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„Wired hat technologie-kritische Debatten immer schon geführt“

Nikolaus Röttger, Chefredakteur der deutschen Wired
Nikolaus Röttger, Chefredakteur der deutschen Wired

Seit dem 21. Oktober ist die deutsche Wired wieder auf dem Markt. Im zweiten Anlauf mit zehn Ausgaben im Jahr und einem Geschäftsmodell, das neben Vertriebs- und Werbeerlösen auch Events, Konferenzen und Bildungsangebote umfasst. MEEDIA hat zum Neustart mit Chefredakteur Nikolaus Röttger gesprochen.

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MEEDIA: Wired startete 1993, jetzt schreiben wir 2014. Für ein digitales Vordenkermagazin ist doch aber schnödes gedrucktes Papier nicht gerade state of the art.
Nikolaus Röttger: Wir machen ja alles, nicht ein Magazin. Wir entwickeln den Inhalt für alle Kanäle.

Ganz auf das gedruckte Heft zu verzichten, würde sich wohl noch nicht rechnen?
Print gehört zum Geschäftsmodell. Gut gemachte Magazine funktionieren nach meiner Erfahrung auch in der Zielgruppe von WIRED sehr gut.

Aber warum? Wer heute schon die Zukunft lebt oder gerne leben möchte, kauft sich vielleicht Google Glass und eine Smartwatch – aber kauft diese Person auch noch Print-Magazine oder lädt eine digitale Variante eines Heftes herunter?
Ich glaube ja. Wir werden doch alle zugeballert im Content-Strom. Und würden uns alle gerne mal für eine Weile auf eine Insel setzen und eine Momentaufnahme machen. Ein Magazin hat da eine besondere Wertigkeit. Das merke ich auch immer wieder zum Beispiel in Gesprächen mit Leuten aus der Start-up-Szene.

Ja, die sehen ihr Foto auch mal gern gedruckt…Die Publishing-Industrie müsste doch insgesamt verstärkt an Formaten arbeiten, die mehr Orientierung bieten, statt die Informationsflut weiter zu verschärfen.
Ich kann nicht für die gesamte Branche sprechen. Wir versuchen mit Wired genau diese Stärke auszuspielen: Kontext liefern, Kompass sein, in dieser sich schnell wandelnden Welt. Darum denken wir unsere Themen in Print, Online und auch für Events und Konferenzen. Ich glaube, dass wir mit dem Ansatz, eine Marke zu starten, und nicht nur ein Magazin zu machen, richtig liegen.

Online wird es zwar alle Inhalte geben, aber nicht alle gratis. Der Ansatz der Membership führt zu einer Art Freemium-Paywall. Welche Inhalte bleiben den Gratis-Lesern verborgen?
Zum Start wollen wir natürlich zeigen, was wir vorhaben und können. In dieser Phase werden relativ viele Inhalte frei zugänglich sein. Aber wir werden mit dem Inhalte-Modell viel testen, always in beta ist auch da unser Credo. Die perfekte und allein richtige Antwort gibt es nicht. Eine Vorschau auf die Inhalte, die wir online exklusiv entwickeln werden, sind zwei Multimedia-Geschichten, die wir zum Start geplant haben, eine ist bereits live: Wie kann Big Data in Südafrika gegen die Tuberkulose-Epidemie helfen.

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Wie haben sie sich mit den Machern der anderen Ausgaben bei Condé Nast verständigt, wird es Kooperationen geben?
Jedes Land und jede Redaktion arbeitet eigenständig. Wir sind mit den Kollegen in Großbritannien und den USA im Gespräch und wollen künftig ein paar Themen gemeinsam anschieben. Zunächst mal war unsere Priorität, das Heft und die Website aufzubauen, das Konferenzgeschäft zu starten.

Die Titelgeschichte dreht sich um die „Zukunft des Ich“. Ein symbolischer, programmatischer Titel?
Das Thema kommt immer wieder in Gesprächen auf. Leute haben das Gefühl, sie waren gar nicht Laufen, wenn sie das nicht mit der Jogging-App getrackt haben. Auf Konferenzen haben wir Menschen getroffen, die darüber nachdenken, welche Implantate sie sich zur Selbstoptimierung einsetzen lassen wollen. Das wirft ganz neue Fragestellungen auf und wir wollten auf diese Entwicklung antworten. Aber nicht mit der einen großen Antwort, sondern mit einem Mosaik von Meinungen und Themen. Das geht ja auch direkt hinein in die Privacy-Debatte.

Wired soll eine optimistische Grundhaltung gegenüber Technologie und ihren Möglichkeiten haben. Geht das im Zeitalter der NSA-Enthüllungen überhaupt noch?
Ich kann eine optimistische Haltung haben, ohne die kritischen Debatten auszublenden. Die US-Wired hat zum Beispiel erst kürzlich eine große Snowden-Geschichte gebracht. Alles andere wäre naiv. Wired hat technologie-kritische Debatten immer schon geführt und wird sie weiter führen.

Die erste deutsche Ausgabe feierte vor einer ganzen Weile schon Geeks und Nerds. Von diesen Leuten ist nun nicht mehr so viel die Rede.
Die kommen weiter bei uns vor. Ich glaube, dass das Geek-Thema aber radikal im Mainstream gekommen ist. Das alles, was da gerade stattfindet, ist Teil unseres Lebens. Zudem sind digitale Themen eben auch viel politischer geworden. Die Veränderung unserer Lebenswelt beschäftigt gerade sehr viele Leute.

MEEDIA berichtete vergangene Woche über den Neustart von Wired Deutschland.

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