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„In der Regel fließt kein Geld“: Produzent Stephan Lamby gründet Video-Portal dbate

Gründet Video-Portal, das mit Video-Bloggern zusammenarbeitet: Stephan Lamby (Foto: dpa).
Gründet Video-Portal, das mit Video-Bloggern zusammenarbeitet: Stephan Lamby (Foto: dpa).

Die Produktionsfirma Eco Media spezialisiert sich zunehmend auf Dokumentationen, für die sie weltweit mit Video-Bloggern zusammenarbeitet. Neben dem TV-Geschäft will Geschäftsführer Stephan Lamby auch das Internet nutzen, um mit seinen Inhalten Geld zu verdienen. An diesem Dienstag ging die Video-Plattform dbate.de online. Im Interview mit MEEDIA erklärt Lamby sein Konzept, spricht über die Herausforderung mit Fremdmaterial und die Zusammenarbeit mit TV-Sendern.

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Verdienen Sie im Fernsehgeschäft kein Geld mehr? 
Doch. Wir verdienen im Fernsehen weiterhin Geld. Wir sind eine klassische TV-Produktionsfirma. Fernsehdokumentationen und -reportagen sind und bleiben unser Hauptgeschäft.

Und ein neues soll das Internet werden?
Wir verfolgen, dass das Interesse an Bewegtbild im Internet wächst. Diese Entwicklung wollen wir nicht nur beobachten, sondern im Rahmen unserer Möglichkeiten mitgestalten. Vom Internet wird häufig als Bedrohung gesprochen, wir versuchen, es als Chance zu nutzen.

… auch, weil Sie mit dem Video-on-Demand-Angebot der Sender unzufrieden sind?
dbate.de funktioniert grundsätzlich anders. Nicht als Mediathek, bei der TV-Filme zweitverwertet werden und die das Internet nur als Vermarktungsfläche begreift. dbate.de ist eine journalistische Plattform, die Geschichten und Bilder aus dem Internet aufnimmt, sie filtert, bearbeitet – und ins Internet zurückspielt.

Wie genau sieht die Arbeit von dbate aus?
Wir nutzen Material von Video-Bloggern weltweit, um damit Filme herzustellen. Video-Blogger stellen in den meisten Fällen Material nur minutenweise auf YouTube bereit. Das liegt daran, dass sie meist nur einzelne Szenen oder Momente einfangen. Was sie in der Regel nicht können, ist die Produktion von Filmen. Da setzen wir an. Wir sammeln Aufnahmen aus verschiedenen Quellen, stellen Zusammenhänge her, führen per Skype Interviewsund gestalten so ein neues Produkt. In den meisten Fällen entstehen daraus Video-Tagebücher.

Wie viele Erfahrungen mit Fremdmaterial – besonders aus dem Internet – haben Sie bisher gesammelt?
Zum ersten Mal damit experimentiert haben wir vor drei Jahren. Beim Tsunami in Japan kamen wir als Dokumentarfilmer nicht schnell genug in das Krisengebiet, hatten kein Budget und hätten vor Ort auch mit Stromausfällen und radioaktiver Belastung zu kämpfen gehabt. Um trotzdem eine Geschichte erzählen zu können, haben wir Kontakt zu Anwohnern aufgenommen, die Material auf YouTube veröffentlicht haben. Die haben uns ihr Rohmaterial zur Verfügung gestellt und waren auch für Interviews via Skype bereit. Innerhalb von drei bis vier Wochen hatten wir so einen fertigen Film über den Tsunami und die Reaktorkatastrophe von Fukushima.

Ließ sich damit Geld verdienen?
Dieser und einige andere Filme sind bei ZDFinfo, und in diesem Jahr bei Phoenix und der Deutschen Welle gesendet worden. Mit solchen Projekten auch Geld zu verdienen, ist für uns als Produktionsfirma natürlich sehr wichtig. Zur Zeit kooperieren wir mit dem WDR und ZDFinfo, bei denen einige unserer Videotagebücher laufen werden. Für den WDR wird gerade eine Reihe von Videotagebüchern hergestellt. Darin geht es unter anderem um Körperkult im Internet und das Leben von Krebskranken. Die Reihe soll im Frühjahr 2015 auf dbate.de gezeigt und im WDR ausgestrahlt werden. Für ZDFinfo entstehen ebenfalls mehrere Videotagebücher – z.B. über radikale Fußballfans.

Wie gehen Sie sicher, dass das gelieferte Material tatsächlich echt ist? 
Wir sind eine erfahrene Produktionsfirma. Der Faktencheck gehört einfach zu unserem Handwerk. Wir identifizieren jeden Urheber und schließen mit ihm einen Vertrag ab. Das Material wird nur genutzt, wenn wir auch andere Quellen zur Verfügung haben.

Wie viele Leute stecken hinter dbate?
Die Redaktion besteht aus drei Mitarbeitern plus drei bis vier Leute im Schnitt. In der Produktion beschäftigen wir zwei Mitarbeiter, Technik und Design werden von einer Agentur betreut.

Zahlen Sie Video-Bloggern oder auch YouTubern etwas, wenn Sie ihr Material verwenden?
Normalerweise haben Video-Blogger Interesse daran, dass aus ihrem Material ein Film entsteht, in dem Sie dann auch selbst vorkommen. Das heißt: In der Regel fließt kein Geld. Nur in seltenen Ausnahmefällen, wenn wir einen Film an das Fernsehen verkaufen beispielsweise, zahlen wir ein geringes Honorar. Ansonsten muss man einen Austausch von Naturalien sehen. Wir bekommen bewegtes Bild, die Video-Blogger bekommen dafür Filme, die auch sie wieder nutzen können.

