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Brauchen wir wirklich noch eine Journalismus-Studie, Professor Weichert?

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Medienforscher Stephan Weichert, LfM-Studie "Digitaler Journalismus"

Wer braucht eigentlich Studien, die Auskunft über die Zukunft des Journalismus geben? Und was fängt man dann damit an? Vergangene Woche veröffentlichte die Landesanstalt für Medien (LfM) eine solche Forschung, zusammen mit einer Reihe von Handlungsempfehlungen, die MEEDIA dokumentierte. Viele Praktiker reagierten darauf mit dem Hinweis, dass der Erkenntnisgewinn gering sei. Wir haben bei dem Co-Autoren der Studie, Professor Stephan Weichert, nachgefragt.

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Die Studie ist wissenschaftlicher Natur. Trotzdem mal ganz unwissenschaftlich nachgefragt – ist „digitaler Journalismus“ unter dem Strich nun eine verbesserte Fortentwicklung des klassischen Journalismus für Print- oder TV- und Radiokanäle – oder ein qualitativer Rückschritt? Was hat die Studie denn da ergeben?
Stephan Weichert: Handwerklich gesehen bedeutet die Digitalisierung zweifellos einen Quantensprung für den Journalismus. Sie bietet zum Beispiel völlig neue Chancen der Publikumseinbindung, des Storytellings, der Recherche, besonders im Umgang mit großen Datenmengen, und für das Mobile Reporting. Unsere Experteninterviews mit einigen führenden Digitaljournalisten der Republik haben ergeben, dass dieser qualitative Zugewinn von den Akteuren auch selbst so empfunden wird – und zwar ohne Ausnahme. Worauf Sie aber vielleicht anspielen wollen, ist die Qualität der journalistischen Arbeitsverhältnisse, die ja eng mit dem Selbstverständnis und dem Berufsethos von Journalisten zusammenhängt. Und hier sind – leider – allerorten auch qualitative Rückschritte festzustellen, die das Berufsbild insgesamt zu überformen drohen. Heute ist also viel unklarer als noch vor zehn Jahren, was Journalismus heute eigentlich ist – und das ist die eigentliche Revolution, die auch viele Praktiker noch gar nicht realisiert haben.

Sollten wir eigentlich nicht lieber nur noch von Journalismus sprechen, wird das Wörtchen „digital“ nicht zunehmend überflüssig? Und was soll das überhaupt heißen – „digital“?
Der Chef von FAZ.net, Mathias Müller von Blumencron, hat ja neulich in einem Essay dafür plädiert, nicht mehr zwischen Online- und Offline-Journalismus zu unterschieden, sondern nur noch zwischen gutem und schlechtem. Wir haben uns aufgrund unserer Studienergebnisse für den Begriff Digitaler Journalismus entschieden, nicht weil er catchy ist, sondern weil wir ebenfalls fanden, dass der Begriff „Online-Journalismus“ zunehmend obsolet wird. „Online-Journalismus“ bezeichnet eher einen Vertriebskanal in Abgrenzung zu Print oder Rundfunk. Damit sind aber die epochalen Veränderungen völlig unzureichend beschrieben, die von der Digitalität ausgehen. So, wie unsere Gesellschaft in vielen Bereichen derzeit zum Umdenken gezwungen wird, weil das Netz neue Bedingungen für Politik, Wirtschaft und Kultur schafft, müssen auch Journalisten umdenken. Ob wir das, was Journalisten tun, dann Journalismus, „Digitaler Journalismus“ oder ganz anders nennen, halte ich für vollkommen nebensächlich.

Es gibt zwei Aspekte, die in der Studie besonders betont werden. Der eine ist die Rolle des Publikums. So sehr die Rückkanalfähigkeit, also die leichte Reaktionsmöglichkeit von Nutzern, kommunikationstheoretisch faszinierend sein kann, so sehr ist die Praxis von Problemen belastet. Manche News-Sites stellen Kommentarfunktionen teilweise sogar aus. Wird also nicht längst am Rückbau journalistischer Rückkanäle gearbeitet?
Ja, das stimmt. Seit unserer Inhaltsanalyse ist nun etwas mehr als ein Jahr vergangen und seitdem hat sich dieser Rückbau meinem Eindruck nach tatsächlich verschärft. Allerdings nicht in dem Sinne, dass Personal und Ressourcen eingespart würden, das wäre eine klare Fehleinschätzung, denn hier wurde gerade im Personalbereich in vielen Redaktionen erheblich nachgebessert. Was derzeit versucht wird einzudämmen, ist das erhebliche Ausmaß an extremistischen Hasstiraden, Krawall und Gezänk, das wir dem Gaza-Konflikt, der Krise in der Ukraine oder ISIS und Syrien zu verdanken haben. Zu diesen Themen finden sich Kommentare von einzelnen Usern, nach deren Lektüre sich Journalisten eigentlich jedes Mal direkt in psychologische Betreuung begeben müssten – so moralisch grenzwertig sind diese teilweise. Dieser von Ihnen beobachtete Rückschritt hängt bei vielen Redaktionen also mit einer gewissen Frustration und auch einer Ratlosigkeit zusammen, wie man das Publikum zu einem konstruktiven Dialog motivieren kann. Ich bin nach unserer Studie aber zuversichtlich, dass die Redaktionen schon im eigenen Interesse solche Wege finden. Denn die Qualität des Nutzerdialogs ist immer auch Indikator für die Qualität des journalistischen Angebots selbst.

