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„Technopanik“ und „Googlephobie“: Jeff Jarvis attackiert deutsche Verleger

US-Journalist und Buchautor Jeff Jarvis wirft dem Spiegel „Kriegstreiberei“ gegen das Silicon Valley vor.
US-Journalist und Buchautor Jeff Jarvis wirft dem Spiegel "Kriegstreiberei" gegen das Silicon Valley vor.

Jeff Jarvis hat ein Essay bei Zeit Online veröffentlicht. Darin macht sich der Google-Versteher große Sorgen: Um die Technologie in Deutschland, das zaghafte Debatten-Verhalten des Suchgiganten und die "Technopanik" und "Googlephobie" der deutschen Verlage. Dabei könnte doch alles so einfach sein, wenn man der Digitalisierung mehr Zeit geben würde und etwas mehr staunte. Bonus-Info: die FAZ lehnt den Text ab. Dann erst wandte sich Jarvis an die Zeit.

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Das Stück des US-Professors (City University of New York) beginnt mit dem Satz: „Ich mache mir Sorgen um die Technologie in Deutschland“. Tatsächlich befürchtet der Autor des Buches „Was würde Google tun“, dass sich die deutsche Fortschrittsfeindlichkeit auch auf die EU und ihre Mitgliedstaaten ausbreiten könnte. Denn das Internet, das Jarvis in seinem Essay mit den Begriffen Technologie und Digitalisierung gleichsetzt, würde gleich von drei Kräften gefährdet werden: „Kontrolle, Protektionismus und Technopanik“.

„Deutsche Verleger erstarren in Fortschrittsfeindlichkeit, statt neue Technologien zu umarmen“

Dabei stünde Protektionismus im Mittelpunkt des deutschen Problems. Denn die Zeitungsverlage, „unter Führung des Axel Springer Verlags und seines Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner, haben Google als willkommenen Buhmann des digitalen Zeitalters ausgemacht und ihm den Krieg erklärt.“ Dabei wäre doch eher das eigentliche Problem, „dass es Zeitungen, Zeitschriften und Fernsehsender auf der ganzen Welt versäumt haben, diese wertvollen persönlichen Beziehungen aufzubauen und die vielen Chancen zu nutzen, die das Internet ihnen bietet.“ Nach Einschätzung des US-Professors „erstarren“ die deutschen Verleger „in Fortschrittsfeindlichkeit, statt neue Technologien zu umarmen.“

Das Plädoyer von Jarvis ist vor allem eine Bitte um Zeit. Er ist davon überzeugt, dass es Experimente und Niederlagen brauche, bis sich auch in der Digitalisierung nachhaltige Geschäftsmodelle entwickeln können.

Seine Kritik macht jedoch nicht nur bei den Verlegern und Politikern halt, sondern bezieht auch Google und dessen Untätigkeit mit ein. „So sehr Dr. Döpfner Google auch fürchten mag: Erstaunlicherweise verhält sich gerade Google oft wie ein scheues, verschrecktes Tier.“ Die Tech-Konzerne hätten schon viel zu lange geschwiegen. Allerdings wäre Google auch nicht dazu verpflichtet „Verleger zu retten, die dazu selbst nicht in der Lage sind“. Jarvis Vorschlag: „Google könnte neuen und alten, großen und kleinen Nachrichtenanbietern beibringen, wie sie ihre altmodischen Massenmedienstrategien hinter sich lassen und stattdessen als Individuen und Gemeinschaften wie Google der Öffentlichkeit mit Relevanz und Nutzwert dienen können.“

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Wie Mister Spock aus „Star Trek“ verabscheuen die Google-Leute alles Unlogische

Zudem hätten die Google-Leute das Problem, dass sie Ingenieure sind. „Wie Mister Spock aus Star Trek verabscheuen sie alles Unlogische. Aber Menschen, und vor allem Politiker, sind unlogisch“. Was Jarvis damit natürlich impliziert ist zudem, dass gerade die deutschen Politiker besonders unlogisch sind.

Gerade auch in diesem Zusammenhang wird es spannend sein zu beobachten, wie die heutige Diskussion im EU-Parlament über die Zerschlagung des Suchkonzerns verläuft. Jarvis weist in seinem Text noch einmal ausdrücklich darauf hin, dass der CDU-Abgeordnete Andreas Schwab, der die Diskussion erst ins Rollen gebracht hat, für dieselbe Anwaltskanzlei tätig sei wie Ole Jani, der als einer der Architekten des Leistungsschutzrechts gilt.

Im Grunde wünscht sich Jarvis aber vor allem eines: Dass die Menschen – und dabei vor allem die Deutschen – wieder mehr staunen. „Staunen über die Wunder der Technik“.

Auf Google+ berichtet Jarvis, dass er das Essay erst der Frankfurter Allgemeinen Zeitung angeboten hätte, weil die Zeitung die Spitze „der Deutschen Anti-Technologie-Bewegung“ sei und sie ihn in einem 8000-Wörter-Riemen gerade erst attackiert hätten. Doch die Frankfurter lehnten eine Veröffentlichung ab. Dann erst wandte sich der Professor an Zeit Online. Chefredakteur Jochen Wegner nahm den Text gerne. Der Erfolg und die anschließende Diskussion dürfte den Berlinern wohl auch Recht geben.

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Alle Kommentare

  1. Neue Technologien umarmen – „JA“, aber sich gedankenlos, jeder Errungenschaft von Google und Facebook etc. hingeben – „Nein“.
    Dave Eggers hat mit seinem Buch „The Circle“ Visionen skizziert und formuliert, und da ist schon etwas Skepsis angebracht, ob wir alles in die Hand von wenigen geben wollen, die derzeit die scheints unbegrenzten auch finanziellen Möglichkeiten haben. Die Deutschen (Verleger) könnten vielmehr viel enger zusammenrücken, um gemeinsam gegen die Ebays, Amazons, Googles, Buzzfeeds bessere Lösungen zu stellen, die dazu vielleicht sicherer sind und dann auch noch Made in Germany? Alibaba hat ein solches geschafft, ebenso Mail.ru. Deutsche Ideen und Entwicklungen können sexy sein. Ich bin gespannt.

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