Anzeige

„Das Kulturressort ist immer auch so etwas wie der Stachel in einer Redaktion“

Die neue Kulturchefin von Zeit Online: Rabea Weihser
Die neue Kulturchefin von Zeit Online: Rabea Weihser

Mehr Kultur für den Online-Journalismus. Am gestrigen Montag wurde verkündet, dass Rabea Weihser neue Kulturchefin bei Zeit Online wird. Am heutigen Dienstag startet sie gleich die neue Schriftsteller-Plattform "Freitext". Ehrgeiziger Plan der Berliner Zeit-Dependance. Autoren wie Helene Hegemann oder Feridun Zaimoglu sollen gegen "die stetige Marginalisierung des Diskurses in vielen deutschen Feuilletons" anschreiben. Im Interview mit MEEDIA spricht Weihser über den Wert von Kulturjournalismus in digitalen Redaktionen.

Anzeige
Anzeige

Was unterscheidet das Kultur-Ressort eines Online-Portals von dem einer klassischen Print-Redaktion?
Grundsätzlich unterscheide ich nicht zwischen Online- und Printjournalismus, sondern zwischen gutem und schlechtem. Sicherlich profitiert gerade der Kulturjournalismus von multimedialen Darstellungsformen, wie sie eben nur online möglich sind. Und natürlich lassen sich Themen online schneller umsetzen, weil wir eben jederzeit publizieren können. Das kommt uns besonders in Hinblick auf Kulturphänomene zugute, die einen hohen Gesprächswert haben.

Welche Kulturthemen oder über welche Kulturphänomene lesen die Menschen im Web denn am liebsten?
Es sind vor allem die meinungsstarken Texte und solche Analysen, die weit über die Beschreibung der jeweiligen neu erschienenen Kulturerzeugnisse hinausgehen. Ich denke, in dem Dauerstrom von Rezensionen und Redaktionstipps möchten unsere Leser wissen, warum sie sich für einen Künstler und dessen Arbeit interessieren sollten. Was hat das Werk mit ihrem Leben zu tun? Was bedeutet dieses oder jenes Phänomen?
Darüber hinaus finden natürlich Themen großen Anklang, die die Leser schon in den sozialen Medien entdeckt haben. Wenn wir beispielsweise innerhalb weniger Stunden auf Emma Watsons Rede vor der Uno mit einem Kommentar reagieren, ernten wir großen Zuspruch.

Warum spielen Kulturthemen – vor allem im Social-Web – oft nur eine untergeordnete Rolle?
Ich weiß nicht, wovon Sie reden! Nein, im Ernst: Das mag für Twitter gelten, aber auf Facebook ist doch genau das Gegenteil der Fall. Die Leser, die ZEIT ONLINE über Facebook erreicht, lieben die kluge Heiterkeit, das Leichte und Schöne.

Welche Kultur-Themen, bzw. welche Inhalte-Schwerpunkte wollen Sie ausbauen?
Wir wollen stärkere inhaltliche Akzente setzen. Das Kulturressort ist immer auch so etwas wie der Stachel in einer Redaktion. Wir wollen die unkonventionelle Sicht aufs gesellschaftliche und kulturelle Geschehen abbilden. Auch mal mit Polemiken und Debatten. Vor allem aber interessiert uns, wie die digitale Welt die analoge verändert.  Um auf ihre erste Frage zurückzukommen: In der Online-Redaktion sind wir an diesen Prozessen vielleicht noch viel näher dran als in einer klassischen Print-Redaktion.

zeit-online-freitext
Die neue Zeit-Literaturplattform Freitext

Anzeige

Zeit Online startete eine neue Literaturplattform. Was ist die Idee dahinter?
Die Plattform haben wir „Freitext – Feld für literarisches Denken“ genannt. Und genau das soll dort stattfinden. Es soll eine Anlaufstelle für deutschsprachige Schriftstellerinnen und Schriftsteller sein, die sich dort auslassen dürfen. Die dahinterliegende Frage ist eine, über die sich die Feuilletons seit Ewigkeiten streiten: Muss der Künstler politisch sein? Unsere Freitext-Autoren entscheiden selbst, in welcher Rolle sie dort publizieren – als Privatpersonen, als Prosaautoren, als Hundebesitzer, als Kulturkritiker, als Apokalyptiker, als Eltern oder Empörte.

Was muss passieren, dass Sie sagen können: „Freitext“ ist ein voller Erfolg?
Es ist allein schon großartig, dass wir so tolle Schriftstellerinnen und Schriftsteller für „Freitext“ gewinnen konnten. Thomas Glavinic, Helene Hegemann, Feridun Zaimoglu, Thomas Melle, Karen Köhler oder Jan Brandt sind dabei, um nur einige zu nennen. Wir hoffen, dass sich diese Schar weiter vergrößert. Ein voller Erfolg ist es, wenn wir auf dieser Plattform gesellschaftsrelevante Debatten auf literarischem Niveau führen können.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*