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Deutscher Reporterpreis: Wir müssen mehr über Journalismus reden

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Die Gewinner des Deutschen Reporterpreises 2014

Nach dem angekündigten, vorübergehenden Aus für den Henri-Nannen-Preis ist der Deutsche Reporterpreis die wichtigste Journalistenauszeichnung für herausragende Reportagen, Essays und Interviews. Die Jurysitzung und die Preisverleihung am Montag zeigten: wohl bei keinem anderen Journalistenpreis wird so intensiv und schlau über guten Journalismus diskutiert und gesprochen. Die Gewinner sind wichtig, wichtiger ist, dass die Initiatoren Medien besser machen wollen.

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Montagnachmittag, Soho-House-Berlin, im sogenannten „Politbüro“. Zehn Journalisten und Medienmacher diskutieren bei mattem Licht über die „beste Lokalreportage“. Fünf Männer und fünf Frauen werfen die klassischen Fragen auf – worum geht es hier? Um Relevanz? Um schön geschriebene Texte? Werden bei den „besten“ Texten immer die Reportagen prämiert, die den besten „Sound“ haben? Oder haben auch Texte, die nicht brillant geschrieben sind, dafür aber Fakten vermitteln, die noch nicht bekannt waren, eine Chance? Wie lang darf eine lange Reportage eigentlich sein, bevor sie zu lang ist?

Nebenan, im „Club“, ebenfalls eine zehnköpfige Runde. Hier geht es um das „beste Interview“. Man ringt um die Frage, ob nicht das Interview im Spiegel mit dem syrischen Diktator Assad den Preis bekommen muss – obwohl der naturgemäß in einem Interview seine Diktatoren-Sichtweise darlegen durfte. Was sind die Grenzen des Interviews? Was ist überhaupt los mit dem politischen Interview? Nach langer Debatte beschließt man, dem Journalisten Sven Michaelsen den Preis zu geben, weil er mit gleich zwei Interviews auf hohem Niveau nominiert war. Ein Jury-Mitglied sieht einen Beleg für die „Feuilletonisierung des Interviews“.

Es sind freilich keine neuen Debatten, die die Jury (die komplette Liste hier, etwas weiter unten auf der Seite) an diesem Nachmittag führt. Mit Ausnahme der noch jungen Disziplin „Beste Webreportage“, um deren Gewinner, die „Berliner Morgenpost“, Jury-intern heftig gerungen wurde, geht es in der Regel um klassische Fragen. Was ist gut? Was ist besser? Und vor allem: warum? Doch der Mehrheit der Jury ist klar, dass es hier nicht mehr nur um Geschmacksfragen geht. Sondern um die existentielle Frage: welchen Journalismus wollen wir? Welchen Journalismus brauchen wir? Und was wollen die Leser?

Bei Preisverleihungen spielt manchmal eine Rolle, in welchem Medium ein Text erschienen ist. Weil es auch immer um Politik geht – welcher Verlag bekommt wie viele Preise? Zumindest in den Diskussionen am Montag spielten solche Überlegungen nur am Rande eine Rolle. Was auch ein Beobachter an diesem Nachmittag mitnahm, ist eine Erkenntnis. Im Journalismus wird zu selten über Journalismus gesprochen. Vorurteilsfrei, barrierefrei.

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Was nicht verschwiegen werden soll und darf: die Gewinner des Abends sind dann mit wenigen Ausnahmen keine Überraschungen. Die Zeit veröffentlichte die „beste Reportage“ (von Henning Sußebach) und den „besten Essay (von Martin Spiewak). Für die Zeit schrieb auch der „beste freie Reporter“, in diesem Fall eine Frau, Paula Scheidt. Der Spiegel gewann in der Kategorie „beste Reportage“ (von Takis Würger), das „beste Interview“ (von Sven Michaelsen, der zweimal nominiert war) zierte das SZ-Magazin. Eine taz-Kollegin (Marlene Hasler) bekam den „Freistil“-Preis, ein Team der Berliner Morgenpost gewann in der Multimedia-Kategorie. Ein Reporter der Zeitenspiegel Reporterschule, Christoph Franz Dorner, gewann den Preis für die „beste Lokalreportage“.

