Ende einer Ära: Was der Übernahme-Deal für G+J und Bertelsmann bedeutet

Zum gemeinsamen Erfolg verdammt: G+J CEO Julia Jäkel, Bertelsmann CEO Thomas Rabe
Zum gemeinsamen Erfolg verdammt: G+J CEO Julia Jäkel, Bertelsmann CEO Thomas Rabe

Publishing Mit dem Verkauf sämtlicher Anteile und dem Komplett-Rückzug der Familie Jahr aus dem Mediengeschäft endet für den Hamburger Traditionsverlag Gruner + Jahr eine Ära, die geprägt war von Höhenflügen, internationaler Expansion und zuletzt auch vielen Rückschlägen. Die Neuordnung, die unter dem seit 2013 amtierenden Vorstand um Julia Jäkel angestrebt wird, findet beim künftigen Alleinbesitzer Bertelsmann volle Unterstützung - zumindest so lange, wie die Rechnung aufgeht, der eingeschlagene Sparkurs anschlägt und die neuen digitalen Geschäftsfelder die erwünschten Erfolge zeitigen und ein Rendite starkes Business zumindest wieder in Aussicht steht.

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Der Stimmung im Haus, ohnehin angespannt durch die eben erst publik gemachten Pläne, 400 Stellen abzubauen, dürfte der Verkauf der einstigen Verleger-Dynastie Jahr kaum förderlich sein. Die Furcht vor weiteren Sparmaßnahmen grassiert, und auch der von Bertelsmann-CEO Thomas Rabe in den Raum gestellte Umzug des Medienhauses aus dem Immobilien-Filetstück am Hamburger Elbufer wird von vielen am Baumwall als Kulturbruch und -schock empfunden werden. Dabei müsste allen im Haus klar sein, dass solche Optionen in der Medienwelt 2014 zum Manager-Einmaleins gehören, wenn es darum geht, die Zukunftsfähigkeit mittel- und langfristig abzusichern.

Dies dürfte auch für Bertelsmann entscheidend sein. Die Lesart, die Gütersloher hätten die Anteile der Jahrs in erster Linie übernommen, um das Medienhauses schnell abstoßen zu können, erscheint unrealistisch. Denn zum Einen gelten die Hamburger Minderheitsbesitzer und ihre Ratgeber als knallharte Verhandlungspartner, denen es sicher gelungen ist, ihre Sperrminorität zum Höchstpreis zu versilbern. Ein Erlös von mindestens 400 Millionen Euro gilt unter Experten als sicher. Angesichts einer solchen Investition ist das Bertelsmann-Management gegenüber den eigenen Gesellschaftern geradezu verpflichtet, Gruner + Jahr zu einem strukturell überlebensfähigen und zukunftsgerichteten Unternehmen zu entwickeln und dies gegebenenfalls auch durch Investitionen zu fördern. Zum Zweiten ist kaum davon auszugehen, dass kaufkräftige Investoren aktuell Schlange stehen, um Bertelsmann und dem G+J-Vorstand diese Aufgabe abzunehmen. Bertelsmann und G+J sind gemeinsam zum Erfolg verdammt.

Nun wurden die seit Jahren schwelenden Gerüchte über einen Verkauf der Jahr-Anteile an Bertelsmann Realität, nachdem die Jahr-Familie 2012 noch auf den letzten Metern einen Rückzieher gemacht hatte, weil die Erben den Handel G+J-Besitz gegen Bertelsmann-Anteile nicht mitmachten. Für Gütersloh gab es danach nur noch die Option, einen Cash-Deal abzuwickeln, und dass der immer noch hoch verschuldete Konzern diesem jetzt zugestimmt hat, ist ein Zeichen für ein zumindest mittelfristiges Commitment zum Change-Prozess des Verlagshauses.

Für Nostalgiker ist der Rückzug der Jahr-Familie aus dem Verlag das mit Wehmut verbundene Ende einer Ära, aber genau betrachtet spiegelt dieser Schritt nur die Entwicklung der Dynastie selbst. Anders als Mitgründer John Jahr senior, der den Verlag mit dem früh ausgeschiedenen Drucker Richard Gruner und Zeit-Chef Gerd Bucerius startete, fehlt der heute einflussreichen Generation im Gegensatz zum ebenfalls verstorbenen John Jahr jr. wie der aus Altersgründen ausgeschiedenen Angelika Jahr-Stilcken das verlegerische Gen und auch die Leidenschaft, die es braucht, um solche Geschäfte in der Zeit eines tief greifenden Umbruchs erfolgreich zu betreiben. Mit Immobilien, Spielkasinos oder der Beteiligung an einem prosperierenden Tech-Dax-Konzern lässt sich das Auskommen für sich und die nachwachsenden Generationen offenbar leichter sichern. Dieser Prozess ist nicht neu und hat über die Jahre die Verkaufsgerüchte zusätzlich befeuert.

Vor diesem Hintergrund bietet der Verkauf für G+J auch Chancen. Denn ein Gesellschafter, der mehr mit der eigenen Vermögensverwaltung beschäftigt scheint als mit der strategischen Zukunftsausrichtung seines Unternehmens, wird über kurz oder lang zum Hemmschuh. Bertelsmann als Alleinherrscher steht nun im Fokus und auch in der Pflicht, den vielfach wiederholten Bekenntnissen zu Gruner + Jahr Taten, sprich Investitionen, folgen zu lassen. Denn klar ist auch: Mit Sparen allein ist es in der digitalen Medienwelt nicht getan. Es wird Investments geben (müssen), aber auch das Aus für nachhaltig unprofitable Bereiche. Für die G+J-Mitarbeiter heißt das: Am Baumwall ist künftig mehr möglich als in den vergangenen Jahren, im Guten wie im Schlechten.

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Alle Kommentare

  1. Dieser Beitrag ist freundlich, aber ziemlich naiv. Bertelsmann dürfte nicht viel mehr als 100 Millionen gezahlt haben. Und Gruner+Jahr ist in seinen Einzelteilen viel mehr wert. Hinzu kommt: Es gibt zuviele gleichgerichtete Aktivitäten und Ziele im digitalen Bereich. Bertelsmann wird deshalb m.E. die gesamte digitale Strategie in die Hand nehmen und G+J auf einen Print-Verlag reduzieren, der rund um die Hauptmedien Stern, Geo und Brigitte ein stark reduziertes Print-Programm fahren wird.

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