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Zeit Hamburg-Chefin zieht erste Bilanz: „Das vergangene halbe Jahr ist eine irre Erfolgsgeschichte!“

Zeit Hamburg-Chefin Charlotte Parnack
Zeit Hamburg-Chefin Charlotte Parnack

Lokale Erfolgsgeschichte einer überregionalen Zeitung: Vor rund einem halben Jahr startet die Zeit ihre Hamburg-Ausgabe – mit höchst positiven Folgen: Die Auflage kletterte in der Metropol-Region um mehr als zehn Prozent nach oben, das Anzeigengeschäft läuft und lokale Konkurrenz lässt sich kräftig inspirieren. Im Interview mit MEEDIA zieht die Zeit-Hamburg-Chefin Charlotte Parnack eine erste Bilanz.

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Trotz steigender Auflagen macht die Zeit Hamburg allerdings noch keinen Gewinn. Allerdings investierte der Verlag auch einen siebenstelligen Betrag in den neuen Regionalteil. Laut Verlagsleiterin Stefanie Hauer liegt das Projekt aber „deutlich über Plan“. Eine Einschätzung, die auch die Lokal-Chefin Charlotte Parnack zu teilen scheint.

Den Start vor einem halben Jahr begründeten – zugegeben vor allem die Verlagsmanager – mit den großen Vermarktungs- und Auflagen-Chancen, die man in der Metropolregion Hamburg sehe. Haben sich die Hoffnungen der Verlagsleiter erfüllt und konnten sie die Leser mit ihrem Journalismus überzeugen?
Das ist uns wirklich gut gelungen. In den ersten sechs Monaten konnte die Zeit um mehr als zehn Prozent in Hamburg und Umland wachsen.

Was heißt das genau?
Gestartet sind wir bei einer Gesamtauflage von 33.000 Exemplaren und jetzt sind wir bei 37.000. Aktuell ist Hamburg die Region, in der wir am stärksten wachsen.

Zum Start hieß es, sie wollen acht Seiten füllen. Dann wurde wegen des Erfolges gleich einmal der Umfang erhöht. Wie sieht es jetzt nach einem halben Jahr aus?
Großartig! Die Anzeigensituation ist noch immer so gut, dass wir jede Woche zehn bis zwölf Seiten produzieren. Und wir haben nach dem ersten halben Jahr eine volle Planstelle dazubekommen.

Was ist das Geheimnis ihres Erfolges? Welche Themen laufen besonders gut?
Wir sagen bei allem, was wir machen: Wenn es nicht unterhaltsam ist, ist es nicht gut – und wenn es gut ist, ist es unterhaltsam. Damit fahren wir gut, auch bei den typischen Lokalthemen: Elbvertiefung, Verkehrsthemen und Bildung.

„Bei manchen Themen gilt in Hamburg: hopp oder top“


Hat die Zeit Hamburg jeweils eine klare Position dazu?

Wir sind angetreten als der Ort, an dem die Stadt ihre Kontroversen austragen kann, der also viele Positionen zulässt und versammelt. Aber natürlich, es gibt Themen, da gilt hier in Hamburg: hopp oder top. Man muss klar Meinung beziehen. Bei der Elbvertiefung beispielsweise haben wir uns klar dafür ausgesprochen.

Muss man im Lokaljournalismus stärker Position beziehen, als im überregionalen?
Das weiß ich gar nicht. Wir mussten aber zum Teil auf die harte Tour merken, dass im Lokalen vieles extremer ist.

Das muss doch ein kleiner Kulturschock gewesen sein. Sie sind doch alle keine gelernten Lokaljournalisten?
Wir alle haben die ersten journalistischen Schritte bei Lokalzeitungen gemacht.  Aber ja, wir alle haben zuletzt bei überregionalen Medien gearbeitet. Bei der Zusammensetzung des Ressorts haben wir in erster Linie darauf geachtet, sehr gute Schreiber einzustellen. Für alles andere sind wir Journalisten. Das können wir uns aneignen. Und Kulturschock? Naja. Vieles ist anders. Die Reaktionen im Positiven, aber auch im Negativen sind stärker. Bei den Lesern geht es immer gleich um alles. Das lehrt einen als Journalisten Demut. Man kann nicht einfach sagen: Ist doch nicht meine Sache, wenn drei Parkplätze wegfallen. Für die Betroffenen ist diese Frage möglicherweise essentiell. Es gibt keine Kleinigkeiten mehr. Das verändert alles.

