt hat, wurde bei Spiegel Online sehr wohl registriert. Wenn die Print-Seite das Verhältnis zu Online kitten will, müssen Taten sprechen.

4. Wie hat sich der Spiegel unter Wolfgang Büchner entwickelt?

Die Auflagen-Bilanz von Wolfgang Büchner als Spiegel-Chef zeigt Licht und Schatten. Im dritten Quartal 2014 verkaufte sich das Magazin 878.260 mal – ein Minus von 2,0%. Auch bei den Abos ging es um relativ verhaltene 2,0% nach unten. Heftige 12,5% verlor Der Spiegel hingegen im Einzelverkauf in Kiosken, Supermärkten etc. Die Abonnentenkartei des Magazins schrumpfte damit weniger schnell als die der Konkurrenten stern (-3,2%) und Focus (-3,4%), im Einzelverkauf entwickelten sich die beiden allerdings klar besser als Der Spiegel. So ging es für den stern im Vergleich zum Vorjahresquartal nur um minimale 0,1% nach unten, der Focus legte sogar um 2,2% zu, bleibt aber natürlich mit 83.810 Einzelverkäufen meilenweit hinter dem Spiegel (260.915). Dabei ist unklar, welchen Anteil Büchner persönlich an Themensetzung und Titelstories hatte. Immerhin hieß es zuletzt sogar, dass er sich aus der Heft-Produktion heraushält, um Überzeugungsarbeit für sein Reformprojekt zu leisten. Für den Chefredakteur einer Zeitschrift eine bemerkenswerte Aussage. (Auflagenanalyse von Jens Schröder)

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5. Wer wird jetzt Chefredakteur von Spiegel und Spiegel Online?

Wolfgang Büchner war sowohl Chefredakteur vom Print-Spiegel als auch von Spiegel Online. Ein Experiment, das krachend gescheitert ist. Offiziell heißt es, über die Nachfolge werde in Kürze entschieden. Hinter den Kulissen läuft alles darauf hinaus, dass Vize Klaus Brinkbäumer Chefredakteur des Print-Spiegel wird und der derzeitige Online-Vize Florian Harms Chefredakteur von Spiegel Online. Für beide soll es möglichst dezidierte Aufgabenbeschreibungen und Zuständigkeiten geben, damit es nicht wieder so einen Zoff gibt wie mit Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron. Darum zieht sich die Vertragsgestaltung noch in die Länge. Bis Weihnachten soll möglichst alles unter Dach und Fach sein. Gerne hätte man einen externen Chef präsentiert. Es findet sich nur keiner, der qualifiziert ist und es machen würde.

6. Warum geht Geschäftsführer Ove Saffe auch?

Ove Saffe hat sich hinter Wolfgang Büchner und dessen Konzept gestellt. Mit Büchners Scheitern ist auch er gescheitert. Würde er an Bord bleiben, dann nur als Lame Duck. Saffe hat als Spiegel-Geschäftsführer nicht immer nur glücklich agiert. Die Berufung Büchners als Chefredakteur, die er mit betrieben hatte, hat sich als Fehler erwiesen. Was digitale Erlösmodelle betrifft, gibt es keinen Fortschritt. Die Übernahme des Neu-Isenburger Kunsthandel-Verlags erwies sich als Fehl-Investition. Dass Saffe am Ende nun zu seinem Bekenntnis zu Büchner und dessen Konzept steht, muss man ihm anrechnen. Einen guten neuen Spiegel-Geschäftsführer zu finden, ist vielleicht nicht ganz so unmöglich wie einen guten externen Chefredakteur. Leicht wird das aber auch nicht.

