Zur NS-Vorgeschichte des stern: G+J-Chefin Jäkel will Erkenntnisse „nicht unter den Teppich kehren“

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"Interesse an der Wahrheit": G+J-Chefin Julia Jäkel

Zur Vorgeschichte des stern in der Nazizeit hat der Historiker Tim Tolsdorff gerade ein umfangreiches Werk vorgelegt. Einst hatte Gruner+Jahr Tolsdorff den Zugang zum Archiv versagt. Nun äußern sich G+J-Chefin Julia Jäkel und stern-Herausgeber Andreas Petzold gegenüber der Berliner Zeitung: sie wollen den Historiker "für ein stern-Gespräch anfragen".

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In seinem 500-Seiten-Buch „Von der Stern-Schnuppe zum Fix-Stern“ (Halem-Verlag) weist Tolsdorff nach, dass der stern, der 1948 von Henri Nannen entwickelt worden war, sich inhaltlich und optisch stark auf eine Zeitschrift gleichen Namens bezog, die bereits 1938 erstmals erschienen war und eine Auflage von 750.000 Exemplaren hatte (MEEDIA berichtete).

Die Verbindungen zwischen „altem“ Nazi-stern und „neuem“ Nannen-stern waren rudimentär bekannt, wurden aber in der Regel zumindest vom Verlag heruntergespielt. Tolsdorffs Verdienst ist es, dass er die Lücke zwischen 1938 und 1948 mit Inhalt gefüllt hat. Die Parallelen sind dabei so deutlich, dass nun auch nicht mehr G+J drumherumkommt, sich mit dem Thema zu befassen.

Auf Nachfrage von Thomas Schuler, der für die Berliner Zeitung über das Buch und die Reaktionen geschrieben hat, antwortete stern-Herausgeber Andreas Petzold: „Die Arbeit von Tim Tolsdorff ist beeindruckend. Die Ähnlichkeiten zwischen dem Stern von 1938 und dem Stern von 1948 sind offensichtlich….Dass es einen offensichtlichen Zusammenhang zwischen den beiden Stern-Varianten gab, auch personell, ist aber nicht neu. Das Archiv von Gruner + Jahr besitzt leider keine Unterlagen des damaligen Henri Nannen Verlags, die die Gründung betreffen, und kann deshalb zur Klärung nichts beitragen.“

Petzold will Tolsdorff nach Absprache mit G+J-Chefin Julia Jäkel und stern-Chefredakteur Christian Krug „für ein stern-Gespräch anfragen“. Die G+J-Chefin sekundiert: „Es gibt nun wirklich überhaupt keinen Grund, diese Erkenntnisse unter den Teppich zu kehren. Als Historikerin wäre mir das sowieso unvorstellbar. Insofern sind wir sehr daran interessiert zu erfahren, wie es wirklich war. Wir romantisieren und verklären nicht, sondern haben ein Interesse an der Wahrheit.“

In einem anderen Zusammenhang wurde der Verlag von Kritikern ebenfalls dazu gedrängt, sich mit der eigenen Vergangenheit zu beschäftigen. Nachdem der mit dem Henri-Nannen-Preis ausgezeichnete Journalist Jacob Appelbaum erfahren hatte, dass Nannen im Nazi-Regime Mitglied einer Kriegsberichterstatter-Kompanie gewesen war (dazu hier seine Enkelin in einem Tagesspiegel-Artikel), hatte er angekündigt, die Nannen-Büste einschmelzen zu lassen. Daraufhin war (nicht zum ersten Mal) Nannens Vita und Gruners Haltung dazu diskutiert worden (zum Beispiel hier und hier). Auch im stern, der einen Text von Nannen nachdruckte, in dem er sich selbstkritisch mit seiner Rolle im Zweiten Weltkrieg auseinandergesetzt hatte.

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