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„Altgediente Textsöldner“ – warum Ex-Titanic-Chef Leo Fischer die Krautreporter nicht mag

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Unser Wochenrückblick: Bei Gruner + Jahr müssen Redakteure gehen. Michael Jürgs schreibt über Flanellmännchen, Bild.de-Chef Julian Reichelt sieht rot und Ex-Titanic-Chef Leo Fischer nimmt sich die Krautreporter zur Brust.

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Brigitte hält die Welt in Atem – zumindest unsere kleine Branchenwelt. Die Proteste und Kommentare zu dem von Gruner + Jahr bekanntgegebenen Stellenabbau in den Redaktionen von Brigitte und Geo sind fast einhellig negativ. Das liegt zum Einen sicher daran, dass Journalisten traditionell empfindlich sind, wenn andere Journalisten entlassen werden. Zum Anderen wurde der Stellenabbau aber auch sehr ungeschickt kommuniziert. Diese hohlen, technokratischen Floskeln, die da aus dem Verlag rausgereicht wurde, die sind wirklich schwer verdaulich. Im Fall der Brigitte ist da merkelhaft von einem “Kompetenzteam” die Rede. Bei Geo schwadronieren sie von der “Netzwerk-Redaktion”. Bei Brigitte wird so getan, als ob man jetzt endlich ohne doofe Textredaktion modern und agil und flexibel den berühmt berüchtigten Qualitäts-Content zusammendengeln kann. Dass gespart werden muss, das mag so sein. Wenn Leute entlassen werden, ist das immer unschön. Aber muss man dabei noch versuchen, im Buzzword-Bullshit-Bingo unbedingt den ersten Preis abzuräumen?

Wirre Worte zum Stellenabbau bei Gruner fand der frühere stern-Chef Michael Jürgs. Für die Süddeutsche taute er seine Lieblingssprüche von “Flanellmännchen” und Verlegern, die Champagner aus Gehirnschalen von Chefredakteuren trinken, auf. Wobei letzterer Spruch von Erich Kuby stammt, was Jürgs mittlerweile aber auch vergisst zu erwähnen – so oft hat er ihn schon runtergeleiert. Am Anfang des SZ-Textes schimpft Jürgs auf Thomas Koch, ohne ihn freilich namentlich zu nennen.

Jürgs bezeichnet Koch als “gescheiterten Scharlatan”. Kochs Ausspruch auf Twitter vom “Untergang der deutschen Zeitschriftenkultur” sei, so Jürg keiner weiteren Nachrede wert: “Falls selbst ernannte Medienexperten nicht mehr twittern könnten, müssten sie denken, bevor sie sich äußern. Wahrscheinlich ist Zwitschern in der Medienlandschaft so beliebt, weil die höchstens erlaubten 140 Anschläge das Denkvermögen der Versender nicht überfordern.” Nach deutlich mehr als 140 Zeichen schreibt Großdenker Jürgs dann freilich selbst von einer Kulturrevolution, fabuliert etwas von einem “Schlachtfeld” und er wäre nicht Jürgs, hätte er nicht noch einen ollen Kalenderspruch auf Lager: “In Gefahr und Not bringt der Mittelweg den Tod.”

Was Jürgs nicht erwähnt, aber interessant ist: Zu den bei Brigitte gefeuerten gehört offenbar auch Beatrix Gerstberger.

Bild.de Chefredakteur Julian Reichelt findet dafür drastische Worte:

Reichelt ist diese Woche notorisch auf Zinne gewesen. Mal eine Spitze gegen Ex-Bild-Kollegen und Focus Online Chef Daniel Steil:

Und Cicero-Medienredauteurin Petra Sorge bekommt von ihm den Beinamen Pixel-Petra verpasst:

 

Grund für den Zoff: Petra Sorge hat sich bei Presserat darüber beschwert, dass Bild.de Ebola-Opfer unverpixelt gezeigt hat. Näheres dazu siehe hier.

Entlassungen, Krise, Ebola, Kriegsfotos. Keine Angst, liebe Leser, Sie sind immer noch bei MEEDIA, dem Medienfachportal mit dem eher beschwingten Themen- Zugang und nicht etwa bei den schwer verdaulichen Langschreibern von Krautreporter. Das Mitmach-Portal ist zu allererst und überhaupt natürlich vor allem zu begrüßen. Ein bisschen mehr Leichtigkeit würde ich mir als Leser aber schon ab und zu wünschen. Nun so ein bisschen … Kommt ja vielleicht noch, wenn erst einmal alle Super-Journos ihre Das-könnte-auch-in-der-Zeit-oder-im-Spiegel-stehen-Reportage aus Kriegsgebieten oder der Dritten Welt abgeliefert haben. Mir als Medienfuzzi hat bisher bei Krautreporter am besten die Enthüllung von Richard Gutjahr gefallen, dass Apple die Medienmeute Business Class zum Apple-Watch-Event nach Cupertino fliegen ließ und die Damen und Herren Journalisten hinterher Tütchen mit zwei neuen iPhones bekamen, wovon nur eines zeitnah zurückgegeben werden soll. Das nennt man nicht Bestechung, sondern “Dauerleihgabe”.

Auch der ehemalige Titanic-Chefredakteur Leo Fischer hat sich an den Krautreportern abgearbeitet, und zwar in Konkret. Fischer war als kritischer Geist nicht begeistert: “Rührend, wie hier altgediente Textsöldner zur Sprache von Schülerzeitungs-AGs zurückfinden, rührend, wie sich ehemalige ‘Spiegel’-Redakteure aufs jugendliche Ich-gründe-jetzt-mit-Kumpels-einen-Blog kaprizieren. Teenagerträume vom Reporterberuf schwingen mit, eine Mischung aus Watergate, Hunter S. Thompson, Karla Kolumna.” Man muss nicht in allen Punkten einer Meinung mit ihm sein, aber Fischer schreibt so schön ätzend, dass es auf jeden Fall lesenwert ist. Und gegen eine Mischung aus Watergate, Hunter S. Thompson und Karla Kolumna ist doch im Prinzip auch nix einzuwenden …

Zum heiter-besinnlichen Ausklang dieser schwer verdaulichen Kolumne nun noch etwas Lustiges. Haben die Doofköppe von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in der vorletzten Ausgabe, doch Silikon und Silizium verwechselt!

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Schönes Wochenende!

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Alle Kommentare

  1. Herr Winterbauer, die ätzende Polemik von Leo Fischer in „konkret“ („Lesen, was andere nicht wissen wollen“) Nummer 8/2014 haben Sie aber ganz schön spät entdeckt. Aber besser spät, als gar nicht.

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