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Politico-Chef Harris: „Für Durchschnitts-Journalismus gibt es keinen Platz mehr“

Politico-Chefredakteur John F. Harris
Politico-Chefredakteur John F. Harris Politico-Chefredakteur John F. Harris

Das Politik-Portal Politico startet 2015 gemeinsam mit Axel Springer einen Ableger in Brüssel. Im MEEDIA-Interview erklärt John F. Harris, Mitgründer und Chefredakteur von Politico, wie es zu der Entscheidung kam, was das Besondere an Politico ist und welche Trends er im Journalismus für wichtig hält. Für einen Middle-of-the-Road-Journalismus gebe es keinen Platz mehr, glaubt Harris.

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MEEDIA: Politico kommt nach Europa. Warum eigentlich?
John F. Harris: Politico gibt es seit 2007. Nachdem klar war, dass unser Portal funktioniert, haben wir uns überlegt, wie wir das Angebot ausbauen können. Und natürlich landeten wir da mit unseren Überlegungen in Brüssel. Wir haben uns dann zwei, drei, vier Mal überlegt, ein Angebot für die EU zu starten. Jedes Mal haben wir nicht „Nein“ gesagt. Aber wir haben „Jetzt nicht“ gesagt.

Warum?
Zwei Gründe. Zum einen gab es bisher größere Wachstumschancen für uns in den USA. Zum anderen haben wir zwar ein großes Selbstbewusstsein, was unsere Arbeit in den USA angeht, aber keine vergleichbare Selbstsicherheit, was das journalistische Arbeiten in Europa und den europäischen Medienmarkt betrifft. Und so wurde Europa zu einer „Eines Tages“-Kategorie. Ende 2013 trafen wir auf einige Manager von Axel Springer. Aus unseren Unterhaltungen entstand dann die Idee zu dem Joint Venture, einem Politico-Ableger für die EU.

Wie groß soll das Joint Venture denn werden, mit wie viel Mitarbeitern planen Sie?
Über viele Aspekte des Projektes beraten wir gerade noch. Wir werden groß genug sein, um Aufmerksamkeit zu bekommen. In Washington sind wir sehr fokussiert an den Aufbau von Politico gegangen, erweiterten um ein Feld nach dem anderen, sind so gewachsen. Wir sind mit einem Newsroom von 60 Mitarbeitern an den Start gegangen, heute haben wir 300. Brüssel wird vergleichsweise klein starten und dann hoffentlich ähnlich wachsen. Konkrete Zahlen kann ich noch nicht nennen. Wir wollen aber die Agenda, das Tagesgespräch in Brüssel mit bestimmen.

Wird Politico Europe ausschließlich im Netz agieren? In den USA bieten Sie auch eine Print-Ausgabe an.
Auch das besprechen wir gerade. Als wir 2007 loslegten, war Print unglaublich wichtig für uns. Der Großteil des Umsatzes kam damals über Print. Die Medienwelt ist 2014 aber eine andere als damals. Print macht nur noch einen geringen Anteil unseres Umsatzes aus. Die digitalen Umsätze sind stark gestiegen – Online-Werbung, Premium-Abonnements, Events, damit verdienen wir mehr Geld.

Das Erfolgsmodell von 2007 lässt sich nicht kopieren?
Nein. Der Markt hat sich verändert. Der Journalismus hat sich ebenfalls verändert. Als wir begannen, war Twitter nicht wichtig. Wir galten damals als sehr schnelles Portal. Doch heute sind viele Publikationen sehr schnell. Es bringt keinen besonderen Vorteil, schnell zu sein. Heute muss man vor allem smart sein.

Wann geht es denn ofiziell los?
In der ersten Hälfte von 2015. Als nächstes müssen wir eine Chefredaktion zusammenstellen.