7. Hat die Krise dem Image des Spiegel geschadet?

Bei der Leserschaft: nein. Man darf nicht den Fehler machen und denken, Medien-interne Krisen wurden beim Publikum Beachtung finden. Allerdings hat der Spiegel ganz unabhängig von der Personal-Debatte rund um Wolfgang Büchner ein grundsätzliches Problem: Es wird für das Heft immer schwerer, exklusive, eigene Themen zu setzen. Mittlerweile ist Online auch jenseits der schnellen News der Taktgeber. Dies wurde auch bei der Feier zum 20. Geburtstag von Spiegel Online deutlich, als die Politik den Onlinern die Aufwartung machte. Und bei der Besetzung von Führungspositionen hat die Krise dem Spiegel womöglich imagemäßig gewaltig geschadet. Ein Haus, das seine Führungskräfte in aller Öffentlichkeit derart demontiert, könnte es schwer haben, künftig noch geeignetes Top-Personal an sich zu binden.

8. Bleibt die Mitarbeiter KG bestehen?

Ja klar, was sonst? Die Mitarbeiter KG hat in der Spiegel-Krise bewiesen, wie mächtig sie ist. Aber auch, wie unfähig. Die KG kann ihren Willen gegen alle Mit-Gesellschafter, gegen die Geschäftsführung und auch bisweilen gegen den gesunden Menschenverstand durchsetzen. Zwar grummelt es intern gewaltig, man ist sich nicht immer grün und Teile der Belegschaft, die nicht aus der Print-Redaktion stammen, sind mit der Art und Weise, wie die KG geführt wird, überaus unzufrieden. Deshalb schafft sich die KG aber noch lange nicht selbst ab. Dieses Konstrukt ist dafür verantwortlich, dass der Spiegel praktisch unregierbar ist. Ändern wird sich daran vermutlich erst etwas, wenn der Spiegel Verlag Verluste schreibt. Wie es intern heißt, hat der scheidende Geschäftsführer Ove Saffe in Aussicht gestellt, dass der Verlag – sollte sich an den Erlösmodellen nichts ändern – in drei bis fünf Jahren in die Verlustzone rutschen könnte. Gerade darum wäre es so wichtig, neue, digitale Erlösmodelle zu suchen und zu finden. Sollten tatsächlich irgendwann rote Zahlen drohen, wäre dies die Zerreißprobe für die Mitarbeiter KG. Dann, wenn die Mitarbeiter als Gesellschafter keine Gewinnausschüttung mehr bekommen, sondern Verluste ausgleichen müssten. Dann wäre es möglicherweise so, dass die KG-Mitglieder bereit wären, ihre Anteile zu verkaufen.

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Alle Kommentare

  1. Selbstverständlich hat das Image des Spiegels gelitten. Die Spatzen pfeifen es schon von den Dächern: Das MH17-Cover war Propaganda wie in Vorkriegszeiten. Selbst Augstein, der neulich bei Precht war, versteht die Denke der einseitig berichtenden Journalisten nicht mehr. Der Presserat hat das Cover mußbilligt, was nicht mal auf dem Spiegel-Blog thematisiert wurde. Meinstream-Blätter, die durchsetzt sind von transatlantisch organisierten Journalisten haben ein echtes Glaubwürdigkeitsproblem. Ist jetzt eine steige These, aber wenn das so weiter geht, sind die in 5 bis 10 Jahren bedeutungslos. Und das ist gut so.

  2. Punkt 7
    Die Krise hat dem Image des Spiegel sehr wohl geschadet,
    auch bei der Leserschaft.
    Keinem aufmerksamen Leser ist entgangen wie sehr die Qualität des Blattes unter Büchner gelitten hat. Es hat auch keiner vergessen, dass Bild-Blome noch immer im Hauptstadtbüro sitzt.
    Spiegel online macht doch keinen ernst zu nehmenden Journalismus.
    da gibt es aktuelle Nachrichten die stark meinungsgefärbt sind mit Boulevardeinschlag.

  3. Korrektur zu Punkt 6: Verantwortlich für den Fehlgriff Kunsthandel-Verlag war operativ der damalige Geschäftsführer der Spiegel-Tochter Harenberg Kommunikation, und in der Spiegel-Gruppe ist diese Fehlinvestition eher Verlagsleiter Matthias Schmolz zuzurechnen, der vermutlich Nachfolger von Ove Saffe werden wird.

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