Cordt Schnibben: „Die meisten meiner Kollegen sind noch zu satt und zu zufrieden“

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Spiegel-Reporter Cordt Schnibben

Publishing Am vergangenen Montag wurde der Deutsche Reporterpreis zum sechsten Mal vergeben. Cordt Schnibben vom Spiegel hat den Verein Reporter-Forum, der den Preis ins Leben rief, mit gegründet. Über die Feier konnte sich der vielfach ausgezeichnete Reporter freuen. Doch an der kritischen Situation des Journalismus ändere das nichts. Schnibben sagt: "Ich bin tief beunruhigt."

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MEEDIA: Wie steht es um die deutsche Reportage, Herr Schnibben? Ein Chefredakteur sagte mir eben am Rande der Verleihung des Deutschen Reporterpreises, die Qualität der Texte und die Vielfalt sei so gut wie nie.
Cordt Schnibben: In der Spitze mag das so sein. Es gibt aber auch eine Tendenz unter Printjournalisten, das alles schönzureden. So zu tun, als könne man der Branche helfen, indem man sagt: Der Journalismus ist so gut wie nie! Das ist so wie die FDP, die am Wahlabend sagt: Wir haben ja eine tolle Politik gemacht, aber der Wähler hat es nicht erkannt.

Also?
In Wahrheit kann ich es nicht beurteilen, ob die Reportage auf dem aufsteigenden oder dem absteigenden Ast ist. Was ich gut finde, ist beispielsweise, was die Berliner Morgenpost macht. Die haben einen begrenzten Etat, haben aber durch die Digitalisierung die Chance erkannt, etwas anders zu machen. Die dahinter liegende Frage ist: erkennt das der Leser? Ist er bereit, dafür im Netz zu bezahlen? Wir bauen eine Brücke in die Zukunft, wissen aber nicht, ob wir am Ufer ankommen.

Sondern?
Wenn es dann so ist wie bei der New York Times, wo nur drei Prozent der Online-Nutzer wirklich bezahlen wollen, dann haben wir ein großes Problem. Dann wird es irgendwann diese tollen Reportagen nicht mehr geben.

Haben Sie Ihre eigenen Multimedia-Storys wie etwa den „Werwolf“ eigentlich für den Preis eingereicht?
Nein. Die wurden von anderen eingereicht, und ich habe sie aussortiert. „Schnibben zeichnet sich selbst aus“ – diese Schlagzeile in MEEDIA wollte ich mir nicht antun.

Die Verleihung hier ist toll gemacht, mit einem exzellenten Moderator Jörg Thadeusz, es gibt Wein, Häppchen und Gin, aus dem Lausprecher rieselt beruhigende, vorweihnachtliche Musik. Das Lebensgefühl der Zunft spiegelt das aber nicht, oder?
Absolut nicht. Ich bin tief beunruhigt. Wir stecken in einer schweren Strukturkrise. Mich sorgt, dass die meisten meiner Kollegen noch zu satt und zu zufrieden sind. Und ich weiß, dass der entscheidende Punkt für alle ist – werden wir es schaffen, unsere tollen Inhalte so ins mobile Netz zu kriegen, dass wir dafür Geld bekommen. Wenn das nicht gelingt, wird es in zehn Jahren diese Form von Qualitätsjournalismus nicht mehr geben. Nein, wenn ich morgen früh aufwache, werde ich nicht beruhigter sein als vor dieser Veranstaltung.

Cordt Schnibben, 62, ist Reporter im Gesellschafts-Ressort des Spiegel. Für das Nachrichtenmagazin arbeitet er seit 1988, u.a. war er Leiter des Ressorts Gesellschaft und Mitgründer des wieder eingestellten Ablegers Spiegel Reporter. Für seine Reportagen und Essays gewann Schnibben zahlreiche Preise. In den vergangenen Jahren beschäftigte er sich intensiv mit digitalen Medienformaten, u.a. produzierte er mit einem Team die Multimedia-Storys „Werwolf“ und „Mauerkomödie„. 2007 gründete er mit Stephan Lebert und Ariel Hauptmeier den Verein Reporter-Forum.  

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Alle Kommentare

  1. Zu satt?!? Na, da hört man aber auch ganz andere Stimmen und ich wäre es gerne dann auch (endlich) mal… Es gibt unzählige Medien, die nichts oder nur wenig für qualitativ hochwertige Arbeit zahlen. Dann vorher selbst finanziert studiert und das Ganze ewig bezahlt, etcpepe. Die meisten… schallt es aus dem Elfenbeinturm… tz…

  2. Sie schauen so streng. Ich meine den Preisträger wie auch den besorgten Interviewer. Wenn ich Ihre Gesichter so sehe, glaube ich, dass der Journalismus arg auf den Magen schlägt. Ich bin 69, wie Sie sich denken können, ein paar Jahrzehntchen in diesem Gewerbe unterwegs. Ich lächle, ich lache immer noch, weil unser Job ein ziemlich fröhlicher ist. Oder habt Ihr schon mal ein Gewerbe gesehen, bei dem Ihr mit so geringen Vorausetzungen Geld verdienen könnt. Ein Tischler muss tischlern und wir? Vielleicht auch nur wichtig dreinschauen. Das bedeutet in Deutschland, wohl finster dreinschauen. Der Journalist ist demnach wohl auch ein finsterer Meister aus Deutschland. Empfehle als Italiener fernet branca oder ähnlichen italienischen Magenbitter. Empfehlung unter Kollegen: Nehmt Euch bitte nicht so wichtig. Ist mir peinlich. Tonio Montel

    1. Mit 69 muss man sich um die Zukunft des Journalismus vermutlich keine Gedanken mehr machen. Oder kann leichte Unruhe mit einem Fernet Branca dämpfen. Die berufliche Wirklichkeit – insbesondere für junge Kollegen – lässt sich aber nicht schönlächeln: Die Zahl der Redaktionen (und damit auch der Stellen), die sich aufwändige Reportagen leisten können und wollen, sinkt. Nicht, weil die Kollegen zu satt wären, sondern weil vor allem regionale Medien nach Auflagen- und Anzeigenverlusten von weniger, aber hochqualifizierten Journalisten immer mehr verlangen: Crossmedia in einer Person, die zugleich schreibt, fotografiert, postet und das alles auf facebook großartig findet, während ihr Einkommen real sinkt. „Wohl bekomm’s,“ Herr Kollege.

  3. Mit 71 muss ich immer noch – und will es auch – aktiv sein, wenn auch nur für österreichische Regionalzeitungen. Nach rund 50jähriger Tätigkeit als sogenannter Freier muss ich feststellen, dass die Honorare in letzter Zeit an Schwindsucht leiden. Deshalb stimme ich Hubert Krekes Zeilen zu!

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