Sie waren viele Jahre bei der Washington Post. Wie ist Ihre Personalpolitik? Wie viele Leute mit Erfahrung aus den klassischen Medien und vielen Kontakten braucht es, wie viele Leute, die den Hintergrund aus Medienunternehmen gar nicht benötigen?
Wir hatten damals mit einer kleinen Gruppe von Leuten losgelegt, die bereits über einen Ruf und viel Erfahrung verfügten. Die waren in dem Insiderzirkel von Washington echte Markennamen. Eine größere Gruppe waren junge Journalisten, die zwar keine Erfahrung, aber dafür sehr viel Energie mitbrachten. Wir sind ganz gut darin, Talente zu erkennen. Einige von ihnen haben Politico inzwischen auch wieder verlassen, Ben Smith ist beispielsweise heute Chefredakteur von BuzzFeed. Ich empfinde das als sehr befriedigend, wenn wir jungen Talenten auf ihrem Weg helfen können, sich zu entwickeln.

Gehört Politico in Washington heute zum Establishment?
Wir sind immer noch etwas anders als etwa die Washington Post oder die New York Times. Auch, wenn wir mittlerweile schon im achten Jahr unseres Bestehens sind. Ich finde, wir sind immer noch so etwas wie Einzelgänger, Außenseiter. Und ich hoffe, wir bleiben so.

Was macht Politico zum Außenseiter?
Wir schreiben etwas informeller als die anderen. Wir bringen auch Humor in die politische Arena. Gleichzeitig eine Skepsis, die Sie in der New York Times nicht finden. Wir nehmen die Arbeit der Regierung natürlich ernst. Die Politik als Betrieb jedoch nicht immer. Politik ist ernsthafte Arbeit, aber auch Unterhaltung und Sport. Unsere Leute sind Junkies, die über ihr Feld mit Spaß berichten.

Sind denn auch alle Leser Polit-Junkies, die Frank Underwoods der Realität?
Unsere Kernzielgruppe ist so, die kommen jeden Tag, sind fast zu 100 Prozent in der Politik tätig. Die lieben unsere Geschichten. Diese Leute sind für uns unverzichtbar, auch wenn sie nur einen geringen Teil der Gesamtleserschaft ausmachen. Wir mögen es natürlich, viele Leser, ein großes Publikum zu haben. Aber der innere Kreis der Leserschaft bezahlt unsere Gehälter.

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Nun ist die EU ein schwieriges Feld. Medien tun sich schwer mit der Berichterstattung, die Menschen verstehen nicht richtig, was in Brüssel vor sich geht oder wollen es nicht verstehen. Ist das für Sie von Belang? Oder egal?
Es ist nicht so, dass mir das egal wäre. Für unsere Mission spielt diese Beschreibung aber keine zentrale Rolle.

Was ist die Mission? Politik-Journalismus für Insider zu einem Geschäft machen?
Uns geht es nicht in erster Linie darum, der Welt außerhalb von Washington Politik zu erklären oder zu übersetzen. Wir sind Journalisten in Washington, die Washington anderen Washington-Insidern erklären. Leuten, die Politik atmen.

Politico hatte sich von Beginn an zum Ziel gesetzt, „den Morgen zu gewinnen“, also die Agenda des Tages zu setzen. Das Erfolgsrezept?
Ach, das fing eher als Witz an. Aber natürlich ist etwas dran. Früh am Morgen gibt es ein großes Bedürfnis der Menschen nach aktuellen Informationen. Alle von uns werden mit Nachrichten überhäuft, am Morgen aber gibt es die Chance, mit den wichtigsten destillierten News erfolgreich zu sein. Was am Morgen beginnt, kann dann am Tag fortgesetzt werden. Auch die klassischen Zeitungen haben sich inzwischen verändert, aber als wir anfingen, praktizierten viele noch das alte Prinzip, dass Journalisten ihre Geschichten tagsüber schrieben und am nächsten Tag standen sie in der Zeitung. Unsere hyper-vernetzten Leser wussten das aber alles schon. Darum musst du immer nach vorne schauen. Das beherrschen wir ganz gut.

Politico wurde und wird zuweilen von Washington Post und Co. angefeindet.
Die respektieren uns. Sie waren skeptisch, ja. Als ich ging, waren viele Leute überrascht. Wohin wollte man schließlich gehen, wenn man von der Post kommt? Die Daumen gedrückt haben uns die alten Kollegen jedenfalls nicht. Nun haben wir Erfolge vorzuweisen. Und die Zeitungen versuchen, uns Leute abzuwerben.

