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AP-Chef Gary Pruitt über das Geschäft mit Nachrichten: „Der Markt hat kein Gewissen“

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Associated Press-CEO Gary Pruitt

Die Associated Press (AP) ist einer der größten Produzenten und Verbreiter von Nachrichten weltweit. Doch das Geschäft mit News steht unter Druck wie die gesamte Medienbranche. Denn Nachrichten gelten als frei verfügbare Ware, die es überall im Netz gibt. Im Interview mit MEEDIA spricht Gary Pruitt, der CEO von AP, über die Zukunft der Nachrichten, den Druck unter dem Tageszeitungen stehen - und die Bedrohung der Presse- und Meinungsfreiheit weltweit.

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MEEDIA: Wir sprechen heute in Berlin – wie wichtig ist der Markt außerhalb der USA für die Associated Press eigentlich?
Gary Pruitt: Wir erwirtschaften aktuell 37 Prozent unseres Umsatzes auf dem internationalen Markt. Klar, für viele Jahrzehnte machte das US-Geschäft 100 Prozent aus. Aber der Tag wird kommen, an dem mehr als die Hälfte unseres Umsatzes aus dem Ausland kommt. Der Trend ist deutlich erkennbar.

Das ist so, weil die Umsätze innerhalb der USA zurückgehen?
Einerseits stehen die Zeitungen in den USA unter Druck, andererseits verzeichnen wir eine hohe Dynamik auf einigen internationalen Märkten.

Zum Beispiel?
Unsere kleinsten Märkte sind augenblicklich unsere stärksten – Lateinamerika und der Nahe Osten wachsen, wenn auch ausgehend von einer niedrigen Basis. Asien geht es gut. Nordamerika und Europa sind stabil bis leicht rückläufig.

Rückläufig – weil die Tageszeitungen an Auflage verlieren und Agenturen ihre Preise auch nach der Höhe der Auflage berechnen?
Weil diese Märkte sehr reif sind. Wenn die Medienbranche unter Druck gerät, spüren wir das auch. Im Nahen Osten entstehen dagegen neue Medienunternehmen and damit potenzielle neue Kunden, auch in Lateinamerika, in Asien.

Wie sieht die AP-Kundenstruktur überhaupt aus?
Unser größtes Kundensegment sind TV-Sender. Die machen derzeit 45 Prozent unseres Umsatzes aus. Zeitungen 25 Prozent. Kunden mit digitalen Angeboten 12 Prozent. Wobei der digitale Anteil hier unterbewertet ist. Eine Zeitung wie die New York Times ist voll im Zeitungssegment einsortiert, produziert aber viele digitale Inhalte. Dann haben wir noch vielfältige Geschäftsbeziehungen zu Magazinen, Radiosendern, Unternehmen, Regierungsorganisationen. Die Vielfalt hilft uns. Die andere Diversifikation, die wir anstreben, ist inhaltlicher Natur. Wir bieten Text, Fotos, Audio, Videos. Wir bewegen uns dorthin, wo das Wachstum stattfindet. Wir setzen nicht allein auf ein spezielles Medienformat, wir passen uns unseren Kunden an. Die Kunden müssen die Wetten abschließen, wir müssen beweglich genug sein, müssen uns anpassen. Das machen wir seit 168 Jahren.

Was passiert mit Nachrichtenagenturen, wenn die Auflagen der Zeitungen zumindest in Europa und den USA noch stärker unter Druck geraten? Ihr Kooperationspartner dpa in Deutschland macht sich da auch schon seit längerem Gedanken
Unsere Umsätze mit der Belieferung von Zeitungen werden weiter sinken. Ich muss aber auch sagen: die Zeitungen könnten morgen weg sein und wir würden das überleben. Es wäre nicht schön, wir würden das nicht mögen – aber wir würden überleben.

Sie sind langjähriger Chef der US-Zeitungskette McClatchy gewesen…ist der Niedergang der Tageszeitungen zumindest in der gedruckten Form denn wirklich unvermeidbar?
In den USA geht es zumindest zurzeit abwärts für gedruckte Zeitungen. Ich wünsche mir aber sehr, dass es ihnen gelingt, beispielsweise mit der Hinwendung zu Videos und mobilen Plattformen, im Wettbewerb zu bleiben. Ich bin da durchaus hoffnungsvoll, denn die Zeitungen haben eine große journalistische Schlagkraft. Aber der Markt hat kein Gewissen. Was auch immer sich entwickelt, wir müssen uns daran anpassen. Wir behalten unseren Fokus auf der Vermittlung von Nachrichten, in jedem von unseren Kunden gewünschten Format.

