Toleranz mit Fragezeichen: Die ARD sorgt mit Themenwoche für Entrüstung

Screenshot: br.de
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Fernsehen Toleranz statt Akzeptanz, provokante Werbeplakate und ein Talk mit Matthias Matussek zur Frage "Was müssen wir uns gefallen lassen – und was nicht?": Die ARD startet am Samstag ihre Themenwoche zur Toleranz und diese sorgt schon im Vorfeld für ordentlich Ärger in den sozialen Netzwerken. Der Tenor: Die Sendeanstalt vermittele ein rückständiges Menschenbild.

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Auf einem ihrer Werbeplakate zur Themenwoche Toleranz zeigt die ARD ein homosexuelles Paar und titelt dazu „Normal oder Nicht Normal?“, ein anderes zeigt einen farbigen Mann und fragt dazu „Bereicherung oder Belastung?“. Bilder, die – wenig überraschend – für Entrüstung sorgen.

Bildschirmfoto 2014-11-11 um 10.10.49

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Die TAZ schreibt zur Kritik an der Werbekampagne: „Tolerieren (Lat. ‚dulden‘) impliziert immer bereits ein Machtgefälle. Wer andere toleriert, glaubt, dass es ihm oder ihr zusteht, sich zu entscheiden, marginalisierte Gruppen trotz ihrer ‚Andersartigkeit‘ zu dulden.“

Auch bei Twitter wird die Forderung nach Akzeptanz statt Toleranz laut; die ARD würde mit der Themenwoche ein Menschenbild aus dem vorherigen Jahrhundert präsentieren, so die Meinung vieler Nutzer:

Buzzfeed hat die umstrittenen Motive aufgegriffen und – mit viel Spott – weiter entwickelt. Das sieht zum Beispiel so aus:

Screenshot: Buzzfeed.com

Screenshot: Buzzfeed.com

Auf dem offiziellen Twitter-Account zur ARD-Themenwoche haben die Verantwortlichen bereits Stellung bezogen:

Doch nicht nur die Plakate sorgen für Unmut, auch das Programm zur Themenwoche löst Verärgerung aus – vor allem die angekündigte hr-Talkshow zum Thema „Was müssen wir uns gefallen lassen – was nicht?“ mit Matthias Matussek und der Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags, Ellen Ueberschär. Im Ankündigungstext auf der Webseite des Hessischen Rundfunks stehen Sätze wie „Ist sich das knutschende schwule Paar in der U-Bahn eigentlich bewusst, wie viel Toleranz es seinen Mitreisenden abverlangt?“ oder „Toleranz ist etwas, was die Mehrheit der Minderheit gewährt“.

Update:
Hans-Martin Schmidt, verantwortlicher Koordinator der ARD-Themenwoche, äußerte sich gegenüber MEEDIA zu der Kritik:
„Die Kritik nehmen wir selbstverständlich ernst. Wir haben mit den Plakaten anscheinend einen Nerv getroffen.
An den Aussagen auf den Plakaten soll sich der Betrachter reiben. Intolerantes Verhalten wird oft von Äußerlichkeiten und Vorurteilen geprägt. Genau damit spielt die Kampagne. Wir wollen zur intensiven Diskussion anregen und zum Nachdenken über eigene Haltungen und Vorurteile. Eine gewisse Provokation haben wir dabei in Kauf genommen, jedoch sollte sich niemand persönlich verletzt fühlen.
Wir greifen mit der Plakatkampagne existierende Themen und Debatten auf, beziehen aber keine Position, sondern wollen Denkanstöße geben. Die vielfältigen Aspekte und Fragen zu Toleranz in unserer Gesellschaft werden in der Themenwoche ab dem 15. November in Fernsehen, Hörfunk und Online aufgegriffen und aus verschiedensten Blickwinkeln ausführlich aufbereitet.
Bereits im Vorfeld hatten wir zum Beispiel Vertreterinnen und Vertreter der gesellschaftlich relevanten Gruppen eingeladen, um uns intensiv auszutauschen und Anregungen aufzunehmen. In einer Reihe von Funkhausgesprächen wurde zum Beispiel die Frage gestellt: Wie tolerant sind wir wirklich? Die Gesprächsreihe behandelte unter anderem Toleranz gegenüber und Respekt vor unterschiedlicher sexueller Orientierung. Hier wurde gerade bemängelt, dass wir noch keine vollkommene Normalität im Umgang mit dem Thema Homosexualität in Deutschland haben. Insofern greifen wir eine bestehende Debatte auf.“

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Alle Kommentare

  1. Schon sind sie wieder unterwegs in den Medien die linken und linksaußen Bestmenschen, die anderen vorschreiben, was sie nicht nur zu tolerieren, sondern zu akzeptieren haben. Persönliche Entscheidungsfreiheit ist nicht mehr gefragt. Linke moralische Besserwisser wissen, was für alle das Beste ist.
    Man darf kaum noch sagen, dass es bei aller Liberalität vorzuziehen ist, wenn Kinder in einer stabilen Partnerschaft aufwachsen, vor allen Dingen in den ersten Jahren von ihrer Mutter betreut, geliebt und versorgt werden. Wenn heute jemand dafür ein steht, dass eine Mutter ihre Kinder selber betreut und nicht irgendwo verwahrt, wird Spießertum unterstellt. Darf man noch laut sagen, dass Kernkraft eine sichere Methode der Energieversorgung ist, außer in Deutschland? Darf man noch laut sagen, dass Gentechnik einen Fortschritt für die Landwirtschaft darstellt ohne von Gutmenschen moralisch gesteinigt zu werden? Diese Unfreiheiten sind es, die mir ebenfalls noch als beträchtlich einfallen!

  2. @Ludwig Briehl. Man darf, man darf. Man darf in Deutschland ziemlich viel sagen, man muss nur mit Gegenwind rechnen, wenn es Unsinn ist. Oder menschenfeindlich. Oder Beides.

  3. Aber wo wir gerade bei fragwürdigen Entscheidungen sind … findet ihr eure Entscheidung, die beiden anderen Fotos im Headerfoto mit Twitter-Kommentaren zu überpinseln nicht ebenfalls fragwürdig?

    Werden beispielsweise Menschen mit Behinderungen von euch so sehr als Aussenseiter akzeptiert, dass ihr dieses Plakat und seine Aussage selbst nicht kritisch findet und es daher unter den Tisch fallen lasst?

    1. Wohl eher, weil nicht mehr Platz her war. Was wäre, wenn sie statt rechts, die tweets links hingepackt hätten? Dann könnte man deine Aussage für schwarze umdrehen…

  4. Allgemein bin ich kein Freund eines nach meiner Meinung teuren und mangelhaften Fernsehens. Aber danke ARD…sicher ist vielen Erschrockenen noch nicht aufgefallen, dass der jeweils negative Ausdruck auf dem Plakat in unserer Gesellschaft „normal“ ist. Die anderen Seiten auf dem Plakat sollten zum Denken anregen. Eine kurze knackige Provokation um eine dringend notwendige Diskussion anzustoßen. Wann fängt dabei die Toleranz an?

  5. Merkwuerdig, ich zaehle zu 50+ und fand die Bilder als normal. Die dazu gestellten Fragen dagegen wirkten auf mich eher unnatuerlich und gekünstelt. Sie erinnern mich an die „Bild“ Ethik.
    Wie lange muss ich mir das gefallen lassen?

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