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Gruner minus Jahr: Was nach dem Bertelsmann-Deal kommt (und was bleibt)

Angelika Jahr-Stilcken, Bertelsmann-CEO Thomas Rabe
Angelika Jahr-Stilcken, Bertelsmann-CEO Thomas Rabe

Die recht beliebte Phrase vom "Paukenschlag" ist in diesem Falle wohl tatsächlich berechtigt. Die Komplett-Übernahme von Gruner + Jahr durch Bertelsmann waberte zwar schon seit mindestens zwei Jahren als Möglichkeit durch die Branche, wenn aber Vollzug gemeldet wird, ist das schon eine große Sache. Dabei sind allzu große Sorgen auf Seiten der Mitarbeiter zunächst unbegründet. Schlimmer wird's wohl nicht werden. Bertelsmann hat nicht vor, G+J ganz oder in Teilen zu verkaufen. Und auch der bereits eingeschlagene Sparkurs wird nicht weiter verschärft. Ändern könnte sich trotzdem was, und zwar die Rechtsform von G+J und der Standort.

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Das in Form und Größe beeindruckende Gruner + Jahr Hauptquartier am Baumwall in Hamburg ist Symbol für die einstige Größe und den einstigen Anspruch von Print und von G+J. So ganz mag das heute nicht mehr in die Zeit passen. Und so räumte auch Bertelsmann-CEO Thomas Rabe auf einer Telefon-Konferenz nach Bekanntgabe der Komplett-Übernahme ein, dass der Standort Baumwall auf dem Prüfstand steht. Man müsse schauen, ob ein solches Gebäude im Zuge der selbst verordneten Effizienz noch zu den Anforderungen eines modernen, digitalen Unternehmens passt. Für einen Bertelsmann-Manager eine recht klare Aussage, die wohl bedeutet: Wenn’s irgendwie geht, wird das Gebäude verkauft und Gruner sucht sich was Kleineres, vielleicht in der City Nord oder so. Entsprechende Gerüchte wabern schon länger durch die G+J-Flure. Offenbar nicht zu Unrecht.

Was sich mittelfristig auch ändern kann, ist die Rechtsform von G+J. Rabe betonte immer wieder, dass ihm eine „schlanke, einfache Governance-Struktur“ für G+J vorschwebt. Und er sagte mehrfach, dass die Rechtsform keinen Einfluss auf die Eigenständigkeit eines Bertelsmann-Tochterunternehmens habe. In dem Zusammenhang verwies er auf RTL Deutschland, das auch als GmbH organisiert ist. Die Umwandlung von G+J von der AG zu einer GmbH könnte also wohl auf die Tagesordnung rücken. Vielleicht nicht morgen oder übermorgen. Aber auch nicht erst in zehn Jahren. Eine Bilanz-Pressekonferenz hat sich Gruner + Jahr zuletzt ja schon mal geschenkt. Auch eine Zeichen.

Das hält also die Zukunft für Gruner minus Jahr bereit: Der Verlag wird kleiner werden, es werden dort weniger Leute arbeiten. Man wird vermutlich nicht mehr in einem ganz so repräsentativen Gebäude logieren und es wird womöglich keine AG mehr sein. Aber: Bertelsmann hat augenscheinlich auch nicht vor, G+J nach erfolgter Sanierung zu verkaufen. Auch die Spiegel-Beteiligung wird nicht verkauft. Zum einen betonte Rabe, wie gut Gruners Zeitschriften in das Gesamt-Portfolio von Bertelsmann passen. Und da hat er ja auch Recht. Ein Magazin-Verlag passt zu einem Medienkonzern, der auch eine TV-Gruppe und einen Buchverlag betreibt. Es ergibt kurz- und mittelfristig keinen Sinn für Bertelsmann, Gruner loszuschlagen. Zunächst einmal investiert der Mutterkonzern in die Transformation und außerdem: Wer sollte Gruner denn zum jetzigen Zeitpunkt kaufen wollen? Entweder der Vorstand um Julia Jäkel bekommt das Digitalgeschäft und damit ganz Gruner + Jahr wieder in Schwung, dann wäre der Verlag auch wieder ein Asset im Bertelsmann-Portfolio. Und wenn nicht: Dann stünde womöglich eher eine Filetierung auf der Tagesordnung. Aber darüber möchte sicher niemand nachdenken.

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Was nun noch klarer wird als ohnehin schon, ist, dass das Sparprogramm und die Umstrukturierung des Hauses Gruner schon seit einiger Zeit die Handschrift Güterslohs trägt. Der Vorstand in Hamburg macht mehr oder weniger das, was die Zentrale will: schrumpfen, sich aufs Kerngeschäft konzentrieren, konsolidieren, Digital ausbauen. Rabe machte deutlich, dass Bertelsmann bereit ist, zu investieren „was nötig ist“, um G+J wieder auf Kurs zu bringen. Dass das neue G+J dann ein deutlich kleineres Unternehmen, Rabe würde sagen: ein effizienteres, sein wird, muss auch klar sein. Die bitteren Pillen Stellenabbau und Spar-Programm wurden noch vor dem Deal verabreicht, so dass niemand behaupten kann, Bertelsmann würde nun, nach der Übernahme, Kahlschlag betreiben. Dabei ist klar, dass die Schrumpfkur Teil der Bertelsmann-Strategie für Gruner ist.

Die Jahr-Familie, die vor langer Zeit mal als Garant für den Journalismus bei G+J galt, erweist sich als das, was sie ist: eine Hamburger Kaufmanns-Dynastie. Solche Leute sehen einfach nicht so gerne, wie ihr Investment immer weniger wert wird. Und sie sind nicht so sentimental, wie manche das gerne in sie hineininterpretiert haben. Rabe bestätigte, dass der Kaufpreis, der nun in bar gezahlt wird, geringer ist, als jener, der noch vor zwei Jahren diskutiert wurde. Klar, denn auch Gruner ist heute wieder weniger wert, als noch vor zwei Jahren. „Fair und angemessen“ sei der Preis gewesen, betonte Rabe. Will heißen: nicht allzu hoch. Ein feines, dreistelliges Millionen-Sümmchen dürfte trotzdem rausspringen.

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Alle Kommentare

  1. Könnte es sein dass 25% von Gruner und Jahr aktuell weniger einbringen als 11% von einem Schuhladen, die gerade an der Börse verkauft wurden? 🙂 Ich verstehe Wirtschaft nicht mehr.

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