Finanziert sich dbate nur aus Verkäufen an TV-Sender?
Wir verkaufen Nutzungsrechte an den Videotagebüchern und schalten auch Werbeanzeigen.

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Sie laden Ihre Inhalte bei YouTube hoch. Wie wollen Sie verhindern, dass dbate eher zum YouTube-Channel als zum Portal wird?
Wir nutzen YouTube derzeit, weil wir so keine eigenen Serverkapazitäten aufbauen müssen. Das heißt nicht, dass es auf alle Ewigkeit so bleibt. dbate aufzurufen macht für die Nutzer aber trotzdem Sinn. Wir zeigen die Filme nämlich in Episoden-Charakter und liefern in unserem Portal die Übersicht. Außerdem gibt es zu jedem Film dort auch Hintergrundinformationen in Textform.

Welche Inhalte bieten Sie noch an?
Eine weitere Säule im Angebot sind Skype-Interviews, die wir mit Leuten führen, die etwas zu sagen haben. Das können Künstler, Politiker oder auch Menschen sein, denen etwas besonderes widerfahren ist, z.B. eine ehemalige Geisel. Wir suchen hier gezielt nach interessanten Aspekten. Die Möglichkeit des Video-Calls nutzen wir auch für Streitgespräche zu relevanten Themen, etwa über Sterbehilfe oder die Veröffentlichung von Hinrichtungsvideos. Darin führen zwei Personen ein direktes Gespräch, das nicht – wie in einer Talkshow – inszeniert oder moderiert wird. Die dritte Säule ist der Austausch mit den Nutzern – daher auch der Name dbate.

Skype-Interviews und verwackeltes Bild-Material sind aber nicht gerade sexy. 
Das sehe ich nicht so. Ich sehe eine Ergänzung der klassischen Fernsehproduktion, die wir seit Jahren betreiben. Technisch wie auch journalistisch ist eine neue Facette entstanden. Durch Skype-Interviews mit Betroffenen oder deren Video-Material entsteht etwas Raues und Unmittelbares, das einen neuen Reiz ausmacht.

Sie haben Video-Calls zum Beispiel für Gespräche mit FDP-Mann Wolfgang Kubicki genutzt, genauso ein Interview mit einer YouTuberin geführt. Dann bieten Sie aber auch ein Interview mit dem ehemaligen US-Präsidenten Henry Kissinger oder Kurzfilme zum Thema Sterbehilfe an. Wieso ist von allem etwas dabei?
Ich will Ihnen ausdrücklich widersprechen, dass wir alles anbieten. Was sie bei uns nicht finden werden, sind Katzenvideos, Schmink-Tutorials oder Pornos. Wir zeigen vor allem politisch und gesellschaftlich Relevantes.

Trotzdem ist nicht erkennbar, wen genau Sie ansprechen wollen.
Es geht auch erst mal nicht darum, eine enge Zielgruppe anzusprechen. Sondern um die Verbreitung guter und journalistischer Inhalte.

Dennoch brauchen Sie doch eine Zielgruppe, wenn Sie ihre Seite vermarkten wollen. 
Unsere bisherigen Erfahrungen zeigen, dass wir 18-Jährige genauso erreichen wie 60-jährige Menschen. Der Schnitt dürfte zwischen 30 und 40 Jahren liegen.

Inhalte wie das Kissinger-Interview entstammen aus Produktionen, die sie gezielt für das Fernsehen gemacht haben. Wieso lässt sich das auf dbate finden?
Das ist weitgehend unveröffentlichtes Material. Wir nutzen die Gelegenheit, um geführte Interviews zum Beispiel in voller Länge zu zeigen. Das ist im Fernsehen nicht möglich.

Wie kompliziert ist es in solchen Fällen mit Auftraggebern, die eventuelle Rechte am Material halten?
Das ist sehr unterschiedlich. Einige Sender sind mit der Verwendung des Materials einverstanden. Der NDR oder Arte sind sehr umgänglich. Wir verweisen aber auch darauf, wenn das Material im Rahmen einer Auftragsproduktion für einen Sender entstanden ist. So besteht auch die Möglichkeit, dass Interesse für das Senderprodukt geweckt wird. Beide Seiten haben etwas davon.

Welche Kunden stellen sich denn an?
Das will ich gar nicht auf einzelne Sender beziehen. Es ist aber zu wünschen, dass die anderen dem Beispiel vor allem des NDR folgen. Viele Produktionsfirmen stehen unter enormen Druck, weil die Senderbudgets geringer werden. So bekommen wir die Möglichkeit, die Chance Internet besser zu nutzen und Fernsehen besser zu ergänzen.

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Alle Kommentare

  1. Arsch hinhalten für lau?
    Eben habe ich das Video „Mein Leben in Donezk – zwei Frauen filmen die Spuren des Krieges“ gelobt. Da halten zwei Frauen mitten im Krieg ihren Arsch hin, um der Welt mitzuteilen, wie pervers der Krieg ist – sie könnten das mit ihrem Leben bezahlen.
    Bei „dbate.de“ wird der Beitrag gezeigt. Wenn man den Worten des Herrn Lamby richtig versteht, zahlt sein Unternehmen den beiden Damen in der Ukraine kein Honorar für ihre Kriegsberichterstattung. Ich halte das für eine pure Ausbeutung und Betrug an den Mut der beiden jungen Damen. Eine Nichthonoriereung ist ethisch nicht vertretbar, der Wert der Nachricht schmilzt auf Null, sich so eine Seite und die Filme anzuschauen, halte ich für untragbar. Ob der feine Herr Lamby ebenso seinen Arsch im Kriegsland Ukraine für Lau hinhält und sich als Honorar den Körper zerschießen lässt? Wohl kaum. Aber der Kapitalismus kennt keine Würde, keinen Respekt. Ekelhaft!

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