DIE ZEITDie Aufmacherseite der Zeit Hamburg aus der vergangenen Woche

Wie meinen Sie das?
Da werden auf einmal – auch wegen vermeintlicher Kleinigkeiten – Briefe an den Chefredakteur geschrieben. Wir geben uns  wirklich Mühe, allen zu antworten. Auch wenn das manchmal viel Arbeit ist, steht am Ende einiger Leser-Korrespondenzen manche gute Idee oder Story. Das Tolle an unseren Lesern ist: Die pöbeln ihren Ärger nicht raus, sondern sind ehrlich an einer Debatte interessiert.

Das klingt trotzdem sehr anstrengend. Desillusioniert der Lokaljournalismus?
Nein, gar nicht. Das vergangene halbe Jahr ist doch eine irre Erfolgsgeschichte! Alle reden von Krise und wir dürfen in dieser  Zeit etwas ganz Neues aufbauen – und es funktioniert auch noch. Dafür nimmt man dann schonmal in Kauf, dass einem vom Leser nicht immer die Kompetenz zugestanden wird, die richtigen Themen zu setzen.

Die wissen halt alles besser.
Die Wahrheit ist : Sie wissen es wirklich meistens besser. Aber was war noch einmal die Frage?

Ob der Lokaljournalismus desillusioniert?
Im Gegenteil. Man merkt erst einmal, wie stark man wirklich gelesen wird. Einmal haben wir zum Beispiel über den überhitzten Immobilienmarkt  geschrieben. Und auf einmal hing der Artikel in Eimsbüttel an den Laternenmasten.

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Sie haben recht. Selbst beim geschliffensten politischen Kommentar zur internationalen Großwetterlage passiert das nicht.
Wohl kaum.

„Wir können fast täglich sehen und lesen, wie genau die Konkurrenten unsere Texte lesen“


Sind Sie in Hamburg schon angekommen oder werden Sie von der Konkurrenz noch ignoriert?

Das würde ich nicht sagen. Wir können fast täglich sehen und lesen, wie genau die Konkurrenten unsere Texte lesen. Durch die Zeit ist wieder Bewegung in die Hamburger Medienlandschaft gekommen, das ist doch ein gutes Zeichen. Wir freuen uns, dass einige unserer Themen auch von unseren Wettbewerbern aufgegriffen werden.

Gibt es noch viele Doppelleser?
Das glauben wir nicht. Bereits aus der Vorbereitung wussten wir, dass die Überschneidungen winzig sein würden.

Täuscht der Eindruck oder findet Zeit Hamburg an den Kiosken der Hansestadt noch gar nicht statt?
Wir können uns über mangelnde Aufmerksamkeit nicht beklagen, das läuft von Anfang an sehr gut. Aber wenn Sie meinen, dass wir noch keine eigenen Cover haben, ist das richtig. Im Moment gibt es auf der Titelseite der Zeit einen  Themenkasten für die Hamburg-Ausgabe. Aber der Zeitleser kauft, auch an den Büdchen der Stadt, erst einmal die Zeit und kein Lokalblatt. Wir glauben: Er will erst einmal über den Krieg in Syrien lesen, nicht über die Busbeschleunigung vor seiner Haustür.

Was sagen denn die Kioskbesitzer?
Von denen bekommen wir super Rückmeldungen. Die beschweren sich höchstens mal,  dass ständig der Hamburg-Teil geklaut wird.

Mit dem Claim: „Zeit Hamburg – die meist stibitzte Regionalzeitung Hamburgs“ könnte man direkt werben.
Es ist aber auch recht einfach den Hamburg-Teil aus der Zeitung zu ziehen. Er wird, ähnlich wie das Zeit Magazin, nur reingeschoben und schaut gerne mal über den Rand hinaus.

Neben dem Titel um die meist geklaute Regionalzeitung bewirbt sich die Zeit Hamburg auch noch um den Preis für die verspielteste Redaktion der Hansestadt. So sind sie im Sommer einfach komplett nach Scharbeutz an die Ostsee gezogen. Braucht man solche Spielereien?
Braucht man sie? Ich finde ja. Nicht zu oft, aber ab und zu.
Die meisten Leser waren sehr angetan von einer Strand-Ausgabe. Es war Hochsommer, tiefstes Sommerloch und die richtige Stimmung in der Stadt.

