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Schlappe für Gewerkschaften: Redakteure der Westfälischen Nachrichten stimmen Tarifaustritt zu

Mitarbeiter der Westfälischen Nachrichten werden zukünftig nicht mehr nach Tarif bezahlt.
Mitarbeiter der Westfälischen Nachrichten werden zukünftig nicht mehr nach Tarif bezahlt.

Die Redakteure der Westfälischen Nachrichten (WN) haben dem Austritt aus der Tarifbindung zugestimmt. Sie verzichten u.a. für die nächsten vier Jahre auf mehr Gehalt, bekommen dafür Kündigungsschutz. Durch ihre Entscheidung sind betriebsbedingte Kündigungen verhindert worden. Die Zeitung muss nach Verlagsvorgaben jährlich 1,3 Millionen Euro einsparen. Die neuen Verträge sind eine Niederlage für die Gewerkschaften.

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Nach MEEDIA-Infos haben rund 97 Prozent der betroffenen Redakteure neue Verträge unterschrieben, mit denen die Sparauflagen in den kommenden Jahren erfüllt werden sollen. WN-Chefredakteur Norbert Tiemann hatte in den vergangenen Wochen Lobbyarbeit für sein Angebot gemacht, erwähnte dabei auch immer die Konsequenz der betriebsbedingten Kündigungen, sollten sich zu wenig Unterzeichner finden. Letztlich verweigerten nur drei Redakteure die neuen Konditionen und bleiben damit weiterhin im Tarifgeflecht. Die Redaktion war die letzte Abteilung, der noch einer Tarifbindung unterlag. Teile davon sind in den vergangenen Jahren schon in einer tariflose Tochter übergegangen.

Zukünftig werden die Unterzeichner für die kommenden vier Jahre auf Gehaltserhöhungen sowie sechs Arbeitszeitverkürzungstage verzichten. Zudem werden die im Flächentarif vereinbarten Kürzungen der Sondergehälter schon 2015 umgesetzt. Im Gegenzug garantiert der Aschendorff-Verlag seinen Mitarbeitern einen Kündigungsschutz auf vier Jahre.

Schlappe für die Gewerkschaften
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Je näher der von der Chefredaktion gesetzte Stichtag zur Vertragsunterzeichnung (15. November) rückte, desto mehr Redakteure entschieden sich zu unterschreiben. Noch vor zwei Wochen hatten weniger als ein Dutzend den neuen Konditionen zugestimmt. Dass sich der Verlag der Westfälischen Nachrichten nun durchgesetzt hat, ist vor allem ein Schlag für die Gewerkschaften.

Erst im April schlossen sie nach fast einem Jahr Verhandlungen über ein neues Tarifwerk ab. Der Deutsche Journalistenverband (DJV) appellierte deshalb mehrfach an die WN-Angestellten, das neue Angebot abzulehnen, betonte immer wieder einen Rechtsbruch. Die Zurufe wurden aber überhört, auch der Betriebsrat verzichtete auf Gewerkschaftsunterstützung, traf sich alleine mit der Geschäftsführung am runden Tisch. Bei einer Betriebsversammlung in der vergangenen Woche, bei der auch DJV und Verdi eingeladen waren, war lediglich ein Fünftel der betroffenen Mitarbeiter vor Ort.

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Alle Kommentare

  1. @rahn
    ihre Anmerkung eignet sich ja auch wenig für einen Diskurs. Das klingt eher wie „ich bin auch Funktionär und habe keine Argumente“, was ja derzeit auch bei DJV und dju des Pudels Kern ist.

    Natürlich kann bezweifelt werden, ob die sofort WN eingestellt würde. Langfristig gibt es aber nur die Version Lohnsumme kürzen oder zumachen. Dem Gewerkschafter schwebt natürlich die Version Gehaltserhöhung bei sinkenden Erlösen vor. Leider klappt das schon lange nicht mehr, wie die unterirdischen Abschlüsse der letzten Tarifauseinandersetzungen oder die Ausgliederung ganzer Redaktionen zeigt.