Trotzdem: welches journalistische Medium hat sich denn wirklich durch eine Hinwendung zum Publikum nicht nur profilieren, sondern inhaltlich verbessern können? Was zum Beispiel die Beseitigung von Fehlern angeht: werden da nicht ohnehin nur Fehler getilgt, die in analogen Zeiten durch ordentliche Korrektoren gar nicht erst entstanden wären?
Sorry, das ist mir zu klein gedacht. Der Nutzerdialog verbessert jedes Angebot, weil deren Macher sich – wenn sie es gut machen – zum ersten Mal in der Geschichte des Journalismus ohne Wenn und Aber mit ihren Nutzern befassen müssen. Das heißt also, wenn wir die Trolle, Störer und Extremisten ausklammern, und das sollten wir wie auch in der realen Welt tun, bildet doch die Dialogisierung ein ganz wunderbares Biotop, um die Bedürfnisse und Präferenzen meiner Community zu studieren. Darin besteht ja auch die Idee des Audience Engagement: Lasse dich auf deinen Nutzer ein, lerne ihn kennen, gehe auf seine Wünsche und Bedürfnisse ein und – in letzter Konsequenz – mache ihm klar, warum dein Angebot etwas kostet. Wenn Journalismus es schafft, seine Nutzer in dieser Hinsicht zu überzeugen, hat er auch kein Refinanzierungsproblem mehr. Die „Krautreporter“, bei denen dieser Clubcharakter von vornherein mitgedacht ist, wird der Branche da in vielerlei Hinsicht eine Blaupause sein.

Der zweite große Punkt ist die Technik, bzw. sind „technische Innovationen“. Bitte mal erklären, was darunter zu verstehen ist. Social Media? Content Management Systeme? Neue Tools etwa um Daten zu visualisieren?
Ja, alles das, aber noch viel mehr. Innovation ist ja inzwischen als Blähwort verschrien, doch leider hat die Wissenschaft noch keine neuen Begrifflichkeiten gefunden, um den disruptiven Medienwandel adäquater zu beschreiben als mit Schumpeter und Clayton Christensen. Das für mich Überraschende in punkto Technik war vor allem, wie verbreitet das professionelle Multitasking unter Einsetz technischer Hilfsmittel und Tools ist. Unsere Beobachtungsstudie von vier Redaktionen hat konkrete Handlungen von Journalisten erfasst, die den ganzen Tag in Arbeitsprozesse eingebunden sind, die fast zu hundert Prozent technikgestützt sind. Das heißt diese Kollegen arbeiten unablässig und parallel mit Client-Programmen, Comment-Moderation-Software, automatisierten Twitterfeeds, Software zur Datenaggregation und -visualisierung, Debugger-Tools, Social-Media-Monitoring-Werkzeugen sowie mit Content-, News- und Redaktions-Management-Systemen zur Inhalteproduktion, aber auch zur Planung und Koordination. Unsere Studie gibt hier, wie ich finde, spannende Einblicke in diesen für Außenstehende schwer zugänglichen abgeschlossenen Mikrokosmos redaktioneller Arbeit.

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Machen nicht viele Journalismus-Erklärer den Fehler, die Technik auf ein Schild zu heben – und dabei die Inhalte vollkommen an den Rand zu drängen? Motto: die Geschichte taugt zwar nichts, aber dafür gibt’s ne interaktive Karte?
Die Gefahr ist vorhanden, das stimmt. Auch die Studie gibt Aufschluss darüber, dass Technik plötzlich einen sehr hohen Stellenwert in Redaktionen hat und auch die Automatisierung des Handwerks tendenziell zunimmt. Journalismus stellt sich im Lichte neuer Web-Technologien inzwischen nicht nur als technikaffiner, sondern als technikabhängiger Beruf dar, woraus sich ein großes Spannungsfeld oder auch eine Schieflage zwischen Inhalt und Form ergibt. Die modernisierte Arbeitswelt der Journalisten ist also zunehmend eine, in der Technik eigentlich zur Effizienz- und Produktivitätssteigerung eingesetzt werden soll, in Wahrheit erzeugt sie aber auch neue Publikationsrhythmen und Dynamiken, die den Beruf noch ein Stück weiter von der Realität und damit von den Inhalten entkoppeln. Das klingt jetzt sehr soziologisch, ist aber eine wichtige Voraussetzung um zu verstehen, was mit Journalisten gerade passiert.

