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Die meisten Fotos in Ihrem Ikea-Katalog sind überhaupt keine Fotos

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Dieses Bild ist zu 100 Prozent im Computer entstanden (Copyright: Ikea)

Dachten Sie auch, dass Ikea sich jedes Mal die Mühe macht, liebevoll bis in kleinste Detail Räume mit Möbeln und allerlei Accessoires auszustatten, um sie dann für den Katalog zu fotografieren? Denkste: Die meisten Aufnahmen für den Katalog entstehen bei den Schweden längst komplett im Computer.

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Mit Bertil fing alles an: Ein simpler Holzstuhl war das erste voll digitale Produkt in einem Ikea-Katalog. 2006 war das. Bis dato hatte der schwedische Möbelriese seit 2004 mit computergenerierten Bildern experimentiert.

Stuhl "Bertil"

Stuhl „Bertil“

Denn ein Foto-Shooting erforderte immer eine komplizierte Logistik, um alle Komponenten zeitgleich an einem Ort zusammenzubringen und optisch ansprechend abzulichten. Doch zum Start war es nie geplant, einmal ganze Räume im Computer entstehen zu lassen, erklärt Martin Enthed von IKEA Communications AB auf CGSociety. „Wir wollten nur einzelne Möbel nachmodellieren – wie die, die es online auf weißem Hintergrund zu sehen gibt.“

Wenn Fotografen plötzlich CGI lernen müssen

Wie aber überträgt man das Know-how, das Ikeas Haus-Fotografen teils über fünfzehn oder zwanzig Jahre angesammelt haben, auf die digitale Bilderstellung? Dazu wagte man in der Stockholmer Firmenzentrale einen ungewöhnlichen Schritt: Die CGI-Künstler absolvierten einen Foto-Workshop, während die Fotografen sich mit CGI auseinandersetzen mussten. So entwickelten beide Seiten mehr Verständnis für die Arbeit des Anderen. Laut Enthed hat das die Ergebnisse enorm verbessert, etwa die passende Belichtung von Objekten im Raum.

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Mittlerweile sind rund 75 Prozent der Aufnahmen von Ikea-Produkten am Rechner entstanden. Rund 25.000 3D-Modelle befinden sich schon in der Datenbank. Weil sie mitunter zusammen mit anderen Modellen auf riesigen Leinwänden abgedruckt werden müssen, werden die Dateien in riesigen Auflösungen (4Kx4K) abgespeichert.

Ein Drittel aller Räume ist computeranimiert

2010 war es dann soweit: Der erste komplett im Rechner entstandene Raum wurde im Katalog abgedruckt. Im nächsten Katalog waren schon vier Räume komplett computergeneriert. Am aufwändigsten und damit auch teuersten sind laut Enthed die Küchen, denn sie unterscheiden sich von Land zu Land am meisten. Zum besseren Verständnis: Von den ersten 50 Küchen-Versionen entstanden 200 virtuelle Modelle.

Küchen sind besonders aufwändig (Copyright: Ikea)

Küchen sind besonders aufwändig (Copyright: Ikea)

Auf diese Weise entstehen mittlerweile die meisten Kompositionen mit V-Ray und 3dStudio Max. Wer sich für den aufwändigen, aber extrem fasznierenden Prozess im Detail interessiert, dem sei der ausführliche Beitrag auf CGSociety empfohlen. Am Ende ist Ikea noch nicht mit seiner Entwicklung. Vor allem weiche Materialen, wie etwa Polster oder Kissen, erweisen sich als extrem schwierig für 3D-Renderings.

Nun verfügt Ikea zweifelsohne über die finanziellen Ressourcen und seit mittlerweile zehn Jahren über das notwendige Know-how, um Räume wirklichkeitsgetreu im Computer entstehen zu lassen. Doch die Frage, die sich stellt: Wenn alle Möbelhersteller das machen, würden die Unternehmen dann nicht nur Geld einsparen und die Umwelt schonen, sondern hätten Magazine wie Schöner Wohnen, Häuser und Co. nicht auch plötzlich mehr Möglichkeiten mit weniger Aufwand und geringerem Budget? Ikeas Modell, Einrichtungen virtuell entstehen zu lassen, es könnte Schule machen – und gibt schon jetzt eine Antwort auf die Frage, wenn das schwedische Möbel dann endlich in den eigenen vier Wänden steht: „Warum schaut das nicht so aus wie im Katalog?“

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Alle Kommentare

  1. Auch die jahrzehntelange Praxis, echte Fotografien in Katalogen abzubilden, hat nicht den Eindruck vermittelt (weder bei Autos noch bei Möbeln), den ich zuhause von den schließlich gekauften Produkten bekomme. Raffinierte Fotografiertechnik und nachträgliche Bearbeitung gab es ja schon immer. Man vergleiche dazu nur die Food-Fotos mit dem realen Hamburger in irgendeiner „Kettenwirtschaft“ (Franchisegastronomie). Für mich sind die Ergebnisse computergenerierter, -animierter Kataloge selten eine Täuschung und das Ergebnis in meiner Hand keine jähe Enttäuschung.

  2. Jetzt wird mir alles klar. Habe mich immer gewundert weshalb kein „Leben“ mehr in diesen Katalogen ist. Schrecklich! Die I. Kataloge werde immer schlechter in Ihrer Aussage und haben keinerlei Kaufanreize mehr.

  3. Wundert mich jetzt nicht wirklich.

    Hab mal auf einer Veranstaltung eines großen deutschen Automobilherstellers gesehen, wie Werbesports gedreht werden. Da fährt auch kein echtes Auto durch Hochhäuserschluchten. Alles virtuell. Wär mir nicht aufgefallen, so realistisch wie das aussieht.

  4. „computeranimiert“ ist in dem Zusammenhang das falsche Wort. „computergeneriert“ sollte es wohl heißen..

  5. Ich bin überhaupt kein Freund von CGI-Lösungen, wenn es um Produktpräsentation geht. Oft genug hatte ich es schon, daß Oberflächen auf entsprechenden Bildern anders aussahen, als es das reale Produkt dann tat.

    Das mit heutigen Render-Lösungen eine realistische Abbildung der Wirklichkeit möglich wäre, ist ein Mythos, der sich bei dem ganzen Gewese um Subsurface Scattering & Co. leider hartnäckig am Leben hält.

    Aus Kosten- und Logistikgründen mag das Ganze Sinn machen, einen wirklich authentischen Eindruck kann noch wie vor nur ein Foto vermitteln.

  6. Es ist faszinierend, dass der Unterschied einfach nicht mehr sichtbar ist. Aber die Modellierung dürfte auch in Sachen Kosten deutlich günstiger sein, denn einmal vorhandene Modelle müssen ja nur noch kombiniert und virtuell beleuchtet werden, was vom Aufwand her deutlich unterhalb dem eines Fotoshootings liegen dürfte.

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