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„Ne gedruckte Mopo hat sogar noch Heizwert“: Leser zerreißen Paid-Content-Pläne von Mopo.de

Frank Niggemeier ist Chefredakteur der Hamburger Morgenpost
Frank Niggemeier ist Chefredakteur der Hamburger Morgenpost

Wer solche Leser hat, braucht fast schon keine Feinde mehr. In einem Online-Editorial stellt Frank Niggemeier, Chefredakteur der Hamburger Morgenpost, die Paid-Content-Pläne seines Boulevard-Portals vor. Statt sich den innovativen Einsatz des Bezahlsystems LaterPay erst einmal in Ruhe anzusehen, geben die Nutzer in der Kommentarspalte erst einmal richtig Gas und rechnen gleich einmal – teils derbe - mit der Mopo ab.

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In seinem Text an die Leser erklärt Niggemeier, warum seine Redaktion sich entschlossen hat, nicht mehr alle Inhalte kostenfrei zur Verfügung zu stellen. Grundsätzlich sollen normale Nachrichten aus Hamburg und der Welt auch weiterhin gratis bleiben. „Doch besondere Inhalte werden jetzt ein Preisschild tragen und 10 bzw. 20 Cent kosten. Bei diesen Premium-Inhalten handelt es sich um lokale Service-Geschichten mit klarem Nutzwert, um Hintergrund-Geschichten, die es so nur bei MOPO.de gibt, um exklusive Reportagen und Interviews.“

Weiter schreibt Niggemeier, dass er die Einführung von LaterPay „für ein wichtiges Signal“ halte. „Damit machen wir deutlich, dass unsere mit viel Aufwand erstellten journalistischen Inhalte einen Wert haben und nicht länger selbstverständlich zum Nulltarif bereitgestellt werden.“

Schon der erste Kommentar von über 65, die unter dem Text stehen, macht klar, dass die Mopo.de-Leser wenig Lust auf einen Versuch mit dem Bezahlsystem haben. Statt später zu zahlen, wird erst einmal frühzeitig geschimpft.

Der Erste bemängelt, dass er nicht bereit sei für Artikel zu zahlen und trotzdem noch Werbung sehen zu müssen.

Am meisten ärgern sich die Kommentatoren jedoch über den Einwand von Niggemeier, dass man vor allem an „Hintergrund-Geschichten“ und „exklusiven Reportagen“ ein Preisschild hängen wolle. In diesem Bereich sprechen die Web-Leser ihrer eigenen Zeitung offenbar die nötige Qualität ab: „Ein klares Eigentor! Für mich steht die Mopo für Meinungsmache, schlechte Sprache und oberflächlich recherchierte Artikel.“ Der nächste schreibt: „Copy/Paste ist nicht ‚viel Aufwand‘ und darüber, wie ‚journalistisch‘ eure Inhalte sind, kann man auch streiten. Ihr seid ein lokales Revolverblättchen, das jeden Tag mit einer reißerischen Schlagzeile auf Deppenfang gehen muss, also lasst mal schön die Kirche im Dorf…“

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In diesem Stil geht es weiter. So fragt der Nächste: „Was kostet mich noch mal ne gedruckte Mopo. Die hat sogar noch Heizwert, kann in nasse Schuhe gestopft werden oder klassisch den Fisch verpacken etc.“

Natürlich sind auch bei den wütenden Kommentatoren Namens-Wortspiele mit dem Bezahlsystem hoch im Kurs. „Was soll denn jetzt bitte die LaterPay – Sache? Ein Großteil der Artikel in der Online Ausgabe sind Nachrichten vom VORTAG“. Der nächste legt einen drauf: „Na LaterPay bedeutet, dass Du für Nachrichten von gestern heute zahlst und das ganze morgen abgerechnet wird. Ganz einfach!“

LatrPay funktioniert nach dem “Erst lesen, dann zahlen”-Prinzip. Registrierung und Bezahlung werden erst fällig, wenn ein Budget von fünf Euro aufgebraucht ist. Das PlugIn ist kostenlos für WordPress verfügbar.

Immerhin gibt es vereinzelt auch Lob. So schreibt einer: „Die Mopo ist und bleibt die beste Lokalzeitung für Hamburg. Immer den Riecher in der Szene, auf dem Kiez, in der Politik und beim Crime.“ Da lässt sich nur hoffen, dass die Redaktion mit der Einführung der Bezahlschranke auch den richtigen Riecher hatte und die Leser-Beschwerden die typische Reaktion ist, die jeder Online-Journalist auch nach Relaunches kennt: Sobald sich etwas an der gewohnten Web-Umgebung ändert, wird sich erst einmal beschwert.

Sollten sich die Kritikpunkte jedoch bewahrheiten, würde Mopo.de, die bislang durchaus als Online-Erfolgsprojekt für Lokaljournalismus gelten darf, ein ernsthaftes Problem bekommen.

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Alle Kommentare

  1. Die Macher von „Paid Content“ sollen sich vom Frust der Onliner nicht beirren lassen. Es muss Schluss sein mit dem Gratis-Angeboten im Internet. Journalistische Leistung muss wie jedes andere Produkt und jede Dienstleistung bezahlt werden – warum müssen wir eigentlich noch darüber diskutieren?

  2. Das sind also die schönen, interaktiven Möglichkeiten von heute? Degoutant. Primitiv. Überflüssig. Blöd.

    1. Hab ich gesagt, dass da was zensiert werden soll? Kann mich nicht erinnern! Nö, der Müll kann doch zur Belustigung aller gerne stehenbleiben. Da entlarvt sich das doch alles prima selbst. Hausfrauenstrich, Blowjobbörse – das klingt doch wirklich alles extrem elegant, gebildet und geschmackvoll und musste unbedingt an dieser Stelle gesagt werden.

  3. Ach nuja, dann müssen die abgewrackten Damen vom Hausfrauenstrich im Mittelteil eben ein paar Euro extra zusammenbl .. TRAGEN.

    Echter Qualitätsjournalismus sollte es doch wert sein…

    MUAHAHAHAHA

    Bald werden einige Kolleg*Innen auch zu den Inserent*Innen der BlowJobbörse gehören…

    1. Da sieht man es wieder, was die hochgelobten „interaktiven“ Funktionen, die Möglichkeiten, alles jederzeit und überall, zu kommentieren, wert sind. Was passiert? Es wird herumgepöbelt, ob bei der „Mopo“ oder hier. Merkt ja keiner, dass der Pöbler Dr. W aus G ist, der sich sonst durchaus respektabel benimmt.
      Ich find’s ätzend.

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