Fehlt grundsätzlich der Spieltrieb im Lokaljournalismus?
Als Journalist würde ich die Frage mit Ja beantworten. Bei den Lesern beobachten wir aber auch manchmal die Haltung: Ich will was Neues, aber es soll so sein, wie das Alte. Ich finde, dass Lokaljournalismus gute Unterhaltung sein muss. Ich kann doch auch intelligent und kurzweilig über Parkplatznot schreiben. Im Vergleich zur Konkurrenz sind wir Newcomer in der Stadt und müssen uns alle Investigativ-Storys hart erarbeiten. Alleine schon deshalb sind wir gezwungen, unsere Geschichten anders bzw. schöner zu erzählen.

„Wir versuchen, eine Art Lokal-Feuilleton zu machen“


Leiden Sie unter dem Fehlen einer tiefen Vernetzung in die lokale Wirtschaft und regionale Politik?

Es ist Vorteil und Nachteil zugleich. Wir sehen viele Themen mit anderen Augen, in einer neuen Perspektive. Das tut der Berichterstattung gut. Und wir sind das Risiko ja bewusst eingegangen, indem wir unsere Redaktion ausschließlich mit Leuten von überregionalen Medien bestückt haben.

Was muss eine Story haben, damit sie eine echte Zeit-Hamburg-Geschichte ist?
Es muss eine sogenannte Lagerfeuergeschichte sein, über das Kleine im Großen. Also eine Geschichte, über die ich abends am Abendbrottisch immer noch sprechen will. Unsere Storys sollen hängen bleiben. Sie sollen gut erzählt und dramaturgisch und sprachlich hervorragend aufgebaut sein.

An welcher Front wollen Sie noch besser werden?
Überall, wir stehen ja immer noch am Anfang. Wir wollen gerne aktueller werden, trotz unserer ungünstigen Andruckzeiten. Im September haben wir einen Kollegen aus dem Politikressort dazubekommen und einen neuen Stellvertreter. Mit dieser größeren Mannschaft können wir neben der Eleganz jetzt auch bei der Relevanz besser wachsen. Wir versuchen, eine Art Lokal-Feuilleton zu machen. Aber ein Lokal-Feuilleton, das auch ruhig mal einen Skandal aufdeckt.

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Alle Kommentare

  1. Hmm?
    Die haben 4000 verkaufte Exemplare mehr (in Worten VIERTAUSEND) und feiern das als Erfolg?

    Was genau ist jetzt der Erfolg? Da wird jeden Monat extrem viel Geld verbrannt. Ist ja schön, dass die Hamburg-Beilage aus den Kiosken geklaut wird aber wenn nach einem halben Jahr dann noch nicht mal ansatzweise die Redaktion finanziert werden kann ist das eher ein gescheitertes Experiment.

    Hier vielleicht wäre es vielleicht angebracht, etwas mehr auf die nüchternen Zahlen zu schauen statt nur die PR-Meldung abzuschreiben @Meedia?

  2. @Jürgen Fischer: Mecker mecker motz mecker motz motz … Gehen Sie den New Yorkern mit ihrem Schlechtgerede (das Sie sich ja bewahrt zu haben scheinen) eigentlich auch so auf die Nerven?

    Roger Schmitz, Stadt mit über 100.000 Einwohnern

  3. Wenn ich schon einige Fragen lese…..:
    „Sie sind doch keine Lokaljournalistin…“ oder „Ist das nicht anstrengend…?“
    dann wird wieder mal deutlich wie schlaefrig-behaebig auch selbst Newsletter
    in diesem steinalten, eingeschlafenen Deutschland sind.
    Nationale Grundstimmung: Burnout! Berufstraum fuer 57 Prozent der Hochschulabsolventen: oeffentlicher Dienst. Favorisierte Lebensform unter jungen Leuten: Stadt nicht groesser als 100 000.
    Kein Wunder, dass das Land bei Start-ups unter den OECD-Nationen auf Platz 14 sitzt.
    Juergen Fischer, NYC

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