Eine der Handlungsempfehlungen lautet, Journalisten sollten nicht nur über Google recherchieren, sondern auch in der „Realwelt“. Mit Verlaub – ist das nicht ein etwas überflüssiger, weil selbstverständlicher Hinweis für eine großangelegte Studie?
Forscher kämpfen ja mit dem Problem, dass es immer Stimmen aus der Medienpraxis gibt die behaupten, sie hätten schon immer alles gewusst. Oder die Ergebnisse solcher Studien seien von geringem Erkenntniswert. Oder sie seien veraltet. Es ist für mich nachvollziehbar, dass manches in den Augen von Journalisten banal klingen mag. Dennoch ist es uns ein Anliegen gewesen, gefühlte Wahrheiten in empirische Gewissheiten zu überführen, denn das ist nunmal unsere Aufgabe als Wissenschaftler. Und in diesem konkreten Fall ist es gar nicht so trivial zu benennen, dass eine sorgfältige Recherche von vielen Journalisten heute offenbar nicht mehr als Pflichtübung, sondern nur noch als Kür betrieben wird, von der Vor-Ort-Recherche ganz zu schweigen. Auch erkenne ich in Google einen übermächtigen Player, der das gesamte Rechercheverhalten in Redaktionen in eine bestimmte Richtung beeinflusst, die unter dem Begriff der Algorithmisierung zu fassen ist, das heißt hier werden bestimmte technologische Zwänge zum Standard erhoben, die das Berufsethos des Journalisten gravierend verändern.

Daran anknüpfend: wem soll diese Studie eigentlich dienen, für wen ist sie geschrieben? Und im besten Fall: was soll sie bewirken?
Wir, Volker Lilienthal und ich, suchen den Dialog mit der Praxis. Das ist unsere Mission und das ist es, worum uns auch der Auftraggeber der Studie, die LfM in Nordrhein-Westfalen, inständig gebeten hat. Wir sind ja beides ehemalige Praktiker, Volker Lilienthal war 20 Jahre lang für epd Medien tätig, ich habe ebenfalls fast 15 Jahre als Journalist für Tageszeitungen gearbeitet. Das heißt: Wir kennen die Bedürfnisse und Weinerlichkeiten der Praxis eigentlich ganz gut – und natürlich verfügen wir über entsprechende Netzwerke zu Leuten, mit denen wir fast täglich im Gespräch sind. Diese gelebte Praxisnähe ist in unsere Studie eingeflossen, und ich denke auch, dass man bei der Lektüre schnell feststellt, dass wir den Anspruch hatten, ein auch für Praktiker leicht verständliches, gut leserliches Buch zu schreiben. Was wir uns nun erhoffen ist, dass die Studie zu Diskussionen mit Journalisten, Wissenschaftlern, aber auch Bürgerinnen und Bürger darüber anregt, wie deutsche Redaktionen beispielsweise mit dem Partizipationsgedanken oder auch der Technisierungsfrage in Zukunft umgehen sollen. Wir wollen, wenn Sie so wollen, der Praxis mit dieser Studie nicht nur helfen, den Digitalen Wandel unbeschadet zu überstehen, sondern ihr auch auf eine neue Qualitätsstufe verhelfen.

Stephan Weichert, Journalistik-Professor an der Macromedia Hochschule und Leiter des Studiengangs Digital Journalism an der Hamburg Media School und Volker Lilienthal, Rudolf-Augstein-Stiftungsprofessor für Qualitätsjournalismus an der Universität Hamburg, leiteten gemeinsam das von der LfM in Auftrag gegebene Forschungsprojekt “Journalismus unter digitalen Vorzeichen”. Das Buch zur Studie ist aktuell unter dem Titel “Digitaler Journalismus. Dynamik – Teilhabe – Technik” im Vistas Verlag erschienen. Zur Präsentation der Studie veranstaltete die LfM am 16. Oktober eine Konferenz zum “partizipativen Journalismus” in Berlin

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Alle Kommentare

  1. Klasse – eine mehr als berechtigte Sinnfrage und einige clevere Antworten. Grundsätzlich kann es natürlich nicht genug derartige Untersuchungen geben. Gerade wenn sie eine Verknüpfung von Theorie und Praxis anstreben. Tatsächlich wird die Gesellschaft derzeit von Umwälzungen getrieben, wie Prof. Weichert feststellt.

    Darin liegt aber auch der kritische Aspekt. In der Faszination des disruptiven Moments könnten blinde Flecken entstehen: Wer hinterfragt eigentlich, warum sich die Gesellschaft(en) global von technologischen und ökonomischen Entwicklungen einfach nur vor sich hertreiben lassen?

    Oder: Wenn nur die überleben, die – wie im Modell Krautreporter – einen „Club“ aufbauen können – wer fragt nach den Chancen für die Herstellung einer allgemeinen demokratischen Öffentlichkeit all derer, die sich den Eintrittspreis zur exklusiven Mitgliedschaft nicht leisten können? Oder wollen? Beziehungsweise einfach nicht den richtigen Club finden?

    Der digitale Aufklärungsanspruch – ob nun wissenschaftlich oder journalistisch, meinetwegen auch: politisch – muss über den reinen Versuch, ein Cyber-Naturereignis namens „Internet“ nur beschreibend verstehen zu wollen, um geschmeidig auf seinen Wellen surfen zu können.

    Gleichwohl: Studien wie die hier verhandelte treiben eine enorm wichtige Diskussion weiter. Weil sie neue wichtige Fragen aufwirft.

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