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“Störung des Betriebsfriedens” – Spiegel-Redaktion bereitet neue Anti-Büchner-Petition vor

Spiegel Geschäftsführer Ove Saffe (l.) und Chefredakteur Wolfgang Büchner
Spiegel Geschäftsführer Ove Saffe (l.) und Chefredakteur Wolfgang Büchner

Wer dachte, nach der friedlich verlaufenen Geburtstagsparty zum 20. Jubiläum von Spiegel Online würde beim Spiegel Ruhe einkehren, hat sich getäuscht. Nach MEEDIA-Infos wird in der Print-Redaktion eine neue Petition gegen den ungeliebten Chefredakteur Wolfgang Büchner vorbereitet. Die könnte den Gesellschaftern schon am Donnerstag zugestellt werden.

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In dem Schreiben, das derzeit noch zur Unterschrift in der Spiegel-Redaktion kursiert, ist wörtlich die Rede davon, dass es eine “Störung des Betriebsfriedens” bedeute, wenn Wolfgang Büchner als Chefredakteur nicht zeitnah abgesetzt wird. Was dies konkret heißt, bleibt offen. Vieles an Protestaktionen ist denkbar, etwa eine Mitarbeiterversammlung während kritischer Produktionsphasen. Eigentlich ist die „Störung des Betriebsfriedens“ ein Begriff auf dem Arbeitsrecht. Wer den Betriebsfrieden stört, dem kann gekündigt werden. Man kann davon ausgehen, dass die Formulierung mit Bedacht gewählt wurde.

Dem Vernehmen nach besteht Zeit bis Donnerstagmittag, das Papier zu unterzeichnen. Danach soll es an die Gesellschafter des Spiegel Verlags gehen. Die Gesellschafter – Spiegel Mitarbeiter KG, der Verlag Gruner + Jahr und die Augstein-Erben – werden darin von der Redaktion dringend zum Handeln aufgefordert. Eine frühere Petition gegen Büchner und seine Reformpläne wurde von 82 Prozent der Redaktion unterzeichnet.

Eine zentrale Forderung des Schriftstücks ist, dass ein neuer Chefredakteur bestimmt wird, der das Vertrauen der Redaktion genießt. Offenbar fürchten viele in der Print-Redaktion des Spiegel, die mit Büchner und seinem Reformkurs nicht einverstanden sind, dass der lang ersehnte Sturz Büchners nach der gelungenen Spiegel-Online-Party auf die lange Bank geschoben werden könnte. In der Redaktion wurden im Vorfeld der Party auch Protestaktionen während der Feier diskutiert. Die Rede war davon, dass Wolfgang Büchners Ansprache mit Trillerpfeifen gestört werden könnte. Dies wurde den beteiligten Personen von besonnenen Kräften im eigenen Lager aber ausgeredet, beziehungsweise man hat sich letztlich nicht getraut.

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So will die Print-Redaktion nun in bewährter Manier ihren Unmut schriftlich kundtun. Dabei gilt es schon längst als ausgemacht, dass Büchners Tage als Spiegel-Chefredakteur gezählt sind. Die Mitarbeiter KG hat sich bereits vergangene Woche zu einem Beschluss durchgerungen, dass Büchner abgesetzt werden soll. Bei Gruner + Jahr ist man zwar frustriert, dass es nicht geklappt hat, Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo für den Posten zu gewinnen, man will aber nun in erster Linie die unerträgliche Hängepartie beendet sehen.

Bislang sperrt sich Spiegel-Geschäftsführer Ove Saffe noch, Büchner zu demissionieren. Saffe selbst soll unbedingt gehalten werden. Nicht etwa, weil man ihn für einen visionären Gestalter der Spiegel-Zukunft hält, sondern weil schlicht das totale Führungs-Vakuum droht, wenn Geschäftsführer und Chefredakteur gleichzeitig in die Wüste geschickt würden. Eine Lösung der Misere könnte so aussehen, dass Wolfgang Büchner mit einer saftigen Abfindung dazu bewegt wird, “freiwillig” zurückzutreten. Dann müsste Saffe ihm nicht in den Rücken fallen. Alle könnten wenigstens notdürftig ihr Gesicht wahren.