    Fragen Sie doch einmal bei Springer oder Lensing-Wolff nach wie das abläuft

  2. Eine nur zu verdiente Klatsche für „Gewerkschafts“-Funktionäre, die offenbar um ihre Existenz ringende Redakteure eiskalt in einen Kampf lauf lassen wollten, der nun einmal nicht zu gewinnen ist. Nach DJV-Rezept besteht die richtige Antwort auf halbierte Print-Einnahmen der Verlage darin, viele zusätzliche Journalisten einzustellen und dafür Geld auszugeben, das ja gerade fehlt. So einfältig ist ja nicht einmal die SPD. Hätten die Redakteure der WN die „Gewerkschaft“ nicht links liegen lassen, hätten wahrscheinlich viele bereits die Kündigung auf dem Tisch; vielleich wäre auch die WN schlicht eingestellt worden. Aber schon zu ähnlichen Vorgängen bei der Dortmunder „Westfälischen Rundschau“ ist dem DJV nichts außer Klassenkampfgeschrei und ein Umzug mit Sarg eingefallen.
    Hut aber daher vor den Kollegen der WN und ihrem Betriebsrat, dem die Einsicht in das Unausweichliche bestimmt nicht leicht gefallen ist.
    Was der DJV mit seinen Mitgliedern (die Zahl schrumpft rapide) vorhat, konnte man auf einem Kongreß jüngst in Weimar beobachten: Festangestellte Gewerkschaftsfunktionäre um Geschäftsführer Döhring bekommen im Etat massiv mehr Geld (sie werden jetzt schon luxuriös bezahlt), dafür werden kleinen Ehrenämtlern (geringe) Spesen, Reisekosten, usw. gestrichen. Der einzige Zweck der „Gewerkschaft“ DJV wird mehr und mehr das Luxusleben von zwei Dutzend Funktionären. Vermutlich waren aus WN-Redakteure bei dem „Verbandstag“ und sind mit der Botschaft zurückgekommen: Wir müssen selbst handeln. Bravo!

    1. Die Gewerkschaften schweigen diese Schlappe wieder einmal tot. Was sollen sie auch machen? Jede Art von Öffentlichkeit zeigt nur, dass man keine Siege mehr erringen kann und so ziehen sie es vor nur da zu diskutieren, wo sie angesprochen werden.

      Wie will man den verzweifelten Mitgliedern denn auch erklären, dass Särge in den Straßen Dortmunds genauso wenig zum Erfolg geführt haben, wie Streiks, die keine Zeitung vom Erscheinen abhielt und die in der Bevölerung weitestgehend unbemerkt blieben.

      Was erreicht der DJV oder die dju bei einer Tarifauseinandersetzung noch? Praktisch nichts und das wenige wird in den Verlagen unmittelbar durch Entlassungen wieder eingespart. Gleiches wäre mit DJV auch hier passiert. Man bleibt im Tarif, besteht auf seinen vermeintlichen Rechten und der Verleger wirft 10-15 Leute raus und bekommt seine Einsparung auf diesem Weg.

      Die Belegschaft war offensichtlich schlauer als die Gewerkschaften. Man erkannte die denkbaren Konsequenzen und entschied sich für sichere Arbeitsplätze bei Abstichen bei der Bezahlung. Das ist allemal besser als die Entlassung einiger oder gar dem Schließen einer ganzen Redaktion, was der DJV zwar mit lautstarken Protesten begleitet hatte, aber an dem er nichts ändern konnte.

      Es wird Zeit für die Erkenntnis der Gewerkschaften im Medienbereich, dass sie zahnlose Schmusekätzchen sind und ihr leises Fauchen noch nicht einmal wahrgenommen wird. Dabei gäbe es für den DJV viel auf der Seite des Berufsverbandes zu tun und auch zu erreichen. Das kümmert den Gewerkschafts-DJV aber noch immer nicht. Aber auch bei ver.di hat man die Zeichen der Zeit noch immer nicht erkannt.

      Die Verbandsmillionen werden im sinnlosen Gewerkschaftskampf verplempert und für den Berufsverband ist nichts mehr übrig. Wen wunderts, wo doch Journalisten in den Funtionärsreihen sehr rar gesät sind und sich einige Hauptämtler den Verband zur Beute gemacht haben.

    2. Klar, die WN wäre eingestellt worden… Frau Reichstein und Sie wollen ernsthaft über neuen Journalismus Diskurse führen. Ich wende mich mit Grausen ab.

    3. Hallo Hans-Werner, Du Unnachahmlicher,
      die Sprüche kenne ich nur zu gut. Bist Du wieder gesund und diesmal als Sarah, die kleine Trollfee, unterwegs? Jedenfalls ist jetzt klar, dass Dich Klaus-Dieter auf dem Laufenden hält, was so in Weimar und anderswo im DJV los ist.
      P.S.: Was ist der Gag daran, sich den Familiennamen bei den „Forschern“ aus der Annette-Kolb-Straße auszuleihen? Oder ist das etwa KEINE Anspielung auf Golden-X?

  3. Mich ärgert der völlig unreflektierte Satz „Die Zeitung muss nach Verlagsvorgaben jährlich 1,3 Millionen Euro einsparen.“ Muss sie, um zu überleben – oder will sie, um die Rendite nicht zu schmälern? Da fehlen einfach die Fakten. Aber ich wette, dass der Laden wie die meisten deutschen Zeitungsverlage nach wie vor ansehnliche Gewinne einfährt. Der „Sparzwang“ hat meistens seine Ursache in der Gier der Eigentümer.

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