Die Post schrieb über Politico, das Angebot sei „eine Mischung aus schnellen Nachrichtenhappen, Scoops und einer erbarmungslosen Eigenwerbung“.
Wie war das? Nun, ich würde keinem dieser Punkte widersprechen, aber die Liste ist einfach nicht komplett. Wir haben die größte Politikredaktion in Washington.Wir haben ein neues Magazin mit langen Stücken gestartet. Politico ist ein großes Buffet mit vielen Gerichten auf dem Tisch.

Das Magazin mit den langen Lesestücken funktioniert?
Dieser Journalismus muss sehr gut sein. Sie wissen, dass die Aufmerksamkeitsspanne der Leute kürzer wird, immer kürzer. Wenn wir aber eine gute Geschichte haben, die einen Nerv trifft, bekommen wir mit diesen Stücken absolute Rekordzahlen bei den Abrufen. Und diese Geschichten verhalten sich ganz anders als News-Geschichten, die innerhalb von zwölf Stunden ihren Höhepunkt erreichen und dann ganz schnell wieder verschwinden. Einige dieser langen Stücke werden tage-, manchmal wochenlang gut gelesen.

Der Haupttrend bleibt jedoch der Shift zu Mobiltelefonen, auf denen vorwiegend Nachrichten gelesen werden, eher kürzere Stücke.
Unsere Premium-Abonnenten bezahlen viel Geld dafür, dass sie Breaking News auf ihre Smartphones bekommen. Sie wollen die Story so kompakt wie möglich lesen. Diesem Wunsch müssen wir uns anpassen. Aber wir sind keine Technologie-Magier. Wenn wir das Gefühl haben, den Anschluss zu verlieren, holen wir wieder auf. Politico ist deswegen aber kein Tech-Unternehmen. Wir konzentrieren uns auf die Inhalte. Die Plattform als solche sollte uns nicht mehr als nötig beschäftigen. Wir werden die Leser dort finden, wo sie sind.

Sie haben einmal gesagt, jeder Journalist müsse sich mit der Frage beschäftigen, was das nächste große, wichtige Ding sein wird. Was ist Ihre Antwort auf die Frage?
Es wird noch viel wichtiger als bisher, das Publikum wirklich zu erreichen. Die Information so unwiderstehlich wie möglich zu erzählen. Und dabei die journalistischen Standards hochzuhalten. Das nächste große Ding ist also: sich vom Rest absetzen. Mit originären, besonderen Inhalten. Der Durchschnitts- und Middle-of-the-road-Journalismus wird verschwinden. Für ihn ist kein Platz mehr. Für ihn gibt es kein Publikum und damit auch kein Geschäft mehr.

John F. Harris war 21 Jahre Politik-Reporter bei der Washington Post. 2007 gründete er mit seinem Kollegen Jim VandeHei Politico. Finanziert wird das Politik-Portal für Washington-Insider von dem Medienunternehmen Allbritton. Für Politico arbeiten mittlerweile über 300 Personen. Laut Harris abonnieren über 10.000 Personen und über 1.500 Unternehmen Politico-Newsletter – und bezahlen dafür hohe Summen. Laut Springer-Chef Mathias Döpfner kosten Abos bis zu 10.000 Dollar im Jahr. Springer baut derzeit gemeinsam mit Politico ein Politik-Portal in Brüssel auf. John Harris war Gastredner beim Zeitungskongress des BDZV.

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Alle Kommentare

  1. Wo heute auf allen Sendern, in allen Print- und Onlinemedien die gleichen Hauptnachrichten laufen, wo an allen Ecken und Enden (neoliberal gewollt) gespart wird, wo jeder von jedem kopiert, Sendungen einkauft, nochmal sendet, wo Wiederholungen die Regel geworden sind, wo Investigativer Journalismus ein Fremdwort geworden ist und sich solcherlei Beiträge oft nur noch über Crowdfunding finanzieren können, wo Whistleblower weltweit verfolgt werden – da soll es keinen Platz für Durschnittsjournalismus geben?

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