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Die selbstverschuldete Sehnsucht der Verleger nach Technik-Kompetenz

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Pietro Supino, Verena Pausder, Florian Heinemann, Alfred Neven DuMont

Kein Verleger-Panel in diesen turbulenten Zeiten, in denen nicht ein Manager oder Chefredakteur bekennt, man habe "zu wenig in Technik investiert". So auch beim Zeitungskongress des BDZV. Bezeichnend die Ausführungen des Schweizer Tamedia-Verlegers Pietro Supino. Von der Rendite her betrachtet, gehe es dem Unternehmen "so gut wie nie". Allein: Tamedia habe versäumt, "in Technik zu investieren". Die Selbstkritik stimmt – lenkt aber gleichzeitig auch ab von anderen Versäumnissen.

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In der Tat – nicht wenige Verlage haben es tatsächlich verschlafen, „in Technik zu investieren“. Die Technik des Zeitungsdrucks ist sicherlich auf einem sehr hohen Niveau angelangt, viel besser wird sie nicht, bzw. viel besser braucht sie auch nicht zu werden. Denn Zeitungsverlage kaufen eh‘ nicht mehr lange neue Rotationen.

Mit der Technik rund um die digitalen Angebote tun sich Verlage dagegen schwer. Oft sind sie auf Berater angewiesen, die ihnen Content Management Systeme empfehlen, die hinterher doch nicht so toll sind, wie erhofft. Oft wird mit verschiedenen Systemen für Blatt und Online parallel gearbeitet. Auch im Verlag hinkt die IT hinterher – Stichwort Big Data. Technikkompetenz in Unternehmen habe nichts mit dem IT-Support zu tun, sagte Florian Heinemann von Project A beim BDZV-Kongress. Denn es fehlt oft nicht nur eine gute IT – es fehlen entsprechend auch die kompetenten Mitarbeiter und Vordenker. Tamedia-Verleger Supino: „Wir brauchen mehr Ingenieure und Informatiker und weniger Lehrer.“

Eine Ursache für die vielerorts anzutreffende Rückständigkeit: die Gewinne der Verlage wurden in den vergangenen Jahrzehnten nicht ausreichend re-investiert, um auf der Höhe der Technik mitspielen zu können. Dies gestand auch Supino mit seiner Äußerung indirekt ein. Ulrich Gathmann, der Geschäftsführer der Nordwest-Medien, sagte im Anschluss an Supino: „Content ist King, aber Technologie ist Queen – und die Königin ist im Schach die stärkere Figur.“

Und da kommt Alfred Neven DuMont ins Spiel, Altverleger von M. DuMont Schauberg. Auf dem abschließenden Panel des Zeitungskongresses sagte Neven DuMont: „Unsere größten Konkurrenten heißen Facebook, Google, Twitter und Ebay.“ Via Twitter wurde Neven dann quasi dafür gerühmt, dass er sich im hohen Alter von 87 Jahren mit solchen Themen auseinandersetzt. Großes Erstaunen offenbar darüber, dass der Mann überhaupt weiß, was Twitter ist.

Doch Neven DuMont, der sich um die Branche ohne Zweifel oft verdient gemacht hat, trifft mit seiner These (die auch andere schon so oder so ähnlich geäußert haben) daneben. In Bezug auf die Technik-Kompetenz können Verlage den US-Konzernen ohnehin nicht Paroli bieten. Und faktisch sind zumindest Facebook, Google und Twitter ebenso viel Partner wie Konkurrenten. Wer behauptet, dass eben diese Sichtweise Teil des Problems ist, der verkennt die Realitäten in den Newsrooms. Die Facebook, Twitter und Google nutzen, um ihre Inhalte zu verbreiten – und damit von der Reichweite betrachtet großen Erfolg haben.

Während Manager von BuzzFeed und Huffington Post beispielsweise gerne sagen, ihre Unternehmen seien zur Hälfte auch Technologieunternehmen, sagt beispielsweise John Harris von Politico, das Politik-Portal für Insider sei eben gerade keine Tech-Firma. Es gehe nur darum, die vorhandene Technik möglichst gut zu nutzen. So wird ein Schuh draus.

Das Lamento über die fehlende Technik-Kompetenz hat den Nebeneffekt, dass es von anderen Versäumnissen ablenkt. Inhaltlichen Versäumnissen. Versäumnissen bei der Ansprache der Leser und der Werbekunden. Mit Technik haben solche Defizite im Kern gar nicht so viel zu tun.

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Als furchtloser Zeitungsmanager präsentierte sich der oben bereits erwähnte Ulrich Gathmann. Bis 2033 werde die Auflage der Nordwest-Zeitung von heute über 100.000 auf 60- bis 70.000 Exemplare sinken, sagte er – und zeigte dazu eine entsprechende Abwärtslinie. „Keine apokalyptische Vision, sondern die Fortschreibung der Entwicklung“, nicht mehr und nicht weniger. Darum baut Gathmann (auch) neue digitale Geschäftsmodelle auf. Sein Verlag gehört zu den rührigsten, wenn es um Beteiligungen an Start-ups geht.

Was muss man da als Geschäftsführer aushalten, wenn man sich auf das Start-up-Terrain begibt? Antwort Gathmann: Flops, ständig neue Businesspläne, ständig neue Konkurrenten, die nicht gerade „verlagskonformen“ Gründer, die bohrenden Fragen der Gesellschafter. Wer so realistisch denkt wie Gathmann, braucht nicht über eine fehlende Technik-Kompetenz im eigenen Haus klagen.

Eine der wenigen Frauen auf dem Podium beim Zeitungskongress war die Gründerin Verena Pausder (ehemals Delius), deren Unternehmen Fox & Sheep Apps für Kinder entwickelt. Pausder ist eine eloquente und kundige Sprecherin für mehr Mut zu Innovationen. Bezeichnend war es aber auch, wie gut manche ihrer Vorschläge bei den Verlagsvertretern offenbar ankamen. Man solle lieber loslegen statt „Vorstandsvorlagen zu malen“. Befreites Gelächter im Publikum. Man solle wie bei Fox & Sheep mal einen „Stop Doing“-Tag einlegen, an dem sich die Mitarbeiter überlegen, welche Aufgaben sie einstellen möchten. Wenn das dann keine (negativen) Folgen hat – Bingo! Wieder Zeit gespart. Die Reaktion: Gemurmel und Applaus vom Publikum. Diese Start-up-Gründer! Herrlich verrückt.

Man darf sehr gespannt darauf sein, wie viele Verlage innerhalb eines Jahres, bis zum nächsten BDZV-Kongress, einen „Stop doing“-Tag eingeführt haben werden.

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Alle Kommentare

  1. Es sind die Verrleger selbst die den Niedergang ihrer Printmedien verursacht haben – durch Ausdünnen ihres Personals, durch das Einschwören ihrer Redakteure auf die Verbreitung von neoliberalem Geschwätz, durch Tarifflucht, die keine Gehälter mehr ermöglicht, von denen ihre Mitarbeiter leben können. Wer sollte also Mitleid haben mit dieser Verlegerkaste, die seit gut 30 Jahren an den Ästen sägt, auf denen sie sitzt.

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