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Alle Kommentare

  1. 19 Prozent aller festangestellten Mitarbeiter der SPIEGEL-Gruppe (nämlich 91 Prozent der Redakteurinnen und Redakteure des SPIEGEL) sind in großer Sorge um ihre eigene Zukunft. Das wirtschaftliche Umfeld, die Umstellung auf den Erscheinungstermin Samstag sowie die Umsetzung des schlüssigen Konzept SPIEGEL 3.0 zur digitalen Zukunft des SPIEGEL und zur Kooperation der Redaktionen von SPIEGEL, SPIEGEL ONLINE und SPIEGEL TV stellen das Haus vor große Herausforderungen, denen sie nicht gewachsen sind.
    Vor diesem Hintergrund können diese besorgten Redakteurinnen und Redakteure des SPIEGEL ihre Aufgaben nicht erfüllen, weil sie ausschließlich damit beschäftigt sind, die Absetzung des Chefredakteurs zu betreiben, zu diesem Zweck Resolutionen zu verfassen und Mediendienste über ihre Sicht der Dinge zu informieren. Das Vertrauen der anderen Mitarbeiter des Hauses genießen sie dabei kaum, aber das ist ihnen seit jeher egal. Mit ihrer strategischen Kompetenz haben sie den Spiegel in die Lage gebracht, in der er sich heute befindet. Sie lähmen die redaktionelle Arbeit und verhindern dringend notwendige Entscheidungen.
    So gibt es beim SPIEGEL eine offensichtliche Unfähigkeit, sich der Zukunft zu stellen, nicht zuletzt nachdem öffentlich geworden ist, dass die Print-Ressortleiter keinerlei Bereitschaft zum notwendigen Umbau der redaktionellen Struktur zeigen.
    Die verängstigten Redakteurinnen und Redakteure des SPIEGEL rufen die deutsche Gesellschaft daher auf, unverzüglich den Gebrauch von Internet-Medien einzustellen, damit die dann zwingend wieder steigenden Verkaufserlöse des SPIEGEL ihnen auch in Zukunft eine hübsche Gewinnbeteiligung sichern.

  2. Da ist man dann ja doch froh, dass der ehemalige Kollege Schulze gegenwärtig keine nennenswerte Prokura hat…

  3. Warum eigentlich nicht derjenige sein, der das neue Zeitalter einläutet? Warum Brinkbäumer und der ausgezehrten Print-Blut-Schar eine Zukunft überlassen, die sie nicht wollen – und die sie nicht will?

    Warum nicht Online unter einem starken Mann (Wolfgang Blau?) zur Spitze des Tannenbaums machen, mit Print als thematische Lupe und Unter-Wasser-Ebene des Eisbergs? Erst Online, dann Print. Als chronologischer Ablauf, als sinnvoller Aufbau der Verwertungskette, als hierarchische Abfolge. Jeder Kleinigkeit geschuldet, die wir der Einfachheit halber mal Realität nennen wollen.

    Jeder Change Manager von Format weiß, dass es künftig nur so gestaltbar sein wird. Wir stehen mitten im Gezeitenwechsel.

    Bei der einstigen Flut herrscht Ebbe.
    Und was sich da hinten auftürmt, sieht mir verdächtig nach einer ganz neuen Flut aus…

  4. der qualitative Untergang des SPIEGEL setzte nicht erst mit Büchner ein, er ist nur ein Sympton der schon länger andauernden schiefen Entwicklung, die seit langer Zeit heftig am Namen nagt. Mittlerweile bin ich, und andere, es gewohnt Meldungen aus dem SPIEGEL gegenzuchecken und man wird fast immer fündig was weitere Informationen angeht. Grund genug warum vor vielen Jahren das Abo rausflog.
    Aber zu den Klickzahlen kann man SPIEGEL gratulieren. Mio.User irren scheinbar nicht.

  5. Hallo Herr Winterbauer! Habe in meiner Sammlung ein schönes „Spekulatius“-Rezept. Spaß beiseite: Nicht Büchner, die arrogante, selbstherrliche, Gift und Galle spritzende Schar der Printredakteure gehört gefeuert – fristlos, ohne Anhörung. Erst dann kann es besser werden an der Ercusspitze. Im Moment demontiert eine eitle Printredaktion ihren eigenen Laden.

  6. Dies ist der Anbeginn vom Ende des Spiegels. So einfach. Wenn dies ein Damm wäre, so wäre nun ein Riss ersichtlich, durch den Wasser dringt. Die Struktur wird aufgeweicht, der Riss vergrößert, bis es zum Bruch kommt.

    Denn jeder, der die Natur dieser Redaktion nun ausgebreitet mitansieht, kommt um eine Frage nicht umhin: Wie könnte eine so gestrige, erstarrte und auf Stillstand ausgerichtete Schar als nennenswertes definierendes, relektierendes und einordnendes Prisma für eine im extremen Wandel begriffene Welt fungieren?

    Das Problem sind die Printler. Ihr Tempo ist das einer alten Welt. Sie halten sich an etwas fest, das verrinnt und dessen Verrinnen nicht aufzuhalten ist.

    Wenn die Gesellschafter nicht jene zu sein beabsichtigen, die später als Agenten des Untergangs verstanden werden, müssen sie den Verlag neu definieren.

    Den Gestrigen die Macht nehmen, das Morgen zu verhindern.

    So einfach. So schwer.

    Aber die Zukunft wird immer unter Schmerzen geboren.

  7. Wer den Umgang von Verlagschefs mit Chefredakteuren kritisiert, kann den Umgang der SPIEGEL-Print-Redaktion mit dem amtierenden Chefredakteur ebenfalls nur als Katastrophe empfinden. Wollen sich Leser wirklich von solchen Redaktionen Orientierung vermitteln lassen?

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