Mit Zeit, SZ-Magazin und Spiegel haben damit Serien-Sieger die Preise bekommen. Das hat nicht nur damit zu tun, dass es im deutschen Spitzen-Journalismus ein Buddy-System gibt. Das gibt es natürlich auch. Das hat aber vor allem auch damit zu tun, dass es sich bei den etwa drei bis fünf überregionalen Titeln, die immer wieder Preise gewinnen, um die letzten Oasen des klassischen Journalismus handelt. Dort, wo Reportern viel Zeit gegeben wird, um Geschichten zu entwickeln. Das führt dazu, dass die Qualität in der Spitze gleichbleibend ist, sich teilweise sogar verbessert. Und sich dahinter, außerhalb des Kraftfeldes der Nominierungen, ein schwarzes Loch auftut.

Der Reporterpreis, der 2007 aus einem Workshop entstand, den u.a. Cordt Schnibben (Spiegel), Stephan Lebert (Zeit Wissen) und Ariel Hauptmeier (Geo) initiierten, hat seine Schwächen, fraglos. Die Kategorie „Bester freier Reporter“ ist unscharf. Prämiert werden oft Pauschalisten, die unter ganz anderen Bedingungen arbeiten als „richtige“ Freie, die Klinken putzen müssen. Und die Jury beleuchtet auch nicht, unter welchen Bedingungen eine Reportage entstand, um dann demjenigen, der unter maximaler Selbstausbeutung einen mittelguten Text verfasste, den Preis zu geben. Auch über die Kriterien für die „Beste Webreportage“ sollten die Macher sich noch einmal Gedanken machen.

Bei der ersten Preisverleihung 2009 wirkte die Veranstaltung (zumindest für den Autoren dieser Zeilen) noch wie eine Sause für Leute, die sich für die wichtigsten Menschen im Journalimus überhaupt halten. Als wenn sich der beste Journalismus nur über möglichst lange, möglichst cool formulierte Texte definiert. Das hat sich geändert. Weil es kein wirkliches Forum für den Alltagsjournalismus gibt, in dem ebenso hart daran gearbeitet wird, jeden Tag Qualität zu schaffen, braucht es Foren wie die Reporter, die Debatten stellvertretend für den gesamten Berufsstand führen.

Im kommenden Jahr wird die große Frage sein, welche Rolle neue, alternativ finanzierte Medien oder Initiativen wie Krautreporter und Correctiv bei der Auswahl spielen. Hier wird der Reporterpreis, wird sich seine Jury auch fragen lassen müssen, ob die Auszeichnung nicht nur guten Journalismus auszeichnet, sondern auch als Barometer taugt. Sagt uns, der Journalistenbranche, dieser Preis etwas? Können wir erkennen, wohin die Reise geht und was funktioniert? Sprechen wir auch genug über Fehlentwicklungen? Oder geht es „nur“, was auch nicht verwerflich wäre, um einen guten Abend mit tollen Medienmachern?

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Alle Kommentare

  1. Zum Reportagepreis: Ich würde einem Journalisten, der so etwas unreflektiertes und letztlich falsches schreibt wie „Das Kaufhaus stirbt am Geiz“ überhaupt keinen Preis verleihen. Ein Hinweis der Jury, sich mal im Internet schlau zu machen, hätte völlig ausgereicht. Die Verödung der Innenstädte, zu der auch das Kaufhaussterben gehört, hat viele Ursachen, von denen die meisten mit dem Internet und mit Geiz rein gar nichts zu tun haben. Passt aber haargenau ins nostalgische Profil der „Zeit“ und ihrer Leserschaft. Dabei ist der Artikel gar nicht schlecht geschrieben, nur zu lang und zu redundant. Ich bin freilich der inzwischen wohl zum aussterben verurteilten Meinung, dass Journalismus, egal in welcher Form, präzise argumentierend und gut informiert sein muss.

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