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Die Protokoll-Frage: Bild-Diekmann und Spiegel-Blome streiten übers Kohl-Vermächtnis

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Der Spiegel rückte die “geheimen Gesprächsprotokolle” von Helmut Kohl ins Rampenlicht. Martialischer Titel: “Die Abrechnung”. Die Bild-Zeitung und deren Chef Kai Diekmann, ein Kohl-Vertrauter, wettern öffentlich gegen die Veröffentlichung, bezeichnen sie als Vertrauensbruch. Dabei legt sich Diekmann auch mit seinem früheren Stellvertreter Nikolaus Blome an.

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Die aktuelle Titelstory des Spiegel dreht sich mal wieder um Helmut Kohl und seinen ehemaligen Ghostwriter Heribert Schwan. Kurz die Vorgeschichte: Schwan interviewte Kohl für dessen Memoiren. Nach dem Tod von Hannelore Kohl und Kohls Partnerschaft mit seiner neuen Frau Maike Kohl-Richter kam es zum Bruch. Seither klagt Kohl auf die Herausgabe der Tonbänder der Gespräche mit Schwan. Dieser wiederum verwendet das Material entgegen der Absprachen mit Kohl für eigene Veröffentlichungen. So für das aktuell im Heyne Verlag erschienene Buch “Vermächtnis – Die Kohl Protokolle”, für das der Spiegel mit seiner Titelstory ordentlich die PR-Trommel rührt.

Nun ist es so, dass der Spiegel nicht zum ersten Mal die Veröffentlichung von Gossip aus dem Hause Kohl zu historischer Dimension aufbläst. Ist es wirklich von öffentlichem Interesse, wen der Grantler Kohl beleidigt und als “Verräter” oder “Null” gebrandmarkt hat? Kann man es ernst nehmen, dass der alte Kohl behauptet, Angela Merkel habe nicht mit Messer und Gabel essen gekonnt? Nicht wirklich. Das öffentliche Interesse an solchen Äußerungen tendiert gegen Nullkommanull. Aber weil Schwan und der Spiegel die Lästereien Kohls zum “historischen Vermächtnis” und zum “Schatz” hochjazzen, meinen sie, dass die Veröffentlichung schon irgendwie OK ist. So ein bisschen boshafter Klatsch hat der Auflage auch noch nie geschadet.

Nikolaus Blome, Berliner Büroleiter des Spiegel und ehemals stellvertretender Chefredakteur der Bild, scheint sich jedenfalls über die Kohl-Protokolle im Spiegel zu freuen. Und auch über den Publicity-Schub, den die Klage Kohls gegen das Schwan-Buch bringt.

Das rief seinen alten Chef, Bild-Chefredakteur Kai Diekmann auf den Plan. Der langjährige Kohl-Intimus und Kohl-Trauzeuge hat – wenig überraschend – eine andere Meinung.

Moment mal! Das Veröffentlichen von vertraulichen Tonaufnahmen von Politikern – war da nicht auch mal was mit Diekmann und der Bild und einem hochrangigen Politiker? Wulff? Klingelts auf der Mailbox? Auch Nikolaus Blome erinnert sich.

Den Vergleich mit dem Veröffentlichen des verhängnisvollen Wulff-Anrufs auf seiner Mailbox will Diekmann nicht gelten lassen.

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Blome legt nach. Da veröffentlicht die Bild doch aktuell glatt Infos aus einem Gutachten des Verteidigungsministeriums. Dann wird der Spiegel doch wohl auch aus den Kohl-Protokollen veröffentlichen dürfen – so die Logik.

Ein Vergleich, der auf beiden Beinen hinkt. Diekmann kontert:

Doch Blome spielt den Ball zurück:

Der Streit geht im Kern darum, dass Helmut Kohl einen Vertrag mit dem Verlag seiner Memoiren hat, der im zusichert, bei der Veröffentlichung das letzte Wort zu haben. Im Streit um die Tonbänder hat das OLG Köln Kohl zudem zugestanden, dass diese sein geistiges Eigentum sind. Darum musste Schwan die Tonbänder auch an Kohl zurückgeben. Der Streit geht allerdings weiter. Man kann zudem natürlich davon ausgehen, dass Schwan zwischenzeitlich Kopien und/oder Abschriften angefertigt hat. Auf diesen beruht nun sein Buch. Ganz so einfach, wie Heribert Prantl von der SZ und der aktuelle Bild-Vize Béla Anda es sehen, nämlich dass Schwans Veröffentlichung einen klaren Vertrags- und Vertrauensbruch darstellt, ist es also vermutlich nicht. Denn die Vertragsbindung bestand offenbar zwischen Kohl und dem Verlag, nicht zwischen Kohl und dem Autor Schwan. Und selbst falls gerichtlich entschieden werden sollte, dass Schwan den Inhalt der Bänder nicht hätte verwenden dürfen, sind Buch und Spiegel erst einmal in der Welt. Und da es sich bei der Spiegel-Story nicht um einen Vorabdruck handelt, sondern um eine Story, die nur auf den Inhalten der Kohl-Protokolle aufbaut, wäre der Spiegel vermutlich auch nicht von einem eventuellen Verbot des Schwan-Buches betroffen. Das meint Nikolaus Blome, wenn er twittert, dass der Spiegel keine vertraglichen Vereinbarungen mit dem Altkanzler getroffen hat.

Die Protokoll-Frage ist in diesem Fall also nicht zuletzt auch eine Frage von Anstand. Da könnte man durchaus der Meinung sein, dass es nicht besonders anständig vom Spiegel ist, die alten Sprüche des Altkanzlers derart auszustellen. Aber seit wann hätten sich Medien jemals anständig verhalten, wenn es um eine potenziell heiße Story ging? Und Kai Diekmann und die Bild sind auch nicht jene, denen man abnimmt, dass es ihnen ausschließlich um Anstand und Moral und die Einhaltung von Regeln geht. Hätte sich Diekmann genauso aufgeregt, wenn es um einen Anderen gegangen wäre, als um seinen Intim-Freund Kohl?

Am Ende entzieht sich Diekmann auf Twitter der Debatte um die Protokoll-Frage und verlegt sich darauf den Geisteszustand von Heribert Schwan in Zweifel zu ziehen.

Superanständig ist dass dann auch nicht.

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Alle Kommentare

  1. Wen interessiert es denn, was Kohl irgendwann über andere Greise
    gesagt hat? Viel schlimmer , immer noch und immer wieder:
    Blome beim Spiegel.
    Im Zusammenhang mit Blome und Diekmann das Wort
    Anstand ins Spiel zu bringen, entbehrt nicht einer gewissen
    Komik.

  2. @“Superanständig ist dass dann auch nicht.“

    Völlig abwegig ja nun auch nicht nach solchem „Kunstgriff“ aus der reich lich angestaubten Journalisten-Unterstellungs-Trickkiste.

  3. Es sagt halt einiges aus über den Geisteszustand von Kohl (nicht heute sondern bis zum Ende seiner Karriere!), wie er über alle anderen denkt, die ihn nach seinem Rechtsbruch nicht mehr ergeben auf dem Schild daher tragen:
    Alle doof, außer mir. Wie sagte der alte Mann, als er im Radio die Meldung vom Gesiterfahrer hörtte? „Einer? Hunderte!“

  4. „Ist es wirklich von öffentlichem Interesse, wen der Grantler Kohl beleidigt und als “Verräter” oder “Null” gebrandmarkt hat? […] Das öffentliche Interesse an solchen Äußerungen tendiert gegen Nullkommanull.“

    Das stimmt ja offensichtlich nicht. Interesse scheint sogar sehr groß zu sein.

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