Viele Zeitungsverlage in den USA waren oder sind noch börsennotiert. Ein Fehler?
Sie stehen damit unter mehr Druck. Dieser teilweise unerbittliche Druck führt zu Kosteneinsparungen. Das ist sehr traurig. Denn der Welt geht es besser, wenn es Tagaeszeitungen gibt. Es ist immer noch so, dass der höchste Anteil originären Journalismus in der Medienwelt von Tageszeitungen stammt.

Lassen Sie uns über das Geschäftsmodell von Nachrichtenagenturen sprechen. Wäre es nicht eine Überlegung wert, auch Plattformen für die Mediennutzer anzubieten, und diese nicht nur über Medienkunden indirekt zu bedienen?
Wir haben eine mobile News-App entwickelt, die gut funktioniert und ein paar Millionen Dollar im Jahr über Werbung generiert. Aber öffneten wir unsere Inhalte noch weiter für Endverbraucher, würden wir uns den Zorn unserer bestehenden Kunden zuziehen. Wir würden mit ihnen konkurrieren. Ich mag unsere Struktur, wie sie ist. Erstens: wir konzentrieren uns auf Nachrichten. Zweitens: Wir streben Objektivität an, vertreten keine politische Haltung oder Richtung. Drittens: Wir betreiben ein business-to-business-Modell. Viertens: Wir sind ein non-profit-Unternehmen.

Inwiefern ist der letzte Punkt ein Vorteil?
Wir stehen nicht unter einem solchen Marktdruck wie unsere Kunden. Unsere Gesellschafter fordern keine Dividenden. Wir funktionieren wie ein Unternehmen, aber es gibt keine spezifischen Renditen, die wir erwirtschaften müssen. Unsere Struktur hat uns den amerikanischen Bürgerkrieg überleben lassen und die Große Depression, Weltkriege und Finanzkrisen. Wir denken in Jahrzehnten. Und in diesem Jahr werden Umsatz und Gewinn steigen. Das zeigt doch die Stärke unseres Modells.

Nachrichten werden heute von vielen Menschen beispielsweise über Seiten wie Google News abgerufen. In welchem Verhältnis steht AP zu Google?
Google war und ist ein Kunde von uns. Sie haben sich allerdings festgelegt, dass sie ein Tech-Unternehmen sein wollen, und lizensieren darum keine Nachrichteninhalte von uns. Was sie von uns beziehen, sind Wahlergebnisse und -auswertungen, die wir bei AP akribisch zusammenstellen. Das wollten sie nicht selbst machen.

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Heute sind Nachrichten allgegenwärtig. Woher kämen diese News aber, gäbe es AP und andere Medien nicht?
Viele Nachrichten würden erst gar nicht in die Welt gesetzt. Wir veröffentlichen am Tag 2.000 Text-Beiträge, 3.000 Fotos, vieles mehr. Brächen die Nachrichtenagenturen zusammen, würde die globale Berichterstattung zu einem Flickenteppich werden. Die Welt wäre schlechter informiert. Die Leute müssen ihre eigenen Entscheidungen treffen, aber wir wollen sie informieren, damit sie ein besseres Leben führen. Das ist doch ein hehres Ziel.

Es scheint aber immer erklärungsbedürftiger zu sein, warum Medien wichtig sind. Menschen wenden sich von den sogenannten „Mainstream-Medien“ ab.
Ja. Und manche Leute glauben auch, wenn Inhalte im Internet veröffentlicht werden, könnten sie diese nehmen und sogar weiterverkaufen.

Es gibt diesen Spruch, News seien zur commodity, zu einer überall verfügbaren und keineswegs mehr exklusiven Ware geworden. Wäre es nicht wichtig, diesem Eindruck entgegenzusteuern?
Nachrichten sind wegen der technischen Entwicklung überall verfügbar, und darum ist genau dieser Eindruck entstanden. Mit der Folge, dass sich ihr Wert in den Augen der Nutzer reduziert hat.

Sie sprachen vorhin von Video und Mobile als den wichtigsten Entwicklungen. Welche konkreten Auswirkungen haben diese Megatrends auf die AP-Berichterstattung?
Vereinfacht gesagt werden unsere Nachrichten kürzer. Natürlich gibt es weiterhin Raum und Berechtigung für lange Geschichten. Aber so wie die Nutzer immer mehr mobil konsumieren, produzieren wir auch immer mehr kurze News. Dazu mehr visuelles Storytelling, mehr Fotos, mehr Videos. Auch nutzergenerierte Inhalte haben übrigens ihren Platz bei uns, sie sind Teil der News-Welt. Ignorierten wir Videos und Fotos, die nicht von unseren Reportern stammen, aber draußen verfügbar sind, dann würden wir die Realität selbst ignorieren. Auch unsere Kunden wollen solche Inhalte, aber sie wollen sie verifiziert haben. Weil gerade in Krisen zunehmend gefälschte Videos verbreitet werden. Wir sind zum Glück noch auf kein Fake-Video hereingefallen.

