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Rocket Internet: Kursrakete oder Rohrkrepierer?

Rocket Internet-Chef Oliver Samwer
Rocket Internet-Chef Oliver Samwer

Zalando war nur der Testballon für die Samwers: Ab heute lassen die umtriebigen Seriengründer ihr Mutterschiff an den Kapitalmärkten los. Wohin die Reise geht, scheint angesichts des schwachen Börsenstarts von Zalando und den turbulenten letzten Handelstagen, vor allem aber turmhohen Bewertung zunächst ungewiss. Aktionäre erwerben eine Wundertüte, die an die Hochzeiten des Neuen Marktes erinnert.

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Es ist so weit: Nach jahrelangen Spekulationen, einem monatelangen Countdown und einem wochenlangen Kursgeplänkel am Graumarkt flackern ab heute 9 Uhr Kurse unter realen Marktbedingungen auf. Rocket Internet geht endlich an die Börse – und der Einsatz könnte nicht höher sein.

Das liegt nicht zuletzt daran, dass Seriengründer Marc, Alexander und Oliver Samwer ihr Blatt voll ausreizen: Der Börsengang, bei dem ihr Konglomerat Rocket Internet enorme 1,6 Milliarden Euro erlöst – mehr als die Postbank im Jahr 2004 – und aus dem Stand 6,7 Milliarden Euro wert sein wird – mehr als die Lufthanse heute –, ist die größte Wette ihrer inzwischen 15 Jahre alten Gründer-Karriere.

Selbstbewusste Samwers: Börsenwert von 6,7 Milliarden Euro aufgerufen

Bisher hat sich der Einsatz fast immer ausgezahlt: Vom 100 Tage-Verkauf des Erst-Start-ups Alando über den enormen Erfolg mit Jambda-Handyklingeltönen über den brutalen Kulturkampf um die Vorherrschaft bei Groupon bis zum Milliarden-IPO Zalandos – die Samwers haben ihren Einsatz stets vervielfacht.

Beflügelt vom enormen Erfolg der vergangenen eineinhalb Jahrzehnte gehen die Seriengründer nun buchstäblich ‚all-in‘: Einen Börsenwert von 6,7 Milliarden Euro für ein Unternehmen aufzurufen, das aus 70 Unterfirmen besteht, die überwiegend defizitär arbeiten, und sich vorsichtshalber erst mal Entry Standard listen zu lassen, indem auf lästige Quartalsberichte verzichtet wird – dafür braucht es schon enormes Investoren-Vertrauen.

Zalora, Lazada, Lamoda, Dafiti : Wachstumwette auf die Schwellenländer

Die Samwers bringen also in erster Linie eine Wette auf den schnellen E-Commerce-Erfolg auf aller Welt an die Börse – und das mit 70-fachem Hebel, denn in so viele Firmen ist Rocket Internet inzwischen investiert. Home24, eDarling, Wimdu, Glossybox und Westwing sind die ersten Namen aus dem Samwer-Reich, die einem hierzulande einfallen.

Doch die eigentliche Wachstumwette liegt in den Schwellenländern: In Klones ihres Online-Modekaufhauses Zalando, das schon namentlich unverkennbar das Vorbild für Zalora, Lazada, Lamoda und Dafiti ist – Online-Shopping-Angebote in Malaysia, Indonesien, Russland oder Brasilen.

Rocket Internet, die deutsche CMGi?
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Rocket Internet ist damit unverkennbar zweierlei: Eine bis ins Detail durchkonzipierte E-Commerce-Expansion im Zeitalter Globalisierung als auch so etwas wie die deutsche Variation von CMGi, dem Internet-Inkubator, der in der Internet-Euphorie um die Jahrtausendwenden für soviel Furore sorgte. CMGi war die Blaupause aller Internet-Inkubatoren: Ein börsengelisteter Wagnisfinanzierer, der frühzeitig in die ersten großen Stars der Internet-Euphorie investierte – etwa Lycos und theglobe.com.

Mit dem Börsenerfolg der Beteiligungen überschütteten Anleger den Inkubator mit immer mehr Geld, das er wiederum weiter investierte. Scheinbar magisch vervielfachte sich der Kurs von CMGi  von weniger als einem Dollar im Jahr 1998 auf unfassbare 163 Dollar im Jahr 2000. Zwei Jahre später, als die Internetblase geplatzt und der Markt für Wagniskapital komplett ausgetrocknet war, war einer der größten Stars der Dotcom-Ära wieder zu einem Pennystock geworden – echtes Geld verdient hatte CMGi nie.

Wette auf den Erfolg der meist defizitären Beteiligungen

An dieser Stelle deuten sich die Parallelen zu Rocket Internet an: Fast alle Beteiligungen arbeiten noch unprofitabel. Rocket Internet ist nun aber eine Wette auf den Erfolg seiner Beteiligungen, die wiederum an ein intaktes Marktumfeld und eine Weltkonjunktur ohne Verwerfungen wie in Zeiten der Finanzkrise 2008/09 gekoppelt sind.

Wie schnell nur seismografische Änderungen an den Finanzmärkten spürbarre Änderungen auf dem Kurszettel sorgen, müsste gestern die Beeilung Zalando erfahren, die die Samwers seit 2008 maßgeblich mit ihrem Kapital groß gezogen haben: Nichts war’s mit dem fest eingeplanten Traumstart an der Börse.

Zalando-IPO kein gutes Omen

An einem rauen Handelstag, an dem der Dow Jones 250 Punkte einbrach und die Technologiebörse Nasdaq knapp um zwei Prozent, Facebook und Alibaba mehr als drei Prozent an Wert einbüßten, konnte Zalando mit Ach und Krach gerade mal den Ausgabekurs halten.

Aktionäre, die nun Papiere der noch mal um zumindest 1,4 Milliarden teureren Rocket Internet AG halten, sollten Turbulenzen auf ihrem Börsenritt miteinplanen: Die Aktie ist zunächst mehr eine aggressive Wette auf die Wertsteigerungsfähigkeiten der Samwers als auf eine nachhaltige Wertsteigerung  der Geschäftsentwicklung der Beteiligungen nach Kriterien der fundamentalen Aktienanalyse. In anderen Worten: eine Zockerei. Bitte anschnallen!

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