Bewegen wir uns auf eine reine Bewegtbild-Nachrichtenwelt zu?
Nicht in der nahen Zukunft. Wir machen immer noch mehr Umsatz mit unseren Texten als mit unseren Videos, auch wenn dieser Umsatzanteil wächst. Die Unternehmen, die Kunden, auch die TV- und Radiosender, sie wollen Text.

Was können Sie über den deutschen Markt sagen?
Er ist wichtig, er ist reif, also sehr entwickelt, wir unterhalten sehr gute Bezeigungen zu dpa. Wir haben ja keinen eigenen deutschsprachigen Nachrichtendienst mehr…

…AP lizensierte Texte und Fotos bis Ende 2012 an die mittlerweile insolvente Agentur dapd, seither besteht eine Kooperation mit dpa…
Ja. Wir berichten über Deutschland für die Welt. Deutschland selbst können wir nicht abdecken so wie dpa das kann und tut. Das ergab für uns keinen Sinn mehr.

Sie sind Jurist, ein Experte für das „first amendment“ der amerikanischen Verfassung, das das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung und Pressefreiheit garantiert. Wie sehr ist die Meinungsfreiheit derzeit bedroht?
Ich glaube, sie ist so bedroht wie noch nie zuvor. In den USA war AP im vergangenen Jahr in eine Auseinandersetzung mit der Regierung verwickelt. Das Justizministerium hatte damals unsere Telefon-Einzelverbindungsnachweise bekommen. Wir brauchen einen besseren juristischen Schutz vor solchen Zugriffen, wir müssen für unsere Rechte als Journalisten kämpfen. Das ist der Grund, warum ich überhaupt in die Medienbranche gegangen bin. Wir sehen, dass Regierungen die Macht haben, die Bewegungen und die Kommunikation von Journalisten und anderen Bürgern zu überwachen, in einer nicht dagewesenen Art und Weise. Diesen Geist bekommen wir nicht zurück in die Flasche. Aber wir müssen mit aller Kraft dagegen vorgehen. Die Medien müssen solche Auswüchse bekämpfen. Die Medien mögen Fehler machen, die Leute mögen schlecht auf die Presse zu sprechen sein, aber wir brauchen die Medien als Gegengewicht, als Kontrolle der Regierung. Regierungen sprechen nun von einer Wahl zwischen nationaler Sicherheit auf der einen und Pressefreiheit auf der anderen Seite. Das ist eine falsche Wahl. Wird die Presse gegängelt oder zensiert, dann wird ein Staat schwächer sein als vorher.

Und wie sieht es außerhalb der USA aus, in Krisenherden?
Journalisten sind dort zunehmend unsicher. Allein in diesem Jahr starben drei AP-Mitarbeiter. Sie werden in Ländern wie etwa Syrien zum Schweigen gebracht. Journalisten trugen mal diese Westen, auf denen gut sichtbar „Presse“ steht, als Schutz. Nun werden die Journalisten unter Beschuss genommen, gerade weil sie Presse sind. Die Gruppen, die Journalisten attackieren, brauchten früher die Medien, um ihre Botschaften zu verbreiten. Heute haben sie soziale Medien. Es ist zunehmend gefährlich, ein Journalist in diesen Regionen zu sein.

In einem Artikel über Associated Press war zu lesen, Nachrichtenagenturen seien „so unsexy wie ein Medienunternehmen nur sein kann„. Was sagen Sie zum Abschluss dazu?
Hmm (lacht). Ich sage: AP ist keine glamouröses Medienunternehmen. Wir schmeißen nicht die Aftershow-Party nach der Oscar-Verleihung. Das macht Vanity Fair. Wir sind auch nicht das profitabelste Medienunternehmen. Aber das wichtigste. Wir erreichem mehr Menschen als jedes andere Medium. Relevanz geht bei uns vor Sexiness. Aber eigentlich finden wir, dass Substanz auch sehr sexy sein kann.

Gary B. Pruitt, Jahrgang 1957, ist seit 2012 CEO der amerikanischen Nachrichtenagentur Associated Press (AP). Zuvor war er Chef der Zeitungskette McClatchy. Pruitt ist studierter Jurist mit einem Abschluss von der University of California Berkeley. Er hat sich auch einen Namen als Spezialist für Presse- und Meinungsfreiheit gemacht. In Deutschland kooperiert AP mit dem deutschen Marktführer dpa.

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Alle Kommentare

  1. „Denn der Welt geht es besser, wenn es Tageszeitungen gibt.“

    Eine kühne Behauptung – wenn ich an die MS-Presse und bsw. deren Berichterstattung zur Ukraine denke…

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